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Serious Sam 4 für PC im Test – Let's get serious! Über den Tellerrand

Früher, ja, früher war alles besser – jedenfalls hört man das immer wieder. Wenn ich dann aber an mein altes 56k-Modem, Spiele, die zu Release vollkommen verbuggt waren und der nötige Patch erst auf der nächsten Heft-CD des PC Jokers oder der Gamestar zu finden war oder Preise von fast 150 DM für ein Super Nintendo-Spiel denke, dann ist dem irgendwie doch nicht ganz so richtig. Das gilt unter anderem auch für die damaligen Ego-Shooter, deren einzige Spielmechanik darin bestand, vom Anfang bis zum Ende eines Levels alle Gegner niederzumähen und dabei vielleicht noch eine Schlüsselkarte zu sammeln. Eine komplexe Story à la Half Life? Fehlanzeige. Eine künstliche Intelligenz, die Deckung sucht und nachvollziehbar agiert? Keine Spur. Das war damals mitunter der Technik aber auch der Tatsache, dass mehr nie wirklich nötig war, geschuldet. Der große Wandel kam dann im Laufe der Zeit, als es immer wichtiger wurde, dass ein Shooter eine nachvollziehbare Hintergrundgeschichte bietet, Spezialisierungsmöglichkeiten parat hat und die Gegner nicht nur stumpf auf den Spieler zurennen. Mittlerweile gibt es diesbezüglich wieder eine leichte Rückbesinnung auf eher simplere Spielkonzepte, wie die neu aufgelegte DOOM-Reihe beweist. Doch lange vor einem Wolfenstein – The New Colossus oder einem DOOM Eternal gab es einen einsamen Streiter, der stets die Flagge der stumpfen Ballerei hochhielt und sein Name lautet: Serious Sam.


Ballern, bis noch mehr Gegner kommen


Die Shooter-Reihe des Entwicklerstudios Croteam kam in einer Zeit immer anspruchsvollerer Shooter mit einer Simplizität daher, die damals fast wie eine Offenbarung war: Man kämpft alleine bis an die Zähne bewaffnet gegen Horden von Gegnern und darf sich den einen oder anderen markant-knackigen Spruch anhören. Hirn aus, den Finger am Feuerknopf festbinden und los geht der Ballerspaß. Diese einfache Formel hat dafür gesorgt, dass nach drei Serienteilen und diversen Ablegern nun der vierte Teil folgt, der wieder für gehörig Laune sorgen soll. Ob das heute noch so gut gelingt? Lasst uns einen Blick auf die neuesten Abenteuer von Sam Serious werfen.


Wenn kopflose und mit Bomben versehene Wahnsinnige auf euch zustürmen, solltet ihr schnell feuern.

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Mehr, größer, besser. Nach diesem Prinzip scheint Serious Sam 4 entwickelt worden zu sein, denn schon in den ersten Momenten wirft euch das Spiel mitten in ein Gefecht gegen hunderte und aberhunderte außerirdische Gegner. Die sollt ihr mit eurer Waffe erst einmal dezimieren, doch schnell wird klar: Diesem Ansturm seid selbst ihr nicht gewachsen und so wird Sam zu Boden gerungen und der Oberbösewicht Mental tritt auf das Schlachtfeld, um den Gefallenen ordentlich zu verhöhnen. Der wahnsinnige Alien-Tyrann hat nämlich eine Invasion gestartet und versucht nun, den Planet Erde einzunehmen. So wie es zu Beginn aussieht, scheint er damit tatsächlich Erfolg zu haben. Was folgt ist ein Rückblick, den Sam vor seinem geistigen Auge durchläuft und den ihr nachspielt. Und da kommen wir zum ersten Eckpunkt, in dem Serious Sam, wie schon im Vorgänger, versucht, sich von seinen Wurzeln zu entfernen. Das Spiel spinnt eine recht oberflächliche und belanglose Geschichte, die mit zahlreichen Zwischensequenzen und diversen Nebencharakteren daherkommt. Das Problem an der Sache: Die Geschichte ist weder gut erzählt, noch sind die Charaktere halbwegs interessant oder überhaupt witzig. Wer auf total hirnlose Phrasen steht, der könnte dem ganzen Spektakel vielleicht noch ein Schmunzeln abgewinnen, doch wirklich witzig bleibt im Endeffekt nur der Protagonist – alle anderen Charaktere hätte man getrost weglassen können und die Ressourcen anderweitig nutzen sollen. Doch darauf kommen wir später zu sprechen.


