© Tango Gameworks / Bethesda
Hi-Fi Rush für den PC im Test – Rhythmisches Hack 'n' Slash trägt den MP3-Player am richtigen Fleck
Geschrieben von Michael Barg am 29.01.2023
Mit diesem Titel hat wohl niemand gerechnet: Während der Xbox und Bethesda Developer Direct am 25. Januar veröffentlichten Bethesda und das Entwicklerstudio Tango Gameworks, das unter anderem für The Evil Within verantwortlich ist, ein quietschbuntes Rhythmus-Abenteuer, welches noch am gleichen Abend angespielt werden konnte. Weg vom Horror-Franchise wagt sich Tango Gameworks also an ein Hack ‘n‘ Slash, gepaart mit allerlei musikalischen Rhythmus-Elementen, das die ersten Blicke allerdings durch seinen außergewöhnlichen Artstyle auf sich zieht. Mit Hi-Fi Rush taucht nun ein neuer Stern am Rhythmus-Himmel auf, welchem ich sofort entgegenfieberte. Die Downloadkabel liefen heiß und schnell durfte ich mich in einer rhythmischen Zukunftswelt wiederfinden – ob ich danach aber den Traum eines Rockstars an den Nagel hänge, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.
Chai ist ein verträumter Teenager mit musikalischer Ader. Eines Tages erfährt er vom Projekt Armstrong des Technik-Giganten Vandelay und meldet sich freiwillig für deren Cyborg-Experimente, nachdem Chai ohnehin einen verletzten rechten Arm am Körper trägt. Als er nach der Operation aufwacht, wird klar: Irgendetwas stimmt mit seinem neuen metallischem Arm nicht. Er geistert kurzweilig durch Vandelays Produktionsgebäude, nachdem ihm eine Roboter-Durchsage auf diesen Defekt hinwies. Auf dem Weg zum Checkpoint trifft er auf robotische Sicherheitskräfte und wird nach einem Missverständnis gezwungen, seinen magnetischen Arm kurzerhand als Prügelknüppel zu nutzen – nach der Aktivierung bemerkt er erstmalig, dass er statt eines menschlichen Herzens nun einen kleinen MP3-Player in sich trägt, welcher ihm die Rhythmik der Welt zeigt.
Damit scheint das Setting klar: Chai nutzt seinen magnetischen Arm als Waffe, der Metallschrott anzieht, um sich seinen Weg durch robotische Feinde zu prügeln. Nach kurzer Zeit trifft er auf die junge Frau Peppermint, die ihm schnell mit ihrem Scharfsinn zur Hilfe eilt. Mit dabei ist ihre robotische Katze namens 808, die im Verlauf des Spiels nützlicher sein wird als es anfänglich den Anschein hat. Nun liegt es also an Chai, Peppermint und der kleinen 808, Chai aus den Fängen der Firma Vandelay zu befreien und dem Chef Kale das Handwerk zu legen – und Chai nebenbei auch seinen Traum zu erfüllen, Rockstar zu werden.
Die Story ist wahrlich nicht das Aushängeschild von Hi-Fi Rush, dennoch stechen auch in diesem Zusammenhang einige Kernaspekte heraus. Trotz des ziemlich einfachen Rahmens präsentiert Tango Gameworks eine süße und emotionale Heldengeschichte, die sich nicht nur auf Chai als Protagonisten stützt, sondern im gleichen Maße die im Laufe des Spiels eingesammelten Charaktere einbindet. Hier muss ich schon einwerfen: Es ist beeindruckend wie schnell ich emotional investiert war, fühlte ich schon zu Beginn einige Sympathie mit den fantastisch geschriebenen Charakteren, welche sowohl im Englischen als auch im Deutschen wunderbar vertont sind. Euch erwartet eine wirklich spannend und schön geschriebene Story, die hin und wieder mit einen Story-Schwenkern überrascht, aber kein Kino-Niveau annimmt – das muss sie in meinen Augen auch nicht.
Die Geschichte bringt euch immer wieder zum Lachen, dabei ist es unwichtig, ob der Witz auf Deutsch oder Englisch ertönt, denn hier steht die deutsche Synchronisation der englischen in nichts nach und übermittelt klugen Humor und Witz auf gleichem Niveau. Humortechnisch erinnert mich Chai und sein Team an den jungen Spider-Man – das mag aber vielleicht am ähnlichen Art Style zu Spider-Man: Into the Spider-Verse oder Spongebob Schwammkopf: Eine schwammtastische Rettung liegen, auf welchen ich später nochmal näher eingehen möchte.
