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Rostige Herzen Band 1 in unserer Comic-Rezension

„In einer retrofuturistischen Welt sind Roboter den Menschen zu Diensten. Doch ein Mädchen hegt zu seinem Roboter-Kindermädchen eine bessere Beziehung als zur eigenen gefühlskalten Mutter. Als der Mutterersatz plötzlich verschwindet, beginnt deshalb eine fieberhafte Suche. Dabei wird bei diesem Abenteuer schnell klar, dass sich die gewohnten Machtverhältnisse zwischen Menschen und Robotern auflösen.“ – Was hier im Pressetext eher unspektakulär klingt, entpuppte sich bei der Lektüre als ein vielschichtiges kleines Abenteuer in einer nicht näher benannten Zeitperiode, aber dafür mit ganz viel Herz. Das Mädchen namens Isea lebt mit ihrer Mutter und dem Roboter-Kindermädchen Debry in einem kleinen Haus in einer Gegend, die stark an den Süden der USA im 19. Jahrhundert erinnert. In dieser retrofuturistischen Welt existieren ebenso Smartphone-ähnliche Geräte, die es ermöglichen, jederzeit mit anderen Menschen zu kommunizieren und, viel wichtiger, Filme und Serien in die Luft vor einem zu projizieren. Im Prinzip einer Art Projektor, nur ohne Leinwand, sondern stark genug, um Inhalte in die unmittelbare Umgebung vor sich zu projizieren.


Die Geschichte einer ungleichen Freundschaft

© Carlsen Verlag

Isea ist zum Zeitpunkt der Geschichte richtig in eine Verfilmung der klassischen Geschichte von Cyrano de Bergerac involviert und fasziniert. Eben dieser Cyrano de Bergerac liebt die Frau Roxane, leidet aber unter seiner auffällig großen Nase. Im Verborgenen flüstert er dazu einem anderen Mann namens Christian im Dunkel der Nacht wohlformulierte Liebesschwüre zu, mit denen er die auf dem Balkon stehende Roxane beeindruckt. Roxane ahnt nicht, dass Cyrano in Wahrheit hinter den wohlformulierten Liebesschwüren steht und nicht Christian. Etwas Ähnliches widerfährt Isea mit ihrer Freundin Tal, mit der sie jeden Tag nach der Schule per Videokonferenz spricht und ihr das Herz ausschüttet, doch dazu später mehr.


Iseas Mutter ist eine kalte und unbarmherzige Frau, weswegen Isea die Zuneigung und Aufmerksamkeit, die ein Kind benötigt, vom Roboter-Kindermädchen Debry erhält. Zärtlich und fürsorglich kümmert sich Debry (benannt von Iseas Mutter und angelehnt an den Begriff „Le Debris“ = Trümmer, Abfall) um das Kind und all ihre Belange. Als Debry eine Tages von der Mutter entlassen wird, macht sich Isea ohne zu zögern auf die Suche nach ihr, denn es droht große Gefahr. Roboter, die aus ihrem Zweck entlassen werden, bekommen das Gedächtnis gelöscht und können sich anschließend nicht mehr an die Bezugspersonen erinnern. Bei der Suche erhält Isea Unterstützung von ihrer Freundin Tal, wobei diese sich als ihr Schulkamerad Tilio herausstellt. Er hat durch diverse Filter und als Tal getarnt über die Videokonferenzen mit Isea Kontakt hergestellt und sich mit ihr angefreundet. Tal ist also kein anderes Mädchen, sondern ein Junge aus Iseas Klasse.


Auf ihrer Suche nach Debry lernen Isea und Tilio jede Menge neuer Menschen kennen, die ihnen helfen und die sie schließlich an einen geheimen Ort namens Tulpa schicken, an dem stillgelegte Roboter eine Heimat finden und dem Löschen ihrer Erfahrungen entgehen können. Gefahr droht dem ungleichen Duo auch von einem Spürhund in Form eines Roboters, der sich an die Spuren von Isea und Tillio geheftet hat und auch nicht vor Gewalt zurückschreckt.


