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Andrax: Gesamtausgabe – Die Abenteuer des kultigen Trash-Barbaren in unserer Comic-Rezension Über den Tellerrand

Von Zeit zu Zeit müssen wir auch mal die sogenannten Klassiker besprechen, selbst wenn diesen manchmal der Geruch von Muff anhaftet oder die Trockenheit auf dem Cover quasi schon zu spüren ist. Mit Grauen denkt der geneigte Leser an den Deutschunterricht zurück, wo Klassiker auch immer mit dem Zertifikat Langeweile ausgestattet wurden, mitunter zu Recht. Doch manchmal bekommen Klassiker eine weitere Chance und können beim Publikum im erneuten Anlauf punkten. Was Cross Cult hier mit der Andrax-Gesamtausgabe herausgebracht hat, ist ein solcher Klassiker und das sogar im übergroßen Format und als Omnibus-Ausgabe. Doch widmen wir uns zunächst dem Inhalt:


Das Experiment des Grauens beginnt ...

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Montreal im Jahr 1976. Der Top-Athlet Michael Rush ist ein erfolgreicher Sportler und nimmt als Zehnkämpfer an den Olympischen Spielen in Montreal teil. Schnelle Autos und verführerische Frauen gehen damit einher, und so verwundert es nicht, dass Michael bei einer fremden attraktiven Frau namens Dr. Swan ins Auto steigt, um den Journalisten zu entkommen, die ihm aufgelauert hatten. Was er nicht weiß: Die Dame führt anderes im Schilde, entführt Michael kurzerhand und versucht ihn dann, mit einem Schießeisen zur Kooperation zu bewegen. Michael, Zehnkämpfer wie er nun mal ist, kann Dr. Swan überwinden und flüchtet zu Fuß. Doch er hat nicht mit dem Helikopter gerechnet, der bereits in Lauerstellung wartet und ihn mittels eines Gases betäubt und ausschaltet.


Hinter all dem steckt der verrückte Wissenschaftler Professor Magor, der Michael anschließend in einen 2000-jährigen tiefgekühlten Schlaf schickt, aus dem er mit langem Bart und bleiernen Gliedern aufwacht. Mittels Videobotschaft meldet sich Professor Magor in der Zukunft bei Michael, den er ab sofort nur noch als Experiment betrachtet und Andrax nennt. Als einziger Mensch der Vergangenheit lebt Andrax nun in einer neuen Zivilisation, ganze 2000 Jahre in der Zukunft. Doch natürlich ist er dort nicht allein, seine Abenteuer haben nun gerade erst begonnen.


Die ganze Vorgeschichte handeln Autor Peter Wiechmann und Zeichner Jordi Bernet innerhalb der ersten zehn Seiten ab. Darauf folgend erleben wir zahlreiche Abenteuer von Andrax in der „neuen Welt“, die an manchen Stellen gar nicht so neu ist. Andrax muss sich gegen Dinosaurier behaupten, die wiederum im Untergrund lebende Mutanten terrorisieren. Auf der anderen Seite trifft er auf Menschen, die sich noch nicht über den Status eines Neandertalers hinaus entwickelt haben. Überhaupt muss sich Andrax immer wieder durch körperliche Auseinandersetzungen gegenüber anderen Menschen und Monstern behaupten, was sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Aber er bekommt auch Unterstützung, ein kampfeslustiger Begleiter namens Holernes schließt sich ihm sehr bald an und begleitet Michael Rush alias Andrax fortan auf seinem Weg durch die verschiedenen Epochen. Denn eines wird sehr schnell klar: Die Erde an sich hat sich weiterentwickelt, jedoch nur einzelne Landstriche davon. So treffen sie auf ihren Abenteuern auf der einen Seite auf futuristische Metropolen und haben Kontakt zu einer außerirdischen Spezies und tauchen auf der anderen Seite in barbarischen Stämmen unter, die sie gefangennehmen und töten wollen.


So abwechslungsreich die unterschiedlichen Völker und Lebewesen auch sind, auf die Andrax im Verlauf des Buches trifft, sollte dem Leser spätestens nach den ersten Episoden klar sein, dass Bernet und Wiechmann mit Andrax nicht die intellektuelle Herausforderung gesucht haben, sondern die Leser ganz klar unterhalten wollten. So stolpert Andrax als Protagonist innerhalb von ein paar Seiten durch zahlreiche Ereignisse. Es wird sich nie lange mit einer Geschichte aufgehalten. In einem Moment steigt Andrax zum Herrscher eines Volkes auf, zwei Seiten später zieht er mit Holernes mit einem Segelschiff weiter und trifft bereits auf die nächste Herausforderung.


In der Zukunft angekommen, macht sich Andrax auf, die Umgebung zu erkunden.

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Im Verlauf der Geschichten bedienen sich Peter Wiechmann und Jordi Bernet dabei zahlreicher popkultureller Referenzen und lassen Andrax dabei auf Graf Dracula sowie Robin Hood treffen. Die Zeichnungen eines Bösewichts samt seiner Gefolgschaft erinnern frappierend an die Flash Gordon-Serials der 1930er-Jahre, die damals in den Kinos gezeigt wurden. Jedes der Kapitel kann den Leser dabei mit einer völlig unerwarteten Wendung überraschen, die jedoch häufig nicht groß vorbereitet wird, sondern einfach so geschieht und Andrax hineinstürzen lässt.


