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Spezial
Bereits beim letzten Mal konnte ich euch zeigen, dass die japanische Kultur sich in interessanten Wegen in die Videospielkunst des Landes geschlichen hat. Dabei sind Yôkai ein Phänomen, welches sowohl in der temporären Kunst als auch in der aus vergangenen Tagen unheimlich spannend ist. Früher nutzte man die gruseligen Plagegeister, um sich die Welt zu erklären. Ist ein Kind in den Fluss gefallen und ertrunken, war es mit Sicherheit ein Kappa, der es unter Wasser gezogen hat. Kam ein verwirrter und ausgehungerter Wanderer aus den Bergen, in denen er sich verlaufen hatte, war es vermutlich die Schuld eines Tengus, der seinem Opfer Streiche spielte. Damals glaubten die Menschen vermutlich an derartige Geschichten und Wesen und verarbeiteten ihre Eindrücke in Sammelbänden von Geschichten oder Holzschnitten. Sogar Enzyklopädien zu den verschiedenen Entitäten wurden erstellt. Die Erste davon wurde im Jahre 1776 von Toriyama Sekien verfasst und trug den Titel „Gazu Hyakki Yagyô“ (Die illustrierte Nachtparade der einhundert Dämonen).

Mittlerweile ist ein Großteil der Menschheit aufgeklärt, und auch wenn der Aberglaube in Japan immer noch ein sehr präsentes Thema ist, wissen die Meisten, dass es keine Yôkai gibt. Das immense Aufgebot an Yôkai-Geschichten und -Mythen interessiert die Menschen aber immer noch. Vor allem das Ungreifbare, Gruselige und Wandelbare sind Thematiken, welche an Yôkai faszinieren. Perfekter Stoff für die moderne Popkultur, welche die Dämonen mal mehr, mal weniger getreu den Vorlagen interpretiert und darstellt. Doch wie haben sich die Yôkai eigentlich verändert und in welchen Videospielen tauchen sie auf? Hier sind einige weitere Beispiele, welche ich für euch herausgesucht habe:

Tengu aus YO-KAI WATCH und Tengu: Darstellung von Tsukioka Yoshitoshi (1897)

Fangen wir zunächst bei einem Franchise an, bei dem der Bezug zu Yôkai auf der Hand liegen sollte: YO-KAI WATCH! Das hier Einflüsse der japanischen Kultur bestehen, konnte sich vermutlich jeder von euch an den Fingern abzählen, aber nichtsdestotrotz wollen wir uns einmal anschauen, wie genau es die Entwickler mit den alten Sagen und Mythen um Yôkai genommen haben. Als Beispiel dient uns dabei der Tengu, welcher in den ersten beiden Teilen der Videospielreihe auftritt. Der Tengu kommt dabei mit einer massiven Sturmfrisur, einem Fächer aus einem Blatt, Geta (Holzsandalen), roter Hautfarbe und einer dicken Knubbelnase daher. Die Art seiner Präsentation ist natürlich sehr comichaft gehalten, trotzdem kann der Tengu aus YO-KAI WATCH anhand seiner Merkmale mit seinem Vorbild mithalten. Gehen wir nun also ins Detail:

Bei diesem Tengu handelt es sich um einen Yamabushi-Tengu (Bergasketen-Tengu). Das kann man an mehreren Merkmalen ausmachen: seiner roten Hautfarbe, der langen Nase, dem Fächer und den Sandalen. Dies sind sämtliche Accessoires, für die ein Bergasket im alten Japan bekannt war. Diese dienten damit auch als Vorlage für den Yôkai. Ihre rote Hautfarbe stammt von der sonnenverbrannten Haut, welche sie vom Leben in den Bergen davontrugen. Der Hiôgi (Fächer) verleiht dem Tengu die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen und ist gewöhnlich aus Zypressenholz gefertigt. Woher die lange Nase des Tengu stammt, darüber wird bis heute spekuliert, eine wirklich zufriedenstellende These gibt es leider nicht.

