Graphic Novel-Rezension: Die Farbe der Dinge Über den Tellerrand

Stellt euch vor ihr seid ein Punkt. Nicht so spektakulär, oder? Kein Komma, kein Semikolon, einfach ein Punkt. Wobei, nicht irgendein Punkt, eher so ein Punkt wie auf einer Infografik. Besonders beliebt sind solche Infografiken ja am Eingang von Zoos oder von Parkanlagen. Dort könnt ihr euren Standort dann auch mittels eines solchen Punktes bestimmen. Also ist es vielleicht doch nicht so schwer, sich mit einem Punkt zu identifizieren? An dieser Stelle stellt ihr euch ja auch vor, dass ihr dieser leuchtende farbige Punkt seid. Doch ich sollte nun zum Punkt kommen. Schließlich geht es hier nicht um den passenden Weg zum Affenhaus, sondern um die neueste Graphic Novel des Schweizers Martin Panchaud.


Für mich ist dies die erste Veröffentlichung von Panchaud, die ich gelesen habe. Aber schon bei der Vorschau des Titels im Katalog sprang mir die Optik direkt ins Auge und ich wusste, das will ich lesen. Für mich überraschend: Es ist auch die erste Graphic Novel überhaupt von Martin Panchaud, der sich vorher aber mit seinem Stil schon einen Namen gemacht hatte und abseits des hier vorliegenden Buches mit seinen Grafiken in einigen anderen Veröffentlichungen auftauchte. Wie für alle Comic-Leser und Graphic Novel-Verschlinger gilt auch für mich die Tatsache, dass eine solche Veröffentlichung immer von mindestens zwei Seiten betrachtet werden sollte: Zum einen die grafische Darstellung (inklusive der Farbgebung) und zum anderen die Geschichte. Da mich die Geschichte in der Regel nur mittels der Prämisse anspringen kann, fällt mein optisches Augenmerk bei Comics und Graphic Novels zunächst auf die Zeichnungen. Bin halt auch ein visuell geprägter Mensch, was will ich machen.


Simon im Gespräch mit seiner Mutter. © Edition Moderne


Mit „Die Farbe der Dinge“ legt Panchaud ein komplettes Buch im Stile der Infografiken vor. Der Clou daran ist, dass er dazu eine komplett ernstzunehmende Geschichte erzählt. Und so wird der Protagonist auch gleich auf dem Cover des Buches vorgestellt: Es ist der orangene Infografik-Punkt im rechten unteren Bereich des Buches. Was für ein Star, dabei ist Simon doch erst 14 Jahre alt. Und schon auf dem Cover eines Buches, keine schlechte Karriere.


Ein Großteil des Buches stellt die erzählte Geschichte aus der Vogelperspektive dar. Die Protagonisten und Antagonisten werden aus dieser Sicht gezeigt und ihre Bewegungen und Aktivitäten lassen sich oftmals nur mittels der Fantasie des Lesers ermitteln. Wenn zwei Punkte näher zueinander dargestellt werden, ist klar, dass sie sich aufeinander zubewegen. Unterstützt werden diese Darstellungen allerdings durch manche detaillierte Grafik an der entsprechenden Stelle, etwa von einem Wettschein oder einer Krankenakte. Bei größeren Ansammlungen von Menschen gibt es auch eine Legende, etwa um Personal im Krankenhaus oder auf einer Polizeistation den entsprechenden Kommissar zu kennzeichnen. Das ist im Buch an den entsprechenden Stellen stets von Panchaud bedacht und lässt den Leser eigentlich nie im Unklaren, was hier nun gerade passiert.


Der Tag des großen Pferderennens ist gekommen. © Edition Moderne


Simon Hope lebt mit seiner Mutter und seinem Vater in einem Londoner Vorort. Simon ist ein wenig übergewichtig, eher unsportlich und bei den Jungs in der Nachbarschaft nicht sonderlich beliebt. Diese Jungs nutzen ihn eher aus, drangsalieren ihn und schicken ihn bei Mutproben vor. Er soll die Drecksarbeit für sie erledigen. Zu Hause läuft auch nicht immer alles rund, Simon und seine Familie haben nicht viel Geld auf der hohen Kante. Seine Eltern streiten sich oft und sein Vater hat keine guten Worte für Simon übrig.


Wusstet ihr, dass Blauwale manchmal bis zu 80 km pro Tag schwimmen, nur um sich fortzupflanzen?


Eines Tages bekommt Simon von einer Wahrsagerin prophezeit, dass er eine hohe Summe Geld beim Pferderennen gewinnen kann, wenn er auf ein entsprechendes Pferd setzt. Gesagt, getan. Weil Simon jedoch kein Geld hat, nimmt er welches von seinem Vater, der in einem Versteck im Haus noch einige Scheine gebunkert hatte. An der Rennbahn setzt Simon dann auf das richtige Pferd und gewinnt theoretisch den Hauptpreis von knapp 16 Millionen Pfund.