Es ist schon erstaunlich, was Béka (Rummelsdorf), hinter dem sich das französische Autorengespann Bertrand Escaich und Caroline Roque verbirgt, hier im Verlauf der eigentlich stringenten Geschichte untergebracht haben. Nicht ohne Hintergedanken werden die Roboter hier als Sklaven der Menschen dargestellt, so wie es Schwarze Menschen Jahrzehnte im Dienste der weißen Oberschicht erleiden mussten. Im Verlauf der Erzählung erfahren wir von einem Massaker an einem Ort namens Tusla, in dem ein Großteil der Robotersklaven vernichtet worden war. Dieser Name erinnert nicht ohne Grund an das Massaker von Tulsa, wo in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts massive Rassenunruhen stattfanden und wo Hunderte von afroamerikanischen Menschen auf grausame Art und Weise verfolgt und getötet wurden. Rostige Herzen behandelt diese Themen wie Ungleichheit, Sklaverei und Verfolgungen nicht im Vordergrund, sondern diese Themen schwingen immer ein wenig im Hintergrund mit. Sie sind nicht der Kern der Geschichte, aber bilden das Setting und sind präsent. Im Kern geht es um die Liebe zwischen zwei Individuen, auf der einen Seite einem Kind, auf der anderen Seite einer androiden Lebensform, die menschlicher nicht sein könnte. Das was die Mutter von Isea nicht fähig und gewillt ist ihrem Kind zu geben, erfährt Isea durch die Fürsorglichkeit und Liebe von Debry.


Die Zeichnungen und die optische Gestaltung von Jose Luis Munuera (Spirou, Die Campbells) haben mich von der ersten Seite an in den Bann gezogen und präsentieren mit ihren warmen Farben einen Kontrast, wie er nicht größer sein könnte. Teilweise kommen die Panels ohne Probleme auch ohne jedwede Sprache aus und lassen einfach das Artwork für sich sprechen. Rostige Herzen erzählt eine tolle warmherzige Geschichte und entführt uns Leserinnen und Leser in eine fantastische Welt, die nicht so weit weg ist von unserer aktuellen Gegenwart. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger sondern mit interessanten Charakteren, starkem Artwork und einem vorerst abgeschlossenen Ende, zählt die Erzählung rund um Debry, Cyrano und Isea bereits jetzt zu einem meiner Highlights in diesem Jahr.


Wer einen ersten Blick in das Buch werfen möchte, findet unter diesem Link eine Leseprobe.


Rostige Herzen 1: Debry, Cyrano und ich ist erschienen bei Carlsen Comics

  • ISBN: 978-3-551-79997-5
  • Hardcover-Album
  • ca. 30 x 23 cm
  • Farbe
  • 72 Seiten
  • 18,00 Euro

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Unser Fazit

Meinung von Dennis Gröschke

Es ist vielleicht noch ein wenig früh, aber ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, dass „Rostige Herzen Band 1: Debry, Cyrano und ich“ ganz weit oben in den Top 3 meiner liebsten Comics im Jahr 2023 landen wird. Auch beim zweiten Lesen konnten mich das Artwork und die Geschichte rundum begeistern und fesseln. Die Figuren und Szenarien springen förmlich aus dem Hardcover-Album und ich sah die Figuren fast schon animiert vor mir, ähnlich wie es Isea mit ihrem Gerät bei Cyrano ergeht. Das Artwork von Jose Luis Munuera hat mir bei den Campbells schon sehr gefallen, nun bin ich überzeugt davon, dass ich mir die anderen Werke von ihm auch mal näher ansehen sollte. Rostige Herzen ist ein rundum gelungenes Paket mit starkem Setting, toll gestalteten Charakteren und einer warmherzigen sowie schönen Geschichte.

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