Schnell fühlt sich die wachsende Gruppe sehr dynamisch und lebendig an, während jedes Teammitglied eine eigene, sympathische Art mitbringt. Beispielsweise trifft der chaotische Chai auf die smarte und zielstrebige Peppermint, die sich schnell auf den pazifistisch veranlagten Macaron einlässt. Aus Spoilergründen möchte ich noch zu erwartende Charaktere nicht explizit erwähnen, aber auch hier wirken die Neuen nur bereichernd und nicht erzwungen. Die Neuzugänge treten der Crew in angenehmen Abständen bei und bringen alle individuelle Eigenschaften mit, die das Gameplay darüber hinaus angenehm erweitern.
Hi-Fi Rush wird von diversen Kolleginnen und Kollegen als musikalisches Devil May Cry beschrieben, denn hier trifft actionreiches Hack 'n' Slash auf feinfühliges Rhythmusgefühl, mit welchem ihr den Combo-Zähler in die Höhe prügeln müsst. Ausgerüstet mit seinem verschrotteten Metallarm, der im Kampf kurzerhand die Form des rockigen Gitarrentypus Flying-V annimmt, kloppt sich Chai durch Robotermengen, um in den Leveln voranzuschreiten. Dabei stehen ihm anfänglich nur eine überschaubare Auswahl an Kombinationen zur Verfügung, die Genre-typisch aus leichten und schweren Angriffen bestehen. Schnell könnt ihr dieses Repertoire aber mithilfe der zu findenden Schrotteile, die als Währung dienen, ausführlich erweitern und so den S-Rang während der Kämpfe sichern. Diesen bekommt ihr klassischerweise, indem ihr unbeschadet eine hohe Anzahl an Angriffe landet und den Combo-Zähler steigen lasst. Zusätzlich zählt hier aber auch euer Rhythmusgefühl: Alle Angriffe, Aktionen und Interaktionen stehen im Einklang mit der Musik. Bedeutet also, dass ihr im richtigen Rhythmus zuschlagen müsst, um so nicht nur mehr Schaden auszuteilen, sondern auch mehr Punkte einzuheimsen, die euren Rang angeben. Mit dieser gut integrierten Mechanik sticht Hi-Fi Rush aus der Masse der Action-Titel deutlich heraus.
Im Laufe des Spiels trefft ihr auf immer neue Gegnertypen, die verprügelt werden wollen.
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Nicht nur durch das Kaufen neuer Kampffähigkeiten wächst Chai über sich hinaus: Dank der Technik-Skills von Kumpanin Peppermint kann sich Chai verschiedene Chips implantieren lassen, die ihm passive Fähigkeiten ermöglichen. Die als Gitarrenpicks daherkommenden Teile könnt ihr ebenfalls gegen die Schrott-Währung eintauschen und so beispielsweise die Abklingzeit der Fertigkeiten eurer Crew während des Kampfes verkürzen. Richtig: Gabelt ihr weitere Teammitglieder auf, können sie euch im Kampf behilflich sein und bringen einzigartige Fertigkeiten mit, die ein gewisses Maß an Strategie im Kampf ermöglichen. Zum Beispiel schießt Peppermint einige Intervalle an Plasmageschossen, um Schilder der Gegner zu brechen – Macaron hingegen nutzt seine riesigen Fäuste um physische Schilder zu durchschlagen. Diese könnt ihr in kurzen Abständen während der Kämpfe dazu rufen und mit Chais Angriffsmuster bzw. -Stil kombinieren und so das Hack 'n' Slash-Gameplay perfektionieren.
Natürlich besteht Hi-Fi Rush nicht nur aus Gekloppe. Wie in anderen Genre-Ablegern lauft ihr durch ziemlich lineare Level, die einige Geheimnisse beherbergen, und das recht limitierte Erkunden etwas motivierender gestalten. Generell kann der Titel auch an dieser Front beeindrucken und schickt euch durch unvergleichbare Schauplätze – lediglich in der Mitte des Titels seid ihr storybedingt, für meinen Geschmack zu lange, an einem Ort. Schaut ihr aber in den richtigen Ecken und folgt ausnahmsweise mal nicht den Richtungsanweisungen, halten die Level von Hi-Fi Rush einiges an Geheimnissen bereit.
Zwischendurch slidet ihr durch verschiedene Szenerien und könnt kurz verschnaufen.
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Neben goldenen Statuen des Bösewichts, welche eine Menge Schrott für euch beherbergen, könnt ihr neben spielirrelevante Collectibles auch diverse Upgrades finden. Beispielsweise verhelfen euch manche Items dazu, dass sich eure HP-Leiste verlängert und ihr somit mehr Treffer einstecken könnt, andere erweitern eure Leiste, die ihr für Spezialangriffe benötigt. Diese lädt sich ebenfalls im Kampf auf und ermöglicht verstärkte Fähigkeiten, die nicht nur eine Menge Schaden anrichten, sondern auch strategisch eingesetzt werden können, brechen sie bei manchen Feinden nämlich ebenfalls Schilder oder deren Haltung. Die Haltung ist vergleichbar mit einem Zustand aus anderen Titeln: Kloppt ihr mit starken Angriffen und oft auf die Gegner ein, werden sie für kurze Zeit paralysiert und sind so noch empfindlicher für Angriffe. Dadurch erhalten sie entsprechend zusätzlichen Schaden. Chais Blockfähigkeit zwingt die Feinde ebenso schnell in die Knie, wenn ihr einen Angriff im richtigen Moment pariert – hier wechselt ihr also zwischen offensivem und defensivem Angriffsmuster, um ans Ziel zu kommen. Alles in musikalischer Thematik gelingt Hi-Fi Rush das Gesamtpaket an Kampfsystem unheimlich gut, auch wenn dies durch die Rhythmik vielleicht fremd und geringfügig langsamer wirkt – ordentlich Wumms gibt es hier trotzdem.