Fernab der hanebüchenen Geschichte geht es aber im Großen und Ganzen um actionreiche Gefechte gegen riesige Gegnerwellen und in dieser Hinsicht enttäuscht der neueste Ableger der Serious Sam-Reihe in keinster Weise. Während ihr durch die mal mehr, mal weniger großen und offenen Level rennt, schießt ihr alles über den Haufen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und immer dann, wenn ihr plötzlich auf einem großen Platz, in einer leeren Halle oder bei einer weiten Lichtung, in deren Mitte entweder eine neue Waffe oder Munition liegt, ankommt, wisst ihr: Gleich werden mehrere Gegnerwellen erscheinen, die es zu bezwingen gilt. Dabei gibt euch das Spiel ein ansehnliches Arsenal an Waffen zur Hand, mit dem ihr euch der Fieslinge entledigen könnt. Von der einfachen Pistole über die doppelläufige Schrotflinte, hin zum Raketenwerfer oder der Minigun ist alles dabei und das Spiel wartet dabei auch mit einigen Exoten auf, die das Spielgeschehen etwas interessanter gestalten. Was mich dabei zwischendrin etwas gewundert hat, ist die Tatsache, wie spärlich die Munition mitunter gesät ist, sodass ihr an manchen Stellen nicht allzu großzügig auf die Feuertaste hämmern solltet. Das nimmt dem Spiel immer wieder etwas an Tempo, bringt aber auch eine gewisse spielerische Herausforderung – nicht dass das notwendig wäre, denn der Schwierigkeitsgrad hat seine Höhen und Tiefen. Gerade dann, wenn er ansteigt, geratet ihr ordentlich ins Schwitzen und erlebt den einen oder anderen virtuellen Tod. Zum Glück zeigt sich das Spiel in diesen Momenten gnädig, denn die Checkpoints im Spiel sind recht großzügig verteilt und wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann das Spiel jederzeit speichern.


Während die Monster detailliert und "hübsch" anzusehen sind, trifft das auf den Rest des Spiels nicht immer zu.

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Die Kämpfe an sich sind allesamt hektisch und bis zum Anschlag mit Action geladen. Es gibt selten einen Moment, in dem ihr nicht von Feinden umgeben seid und irgendeinem Geschoss ausweichen müsst, nur um gleichzeitig ein paar anstürmende Kamikaze-Feinde schnell genug über den Haufen zu schießen. Dies führt dazu, dass ihr ständig in Bewegung bleiben müsst. Wer stehenbleibt, der kann sich meistens auf den einen oder anderen Treffer einstellen. Doch gerade diese Hektik macht den Reiz der Kämpfe aus, die euch in vermeintlich ausweglose Situationen werfen, aus denen ihr dann letztendlich doch siegreich hervorgeht. Ein solches Spielgefühl schafft selbst ein DOOM-Eternal nicht so extrem aufzubauen. Dieses Prinzip stumpft dafür auch ziemlich schnell ab, denn euch wird hier keine großartige spielerische Variation geboten. Mehr, größer, heftiger – an diesem Prinzip wird das gesamte Spiel über nicht einmal gerüttelt. Auch nicht dann, wenn ihr euch in einem Mech durch die feindlichen Horden schnetzelt, was zu den absoluten Highlights des Spiels gehört. Neben der eher lauen Story, schweift Serious Sam 4 noch in einem weiteren Punkt von seinen Wurzeln ab: Ihr könnt im Spiel Gegenstände finden, mit denen ihr in einem Talentbaum neue Fertigkeiten freischalten könnt. Ob das solide und eher simple Spielprinzip von Serious Sam so etwas nötig hat, sei dahingestellt. Die Mechanik bringt dem Spiel jedenfalls keinen großen Mehrwert, hemmt aber auch das Spielvergnügen in keinster Weise.


