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Iron Harvest 1920+ für PC im Test – Auf in den Krieg, aber mit Mechs! Über den Tellerrand

1918, der Erste Weltkrieg ist vorbei, einer der größten Konflikte der Menschheitsgeschichte findet sein Ende und die einstige Weltordnung ist nicht mehr. Der Krieg forderte auf allen Seiten viele Menschenleben, sowohl von militärischer als auch von ziviler Seite aus gab es herbe Verluste zu vermelden, und auch die materiellen Schäden gehen in die Milliarden, allen voran die Entwicklungskosten der schwergepanzerten Mechs, die in den Schlachten eine wichtige Rolle spielten. Moment, Mechs? Hat der McHugh im Geschichtsunterricht etwa nicht aufgepasst? Mitnichten, denn wir befinden uns hier in einer alternativen Zeitschreibung, in der das Strategiespiel Iron Harvest 1920+, erschienen für den PC, angesiedelt ist. Basierend auf dem 1920+ Universum des polnischen Künstlers Jakub Różalski, der auch das Design für das Brettspiel Scythe entworfen hat, wurde der Große Krieg, stellvertretend für unseren Ersten Weltkrieg, mit Hilfe von riesigen mechanischen Vehikeln gewonnen. Der Stil lässt sich wohl noch am ehesten als Diesel-Punk bezeichnen und vereint das spät-industrielle Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den eher zukunftsorientierten Mech-Einheiten und weiteren Erfindungen. Ob ein Echtzeitstrategie-Titel in einem solch ungewöhnlichen Szenario gut funktionieren und ob das Spiel allgemein überzeugen kann, das wollen wir im Folgenden näher beleuchten.


In Iron Harvest dominieren nicht nur die Mechs das Schlachtfeld ...

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Wie es der Name bereits vermuten lässt, spielt Iron Harvest 1920+ im namensgebenden Jahr 1920. Der Große Krieg ist seit zwei Jahren vorüber und es herrscht ein brüchiger Frieden zwischen den Großmächten, der jedoch auf sehr wackeligen Beinen steht. In diesem Szenario schickt euch das Spiel durch drei Kampagnen, in denen ihr nacheinander einer der drei Großmächte, die Polania Republik, Rusviet sowie das Sächsische Imperium steuert. Die Geschichte des Spiels umspannt sich dabei über alle drei Kampagnen und bildet einen großen Handlungsbogen. Zu Beginn verkörpert ihr die polnische Kämpferin Ana, die durch unglückliche Umstände gezwungen ist, sich dem Widerstand gegen die rusvietische Belagerung ihres Landes anzuschließen. In dieser Kampagne erlernt ihr quasi alle wichtigen Spielelemente und bereits das Tutorial versprüht dabei einiges an Charme. Denn anstatt euch einfach stumpf eine Armee an die Hand zu geben und euch zu zeigen, wie ihr dieser Befehle erteilt, verkörpert ihr Ana in ihren Kindertagen und erlernt die strategischen Grundkenntnisse in Form einer Schneeballschlacht, in der das junge Mädchen sich gegen eine Überzahl an Jungs zur Wehr setzen muss. Im Allgemeinen kann man positiv hervorheben, dass Iron Harvest sehr viel auf wiedererkennbare Charaktere setzt, die euch durch die hervorragend inszenierte und erzählte Kampagne hindurch begleiten. Ihr seid kein namenloser Kommandant, sondern eine Figur mit einer eigenen Geschichte, Persönlichkeit und auch Makeln und Fehlern. Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die Kampagnen, denn nachdem ihr euch auf polnischer Seite gegen die bösen Besatzer gewehrt habt, spielt ihr den Konflikt aus deren Sicht und, ohne zu viel spoilern zu wollen, lernt schnell: Es gibt hier kein Schwarz und Weiß, sondern ziemlich viel Grautöne, von denen manche nachvollziehbar sind, andere wiederum nicht. Das führt letztendlich dazu, dass man stets motiviert ist, die Kampagne erfolgreich fortzusetzen, um zu erfahren, wie es denn nun weitergeht.