In der Kunst und dem Theater treten Yamabushi-Tengu vor allem als gewiefte Schwertkämpfer auf. Dies sieht man unter anderem an Tsukioka Yoshitoshis Holzschnitten zu dem legendären Schwertkämpfer Minamoto Yoshitsune, dem nachgesagt wird von einem Yamabushi-Tengu seine Ausbildung bekommen zu haben. Heutzutage taucht der Yôkai in vielen Medien auf und verkörpert dort meistens ebenfalls einen Schwertkämpfer mit meisterhaften Fähigkeiten. Trotz allem soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass es noch eine andere Tengu-Art, den Karasu-Tengu (Weihen-/Krähen-Tengu) gibt. Dieser nimmt die Form eines Raubvogels an und wird häufig mit einem Schnabel dargestellt. Auch ihn findet man in der Popkultur, wenn auch nicht so häufig, wie seinen langnasigen Bruder. Interessanterweise gibt es auch Mischformen, welche sich aus den beiden Archetypen zusammensetzen. So ist der Tengu aus dem Shin Megami Tensei-Franchise sowohl ein Karasu- als auch ein Yamabushi-Tengu.

Das Tsukumogami "Mikokkii" aus Dragon Quest XI und Tsukumogami-Darstellungen aus dem Hyakki Yagyô Emaki (Muromachi-Periode 1336-1573)

Dass sich die Dragon Quest-Reihe auch nicht vor Einflüssen aus ihrem Heimatland retten kann, sollte jedem klar sein. Schon in seiner bekannten Manga-Reihe Dragon Ball verarbeitete Akira Toriyama diverse Legenden und Mythen aus China und Japan und verband sie zusammen zu einem der erfolgreichsten Franchises in der Szene. In Dragon Quest geht man hier beim Monster-Design allerdings etwas zaghafter vor und nimmt sich schlicht verschiedene Elemente von Yôkai, um dadurch neue Kreaturen zu erschaffen. Interessant ist hierbei vor allem ein ganz neues Monster aus Dragon Quest XI, welches dieses Jahr noch in Japan erscheinen soll.

Sein Name ist Mokokkii und es sieht aus, wie die Fusion zwischen einem Schleimwesen und einer Laterne. Die Hintergrundgeschichte des kleinen Schwerenöters ist dabei eine eher traurige: Menschen haben die Laterne, die es einst war, achtlos auf den Müll geworfen. Aus dem Hass, den das Wesen verspürt, entwickelte sich schließlich der Mokokkii, ein Geist, welcher durch seinen angestauten Zorn Menschen angreift. Interessant ist auch der Fakt, dass die Erscheinung in Dragon Quest XI nur nachts auftauchen soll. Damit ihr die Zusammenhänge versteht, gehen wir direkt einmal in die Analyse:

"Der Geist von Oiwa", Holzschnitt von Katsushika Hokusai (ca. 1831-1832)

Die ersten Geschichten über Yôkai begründen sich unter anderem auf jenem Prinzip, welches ich euch eben geschildert habe. Menschen werfen Alltagsgegenstände achtlos weg, diese wiederum mutieren zu Dämonen und suchen ihre Besitzer heim. Diese Art von Yôkai nennt man „Tsukumogami“. Welcher Gegenstand genau zu einem solchen Schwerenöter werden kann, ist prinzipiell egal. So sieht man in alten Bildrollen beseelte Musikinstrumente, Haushaltsgegenstände und Werkzeuge, welche sich zu einem Pulk zusammengeschlossen haben, um ihren ehemaligen Besitzern eins auszuwischen.

In diesen alten Bildrollen, welche die Tsukumogami zeigen, steht zudem am Ende stets eine Abbildung der aufgehenden Sonne. Derartige Monster verschwinden, wenn der Tag anbricht, und erscheinen erst wieder in der Nacht. Ihr seht also, gewisse Parallelen zum Mokokkii bestehen definitiv! Wenn man sich nun noch ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen möchte, so könnte man zudem Vergleiche mit dem Kabuki-Theaterstück „Yotsuya Kaidan“ aufführen, in dem dem Protagonisten der Geist seiner toten Frau in Form einer gruseligen Laterne erscheint.