Serious Sam 4 ist keine grafische Wucht, das sieht man sofort. Zwar sehen vor allem die Gegner- und Monstermodelle recht detailliert und gut aus, doch die einzelnen Levelumgebungen und vor allem die Charaktermodelle der Nebencharaktere sehen teils erschreckend aus. Da ist es umso unverständlicher, dass der Titel selbst mit einer besseren Hardware teils unter enormen Performance-Problemen leidet. In unserem Testrechner steckte neben einem Ryzen 3700 noch eine GeForce 2080 RTX sowie 32 GB Ram und das Spiel kam an manchen Stellen deutlich ins Ruckeln. Zudem sind mir im Laufe des Spiels vermehrt Artefakt- und Clipping-Fehler aufgefallen, die den Gesamteindruck ziemlich stören. Für die gelieferte Optik liefert Serious Sam 4 also keine gute Figur ab und es bleibt nur zu hoffen, dass die Probleme noch in Form eines Leistungs-Patchs behoben werden. Soundtechnisch weiß das Spiel allerdings zu gefallen, denn die Musik passt zum turbulenten Geschehen. Die Soundeffekte kommen in der gewohnten Mischung als hochaufgelöst und teils absichtlich old-school daher und wer über eine entsprechende Surround-Ausstattung, sei es in Form eines Headsets oder mit Boxen, verfügt, der wird auch stets wissen, wo sich seine Gegner befinden.


Fazit


Alles in allem kann man getrost sagen: Serious Sam 4 macht eine Menge Spaß, wenn man weiß, worauf man sich einlässt – und das ist bei den allermeisten Fans der Reihe eh der Fall. Massen an Gegnerhorden, kräftige Feuerwaffen und ein schnelles Gameplay, das euch stets antreibt und zu fordern weiß. Wer jedoch auf eine gut ausgearbeitete Story, große spielerische Varianz oder Anspruch setzt, sollte einen großen Bogen um das neueste Abenteuer von Serious Sam machen. Wer dann noch von den technischen Schwächen absehen kann und über einen halbwegs starken Rechner verfügt, der kann bedenkenlos zugreifen, denn Serious Sam 4 wird euch eine Menge Spaß machen. Dies gilt vor allem für den Koop-Modus, in dem ihr euch mit bis zu drei weiteren Mitspielern gegen die Horden des Bösen stemmen könnt. Get Serious!

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Kommentare 6

  • Pacman86

    Might & Magic

    Es gibt nur zwei Spielereihen, die ich auf dem PC spiele und zwar Heroes of Might and Magic und Serious Sam.

    Serious Sam habe ich früher bei meinem Cousin gesehen und seitdem alle möglichen Ableger gedaddelt :D

    Mir gefällt die Serie, gerade für zwischendurch macht es Laune.

    Danke euch für den Test :thumbup:

  • DLC-King

    Freedom of Choice

    Nein ich habe kein Interesse an PC Spielen.

    Das muss man weiter scrollen und das wiederum ist Energie verschwendung.


    Wirklich gut sieht Sam im Jahr 2020 auch einfach nicht aus wobei die Reihe noch nie Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte.

  • Artemis

    M-Power

    Hätte ich richtig Bock drauf.


    Hoffe es kommt doch noch für Konsolen.

    Angekündigt war es ja mal....

  • Pacman86

    Might & Magic

    Hoffe es kommt doch noch für Konsolen

    Das würde ich auch gut finden.

    Serious Sam hab ich damals auch auf dem Gamecube sehr gern gespielt.

    Gerade im Multiplayer haben wir damals manche Nächte durchgemacht :)

  • nec3008

    Turmheld

    Eine spaßige Spielreihe, in der man wirklich einfach mal nur ballern darf. Wie schon gesagt wurde, gerade im Koop ne Gaudi.

    Die ersten auf dem PC im LAN gespielt und auch den Ableger für den GameCube. Keine grafischen Höhenflieger, aber das wollten die Teile auch nie sein. Mir kam es damals so vor, als wollten die auch einfach einen Ersatz für Duke Nukem kreieren, da Forever auf sich warten ließ. Sam ist zwar nicht ganz so kult, wie der Duke, aber hat seine Berechtigung.

  • HAL 9000

    Mobbingbeauftragter

    Aktuell 40€ bei Steam, muss ich mir glatt mal überlegen. Stupides Rumballern macht ab und an einfach riesig Spaß und funktioniert in keiner Spielreihe so gut wie bei Serious Sam.