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Europäische Architektur in japanischen Videospielen

Spezial

Im Laufe der letzten Jahre ist mir in der Videospielszene, und vor allem in den Werken japanischer Entwickler, etwas Interessantes aufgefallen. Viele Spiele sind voll von kulturellen Referenzen, Anspielungen und Andeutungen, die meistens nicht aus dem gleichen Kulturraum, wie die Entwickler selbst, stammen. Im Rahmen meines Studiums wurde ich schließlich mit der Theorie der Transkulturalität konfrontiert, welche besagt, dass sich Kulturen durch Austausch stetig miteinander vermischen und in ihrer puren Form somit überhaupt nicht existieren können. Schließlich haben wir alle Verwandte oder Freunde, die nicht aus unserem Heimatland stammen. Unterbewusst gliedern wir uns an diese an und erschaffen unsere Kultur fortwährend neu.

Die Kathedrale von Anor Londo beherbergt einen der schwierigsten Bosse in Dark Souls.

Was soll nun das ganze philosophische Geblubber? Nun, mir ist aufgefallen, dass es in japanischen Videospielen oftmals vorkommt, dass westliche, und vor allem europäische, Architektur für die Erschaffung bestimmter Welten und Schauplätze verwendet wird. Hier möchte ich euch ein paar Beispiele aufzeigen und versuchen, dem Grund ein wenig auf die Spur zu kommen. Und außerdem wollte ich immer schon mal eine meiner Lieblingsspielserien in einem Spezial verwenden, ihr habt mich erwischt! Also fangen wir doch gleich mal mit einem interessanten Beispiel an: Dark Souls!

Dass sich die Dark Souls-Reihe in ihrer Optik sehr an der Manga-Reihe „Berserk“ von Kentaro Miura anlehnt, dürfte einigen von euch bekannt sein. Der übergreifende Stil, die Gegner und die Waffen verschlagen euch in ein düsteres Fantasy-Setting, in dem eine bedrohliche und unheilvolle Stimmung vorherrscht. Auch die Architektur der Festungen und Städte erinnert, wie auch in Berserk, sehr an das europäische Mittelalter. Eines der besten Beispiele hierfür ist die Stadt Anor Londo, die ihr im Spiel mit Hilfe von viel Schweiß und Tränen durchqueren müsst.

Mal abgesehen davon, dass die Entwickler hier wirklich ein architektonisches Meisterwerk erschaffen haben, sind natürlich ihre Einflüsse ebenso interessant: Schaut euch doch einmal das Bild der großen Kathedrale in Anor Londo aus Dark Souls 3 an. In der Mitte erhebt sich ein großes Kathedralen-Schiff, welches von zwei Türmen, die durch Treppen damit verbunden sind, flankiert wird.

Vergleicht man dies mit Notre Dame, der Kathedrale des Erzbistums Paris, kann man diverse Ähnlichkeiten ausmachen. Zum einen wurde die grobe Struktur des Gebäudes in ähnlichen Zügen übernommen: Wir haben ein kleineres Schiff in der Mitte, welches von zwei Türmen an den Seiten flankiert wird. Zwar sind die Größenverhältnisse anders, eine grundlegende Übereinstimmung ist jedoch zu erkennen. Des Weiteren finden sich drei Eingänge in die Kathedrale, welche durch gotische Steinbögen, also Bögen, die oben spitz zulaufen, dekoriert sind.

Die gotische Architektur der Notre Dame weist einige Parallelen zu den Gebäuden in Dark Souls auf.

Ein ebenfalls sehr auffälliges Merkmal, welches beide Kathedralen aufweisen, ist das kreisrunde, florale, Fenster in der Mitte des Schiffs. Dieses wird auch „Fensterrose“ genannt und ist vor allem ein Merkmal von gotischen Kirchen. Ihre runde Form soll den Kreislauf des Lebens und die Vollkommenheit der Welt, im christlichen Glauben häufig mit der Allgegenwart Gottes assoziiert, darstellen. Zweifelsohne ist eine Fensterrose aber auch stets ein Prestigeobjekt und Augenfänger gewesen, welches Pilger oder Touristen angezogen hat.