Sieht man sich die ursprüngliche Veröffentlichungsform der Abenteuer rund um den Zehnkämpfer an, wird klar, woher diese vermeintlich sprunghafte Erzählweise kommt. Neben vielen anderen Comic-Reihen wurde Andrax zunächst in einem Magazin namens Primo veröffentlicht, was Anfang der 1970er-Jahre alle 14 Tage veröffentlicht wurde. Bei dieser Form der Veröffentlichung muss man die Leser ganz anders bei Stange halten und ihnen inhaltlich einen Grund dazu geben, sich auch die nächste Ausgabe zu kaufen. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Episoden zwischendrin kompakter gehalten sind.


Ihr wollt euch selbst ein Bild vom Trash-Barbaren Andrax machen? Diese Gesamtausgabe wird es in dieser Form so schnell wahrscheinlich nicht wieder auf Deutsch geben. Unterstützt uns gerne mit dem Kauf über den folgenden Link, ganz ohne weitere Kosten für euch:


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Cross Cult veröffentlichte Andrax dann bereits in den Jahren 2007 bis 2009 in einer fünfbändigen gebundenen Ausgabe, deren Bände jeweils mehrere Geschichten enthielten. Nun konnte man sich mit Autor Peter Wiechmann zusammensetzen und brachte im Juni dieses Jahres die nun vorliegende Gesamtausgabe heraus. Ergänzend zu den einzelnen Geschichten waren neue redaktionelle Texte aus der Feder von Peter Wiechmann selbst angedacht, wozu es jedoch leider nicht kam. Peter Wiechmann verstarb im Januar 2020 noch vor der Drucklegung dieser Gesamtausgabe, weshalb uns nun „nur“ die kompletten Geschichten rund um Andrax und seine Widersacher zur Verfügung stehen, die diesen Wälzer von über 750 Seiten mehr als gekonnt ausfüllen.


Das Buch kommt damit einer „Omnibus“-Ausgabe gleich, wie sie in den USA bei vielen Verlagen durchaus üblich ist. In letzter Zeit trauen sich auch die deutschen Verlage an diese gesammelte Veröffentlichungsform heran. Cross Cult hat die Gesamtausgabe zu einem Preis von 60,– Euro auf den Markt gebracht, versehen mit einer starken Limitierung. So wurden lediglich 777 Exemplare dieses Buches gedruckt, welches mit einer ähnlichen Anzahl an Seiten aufwarten kann. Bei einer Größe von 28 x 21cm und einem Gewicht von 3,3 kg sprechen wir hier von einer wahrlich epischen Veröffentlichung, die dem Artwork von Jordi Berner mehr als gerecht wird.


Fazit


Machen wir uns nichts vor, Andrax ist Unterhaltung pur. Er und seine Mitstreiter stolpern von einem Abenteuer ins nächste, die Dialoge könnten direkt aus einem trashigen Science-Fiction-Film stammen und die Figuren sind eher flach angelegt – im Gegensatz zu den Brüsten der auftretenden Frauenfiguren. Es wird gekämpft, gerauft, der Held kann alles und setzt sich meist ohne große Mühe über alle Hindernisse hinweg. Alles mit einem gewissen Charme, für den ich persönlich sehr empfänglich bin. Wer mit den Stop-Motion-Filmen aus der Schmiede von Ray Harryhausen großgeworden ist, findet hier wiederum eine Entsprechung in Comic-Form. Mystische Settings, Fabelwesen, Dinosaurier, leicht bekleidete und muskelbepackte Abenteurer sowie Geschichten, die einfach so unterhaltend weggelesen werden können.


Abschließend bleibt noch, die Zeichnungen von Jordi Bernet hervorzuheben, die trotz fehlender Kolorierung (das gesamte Buch ist in schwarz-weißen Zeichnungen gehalten) an keiner Stelle langweilig werden oder die Übersicht vermissen lassen. Bernet erschafft ein tolles Spiel von Licht und Schatten mit sehr wenigen Strichen. Dabei wirken seine Zeichnungen manches Mal stark reduziert und fast schon skizzenhaft, auf der anderen Seite aber immer kraftvoll und stilsicher in der Darstellung von Mensch und Tier. Sie unterstützen die Abenteuergeschichten von Peter Wiechmann gekonnt und bilden gemeinsam eine tolle Einheit, die man sich als geneigter Fan nicht entgehen lassen sollte. Andrax ist vielleicht nicht unbedingt etwas für alle Leser der neunten Kunst, aber kann sich bis heute einer treuen Fangemeinde erfreuen, die den Titelträger durchaus zu einer Kultfigur gemacht haben, erst recht im deutschsprachigen Raum. Wer jetzt Interesse hat, sollte kurzfristig zuschlagen, die Gesamtausgabe wird mit seinen 777 Exemplaren insgesamt nicht ewig verfügbar sein!


Andrax: Gesamtausgabe ist erschienen bei Cross Cult, ISBN: 978-3966581905, 740 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover, limitiert auf 777 Exemplare, 60,– Euro


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