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Spezial
Spätestens seit dem Nintendo 3DS-Spiel YO-KAI WATCH sind die dämonenartigen Wesen der japanischen Mythenwelt, im Folgenden Yôkai genannt, auch bei uns im Westen bekannt. Ihre schiere Anzahl, die Skurrilität, welche sie umgibt, ihre Einzigartigkeit und ihre besonderen Merkmale, haben vermutlich viele von euch in ihren Bann gezogen. Heute möchte ich mich in diesem Spezial einmal dem Ursprung der Yôkai nähern, euch erzählen, woher die kleinen Plagegeister kommen, wodurch sie entstanden sind und wie sie schon lange vor YO-KAI WATCH Fuß in der Videospielgeschichte gefunden haben.

YO-KAI WATCH machte das Yôkai-Prinzip im Westen berühmt.

Schauen wir uns doch zunächst einmal den Begriff Yôkai genauer an. Das Wort besteht aus zwei japanischen Schriftzeichen 妖 (yô) und 怪 (kai). Ersteres trägt die Bedeutung „Unheil“, während das Zweite als „unheimlich“ verstanden werden kann. Beides sind Begriffe, die man schwer fassen kann und das genau ist es auch, was Yôkai ausmacht. Ursprünglich waren sie das personifizierte Unglück, das grausame Schicksal und das Unheimliche, welches man sich nicht erklären konnte. Tauchten zum Beispiel Flecken an der Decke auf, war der sogenannte tenjo name (dt.: „Deckenlecker“) dafür verantwortlich. Hörte man am Fluss seltsame Geräusche, war vielleicht ein azuki arai (dt.:“Bohnenwäscher“) in der Nähe, ein Yôkai, der durch das Waschen von Bohnen seltsame Klackergeräusche verursacht. Wurde ein Kind entführt oder ertrank im Wasser eines Sees oder Flusses, so wurde es den Kobold-ähnlichen Kappa zugeschrieben. Ihr bekommt vermutlich langsam eine Idee, wie der Yôkai-Glaube funktioniert hat, beziehungsweise auch heute immer noch funktioniert.

Vor allem während der Edo-Zeit (1603-1868) florierten die Yôkai-Geschichten und ganze Sammelbände mit Legenden und Abbildungen wurden herausgegeben. Auch kam es zu Adaptionen im Theater und in der Kunst. Seitdem ist der Yôkai-Boom in Japan ungebrochen, auch wenn sich die ehemaligen Dämonen einem ziemlichen Imagewechsel unterziehen mussten. Vom gefürchteten Spuk zum niedlichen Maskottchen werden sie heutzutage in sämtlichen japanischen Medien benutzt. Doch kommen wir endlich mal zu konkreten Beispielen! Im Folgenden werde ich euch zwei Spieleserien aufzeigen, in denen Yôkai auftauchen, beziehungsweise, welche eindeutig von traditionellen Yôkai beeinflusst worden sind.

Tanuki-Mario und Tanuki-Darstellung von Tsukioka Yoshitoshi (ca. 1889-1892)

Okay, fangen wir mit einem Klassiker an: dem Tanuki. Der Tanuki ist ein Marderhund, der auch in der Realität in Japan existiert. Seit jeher ranken sich wilde Mythen über den kleinen Schwerenöter, der immer wieder in die Städte kommt, um aus Mülltonnen Essen zu stehlen und der den Menschen damit echt auch die Nerven geht. Laut Legende ist der Marderhund ein Gestaltwandler, der den Menschen gerne Streiche spielt und einem Tropfen guten Sake niemals abgeneigt ist. Er wird häufig als pummeliger, lebensfroher und schlitzohriger Zeitgenosse beschrieben. Pummelig und lebensfroh? Kennen wir das nicht irgendwoher?

Richtig, diese Eigenschaften passen wohl auch perfekt auf Nintendos IP Nummer Eins: Super Mario! Kein Wunder also, dass sich unser Lieblingsklempner zum Beispiel in Super Mario Bros. 3 durch das Aufheben des braunen Blattes in einen Tanuki verwandeln und anschließend durch die Luft fliegen kann, übrigens auch eine der vielen Fähigkeiten des verschlagenen Tanuki. Das Bild über diesem Abschnitt soll euch verdeutlichen, welche Merkmale des Tanuki aus der traditionellen Kunst von Nintendo für ihren Tanuki-Mario übernommen wurden: die runden Ohren und der buschige Schwanz.