Man kann also zusammenfassen, dass sich die Entwickler von Dark Souls bei der Kathedrale von Anor Londo bei diversen Elementen der mittelalterlichen Baukunst, vor allem aus der Gotik, bedient haben. Ein Element, das dies ebenfalls bestätigt, sind die Giebelbögen, welche als dekoratives Element über vielen der Fenster und auch der Fensterrose an sich angebracht sind.

Ähnliche Einflüsse finden sich auch in den Spielen der Castlevania-Reihe. Hier ist neben der Anlehnung an europäische architektonische Merkmale allerdings auch der Schauplatz an sich eine direkte Anspielung auf die Sagen und Geschichten um Vlad III. Draculea, der Mitte des 15. Jahrhunderts in Rumänien gelebt hat. Castlevania, das NES-Spiel aus dem Jahre 1987, nahm es dabei mit der Datierung nicht ganz so genau und verfrachtete das Ganze einfach in das auslaufende 17. Jahrhundert.

Der Spieler schlüpft hierbei in die Rolle von Simon Belmont, der Graf Dracula ein für alle Mal besiegen möchte. Dabei muss er in das Schloss des Vampirs eindringen und sich gegen eine Menge Feinde zur Wehr setzen. In Japan kamen die Spiele daher auch unter dem Namen akumajô dorakyura („Teufelsschloss Dracula“) auf den Markt. Besagtes Schloss gibt uns erneut die Chance, den Einflüssen der Entwickler auf die Spuren zu kommen.

Bereits anhand des kleinen Screenshots aus Castlevania II: Simon's Quest sieht man, dass sich die Erschaffer des Spiels eindeutig an romanischer Architektur orientiert haben. Dies kann man an den Säulen und den romanischen Bögen ausmachen, welche rund zulaufen, anstatt wie bei der Gotik, spitz. Generell erinnert die Szene jedoch eher an einen römischen Tempel als an ein Schloss zu Beginn der frühen Neuzeit. Dieser Eindruck wird vor allem von den Säulen verstärkt, welche eine glatte Oberfläche aufweisen.

Aber was genau fasziniert die japanischen Spieleschmieden so an europäischer Architektur? Im Endeffekt lässt sich dieses Phänomen auch bei uns betrachten. Alles, was uns nicht bekannt ist, was anders oder exotisch ist und uns den Eindruck von Abenteuer und ungeahnten Wundern vermittelt, wirkt anziehend. Schließlich haben auch in unserer Popkultur Mythen rund um Samurai, chinesische Kampfkünste oder asiatische Lebensweisheiten Hochkonjunktur. Das Ungewisse, Mysteriöse regt die Fantasie an und lässt einen in Tagträumen von Welten schwelgen, die so überhaupt nicht existieren.

Bereits Draculas Schloss in Castlevania II: Simon's Quest lässt Ähnlichkeiten zur europäischen Architektur des Mittelalters erkennen.

Im Beispiel Japans sind es schließlich die Burgen und Schlösser des europäischen Mittelalters, die besonders exotisch und interessant wirken. Diese möglichst authentisch nachzubilden ist dabei nicht immer das Ziel der Entwickler. Während dies bei Dark Souls noch relativ gut funktioniert, sind vor allem ältere Spiele eher unkorrekt und bedienen vielmehr Klischees und Sehgewohnheiten. Natürlich mag dies nur ein Faktor sein, welcher dazu führt, dass einige japanische Videospiele sich an derartige Elemente anlehnen, es ist aber immer wieder interessant zu sehen, wie verschiedene Kulturen sich gegenseitig begreifen, vermischen und auf eine Aktion immer eine Reaktion folgt.

So hat sich der spanische Entwickler des Spiels „Cursed Castilla“ auf die Flagge geschrieben, ein Spiel wie Ghouls 'n Ghosts zu kreieren, welches den europäischen Stil nicht nur mittels Klischees darstellt, sondern besonders auf authentische Spielumgebungen und Ausrüstungen setzt. Der Einfluss sind hierbei europäische Mythengestalten und mittelalterliche spanische Architektur. Trotzdem muss als Impuls auch definitiv den japanischen Spielen Tribut gezollt werden, denn ohne diese hätte es ein Projekt wie Cursed Castilla vermutlich niemals gegeben.

