© Square Enix / Deck Nine
Life is Strange: Double Exposure für den PC im Test – Eine beispiellose Atmosphäre, die selbst eine schwache Handlung auffängt
Geschrieben von Michael Barg am 28.10.2024
Dieses Spiel wurde mit folgenden Spezifikationen gespielt: Microsoft Windows 11, 32 GB Ram (1600 MHz), NVIDIA GeForce RTX 3060 (mobile), Prozessor: AMD Ryzen 5 5600H
Nachdem wir dank Square Enix bereits einen Vorabeindruck vom neuen Life is Strange-Abenteuer erhaschen durften, bekamen wir nun die Möglichkeit vollständig einzutauchen. Die Ankündigung eines neuen Maxine Caulfield-Abenteuers sorgt innerhalb der Community ordentlich für Furore: Wie ist es möglich eine Fortsetzung zu einem nahezu ‚perfekten‘ Adventure zu entwickeln – und das auch noch ohne Dontnod Entertainment? Das unabhängige Entwicklungsstudio Deck Nine Games, welches bereits vorherige Life is Strange-Abenteuer auf sein Beanie schreiben darf, ging dieses Wagnis tatsächlich ein. Nicht nur alteingesessene Tumblr-Fans, welche bereits im Jahre 2015 mit Maxine Caulfield ‒ kurz Max ‒ ihre Jugend erlebten, sondern auch Neuankömmlinge im Life is Strange-Universum sollen wärmstens empfangen. Bereits die Vorschau begeisterte uns enorm und ließ uns mit offenen Mündern zurück ‒ nun stellen wir Life is Strange: Double Exposure auf den Prüfstand. Überzeugt Max Caulfields neues Abenteuer und dürfen wir uns getrost auf die Caledon Universität mit all ihren bunten Facetten einlassen?
Maxine Caulfield war im Jahre 2015 ein schüchternes Mauerblümchen mit der besonderen Gabe, die Zeit zurückzudrehen und sogar zu ganz bestimmten Zeitpunkten der Vergangenheit zu springen. Was sich auf dem Papier anhört, als hätte Max das perfekte Leben führen und ‚falsche‘ Entscheidungen rückgängig machen können, entpuppte sich schnell als eine zu große Last mit verheerenden Auswirkungen. Einige Jahre später und die mit der Reise im ersten Life is Strange-Abenteuer verbundenen Entscheidungen vermutlich noch nicht ganz verarbeitet, finden wir Max Caulfield an der Caledon Universität wieder ‒ dem primären Austragungsort in Double Exposure. Bunte Herbstblätter wirbeln im Wind über den Gehweg, werden von Max‘ Dr. Martins-Schuhen verweht und ein trockenes Scharren ertönt auf dem Asphalt. Atmosphärische Indie-Klänge faden sanft in die pastellmalerische Szenerie und werden in Momenten der Ruhe zum akustischen Highlight. Max wirkt reifer und ihr Handeln ist nun sicherer und mit mehr Autorität – die scharfe Zunge kehrt zurück und ist mit mehr Selbstbewusstsein geschmückt. Dennoch erkennen Fans sofort: Immer noch steckt die alte Maxine Caulfield in diesem ‚komischen‘ Menschen, der Objekten in seiner Umgebung Namen gibt und sich manchmal zu oft in Gedanken verliert. Die Leidenschaft für die Fotografie hat sie augenscheinlich trotz der Ereignisse aus dem ersten Ableger weiterverfolgt: Als Dozentin in diesem Fach gerät sie an der Caledon Universität an ein neues Kollegium, baut sich einen neuen Freundeskreis auf und sogar die eine oder andere tiefere Beziehung steht im Raum. Es wirkt wie das natürliche Erwachsenwerden einer alten Freundin, die wir in Double Exposure wiedersehen dürfen – für Fans sind die ersten Kapitel ein wahrlich melancholisches Wiedersehen und eine gelungene Fortsetzung des Charakters ‚Maxine Caulfield‘.