Bei Iron Harvest 1920+ handelt es sich durch und durch um ein klassisches Echtzeitstrategiespiel. Je nach Missionstyp, zu denen wir später noch kommen, errichtet ihr entweder eine Basis oder müsst mit einer festen Anzahl an Truppen ein bestimmtes Ziel erreichen. Das Spielgeschehen lässt sich dabei nicht pausieren und erfordert stets eure volle Aufmerksamkeit. Was den Titel jedoch von Spielen wie dem ebenfalls von uns getesteten Command & Conquer Remaster unterscheidet, ist die Tatsache, dass ihr nur über ein limitiertes Einheitenkontingent verfügt und euch genau überlegen müsst, was für Einheiten ihr baut und inwiefern ihr Schlüsselpositionen mit speziellen Verteidigungsstellungen sichert. Der Basisbau fällt auch recht simpel aus, denn neben den bereits erwähnten Verteidigungsgebäuden gibt es nämlich nur eine Baracke und eine Werkstatt, in der ihr eure Bodentruppen rekrutieren bzw. herstellen könnt – auf Luft- oder Marineeinheiten verzichtet Iron Harvest komplett. Was nun im ersten Moment recht karg anmutet, entpuppt sich jedoch spielerisch als gut ausbalanciertes System, denn jede Einheit, die ihr herstellen könnt, hat ihren Sinn und Zweck. Das rührt auch daher, dass nicht jeder Soldat den gleichen Schaden anrichtet, ein Beispiel:


Ein einfacher Infanterist wird einem Mech mit seinem Gewehr relativ wenig anhaben können, ein Soldat, der mit einer Handkanone bewaffnet ist, fügt dafür gepanzerten Einheiten umso mehr Schaden zu, sieht jedoch kein Land gegen die bereits erwähnten Infanteristen oder Flammenwerfertruppen, welche wiederum gegen Soldaten im Exopanzer nicht den Hauch einer Chance haben. Und dann gibt es da natürlich noch die Mechs, die wie übermächtige Kampfkolosse erscheinen und alle übrigen Bodeneinheiten auf den ersten Blick obsolet erscheinen lassen. Doch trügt dieser Schein gewaltig, denn zum einen zehrt bereits ein einzelner Mech ziemlich an eurem begrenzten Einheitenlimit, zum anderen sind die schweren Maschinen teilweise recht träge und behäbig und damit anfällig für hinterhältige Angriffe. Denn wer einem der eisernen Kolosse von hinten einen Treffer verpasst, richtet mitunter enormen Schaden an. Zudem haben alle menschlichen Truppen den Vorteil, dass sie Gebäude einnehmen sowie herumstehende Geschütze bemannen und sich auch die Umgebung deutlich besser zunutze machen können. Denn wenn eine Truppe Soldaten in Deckung geht und von dort das Feuer eröffnet, sind die eigenen Einheiten nicht nur besser geschützt, sondern können je nach Lage auch besser treffen. So kann selbst eine einzelne, vermeintlich schwächliche, Bodentruppe mit einer Handkanone einem Mech ziemlich zusetzen. Und zu guter Letzt sind eure menschlichen Truppen auch unglaublich flexibel: Fällt eine eurer Einheiten oder ein Gegner, lässt dieser seine Ausrüstung auf dem Boden liegen, die nun von jeder Einheit aufgesammelt und verwendet werden kann. So wird aus einem Ingenieur, der sich eigentlich kaum wehren kann, plötzlich ein Soldat mit einem Schnellfeuergewehr, der seinen Feinden ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Ihr seht also, die Einheiten sind in einem guten Schere-Stein-Papier-System konzipiert worden, das durchaus funktioniert und auch schwächeren Einheiten eine Daseinsberechtigung gibt.


... denn auch eine einfache Infanterie kann mit den richtigen Mitteln einen Koloss zu Schrott verarbeiten.

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Doch bevor ihr euch eine kleine Armee errichten könnt, benötigt ihr die entsprechenden Ressourcen, von derer es bei Iron Harvest 1920+ zweierlei gibt: Eisen und Öl. Diese erhaltet ihr zum einen durch herumstehende Ölfässer und Eisenkisten, zum anderen auch durch Eisenminen und Ölraffinerien, die auf der Karte verteilt sind. Letztere könnt ihr mit Hilfe einer Bodentruppe einnehmen und von da an werfen diese in regelmäßigen Abständen Ressourcen für euch ab. Natürlich kann euch der Feind diese auch streitig machen, weswegen es stets gilt, diese strategischen Positionen zu sichern, sei es mit Truppen oder Verteidigungsstellungen wie Kanonen- und MG-Bunkern. Die feuern automatisch in einem begrenzten Radius auf alle Feinde und können ordentlich Schaden anrichten – verbrauchen aber im Gegensatz zu den anderen Gebäuden ebenfalls euer Einheitenlimit. So gilt es stets gut zu überlegen, ob ihr euch lieber doppelt und dreifach absichert und dadurch auf eine größere Armee verzichtet, die dann vielleicht beim Sturm auf die gegnerische Basis ins Hintertreffen gerät, oder lieber versucht, eure Ressourcen mit euren vorhandenen Truppen so gut es geht zu sichern. Das führt zu einer ziemlichen Dynamik während der Missionen, denn ein komplettes Einigeln ist somit nicht möglich, schon allein deswegen, weil eure Gegner immer wieder aggressiv versuchen, euch eure Ressourcen streitig zu machen. Somit müsst ihr stets Entscheidungen hinsichtlich eurer nächsten Schritte treffen, denn der Computergegner setzt euch kontinuierlich zu. Das mag nicht jedermanns Sache sein, sorgt aber für ein recht abwechslungsreiches Spiel, denn die Karten, auf denen die einzelnen Missionen spielen, geben euch auch genug taktischen Spielraum, um auf euren Gegner zu reagieren. So könnt ihr leerstehende Gebäude mit Bodentruppen besetzen, euch die verschiedenen Höhenunterschiede zunutze machen oder ganz einfach komplette Gebäude in Schutt und Asche legen. Hierfür eignen sich vor allem die größeren Mechs, die teilweise Mauern und ganze Gebäude niederreißen, indem sie einfach durch sie hindurch laufen. In solchen Momenten lässt die gelungene Physik-Engine von Iron Harvest gerne mal die Muskeln spielen.