Auch in späteren Spielen des Mario-Franchises taucht die knuddelige Mario-Verwandlung immer mal wieder auf. Zum Beispiel im 2011 erschienenem Super Mario 3D Land, indem es neben dem braunen Blatt auch noch ein graues Blatt zu ergattern gibt, durch welches sich Mario in eine graue Tanuki-Mario-Statue mit rotem Halstuch verwandelt und somit immun gegen die Angriffe seiner Feinde wird. In den vielen Mythen, die sich um Tanuki ranken, verwandelt sich der Yôkai gerne in eine sogenannte Jizô-Staute, welche ebenfalls häufig mit einem roten Halstuch versehen wird. Auch hier ließ sich Nintendo direkt von den Geschichten um den Tanuki inspirieren und baute sie ins Spielgeschehen ein. Die Gestalt des Jizô ist übrigens ebenfalls eine sehr geschichtsträchtige, da er im buddhistischen Glauben als barmherziger Begleiter der Menschen ins Totenreich gilt. Ihr seht also bereits, dass die Einflüsse der japanischen Kultur und Mythenwelt von uns häufig komplett übersehen werden, stets aber im Detail vorhanden sind.

Vulnona und eine Kitsune-Darstellung von Utagawa Kuniyoshi (ca. 1855)

Gehen wir weiter zum nächsten Beispiel: Pokémon. Auch die Spieleserie um die beliebten Taschenmonster konnte sich dem Einfluss des Yôkai-Booms in Japan nicht entziehen. In der Tat ist man überrascht, wie viele Pokémon Elemente aus der japanischen Mythenwelt aufweisen. Fangen wir bei Vulnona an. Das Pokémon erinnert stark an einen Fuchs und ist mit neun Schwänzen ausgestattet. Bei Naruto-Fans dürften hier schon die Glocken läuten, was natürlich kein Wunder ist, da sowohl Vulnona als auch der Kurama vom gleichen Yôkai abstammen: dem Kitsune.

Ähnlich wie die Tanuki existieren Kitsune in Japan auch in der Realität, was daran liegt, dass der Begriff schlicht mit „Fuchs“ übersetzt werden kann. Laut den Legenden kann der Kitsune, ebenso wie der Tanuki, seine Gestalt wandeln. Im Gegensatz zu seinem verspielten Pendant wird er allerdings viel mehr als berechnend, kühl und gerissen beschrieben. In vielen Geschichten geht die Begegnung eines Menschen mit einem Kitsune nicht gut aus. Die Fuchsdämonen sind zudem bekannt dafür sich in hübsche Frauen zu verwandeln, um Männer an der Nase herumzuführen. Dem Yôkai wird zudem nachgesagt, dass er neun Schwänze besitzen soll und kleine Feuer, sogenannte „Kitsune Bi“ (dt.: „Fuchsfeuer“) erschaffen kann, welche Reisende in die Irre führen. Die neun Schwänze wurden für das Design direkt für die Gestalt Vulnonas übernommen, das Element der „Kitsune Bi“ schlägt sich hierbei eher im Typ des Pokémons nieder: Feuer.

Lombrero und eine Kappa-Darstellung von Sakamoto Juntaku (ca. 1842-46)

Ein weiteres wunderbares Beispiel vom Einfluss der Yôkai auf die Taschenmonster-Spielreihe ist das Pokémon Lombrero, welches einige Ähnlichkeiten mit dem Kappa aufweist. Der Kappa ist, wie eingangs bereits erwähnt, ein Flussdämon, der für das Verschwinden von Kindern verantwortlich gemacht wird. Grundsätzlich ist er dem Menschen aber nicht immer feindlich gesinnt, sondern hilft ihm teilweise sogar aus misslichen Situationen.