Auch die Caledon Universität als neuer Austragungsort lädt dazu ein erneut die Schulbank (Hörsaalbank?) zu drücken. Diesmal jedoch aus der Sicht einer Dozentin und Autoritätsperson, die gleichzeitig selten so nah und empathisch über den Bildschirm wandert. Der Campus ist recht schmal und kommt platztechnisch nicht an Arcadia Bay aus dem ersten Teil oder wie die Reise der beiden Brüder aus dem zweiten Teil heran. In Double Exposure sind die Orte überschaubar und die Szenerien, in denen wir uns bewegen, kann man an einer Hand abzählen. Dazu gehört neben dem Universitätsgebäude auch die sympathische Absteige ‚Snapping Turtle‘, die als sozialer Kleber der Studenten und des Kollegiums fungiert. Dort findet sich der recht kleine, aber sehr tiefgehende soziale Kreis unserer Protagonistin regelmäßig wieder, welcher aus Safi und Moses besteht
Safi ist eine exzentrische Persönlichkeit, gerne zu laut und vertritt ihre Standpunkte klar und deutlich. Moses, unser eher ruhiger, aber liebherziger Freund mit starker emotionaler Dichte, steht Max immer zur Seite und gibt in wichtigen Momenten die richtigen Ratschläge. Bereits zu Beginn wird deutlich, dass das Dreiergespann sehr eng, aber dennoch nicht unzertrennlich zu sein scheint. Ein tieferer Blick in die Beziehungen zwischen den Dreien wird uns leider nicht wirklich ermöglicht: Wegen der geringen Größe des begehbaren Universitätsgeländes besteht leider nicht oft die Möglichkeit Umgebung genauestens unter die Lupe zu nehmen und mehr über die Welt sowie die Menschen zu erfahren – hier wäre für meinen Geschmack deutlich mehr drin gewesen.
Gerne hätte ich mich in Details der Welt verloren, kleinere Anekdoten aus Max‘ innerer Stimme erzählt bekommen oder den Zusammenhang von Tassen und Figuren auf Schreibtischen erfahren. Versteht mich nicht falsch: Diese Art des ikonischen Life is Strange-Welterklärens gibt es natürlich auch in Double Exposure, aber auf mich wirkt es etwas abgespeckter als in den vorherigen Teilen. Besonders hinsichtlich Life is Strange (2015) und True Colors aus 2021. Das ist zwar schade, macht Double Exposure aber nicht zu einem weniger immersiven Erlebnis. Im Gegenteil: Trotzdem hat es Deck Nine Games geschafft, mich für einige Stunden vollkommen in eine andere Welt zu ziehen, sodass auch hier wieder das klassische „Life is Strange“-Gefühl aufkommt. Sehnsucht, Traurigkeit und Melancholie – gepaart mit hochgezogenen Mundwinkeln, wenn wir eine erwachsene Maxine durch ihren Alltag begleiten dürfen. Statt dass wir Max verkörpern, ziehen wir mit ihr durch die Gänge der Universität. Es ist wahrlich eine ganz besondere Atmosphäre.
Bewusst gestaltete ich den bisherigen Teil dieses Textes sehr umfangreich und detailliert, um zu vermitteln, welch emotionale Reise euch im neuen Abenteuer erwarten könnte. Weil es im Spiel hauptsächlich um die Story geht und jede auf einfache Weise zugängliche Information den Reiz an der virtuellen Entdeckung nimmt, möchte ich mich im Folgenden kurz halten:
Nachdem wir uns in der immersiven Umgebung eingelebt und mit ihren Bewohnern vertraut gemacht haben, geht die Geschichte auch schon los: Erneut wird Maxine Zeugin des Mordes an einer besten Freundin – diesmal trifft es die taffe Safi. Hier gibt es zwar offensichtlich Parallelen zum Original, aber es wird nicht ‚die selbe Geschichte‘ erneut erzählt. Unsere strategisch kluge Detektivin mit Fable für Polaroid-Kameras macht sich aber erneut daran, einen mysteriösen Mordfall mit ihrer ganz eigenen Superkraft aufzuklären. Fiese Intrigen werden aufgedeckt und dunkle emotionale Traumata kommen auf den Polaroids zum Vorschein; wie wir es eben vom Life is Strange-Universum kennen.