Nehmen wir uns in einem letzten Beispiel noch einmal die bereits oben erwähnte Shin Megami Tensei-Reihe vor. Die SMT-Spiele sind seit jeher bekannt, sich bei den Mythen und Sagen vieler Kulturkreise zu bedienen und die japanische ist da natürlich keine Ausnahme. Besonders interessant ist hierbei die bösartig blickende Tsuchigumo (Erdspinne). Dieser Yôkai hat laut den Sagen das Gesicht eines Dämons, den Körper eines Tigers und die Beine einer Spinne. Oben genannter Schwertmeister Minamoto Yoshitsune soll als eine seiner Heldentaten eine solche Spinne, welche sich zuvor als schöne Frau getarnt hatte, getötet haben.

Tsuchigumo aus Shin Megami Tensei und Tsuchigumo-Darstellung von Uagawa Kuniyoshi (ca. 1854-1860)

Im Vergleich zu Utagawa Kuniyoshis Holzschnitt, welcher die Tsuchigumo zeigt, und den Legenden um die Erdspinne, kann man einige Ähnlichkeiten zur Interpretation des Yôkai in Shin Megami Tensei ausmachen. Vor allem das Gesicht des Dämons und die Beine der Spinne kommen hierbei sehr deutlich zur Geltung. Der Körper des Tigers wurde zwar komplett weggelassen, dafür trägt die Spinne lange Haare, welche an eine weibliche Frisur erinnern. Hier sieht man erneut, dass sich die Spielereihe ihres kulturellen Ursprungs gewahr ist. Meiner Ansicht nach ist es zudem nicht unwahrscheinlich, dass die Chaoshexe Quelaag aus Dark Souls eine Anspielung auf die Tsuchigumo sein könnte. Der Boss besteht aus einem Spinnenkörper, welcher in den Körper einer schönen Frau mündet. Einen weiteren Auftritt hatte die Tsuchigumo zudem im Manga/Anime Inuyasha, wo sie als Gefolge des Schlangendämons Orochidayû auftaucht.

Ich hoffe, ich konnte euch auch in diesem Spezial ein paar neue Yôkai vorstellen, welchen ihr euch vielleicht so noch nicht bewusst wart. Vor allem die Tsukumogami tauchen in Videospielen, Animes und Mangas häufig auf und auch, wenn es so scheint, als wären sie eine Erfindung der Moderne, so können die Legenden über wild gewordene Haushaltsgegenstände bis in Erzählungen der Heian-Zeit (794-1185 n. u. Z.) zurückverfolgt werden. Es lohnt sich beim Zocken also immer genau hinzuschauen und nach möglichen Verbindungen zur japanischen Mythenwelt Ausschau zu halten. Und genau das werde ich in der nächsten Zeit tun, um euch in meinem nächsten Spezial weitere Yôkai, welche sich unbemerkt in unsere Videospiele geschlichen haben, zu präsentieren.

Kommentare 3

  • GuteRuebe - 12.03.2017 - 16:46

    Schönes Special!:)
    Mir ist auch erst vor kurzem mit den Augen eines Erwachsenen aufgefallen, dass ja auch die Pumpkin-Zone aus Mario Land 2 nur so vor Yôkai-Charme strotzt.
    In Japan glaubt man ausserdem auch jetzt noch an die Existenz von Yôkai, vorallem wenn man sich auf's Land begibt und sich mit älteren Menschen und der naturverbundenen Bevölkerung unterhält. Ich finde das eine tolle Einstellung im Vergleich zu unserem überrationalisierten Denken. Diese Koexistenz ist mal wieder ein Spagat, den Japan gut hinbekommt - wo Kultur und Tradion neben der Moderne noch Platz haben.
  • Solaris - 12.03.2017 - 17:05

    Yôkai gibt es z.B. auch aktuell in Nioh zu bestaunen.
  • Max Kluge - 12.03.2017 - 17:20

    @Solaris
    In der Tat wollte ich eigentlich auch was über die Kodama in Nioh schreiben, vielleicht in Part 3 :D