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Videospiele – Verkannte Übermittler von Kultur und Werten?

Spezial

Normalerweise bin ich ein eher ruhiger Typ, der zwar gerne mit anderen Menschen spricht, sich in den meisten Diskussionen aber lieber zurückhält. Wenn es allerdings um Videospiele geht ... nun, das ist eine etwas andere Geschichte. Vor allem wenn dabei Thesen und/oder Klischees in den Raum geworfen werden, die so schlichtweg nicht stimmen. Schlussendlich sind Videospiele ein Medium, mit dem ich als Redakteur bei ntower und in meiner sonstigen Freizeit sehr viel Zeit verbringe. Verhalte ich mich deswegen anders als jemand, der nicht so häufig zockt? Wohl eher kaum. Gibt es überhaupt noch Menschen, die sich der audiovisuellen Spielekunst entziehen können? Ja, aber sie werden definitiv immer weniger.

Life is Strange lässt euch in die Leben der verschiedenen Charaktere eintauchen und eine emotionale Bindung zu ihnen aufbauen.

In diesem Spezial geht es mehr oder weniger darum, das verborgene Potenzial von Videospielen darzustellen, zu verdeutlichen, wozu sie in der Lage sind und wie sie unsere Weltanschauung verändern können. Schlussendlich dient es aber auch dafür, euch ein paar Beispiele an die Hand zu geben, wenn ihr euch mal wieder für euer Hobby rechtfertigen müsst.

Häufig, wenn wir einen guten Film gucken oder ein Buch lesen, bleibt etwas von dem, was dort erzählt wird, hängen. Ein bestimmter Aspekt erweckt das Interesse in einem und bleibt für eine gewisse Zeit im Hirn hängen, wo man schließlich, mal bewusst, mal unbewusst, über ihn nachdenkt. Auch Videospiele haben diese Fähigkeit, vor allem jene, die eine ausgefeilte Handlung und kulturelle Referenzen beinhalten. Das heißt aber nicht, dass das Spielen von Titeln, in denen schlicht eure Reaktion oder Aufmerksamkeit erfordert wird, Zeitverschwendung wäre. Aber dazu später mehr.

Vertieft ihr euch in die Handlung eines Rollenspiels, fühlt ihr mit den Charakteren, geht eine mehr oder minder emotionale Bindung mit ihnen ein und bangt um ihr Schicksal. Das Medium lässt einen dabei wie kein anderes in fremde Welten eintauchen und diese nachvollziehen. Dieser Fakt wurde mir vor einiger Zeit klar, als ich den Titel Life is Strange von Square Enix nachgeholt habe. Ich möchte jetzt keine Lobeshymnen über das Spiel abliefern, es hat auch seine Schwächen, aber die Entscheidungen, die dort getroffen werden müssen, sind teils sehr schwer zu fällen und zeigen uns, wie stark eine emotionale Bindung zwischen Spieler und Charakter sein kann.

Diese Bindung ermöglicht es uns, in die Gefühlswelt, die Umwelt und letztendlich auch das Leben der jeweiligen Figur einzutauchen, egal wie abstrakt die Spielwelt zu sein scheint. Schließlich erkennt man, wie es anderen Personen ergehen kann, und lernt Mitgefühl mit denen zu haben, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Zudem wird man dazu angeregt, Stereotype und Vorurteile zu hinterfragen. Mehr noch, wir können aus der Empathie, die wir einem Charakter entgegenbringen, viel über uns selbst und das Leben, was wir führen, herausfinden. Schlussendlich bieten die meisten Geschichten einen Ausweg für Hindernisse und Probleme und sind vielleicht Ansporn für viele, Verhalten, Prinzipien und Standpunkte zu überdenken.

Eure Gruppe in Xenoblade Chronicles 2 besteht aus vielen verschiedenen Nationalitäten und treibt den Bewohnern von Alrest dadurch ihre Vorurteile aus.

Auch die Probleme unserer realen Welt spiegeln sich stets in den Medien, die wir konsumieren wieder. So ist Rassismus in der The Witcher-Reihe ein Element der Spielwelt, welches dem Spieler entgegenschlägt. Die Konsequenzen von derart radikalem Verhalten werden hier deutlich aufzeigt und der Spieler schließlich dazu motiviert, derartiges Gedankengut zu hinterfragen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das neue Rollenspiel-Großwerk Xenoblade Chronicles 2 von Monolith Soft. In der Welt von Alrest gibt es viele verschiedene Völker, die sich untereinander gar nicht grün sind. Immer wieder wird dabei thematisiert, dass sich die Wesen verschiedener Herkunft über scheinbare Nichtigkeiten aufregen, oder durch Vorurteile und Gerüchte geschürt andere Charaktere beschuldigen oder sogar angreifen. Als Gruppe, die aus Ardainern, Menschen aus Gormott und einem Nopon besteht, spielt ihr hier häufig die Vermittler-Rolle und versucht, die verschiedenen Parteien zur Vernunft zu bringen – ihr zeigt, dass eine friedliche Koexistenz, solange man die anderen erst einmal kennengelernt und alle Vorurteile hinter sich gelassen hat, funktionieren kann.