Max kann zwischen zwei Zeitlinien wechseln und Informationen aus der einen in der jeweils anderen nutzen
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Hinzu kommt allerdings, dass sich Maxines Zeitreisekraft weiterentwickelte und nicht stumpf übernommen wurde: Anstelle des Zurückkehrens zu wichtigen Kernmomenten und dem Rückgängigmachens bestimmter Entscheidungen innerhalb einer einzigen Zeitlinie, entstehen nach Safis Mord gleich zwei parallele Linien. In einer der beiden ist Safi lebendig, in der anderen müssen die Menschen der Caledon Universität mit dem Tod einer treuen Freundin und Kollegin umgehen. Gameplay-technisch kann Max an bestimmten Stellen in der einen Welt in die jeweils andere eintauchen. Einerseits wird es für das Lösen von Rätseln genutzt, andererseits aber auch nur für die Beschaffung von Informationen. Auch wenn ich Sorge hatte, dass diese Mechanik im späteren Spielverlauf abstumpft, hat Deck Nine Games dennoch eine interessante Balance geschaffen und das Zeitreisen klug in die fiktive Welt integriert.
Trotzdem wird es hier für Max besonders schwierig, die Balance zu halten – was für uns teilweise zum Problem wird. Zwar wird mithilfe der Farbgebung und bestimmten Markern deutlich gemacht, in welcher Zeitlinie wir uns bewegen, dennoch ist es eine Menge Arbeit, beider Welten Herr zu werden. Nicht selten habe ich mich dabei erwischt vergessen zu haben, mit welcher Leitlinie ich im Rahmen der jeweils stattfindenden Realität mit Maxines Love-Interest Amanda umgehen muss – Ähnliches trifft auch auf Max' weitere Kontakte zu. Der Informationsgehalt jeweils beider Zeitlinien ist enorm. Das Notizbuch hilft hier definitiv, dennoch war ich manchmal überfordert und konnte Informationen nicht der jeweiligen Welt zuordnen. Es ist eine Medaille mit zwei Seiten: Ich habe es geliebt, zusammen mit den Charakteren ihre Sicht auf die Welt zu entdecken. Gleichzeitig stiftet diese Möglichkeit aber auch zu großer Verwirrung und führt zu einer Art von Überforderung.
Natürlich kehrt auch die Fotografie zurück und ihr knippst alles, was euch vor die Linse kommt
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Vielleicht ist diese Verwirrung gepaart mit einer leichten Überforderung der Grund für das einzige Problem, welches ich mit Life is Strange: Double Exposure habe: Die Handlung. Der 2015er-Teil überrollte mich kein anderes Story-Spiel und natürlich trat ich mit riesigen Erwartungen an den neuen Teil heran, aber leider ist die Geschichte in Double Exposure im letzten Part etwas ernüchternd. Dabei spreche ich nicht explizit vom Ende – es ist meiner Meinung nach solide und ließ mich einerseits positiv gestimmt, aber andererseits leer zurück. Trotzdem wurden meine beinahe absurd hohen Erwartungen nicht erfüllt. Ohne inhaltlich weit auszuholen ist es schwer in Worte zu fassen: Besonders am Anfang gibt es schlagartige und unerwartete Wendepunkte, welche im Laufe der Handlung nicht eingeholt werden. Fragen bleiben unbeantwortet und manches Verhalten bestimmter Charaktere ist kaum nachvollziehbar; hier ging die vorher so hochgelobte Authentizität der Handlung etwas verloren.