Die unterschiedlichen Missionstypen während der drei Kampagnen gestalten sich ziemlich abwechslungsreich – es gilt also nicht immer nur die gegnerische Basis zu erobern. Mal müsst ihr mit einer kleinen Widerstandsgruppe in einer belagerten Stadt Zivilisten in Sicherheit bringen, während ein Teil eurer Truppen die Notunterkünfte verteidigt, dann gilt es wiederum einen gepanzerten Güterzug, auf dem ein riesiges Geschütz montiert ist, sicher durch Feindesland zu eskortieren. Zwischendrin gibt es auch vereinzelt Missionen, in denen ihr nur mit einer Einheit unterwegs seid und euch in klassischer Schleichmanier an gegnerischen Truppen vorbeischleichen müsst, ohne entdeckt zu werden. Zudem sind viele Missionen in verschiedene Phasen aufgeteilt. So steht uns zu Beginn eines Einsatzes zwar eine beachtliche Armee an Mechs zur Verfügung, auf der Karte sind jedoch diverse schwere Anti-Fahrzeuggeschütze installiert, die mit unseren mechanischen Kriegern kurzen Prozess machen würden. Wir müssen uns also daher erst eine kleine Truppe an Infanteristen schnappen und mit diesen die Geschütz-Mannschaft ausschalten und bemannen nebenbei die schweren Waffen mit unseren eigenen Leuten. Danach machen wir uns noch daran, die feindliche Kommunikation zu sabotieren, damit keine Verstärkung angefordert werden kann, ehe dann endlich die Mechs über die feindlichen Streitkräfte herfallen können. Wer ganz aufmerksam ist, dem offenbaren sich auch immer wieder alternative Pfade, die ihr mit eurer Streitkraft nehmen könnt, um so zum Beispiel besonders gut gesicherte Engpässe zu umgehen und dem Feind in den Rücken zu fallen. Außerdem lässt sich so ab und an auch die eine oder anderen Nebenaufgabe entdecken, die euch spezielle Boni oder zusätzliche Truppen verschafft. Die Entwickler haben sich sichtlich Mühe gegeben, die einzelnen Einsätze nicht monoton werden zu lassen, auch wenn sich gerade gegen Ende der Kampagnen die typischen „Bau Basis auf, zerstör den Feind“-Missionen etwas häufen. Wer nach der Kampagne übrigens immer noch nicht genug hat, der darf sich im Multiplayer-Modus mit menschlichen Gegnern oder dem Computer messen.


In Momenten wie diesen lässt die Physik-Engine gerne ihre Muskeln spielen.

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Zuletzt sei noch ein Wort zur künstlichen Intelligenz des Spiels verloren: Diese liefert die meiste Zeit eine solide Arbeit ab, eure eigenen Einheiten visieren auch ohne eure Befehle häufig die passenden Gegner an und auch die feindlichen Truppen verhalten sich die meiste Zeit über recht intelligent, nachvollziehbar und mitunter auch recht aggressiv. Gelegentlich scheint es dahingehend aber auch Aussetzer zu geben. So wäre es mir während einer Mission theoretisch möglich gewesen, eine Truppe von Exo-Soldaten auf eine Erhöhung zu bewegen, wodurch sich eine Gruppe feindlicher Soldaten auf den Weg machte, diese anzugreifen, nur um mitten auf dem Weg festzustellen, dass meine Einheiten doch nicht in Schussweite sind. Das führte dazu, dass meine Feinde immer hin und her liefen und selbst auf Beschuss seitens meiner Infanterie nicht reagierten. Zum Glück sind solche KI-Aussetzer eher die Ausnahme als die Regel.


