© Michele Rech | avant-verlag

Vergiss meinen Namen in unserer Comic-Rezension Spezial

Wer in seinem Leben bereits eine wichtige Person an den Tod verloren hat, weiß, wie tief das Loch sein kann, welches sich daraufhin auftut. Offene Fragen und unausgesprochene Worte, Schuldgefühle und eine betrübte Stimmung halten Einzug. Die Graphic Novel „Vergiss meinen Namen“ aus der Feder des italienischen Künstlers Zerocalcare nimmt sich dieses Thema zum Anlass für ein autobiographisches Abenteuer auf der Suche nach Antworten und Trost.


Gemeinsam mit Zerocalcare auf der Suche nach der Familiengeschichte.

© Michele Rech | avant-verlag

Wer frühere Werke von Zerocalcare bereits kennt, wird sich in dieser Produktion schnell zurechtfinden. Im Mittelpunkt steht er selbst und seine Familie. Der Tod seiner Großmutter, zu welcher er eine besondere Beziehung hatte, lässt Zerocalcare über seine Familie nachdenken. Während er ein Adressbuch und einen Ring seiner Großmutter in ihrer Wohnung gemeinsam mit seinem Kumpel sucht, fallen Ungereimtheiten innerhalb der Familiengeschichte auf. Dabei beginnt für Zerocalcare eine kleine Odyssee sowohl durch die eigene als auch durch die eigenwillige Lebensgeschichte seiner Großmutter, welche er sich auf eine sehr fantatstische Art und Weise zurechtlegt.


Die Sprache von Vergiss meinen Namen ist unverblümt und direkt. Dabei zeigt sich Daniel Knoll für die gelungene deutsche Übersetzung aus dem italienischen Original verantwortlich. Die Charaktere sind schonungslos in ihrer Ausdrucksweise und offenbaren so nicht nur Härte und Ehrlichkeit, sondern auch Schmerz und Trauer. Wie man es von anderen Graphic Novels von Zerocalcare kennt, nutzt er auch hier viele Referenzen aus der Popkultur, um seinen Standpunkt oder Themen zu verdeutlichen. So vergleicht er seinen damaligen Kinderarzt mit König Leonidas aus „300“. Wenn er die Charaktere nicht gerade mit fiktiven Charakteren aus Literatrur und Film vergleicht, verwandelt er diese kurzerhand in Tiere. Seine Mutter wird zum Beispiel als eine dicke Glucke dargestellt, wohingegen seine Großmutter eine dürres Huhn zu sein scheint. Durch diese Art schafft es Zerocalcare, den Charakteren unausgesprochene Tiefe zu verleihen, indem wir als Leser Interpretationen anstellen. Sich selbst und auch sein jüngeres Ich zeichnet er dagegen eher unspektakulär.


Zerocalcare gelingt es, durch seine schnelle, aber klare Erzählweise zu fesseln. Regelmäßige Rückblicke verschwimmen mit Handlungen der Gegenwart. Realität fließt mit Fantasie zusammen und bildet ein Kollektiv aus Geschichten, welche zusammen eine Gesamthandlung ergeben. Verschiedenen Themen wie Trauerbewältigung oder der Begleitung einer sterbenden Person werden dabei geeignete Räume geschaffen. Dabei nimmt der Autor auch ernsthafte historische Ereignisse wie den Einmarsch von Deutschland zu Zeiten des Dritten Reichs oder den Sturz des russischen Zarenreichs gekonnt aufs Korn. Auf bittere Ernsthaftigkeit folgt immer wieder ein scharfer Witz, was mich immer wieder sowohl nachdenklich als auch lachend stimmte. Er beleuchtet während der Erzählung auch seine eigene Vergangenheit und bewertet seine damaligen Handlungen harsch, aber auch sehr humorvoll.


Der Zeichenstil von Vergiss meinen Namen ist sehr typisch für Zerocalcare. Er nutzt verschieden große Panels und bringt viel Dynamik in seine Zeichnungen. Dabei zeigen sich einzelne Abschnitte durchaus detailverliebt und nicht selten werden subtile Aussagen über die Gesellschaft oder den derzeit im Fokus stehenden Personen eingewoben. Farblich handelt es sich hier eigentlich um einen in schwarz-weißen gehaltenen Comic. Lediglich ein knalliges Orange lockert diese schwarz-weiße Zeichenlandschaft auf und ist für ganz bestimmte Charaktere reserviert und wirkt besonders intensiv.


Vergiss meinen Namen ist ein autobiographischer Blick auf die Familiengeschichte von Zerocalcare, dessen Großmutter aus der malerischen französichen Provence stammt, aber zum Ende ihres Lebens hin ihr Leben im römischen Rebibbia (im Vergleich ein echtes Drecksloch) verbringen musste. Trotz verschiedener Generationenkonflikte liebt Zerocalcare seine Familie, was im Laufe der Handlung immer deutlicher wird. Dabei werden wir als Leser nicht zaghaft an die Hand genommen und durch eine Galerie der Familie von Zerocalcare geführt. Tatsächlich werden wir von einer Ecke in die nächste geschleudert und bekommen nach und nach verschiedene Teile eines riesigen, verworrenen Puzzles beleuchtet. Die Verwirrung wird durch fantastische Elemente wie Geister oder sprechende Tiere auf die Spitze getrieben und mündet in einem doch sehr nachdenklichen Ende, welches auf ganzer Linie überzeugt.


Wenn ihr euch vom Artwork einen Eindruck verschaffen möchtet, könnt ihr hier eine Leseprobe online einsehen.


Vergiss meinen Namen ist erschienen bei avant-verlag, ISBN: 978-3-96445-074-6, 240 Seiten, 17 x 24,5 cm, Hardcover, schwarzweiß, 25,00 Euro


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Unser Fazit

Meinung von Simon Münch

Wer europäische Comics liebt, kommt an Zerocalcare kaum herum. In Italien, seiner Heimat, ist er bereits bekannt wie ein bunter Hund. Seine Werke, welche immer wieder auch hierzulande erscheinen, überzeugen durch eine raffinierte Erzählstruktur, rabiate Wortwahl und Charaktere, die real wirken. In Vergiss meinen Namen wird ein Thema behandelt, welches mich noch nicht persönlich betroffen hat, aber sicherlich noch bevorsteht: Der Tod von geliebten Menschen und der einhergehende Umgang damit. Die Herangehensweise, mit der Zerocalcare die verschiedenen Themen anpackt, sind unterhaltsam, humorvoll aber auch betrübend und ehrlich. Die bewegte Familiengeschichte seiner Großmutter wird durch seine Fantasie zu einem Abenteuer, welches man so direkt in Hollywood verfilmen könnte. Meine eigene Neugierde nahm beim Lesen überhand, sodass ich den Comic regelrecht verschlungen habe. Dass bei dieser Geschichte sein Alter Ego in Form eines Gürteltieres auftaucht und seinen beißenden, gesellschaftskritischen Humor hinzufügt, ist ein Geschenk für Leser, die die Werke von Zerocalcare kennen. Die Graphic Novel Vergiss meinen Namen ist etwas, was ich so schnell nicht vergessen werde.
Mein persönliches Highlight: Die urkomischen Episoden aus Zerocalcares Kindheit.

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Kommentare 1

  • offensivfoul

    Turmknappe

    Super Artikel, danke! Die Graphic Novel ist sehr zu empfehlen. Das gilt auch für den ebenfalls auf Deutsch erhältlichen Band "Kobane Calling", der zwar ein ganz anderes Thema behandelt, aber mindestens genauso gut ist.