Zwar stellen wir uns erneut bockschweren Entscheidungen und werden in den emotionalen Schwitzkasten genommen, aber letztendlich hatte ich nicht das Gefühl, dass meine Entscheidungen großen Einfluss auf den generellen Werdegang der Geschichte hatten. Na ja, und trotzdem freue ich mich schon jetzt auf meinen nächsten Durchlauf an der Caledon Universität. Ihr seht, Life is Strange: Double Exposure macht es mir nicht einfach – und doch so leicht. Die Atmosphäre des Spiels ist beispiellos, aber die Story braucht vor allem gegen Ende einen ordentlichen Schubser – liegt dies aber daran, dass ich Dinge übersah oder mich ‚falsch‘ entschied? Gleichzeitig sorgt diese Uneinigkeit dennoch für ein Abenteuer, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und nach dem ich mich so lange sehnte ‒ was für die starken Seiten von Double Exposure spricht. Für mich ist klar, dass der Titel weniger ein Spiel des narrativen Werdegangs ist, sondern vielmehr ein temporäres Erlebnis in einer fiktiven Parallelwelt, die wir zusammen mit Maxine Caulfield erkunden. Eine besondere Stärke liegt in der wahnsinnig tollen und ausgefeilten Atmosphäre, sodass das neue Life is Strange-Abenteuer nicht im Schatten der etwas schwierigen Story stehen sollte.
Life is Strange: Double Exposure sieht noch besser aus als jeder andere Teil der Serie
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Eher sollen die Eindrücke gepaart mit Gefühlen, die wir an der Caledon Universtät erleben, das Aushängeschild dieses Ablegers sein. Es sind die kleinen und schön geschriebenen Momente ‒ beispielsweise wenn Max ihre angehende Freundin Amanda mit Dad Jokes überzeugen will. Oder ist es die wahnsinnig echte Repräsentation einer Transperson, deren politischer Umfang nicht zum Gegenstand irgendeiner Diskussion wird – sondern eben sehr authentisch in diese Welt und ihre Darstellung passt. Vielleicht sind es aber auch die vielen entschleunigenden Momente. Wenn Max, so wie wir, kleine Verschnaufpausen braucht und sich auf eine Parkbank setzt und gen Sonnenuntergang schaut, während fantastische Indie-Klänge durch die Lautsprecher schallen.
Auch im neuen Ableger ist das Gesamtpaket ‚Life is Strange‘ unvergleichlich und Deck Nine Games liefert wirklich an allen Ecken ab – nur die Story hätte meiner Meinung nach noch Feinschliff gebraucht. Double Exposure ist ein Zuhause für alle melancholischen Story-Liebhaberinnen und -Liebhaber, die sich gerne über emotionale Entscheidungen den Kopf zerbrechen, an den kleinen Details einer fiktiven Welt erfreuen und ‚nebenher‘ einen kniffligen und mysteriösen Mordfall aufdecken.
Der Vollständigkeit halber beleuchte ich noch den technischen Zustand von Life is Strange: Double Exposure: Während des Testzeitraums stieß ich auf keinerlei Probleme. Lediglich gegen Ende des Spiels gibt es eine Passage, in der Max fehlerhaft dargestellt wurde. Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass dieses Problemchen bei Veröffentlichung behoben sein wird. Hin und wieder könnte es zum Aufpoppen verschiedener Texturen und Elemente im Spiel kommen, was aber nicht sehr stört. Abgesehen davon handelt es sich um ein fantastisch poliertes Spiel, welches darüber hinaus auch noch wunderbar aussieht. Ein angenehmer Pastell Look wie wir ihn bereits von der Reihe kennen wurde übernommen und mit einigen Realismus-Elementen ergänzt. Es entsteht ein altbekanntes, aber dennoch frisches Erscheinungsbild, das sich wirklich sehen lassen kann. Unterstützt wird das Abenteuer von wirklich fantastischen Synchronsprecherinnen und -Sprechern, die den Charakteren volles Leben einhauchen. Hier spielt Double Exposure in den höchsten Riegen mit.