Graphic Novel-Rezension: Trubel mit Ted

Über den Tellerrand

Ted hat einen blutigen Zeh. Jeden Morgen klingelt sein Wecker, er steht auf und zieht sich an. Zuerst die Unterhose, dann das Hemd, gefolgt von der Hose und den Schuhen. Vor dem Frühstück muss er sich übergeben, dann schüttet er sich Müsli und Milch in den Rachen und rennt los. In der prall gefüllten Metro sitzt Ted immer auf demselben Platz und steigt immer an derselben Station in die nächste Linie um. Ted arbeitet in der Bibliothek. In der Pause isst er immer „Trippel-Tschiiis-Bacon-Mayo-Extra-Fritten“ und trinkt dazu eine Cola. Nach der Arbeit fährt er wieder mit der Metro nach Hause, sitzt immer auf demselben Platz und steigt immer an derselben Station in die nächste Linie um. Abends schaut er dann noch Fernsehen, macht sich ein Mikrowellen-Essen warm und wird von seiner Mutter per Handy daran erinnert, sich seine Zähne zu putzen.

In der Metro sitzt Ted immer auf dem selben Platz. © Edition Moderne



Das ist Teds Tagesablauf, das gibt ihm Halt. Ted ist 26 Jahre alt, sehr groß gewachsen, eher schlaksig und lebt jeden Tag nach einem strengen Plan. So zieht er zwar jeden Tag ein Hemd an, hat allerdings jedem Tag auch eine entsprechende Hemdsfarbe zugeordnet. Immer gleiche Abläufe geben Ted Halt. Sie bestimmen seinen Tagesablauf. Ted findet das gut so, er hat sich ja alles schließlich so eingerichtet. Ted hat eine Störung der neuronalen und mentalen Entwicklung, genannt Asperger-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine Variante des Autismus, die sich in Besonderheiten und Schwierigkeiten innerhalb der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie Unterschiede bei der Wahrnehmung und Reizverarbeitung äußert. Immer dieselben Abläufe sind bei Ted also so gewollt und helfen ihm, sich jeden Tag in seinem Leben zurechtzufinden. Sich in andere Menschen hinein zu versetzen oder sich in unvorhergesehenen Situationen wiederzufinden, fällt Ted schwer.

Als dann eines Tages die gewohnte Metro-Linie nicht fährt, weil dort Bauarbeiten angesetzt sind, bricht Teds Leben nach und nach zusammen. Nicht nur, dass er mit der Situation komplett überfordert ist, nein, er lernt auch eine ältere Frau kennen und begleitet sie zu ihrer Chor-Probe. Dort kann Ted nicht aus seiner Haut und antwortet wahrheitsgemäß auf die Frage, ob es ihm gefallen hat, mit einer starken Verneinung. Im Anschluss unterhalten sich Ted und die ältere Dame namens Mariam noch ein wenig und landen schließlich bei Ted zu Hause. Gefühle, Mimiken und Gestiken sind für Ted ein Rätsel. Liebe und Sex findet bei ihm bisher nur im Kopf statt, doch Mariam scheint Interesse an ihm zu haben, zumindest stößt sie Ted nicht direkt vor den Kopf, sondern geht auf seine Ausführungen ein.

In der Pause verschlingt Ted gerne einen "Trippel-Tschiiis-Bacon-Mayo-Extra-Fritten“ und trinkt eine Cola dazu. © Edition Moderne



Doch so plötzlich wie Mariam und Ted sich treffen, so plötzlich geht die aufblühende Verbindung auch wieder auseinander. Mariam wird von einem Auto angefahren und der Fahrer begeht Fahrerflucht. Ted ist mit der Situation komplett überfordert und versucht, sich das Leben zu nehmen, indem er sich aufhängt. Doch dies gelingt ihm nicht und so irrt er in den nächsten Tagen abseits seines eigentlich geregelten Tagesablaufs umher und gelangt so in die eine oder andere haarsträubende Situation. Nach einiger Zeit schaltet sich dann noch Teds Familie ein, krempelt sein Leben vollends um, setzt ihn auf Medikamente und schiebt ihn in eine Betreuungsunterkunft ab – alles natürlich nur zu seinem Besten.

Wenn ihr mit Farben nichts anfangen könnt, dann ist Trubel mit Ted nichts für euch. Überall springen dem Leser die unterschiedlichsten Farbpaletten ins Gesicht. Autorin Emilie Gleason nutzt diese Möglichkeit, um darzustellen, wie Ted die Welt sieht. Dies macht es für den Leser nicht immer einfach, dem Gezeigten zu folgen, haben die Gegenstände auch nicht die gewohnten Farben aus dem normalen Möbelhaus. Dadurch kommt man als Leser aber der Erlebniswelt von Ted näher und es ist schon faszinierend zu entdecken, wie zum Teil auch Emotionen visuell und farblich dargestellt werden. Wir erleben dadurch zwar nicht die Perspektive eines Menschen, der mit dem Asperger-Syndrom leben muss, weil Emilie Gleason selbst nicht mit dieser Wahrnehmungsstörung lebt, dennoch finde ich ihren Ansatz mehr als gelungen.

Bereits mit dem farbenfrohen Cover macht das Buch auf sich aufmerksam. © Edition Moderne



Das hätte im Verlauf des Buches sicher auch nach hinten losgehen können, wenn Gleason mit ihrer Erzählung Ted nicht als einen Menschen mit täglichen Bedürfnissen und Ängsten zeigen würde. Ich hab mich als Leser ziemlich schnell mit Ted identifizieren können, weil auch ich als Mensch ohne Asperger-Syndrom nicht auf jede Situation die passende Antwort habe. Manches Mal hab ich mich auch erwischt und musste über Ted lachen, weil seine Verhaltensweisen und die Situationen so abstrus waren. Deswegen hab ich mich nicht schlecht gefühlt oder überlegen, sondern konnte durch die einfühlsame Darstellung von Ted mit ihm mitfühlen und musste mich eher über die anderen Menschen in seiner Umgebung gewundert.

Fazit

In Trubel mit Ted verarbeitet die Künstlerin Emilie Gleason die Erlebnisse mit ihrem Bruder, der ebenfalls mit dem Asperger-Syndrom lebt. Sie lässt auch keine Details oder Informationen innerhalb der Familie aus, von denen man ausgehen kann, dass sie teilweise autobiografischen Ursprungs sein könnten. Im Verlauf der Geschichte verlässt Gleason aber diesen autobiografischen Ansatz und nutzt das Buch, um aufzuzeigen, wie schwierig es für beide Seiten ist, mit dieser Störung zu leben und umzugehen. In der Gesellschaft könnte mehr Integration von Menschen mit Asperger-Syndrom erfolgen, indem es gelingt, mehr Verständnis und Umsicht über diese Störung in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich persönlich kenne keine Person mit dieser Störung, aber der schlaksige Ted bietet dahingehend einen guten Gesprächsansatz, auf dem man aufbauen kann. Neben der Wichtigkeit und Leichtigkeit dieses Buches schafft es Emilie Gleason auch, den Leser zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen. Beides kommt hier zusammen, weswegen dieses Buch nicht nur für Graphic Novel-Leser interessant sein dürfte, auch solche, die keine großen Fans der neunten Kunst sind, sollten einen Blick riskieren.

Trubel mit Ted ist erschienen bei Edition Moderne – ISBN 978-3-03731-200-1, Klappenbroschur, 128 Seiten, farbig, 17 x 24 cm, 24,- Euro

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Berichtsbild: © Edition Moderne

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