Grafisch weiß Iron Harvest durchaus zu gefallen. Vor allem die bereits erwähnte Physik-Engine macht einen ziemlich imposanten Eindruck. Mir ist beim ersten Mal, als ein gegnerischer, haushoher Mech plötzlich durch ein Gebäude geprescht ist, die Kinnlade etwas heruntergefallen. Der Rest des Spiels wird nicht den Award für die allerbeste Grafik in einem Strategiespiel gewinnen, sieht aber dennoch ansehnlich aus. Das gilt leider weniger für den Abwechslungsreichtum, denn häufig spielen die einzelnen Missionen entweder auf dem Land, in einem Wald oder einer Stadt, was mitunter aber auch dem Setting an sich geschuldet ist. Davon ab sind die einzelnen Einheitenmodelle, ganz besonders die Mechs, gut gestaltet und auch die Belichtung wurde gut umgesetzt. Was mir ganz besonders positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass es einen sogenannten „Native-Modus“ gibt. Aktiviert ihr diesen, sprechen alle Einheiten in ihrer jeweiligen Landessprache – deutsche Untertitel inklusive. Das verleiht dem Spiel ein unglaubliches Maß an Atmosphäre, da in den Cutscenes gut und gerne auch mal Vertreter der verschiedenen Nationen aufeinandertreffen und dann nicht wie auf magische Weise alle Englisch oder Deutsch sprechen. Wem das Mitlesen allerdings zu anstrengend ist oder wer sich einfach ganz in einer deutschen Synchronisation versinken lassen möchte, dem sei auch dies ermöglicht. Iron Harvest wurde komplett ins Deutsche synchronisiert und die Sprecher machen soweit alle eine gute Arbeit.


Fazit


Gerade wenn man als PC-Spieler unterwegs ist, hat man in den letzten Jahren immer wieder die Aussage zu hören bekommen, dass die Echtzeitstrategie tot sei. Iron Harvest 1920+ beweist, dass dem nicht so ist. Mit einem recht unverbrauchten Szenario, drei tollen Kampagnen, um die sich ein gemeinsamer Handlungsbogen spannt, sowie soliden Spielmechaniken liefern die deutschen Entwickler von King Art ein Echtzeitstrategie-Titel ab, bei dem Fans des Genres bedenkenlos zugreifen können. Ich hatte während meiner Testphase unglaublich viel Spaß mit dem Spiel und war dank des abwechslungsreichen Missionsdesigns immer motivierter, die drei Kampagnen erfolgreich abzuschließen. Und mit dem gut ausgetüftelten Einheitendesign gibt es auch keine Truppen, die keine Daseinsberechtigung haben. Vielmehr muss ich ziemlich gut überlegen, ob ich nicht lieber auf den einen oder anderen Mech verzichte, um dafür eine deutlich gemischtere Truppe in die Schlacht zu führen. Kurzum: Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß mit einem neuen Echtzeitstrategie-Titel wie mit Iron Harvest 1920 + und kann es nur jedem ans Herz legen, der fernab der alten Klassiker mal wieder ins Schlachtengetümmel eintauchen möchte und gleichzeitig auch Wert auf eine gut inszenierte und erzählte Kampagne legt.


Wertung: 9 / 10

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Kommentare 5

  • Champ

    Turmheld

    tolles Spiel !


    Das Brettspiel "Scythe" hat nebenbei den selben look.


    Ps: bitte ne switch fassung bringen.

  • Mockingtide

    Turmbaron

    Champ Der selbe Look ist noch untertrieben :D


    Es ist quasi halt das selbe Universum. Gleiche Story, gleiche Mechs, gleiche Artworks. Nur diesmal als Echtzeit-Strategiespiel statt als Brettspiel :ddd:


    Das lässt mich aber zuversichtlich auf den Soundtrack blicken. Der war in der Steam Version des Brettspiels schon mega.

  • Dinkelmus_Kleinholz

    Turmritter

    für einen kurzen Augenblick dachte ich, Iron Harvest erscheint für die Switch, als ich die News sah.:D Danach war die Enttäuschung groß.;(

  • Florian McHugh

    Die Frühschicht

    Champ Es ist tatsächlich derselbe Künstler. Habe Scythe selbst hier im Regal stehen :) Iron Harvest kommt der Vorlage ziemlich nahe, auch im Spiel selbst.

  • CloudAC

    In love with Xenob. Chro. 2 <3

    Eben beendet, klasse Spiel, aber damit habe ich gerechnet. PS4/5 Version wird ebenfalls gekauft. Konsolen Version muss unterstütz werden.