Ich für meinen Teil werde in der nächsten Zeit genau die Augen aufhalten, um weitere Beispiele zu finden, welche ich euch schließlich in einem potenziellen zweiten Teil dieses Spezials zeigen kann. Falls ihr noch weitere Spiele kennt, welche sich verwunderlich nah an den europäischen Kulturraum angliedern, könnt ihr mir sie natürlich gerne nennen.

Kommentare 8

  • PolyPlay manisch depressiv - 14.09.2017 - 17:11

    geil geschrieben!

    Ja im November Castlevania4 wie jedes Jahr um diese Zeit, aber auf welchem System dann dieses Mal ... Ich glaube mobil , wenn ich ein new3DSxlSNES bekomme :) oder SNESmini auf Bude nach Dreh....wenn alle Stricke reißen dann Original oder WiiUvc mit SNESpad an der Wiimote, Hauptsache das alljährliche Ritual seit Nov1992... Ich habe sämtlichste Sachen verscheuert für das Spiel damals 119.-DM

    Ich mag den gothenshit in Spielen aber ich finde einen fiktiven mix sehr geil aber auch spiele wo wirklich in der ehemaligen Sowjetunion DDR Gasherde rumstanden von Foron usw ....also Authentizität, Fantasie,das Gestalten der Spiele ist ebenso eine Kunst
  • stl1988 Turmknappe - 14.09.2017 - 19:03

    Hätte man hier nicht auch Pokémon X und Y erwähnen sollen? Die Kalos-Region basiert ja immerhin auf Frankreich und auch die großen Gebäude der Region sind allesamt im europäischen Stil gehalten.
  • Max Kluge Damn Good Coffee... - 14.09.2017 - 19:29

    @stl1988

    Gute Frage, ob ich das hätte machen "sollen" :D Ich meine, natürlich gibt es viele Beispiele und ich habe ja extra nach euren Erlebnissen bei dem Thema gefragt. In dem Sinne: Pokémon X und Y sind notiert, das schaue ich mir mal an :D
  • stl1988 Turmknappe - 14.09.2017 - 20:43

    Besonders erwähnenswerte Gebäude und Orte in Kalos wären z.B. das Château Tristesse in Vanitéa, der Magnum-Opus-Palast, der Turm der Erkenntnis in Yantara City, die Stadt Frescora mit ihrer Windmühle und letztendlich die Pokémon Liga. An all diesen Orten macht sich der europäische Stil besonders bemerkbar. Allerdings ist auch die restliche Kalos-Region europäisch angehaucht.
  • Atalantia III. Kommandantin des Glaubens - 15.09.2017 - 07:33

    Überfordert ihr hier nicht die meisten User? Das eine Drittel hat nur Nintendo Konsolen und dementsprechend nie Dark Souls gespielt, das andere Drittel ist nicht alt genug um sowas wie Gotik oder Mittelalter in der Schule durchgenommen zu haben, das letzte Drittel hat wohl beides genossen
  • otakon Ssssssssswitch - 15.09.2017 - 07:59

    Schönes Special und toll geschrieben ;)
    Beispiele für westlichen Einfluss gibt es sicher wie Sand am Meer, vorallem im RPG Bereich.
    In den frühen Final Fantasy Spielen (viele spätere kann ich da nicht so genau beurteilen) bzw allgemein in den SNES RPGs damals ist die Architektur sehr häufig europäisch gehalten, sowohl was große Festungen als auch kleinere Dörfer etc angeht, mir hat das immer sehr gut gefallen :thumbsup:
  • Max Kluge Damn Good Coffee... - 15.09.2017 - 11:20

    @Atalantia III.

    Man wächst mit seinen Aufgaben ;)
  • kakiss4 Turmbaron - 17.09.2017 - 08:50

    Wenn sich jemand für mittelalterliche Städte interessiert, ist er in Spanien richtig.
    Als sehr geiles Beispiel kann man hier Segovia nennen, meiner Meinung nach eine der schönsten Städte überhaupt.
    Da die Stadt bereits seit der römischen Zeit Spaniens existiert und über 2000 Jahre alt ist, hat man hier eine bombastische Komposition zwischen Antike und Mittelalter.


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    Und wenn man gerade in der Nähe ist, kann man auch nach Turegano, aber Vorsicht, das Dorf besteht wirklich fast nur aus dem was man auf dem Bild sieht ;) :


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    Das Land ist halt nicht umsonst Kastillien genannt ;)