Einen gänzlich anderen Ansatz vermittelt uns wiederum der Titel Mulaka, ein Action-Adventure, welches im Frühjahr auch für die Nintendo Switch erscheinen soll. Hierbei haben sich die Entwickler von Lienzo etwas ganz Besonderes ausgedacht und beziehen ihre Referenzen zu großen Teilen aus der Mythologie von mexikanischen Ureinwohnern, den Tarahumara. Mit ihrem Werk möchte das Team der Spieleschmiede die Kultur dieses Volksstamms und seine einzigartige und lange Geschichte aufzeigen.

Hiermit wird dem Spieler vermittelt, dass es neben dem Leben, welches wir in unserer Gesellschaft leben und als „normal“ ansehen, unendlich viele andere Varianten gibt, wie Menschen ihr Dasein auf diesem Planeten verbringen können. Mulaka möchte dabei Toleranz und Verständnis gegenüber Minderheiten, wie zum Beispiel den Tarahumara, vermitteln. Gleichzeitig bietet uns dieser Exkurs erneut ein Fenster in eine Lebensweise, die wir vermutlich niemals führen werden, eine andere Perspektive und somit einen Denkanstoß, den man für sich selbst verfolgen kann. Spiele wie diese, motivieren einen dazu, eine andere Kultur zu erkunden und seinen Horizont zu erweitern.

Mulaka lässt euch in die Welt des Volkes der Tarahumara eintauchen und dessen Kultur erkunden.

Ein ähnliches Konzept verfolgt das Spiel Never Alone (Kisima Ingitchuna), welches uns die Geschichte des Volkes der Iñupiat – eines der sieben indigenen Völker von Alaska – näherbringt. Dieses zeigt euch durch sein cleveres Leveldesign, wie das Leben in diesem Teil der Erde von Flora und Fauna beeinflusst wird. Ein Eisbär ist hier nicht nur ein Tier, welches man im Zoo in einem engen Käfig begutachten kann, sondern ein gefährlicher Gegner, vor dem man besser wegläuft, als sich ihm im Kampf zu stellen. Eiskaltes Wasser stellt ebenso eine Gefahr dar und sollte tunlichst nicht durchquert werden. Es sind diese Elemente, die zwar vielleicht trivial wirken, uns aber die jeweilige Lebenssituation darstellen, wodurch wir nachvollziehen können, wie ein Leben abseits unserer Komfortzone aussehen kann. Hinzu kommen bei Never Alone noch Collectibles, die euch diverse kleine Film- und Doku-Sequenzen freischalten, in denen Angehörige der Iñupiat über ihre Kultur und ihr Leben erzählen.

Doch wie sieht es mit Spielen aus, die sich mehr auf unsere motorischen Fähigkeiten berufen? Spiele wie Jump and Runs oder Fighting Games? Jane McGonigal erklärt in ihrem Buch „Reality is Broken“, dass Videospiele nicht mehr als „der freiwillige Versuch sind, unnötige Hindernisse zu überwinden“. Dieser Versuch ist anspruchsvolle Arbeit, die uns viele verschiedene motorische, aber auch geistige Fähigkeiten abverlangt. Wenn wir uns in ein solches Spiel vertiefen, erfüllen wir unsere größten Bedürfnisse, geben unserer freien Zeit eine Bedeutung, fühlen uns gefordert und motiviert. Die Zeit, die wir spielend verbringen, kann sich also positiv auf unser Wohlbefinden auswirken. Zudem argumentiert sie, dass Spielen an sich nicht das Gegenteil von Arbeit ist, sondern vielmehr eine andere Form davon.

Eine Arbeit, die wir uns selbst aussuchen, die uns bis an unsere Grenzen fordert und uns dazu anspornt, immer besser zu werden. Dieses Spezial könnte komplett mit den Thesen und Erkenntnissen von McGonigal gefüllt werden, weshalb ich an dieser Stelle einfach nur eine Empfehlung aussprechen möchte. Jeder, der sich mit der Wirkungsweise von Videospielen und ihr Potenzial für eine bessere Zukunft für unsere Zivilisation auseinandersetzen möchte, sollte sich dieses Buch definitiv mal zu Gemüte führen.