Die Startaufstellung steht, die Spannung steigt. © Edition Moderne


Simon kann den Gewinn jedoch nicht einlösen, eigentlich hätte er auch gar nicht wetten dürfen, schließlich ist er erst 14 Jahre alt. Also macht er sich auf den Weg nach Hause, um von seinem Vater oder seiner Mutter die Unterschrift zu erhalten und den Gewinn einzulösen. Doch zu Hause angekommen, findet er neben Polizei und Notarzt nur noch seine Mutter schwer verletzt und nicht ansprechbar vor.


Blauwale sind schon beeindruckende Tiere, oder? Knapp 30 Meter lang und bis zu 200 Tonnen schwer können Weibchen in ihrem Leben auch mehrmals Kinder bekommen. Schließlich geht man davon aus, dass sie locker 100 Jahre oder älter werden können.


Simons Mutter liegt ab dem Zeitpunkt im Krankenhaus und befindet sich im Koma. Sein Vater ist verschwunden und Simon nun auf sich allein gestellt. Weder die Menschen im Krankenhaus noch bei der Polizei sind für Simon sehr hilfreich, scheren sie sich doch einen feuchten Kehricht um ihn. Doch Simon gibt nicht auf und macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Dabei erhält er Unterstützung von einem weiteren Mann, der ebenfalls vorgibt, sein Vater zu sein. Und auch der Blauwal spielt noch eine gewichtige Rolle.


Konsequent beginnt das Design des Buches bereits auf dem Cover. © Edition Moderne


Panchaud schafft es in dieser Graphic Novel sehr schnell, den Leser zu fesseln. Was hat es mit dem Schicksal von Simon auf sich? Wie wird er aus der aussichtslosen Situation herauskommen? Wacht seine Mutter jemals wieder auf? Im Lauf der Geschichte fängt der Leser an, für Simon Partei zu ergreifen, auch wenn man sich als Erwachsener manchmal denkt: Mach das nicht! Hier mag ein Klischeebild einer englischen Kleinfamilie mit wenig Geld herhalten: Der Vater trinkt viel Alkohol, die Mutter lenkt sich mit Backen oder anderen Tätigkeiten ab und lässt Simon viel mehr Essen zukommen, als es ihm eigentlich guttun würde. Dennoch schafft es Martin Panchaud die Figuren nicht unglaubwürdig werden zu lassen, Simon ist halt auch erst 14 und handelt dementsprechend nicht immer vollkommen rational. Ob er sich am Ende über den Gewinn freuen kann, soll hier natürlich nicht verraten werden und auch die Frage nach dem Blauwal, den ich hier im Text so vermeintlich wirr hineingeschmuggelt habe, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Douglas Adams würde den kleinen Part mit dem Blauwal in dieser Geschichte vermutlich lieben.


Fazit


„Die Farbe der Dinge“ beginnt als Drama, ist zwischendrin ein Road-Movie und endet mit einem „Bang“! Der Leser stellt sich auf die Seite von Simon und fühlt mit ihm, weil die Erwachsenen in der Geschichte in der Regel wenig Mitgefühl zeigen. Trotz der minimalistischen Zeichnungen kann Panchaud mit der Inszenierung punkten, denn ich habe mich als Leser oftmals erwischt, wie ich die fehlenden Interaktionen der Protagonisten in meiner Fantasie ergänzt habe. Und das ist nicht anders, als bei einer herkömmlichen Graphic Novel, im Gegenteil, es lässt dem Leser noch viel mehr Interpretationsspielraum. Die Ansicht im Stil von Infografiken punktet dabei durch ihre nüchterne Anschaulichkeit, verpackt in eine mitreißende Geschichte mit viel Humor und tollen Dialogen. Wer sich von der Optik nicht abschrecken lässt, bekommt eine Graphic Novel spendiert, die ihresgleichen sucht, weil sie eine perfekte Symbiose zwischen „es ist im Buch abgebildet“ und „es passiert nur in deinem Kopf“ darstellt. Gerne mehr davon!


Die Farbe der Dinge ist erschienen bei Edition Moderne – ISBN 978-3-03731-201-8, Hardcover, 224 Seiten, farbig, 17 x 24 cm,
Halbleinenband, 35,- Euro


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Berichtsbild: © Edition Moderne

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Kommentare 1

  • AnimalM

    Turmbaron

    Nice :thumbup: Finde die Idee mit den Infografiken richtig gut. Schau ich mir mal an.