In Hi-Fi Rush gibt es zwar ordentlich auf die Zwölf, trotzdem darf sich Chai hin und wieder an diversen Platformer-Elementen probieren, während er die Technik-Level von Vandelay erkundet. Will also heißen: Ihr springt von Plattform zu Plattform, befestigt euren Enterhaken an den dafür vorgesehenen Stellen oder ihr slidet gut und gerne durch diverse Fabrikhallen und weicht ankommenden Fracht-Containern aus. Während der Kämpfe stoßt ihr schon ordentlich auf Action, die zwischenzeitlich eingesetzten Platformer-Passagen lassen euch jedoch auch keine Ruhe und kreieren eine angenehme Balance innerhalb des Gameplays, sodass weder das Kämpfen noch das Platforming zu irgendeiner Zeit langweilig wird.
Die Platformer-Einlagen führen nicht selten zu kleineren Cutscenes, die dieses Mal in der Tat das Gameplay auflockern und ein wenig Zeit zum Verschnaufen ermöglichen – oder euch den ein oder anderen Lacher hervorkitzeln. Wie oben angeschnitten, erinnert der Artstyle von Hi-Fi Rush durch seinen Animationsstil an den Spielfilm Spider-Man: Into the Spider-Verse und auch humortechnisch finden sich hier, meiner Ansicht nach, viele Parallelen. Als großer Fan des Animationsfilms war ich ebenso begeistert von der visuellen Aufmachung des Musik-Spiels. Auch hier werden klassische Comic-Elemente mit 3D-Animationsstil verbunden und verschmolzen. Mal gewichtet der Cel-Shading-Look des Titels etwas mehr, welcher dann doch an das bunte Sunset Overdrive erinnert, an anderen Stellen schauen wir einen fantastisch aussehenden Cartoon – der sehr gerne eine eigene TV-Adaption verdient.
Die Bosskämpfe bleiben insgesamt fair, benötigen aber hier und da etwas Taktik.
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Es wirkt, als hätte ich nun einige Stunden einen langen, aber nicht langweiligen Cartoon mit phänomenalem Soundtrack selbst gespielt. Bei Hi-Fi Rush wurde sich aber nicht hauptsächlich auf die Musik konzentriert, diese dient hier nämlich nur als Rahmen und Rhythmusgeber während des Spielens. Zwar ertönen im Hintergrund ständig schöne Gitarrenriffs, die unterschiedliche Genres abdecken, diese drängen sich aber Genre-untypisch nicht in den Vordergrund. Einzig während der Bosskämpfe wird die Musik dann ordentlich aufgedreht und lässt das Adrenalin durch euer Blut schießen, sobald ihr die teils kolossalen Gegner bei Invaders Must Die von The Prodigy weichprügelt. Weitere Interpreten sind beispielsweise Nine Inch Nails, The Joy Formidable sowie The Black Keys, die zusammen eine breite Palette an wunderbarer Musik bereitstellen. Hier hätte ich mir vielleicht etwas mehr knalligere Songs gewünscht – das ist aber Meckern auf ganz hohem Niveau.
Technisch kam mein PC nicht sonderlich stark ins Schwitzen, Bugs und Fehler waren ebenfalls keine zu finden. Hier hat Tango Gameworks wirklich saubere Arbeit geleistet und mich letztendlich mit einem Staunen zurückgelassen. Hi-Fi Rush ist ein wilder musikalischer und visueller Ritt, der mich nicht selten zum Lachen brachte und mit offenem Mund zurückließ. Das Post-Game ist ebenfalls vollgepackt und motiviert zum Wiederspielen der Level, könnt ihr nämlich beispielsweise vorher blockierte, kleinere Passagen nun mit euren neuen Fähigkeiten betreten – oder ihr probiert euch an der neuen Schwierigkeitsstufe aus. Falls ihr dann schon dabei seid, geht auf die Suche nach den in den Leveln verteilten Graffiti, die am Ende eine bemalte Wand eures Hubs füllen. Das Spiel lädt jedenfalls ein, Chais Reise erneut zu begleiten. Besonders im Rahmen des Game Pass sollte jeder Musik- und Hack 'n' Slash-Fan mindestens reinschauen!