Ich hoffe, ich konnte denen, die mit dem Sinngehalt ihres Hobbys hadern, weil sie es von den Vorurteilen der Gesellschaft vorgelebt bekommen, helfen, ein wenig mehr Selbstvertrauen an den Tag zu legen. An alle anderen, die bereits wissen, dass sie ihre Zeit mit dem Spielen von Videospielen nicht verschwenden (natürlich alles relativ gesehen): Seid stolz auf eure Lieblingsbeschäftigung und reflektiert, was euch die Entwickler mit auf den Weg geben möchten.

Wenn euch zudem das nächste Mal jemand erklären möchte, dass Videospiele euch die Zeit rauben, oder schlicht minderwertige Unterhaltung sind, dann kontert ihn mit konkreten Beispielen, wie diesen, die ich euch in diesem Spezial vorgestellt habe. Unser Lieblingsmedium hat ein ungeheures Potenzial, welches wir bislang nur zu einem kleinen Teil ausschöpfen, weil wir ihm selbst noch nicht ganz gewahr sind. Ich bin jedenfalls tierisch gespannt, was die Zukunft bringt und was für fordernde, unterhaltsame, nachdenkliche und anspruchsvolle audiovisuelle Kompositionen noch auf uns warten.

Relevante Spiele

  • Cover von Never Alone

    Never Alone

    System: Wii U

    Vertrieb: E-line Media

    Genre: Adventure

    7 8 2
  • Cover von Xenoblade Chronicles 2

    Xenoblade Chronicles 2

    System: Nintendo Switch

    Vertrieb: Nintendo

    Genre: RPG

    9 9 91
  • Cover von Mulaka

    Mulaka

    System: Nintendo Switch

    Vertrieb: Lienzo

    Genre: Adventure, Action, 3D

    8 - 1

Kommentare 9

  • A Link to the Past Turmknappe - 23.12.2017 - 12:22

    In meiner Region hier, werden Videospiele immer noch als unnötig und vor allem zeitverschwenderisch betrachtet.
    Ich sehe das ganz anders und wie im Special beschrieben (grosses Lob dafür!!!).
    Das Problem ist eben immer noch, das viele nur die Call of Duty und WoW Spieler auf dem Schirm haben, die damals, als die Spiele noch recht neu waren und somit denken, das man nur 24 Stunden vor einem Spiel am Tag sitzt.

    Klar, die meisten von uns kaufen dank Deals und Collectors Editions mehr Spiele als sie überhaupt spielen können, aber ist man deswegen süchtig oder gar so anders?

    Ich finde es sehr kleingeistig über andere Menschen ihr Hobby zu lästern, nur weil sie wegen Kinder oder Arbeit keine Zeit zum spielen haben (und das obwohl die Leute selbst früher gerne gespielt haben....).

    Jeder soll das machen was einem gefällt und selbst wenn man am Tag 2 oder 3 Stunden spielen sollte! Ich zum Beispiel gucke GAR KEIN TV mehr (langweilt total) und bin froh das ich meine Konsolen habe.
    Was will man auch gross machen wenn man von der Spätschicht um 21 Uhr heim kommt! Xte Folge Simpsons gucken? Wiederholungen? Dann bestimme ich lieber selbst was ich mache in Form eines Spiels!

    Außerdem.....ob ich jetzt ein Buch lese 2 Stunden lang oder 2 Stunden ein DS/Controller in der Hand habe, die Zeit ist bei beiden Dingen genau so verflogen!

    Danke Euch fürs lesen und wünsche Euch allen frohe Weihnachten und möglichst tolle Spiele/Merchendise unter dem Baum! ☺
  • GamingPeter 24 Tage!!! - 23.12.2017 - 12:39

    @A Link to the Past Perfekt auf den Punkt gebracht. :thumbup:
  • Airsyx True Hunter - 23.12.2017 - 13:13

    Gerade in Deutschland ist man schon merkwürdig wenn man nicht 24/7 am saufen und arbeiten ist/daran denkt.
  • Tama Hack Fraud - 23.12.2017 - 13:46

    Übermittler von Kultur, aber nur solange alles so ist wie im Ziel Land.
    Ansonsten muss man es kulturell anpassen um die Armen Leute vor "falscher" Kultur zu schützen.
  • Marq Anime-Spiele ohne Chibis! - 23.12.2017 - 15:50

    Schöner Artikel, @Max Kluge. :thumbup:

    Hat mich tatsächlich dazu gebracht, mich mal mit dem Spiel Mulaka zu beschäftigen. Ich hatte vorher noch nie von diesem Volk gehört und finde deren Kultur faszinierend. Schön, dass es nicht zum hundertsten Mal um das alte Ägypten, Rom oder so geht. :rolleyes:

    Hoffen wir, dass das Spiel genügend Aufmerksamkeit erhält, um ein paar Vorurteile abzubauen.
  • Sebi.L. Turmbaron - 23.12.2017 - 16:50