Neben Kindern sind Gurken die Leibspeise des Kappa – daher übrigens auch der Begriff „Kappa-Maki“ im Sushi-Restaurant – und mit diesen kann der Yôkai auch besänftigt werden. Sein Kopf weißt eine kreisrunde Stelle auf, in der eine Pfütze aus Wasser schwimmt. Dieses Wasser hütet der Kappa wie seinen Augapfel, da es ihm seine Fähigkeiten verleiht. Sollte das Wasser abhandenkommen, ist der Yôkai absolut harmlos und kann keinen Schaden mehr anrichten. Die Ähnlichkeiten mit Lombrero dürften auf den ersten Blick bereits klar werden. Sowohl der Kappa als auch Lombrero weisen scharfe Klauen an ihren Händen und Füßen auf, sowie eine kreisrunde Fassung auf dem Kopf. Zugegeben, bei Lombrero sieht diese eher wie die Fusion von einem Lotusblatt und einem Sombrero aus, was angesichts seines Namens auch nicht wirklich verwunderlich ist. Beide Wesen können außerdem dem Element Wasser zugeordnet werden und sind in Gewässern zu finden.

Ihr seht also: Yôkai kommen definitiv nicht nur in YO-KAI WATCH vor, sondern sind viel mehr ein japanisches Kulturgut, welches den Einzug in vielerlei Spiele gefunden hat. Super Mario und Pokémon stehen hierbei exemplarisch für allerhand Titel, welche von den Dämonen beeinflusst wurden, darunter natürlich auch Machwerke, die nicht von Nintendo stammen und teilweise noch nicht einmal aus Japan kommen, aber dazu vielleicht in einem anderen Spezial mehr. Selten werden die Sagengestalten dabei komplett übernommen, sondern vielmehr Teile ihrer Eigenschaften oder ihres Aussehens. Diese werden wiederum mit anderen Einflüssen vermischt und ergeben etwas komplett Neues.

Kommentare 7

  • PolyPlay - 06.11.2016 - 15:02

    Absolut lesenswert! Danke
  • Skerpla - 06.11.2016 - 16:18

    War schon immer von den Yôkai begeistert seit ich von ihnen durch Yokai Watch erfahren habe.
    Interessant ist auch auf was für Yôkai die Yokai im Spiel basieren.
  • felix - 06.11.2016 - 19:21

    Schönes Spezial! Ein weiteres Beispiel für Yokais in Videospielen ist Ace Attorney, insbesondere Ace Attorney Dual Destinies. Da gibt es nämlich sogar einen Fall, der sich ausschließlich um Yokais dreht und in welchem man einiges über japanische Kultur lernen kann. Auch Kitsune, der im Artikel erwähnt wird, spielt in dem Spiel eine große Rolle:
  • Max Kluge - 06.11.2016 - 20:33

    @Skerpla Könnte man sich definitiv auch mal mit auseinandersetzen :) Ich selbst hab Yokai Watch noch nicht gespielt (bis auf die Demo), wird aber bald nachgeholt. Dann mach ich mir mal ein paar Notizen!

    @felix Das klingt echt interessant! Da muss ich mich auch mal hinterklemmen. Tengus scheinen in dem Fall auch eine Rolle zu spielen? :)
  • felix - 06.11.2016 - 22:13

    Zitat von Max Kluge:

    @felix Das klingt echt interessant! Da muss ich mich auch mal hinterklemmen. Tengus scheinen in dem Fall auch eine Rolle zu spielen? :)
    Ja, in dem Fall heißt der Tengu Tenma Taro und er spielt sogar eine der Hauptrollen in diesem Fall. Da dich das sehr zu interessieren scheint, hab ich mal aus dem Ace Attorney Wiki eine Stelle rausgesucht, die ein bisschen mehr Einblick dazu gibt (hab Spoiler extra ausgeschnitten):

    :D
  • otakon - 07.11.2016 - 11:39

    Schön geschrieben und absolut lesenswert.
    Hab viele Yokai schon in diversen Spielen und anderen Medien gesehen, hab aber erst spät rausgefunden das es Yokai sind und was es mit denen so auf sich hat ^^
  • North Blue - 07.11.2016 - 17:33

    Toller Artikel.
    Vulnona ist eines meiner Lieblingspokemon. Finde den Bezug zur Mythologie sehr passend.
    Hat eigentlich das Alola-Vulnona auch 9 Schweife / Schwänze? Finde das ist nicht richtig ersichtlich.