    Vielen Dank für das Spezial! Bei mir werden Videospiele nicht immer von der positiven Seite betrachtet. Manche sagen, es sei Zeitverschwendung. Andere meinen, es würde nur verblöden und es wäre kein Hobby. :| Man hat es nicht immer leicht, da den richtigen Konter zu finden, deswegen nochmal danke für den Artikel! :)

    Für mich sind Videospiele einfach was sehr schönes im Leben. Einfach in eine Welt eintauchen, die es so im echten Leben nicht gibt. Das ist einfach so aufregend! Man verliebt sich in vielen Charakteren und man fiebert mit ihnen mit (wie in Filmen) . Videospiele zu spielen sind also sehr wohl ein tolles Hobby. Klar, den ganzen Tag sollte man auch nicht spielen. Aber sonst sehe ich kein großes Problem. Außerdem ist man selber groß, um entscheiden zu können, was man machen will.
  • bretoli Turmknappe - 23.12.2017 - 19:11

    Diese Probleme gab es aber schon immer. Der "Ich-Erzählung" standen die Leute anfangs auch kritisch gegenüber und heute gehört es zum Standard.

    Gibt übrigens nicht nur die eine Seite. Ich finde es persönlich wesentlich schlimmer wenn Spieler Videospiele allgemein als Kunst bezeichnen wollen, was wohl kaum der Fall ist. Ein Battlefield oder Cod, Fifa etc sind definitiv keine Kunst für mich. Das Spiel das mich am meisten bisher in meiner spielerischen Laufbahn beeindruckt hat und für mich auch ein Kunstwerk ist, wäre der erste Teil von Bioshock.
    Warum gerade dieses Spiel? Weil es mich wie kein anderes und auch kein Film oder Buch so sehr sensibilisiert hat, was das manipuliert werden durch andere angeht.

    Allgemein finde ich die aktuelle Situation aber ganz in Ordnung, weil man dadurch öfter gezwungen ist sich selbst auch mal zu hinterfragen. Denke allerdings auch, dass sich das Ganze in den kommenden Jahren legen wird und Videospiele in der Gesellschaft genau so anerkannt sind wie Bücher und Filme.

    Ach, was das "blöde Gamer" Gelaber angeht. Ich meine auf mein-mmo haben die mal einen Artikel veröffentlicht in dem eine Studie zum besten gab das Leute die Videospiele konsumieren durchschnittlich wohl intelligenter seien, bei Nutzern sozialer Netzwerke verhält es sich wohl anders rum.
  • Wowan14 Gamer aus Leidenschaft - 23.12.2017 - 21:45

    Ja Videospiele vermitteln wirklich wahrlich viel und die Vorurteile anderer Nerven da extrem. Leider kenne ich kaum Leute sodass ich mich über Videospiele allgemein oder spezifisch kaum persönlich austauschen kann und stattdessen mir stets anhören soll wie negativ diese Art von beschäftigung ist und das in meinem Alter als ob das eine Rolle spielt (manche stecken immernoch in dem Denken fest, dass Spielen automatisch mit Kindern verbunden wird und niemals auf Erwachsene zutreffen sollte).
    Wie hier beschrieben hat Life is Strange mich wahrlich beeindruckt wie sehr man doch in die Welt sich selbst einlebt und dann die in oder andere Entscheidung einem so dermaßen extrem schwer fällt das man am liebsten sich garnicht entscheiden will. Besonders die allerletzte Entscheidung sorgte sicher bei vielen für einen starken inneren Konflikt.
    Auch Spiele wie Persona vermitteln sehr gut so zwischenmenschliche Beziehungen und wie unterschiedlich doch jeder ist und so muss man sich dann auch in die Personen hineinversetzen um die richtigen Antworten zu wählen. Sicher fördert es auch im realen das zwischenmenschliche Verständnis und erleichtert vielleicht sogar den Umfang mit bestimmten Fällen.
    Sicher haben Spiele wie Nier und Nier Automata auch vielen Spielern einiges zum Denken gegeben, was richtig und was falsch ist. Ob wirklich die eigenen egostischen Ziele immer das richtige sind usw. Als Gamer lernt man wirklich viel in vielen Bereichen.

    @Airsyx Fußball und Sex hast vergessen xD
    aber ja alleine schon wenn man überhaupt kein Alkohol konsumiert wird man als sonderling abgestempelt als ob etwas mit einem nicht Stimmen würde. Diese Blindheit tut echt weh.
  • JedenCore Turmknappe - 24.12.2017 - 14:07

    Danke für diesen Artikel. Hat mir sehr gefallen.
    Gerade dieses Jahr ist mit Hellblade ein besonderes Beispiel virtueller Kunst erschienen.