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The Medium für Xbox Series X im Test – Atmosphärisches Horror-Mystery-Abenteuer in zwei Universen

Vor wenigen Tagen erschien The Medium exklusiv für Microsoft-Plattformen, Windows 10 sowie Xbox Series S|X. Ursprünglich sollte der Titel bereits im Dezember des letzten Jahres erscheinen, wurde jedoch aufgrund anderer großer Veröffentlichungen, der Pandemie und zugunsten des Feinschliffes vonseiten Blooper Teams auf Ende Januar 2021 verschoben. Nun ist es da und wir haben uns für euch in das neue Horror-Mystery-Abenteuer der Macher von Blair Witch und Layers of Fear gestürzt.


Ein mysteriöser Anruf, ein verheißungsvolles Versprechen


The Medium entführt euch ins Polen Ende der Neunzigerjahre. Ihr schlüpft in die Rolle von Marianna, ihrerseits ein Medium, welches von wiederkehrenden Albträumen geplagt wird. Darin sieht sie ein fliehendes Mädchen sowie einen Mann mit einer Pistole und wie Letzterer das Kind mit dieser an einem See niederstreckt. Das Spiel startet mit ebendieser Sequenz und kurz darauf findet ihr euch in der Wohnung eures kürzlich verstorbenen Ziehvaters wieder, denn schnell wird klar: Marianna ist adoptiert und kann sich nicht mehr an ihre richtige Familie erinnern.


The Medium entführt euch unter anderem in die glaubhaft dargestellte Natur Osteuropas.

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Ihr streift also durch das verlassene Apartment, um letzte Vorkehrungen für das Begräbnis des verschiedenen Elternteils, der seinerseits ein Bestattungsunternehmen zu leiten pflegte, zu treffen. Hierbei werdet ihr kurz und subtil mit den Spielmechaniken bekannt gemacht. Wenig später erhaltet ihr einen mysteriösen Anruf eines euch unbekannten Mannes namens Thomas, der vorgibt, von euren verborgenen Kräften zu wissen und euch Antworten auf alles verspricht. Also reist ihr auf dessen Anweisung hin zum Niwa-Resort, eine verlassene Hotelanlage im polnischen Krakau, um den geheimnisvollen Anrufer zu treffen. Hier beginnt euer Abenteuer und eure Suche nach Antworten, die euch zunächst mit weiteren Fragen konfrontiert.


Die Geschichte von The Medium ist wirr, doch zugleich spannend erzählt. Wie in vielen Vertretern des Genres startet ihr mit losen Fäden, die sich fortlaufend zu einem festen Handlungsstrang verweben. Im Fokus steht dabei die persönliche Geschichte der Protagonistin, deren Details es aufzudecken gilt. Doch der Schauplatz, das Niwa-Resort, bietet so viel mehr. Üble Dinge sind dort geschehen und suchen den Ort noch immer heim. Schrittweise arbeitet ihr euch durch die verfallenen Räumlichkeiten und persönlichen Dokumente der ehemaligen Gäste, wodurch das Gesamtbild schleichend Form und Farbe annimmt. The Medium unterscheidet sich diesbezüglich wenig von anderen Titeln des Studios. Auch die eingangs erwähnten Titel lassen euch zunächst im Dunkeln tappen, welches ihr mit fortschreitender Spieldauer mit Licht erhellt. Übrig bleibt zumeist ein wirres Konstrukt, welches euch nicht selten mit kleinem Interpretationsspielraum zurücklässt. Das muss man mögen. Wem jedoch die vorherigen Titel gefallen haben, wird auch mit The Medium auf seine Kosten kommen, insofern man sich mit der anderen Perspektive anfreunden kann.


Spielerisch ähnelt The Medium ebenfalls anderen Titeln des Studios und bietet somit eine eher seichtere Erfahrung. Der Titel fühlt sich mehr nach einer interaktiven Geschichte an als nach einem Videospiel. Wer also eine tiefgehende Spielmechanik erwartet, wird enttäuscht. Bis auf ein paar vereinzelte Rätsel, deren Lösungsgegenstände zumeist in einem Raum zu finden sind, und gelegentliche Schleichpassagen, beschränkt sich das Gameplay auf die Erkundung der Spielwelt und die darin zu findenden Dokumente. Mit richtigen Gegnern, die euch nach dem Leben trachten, seht ihr euch nur sehr selten konfrontiert und zur Waffe wird Marianna auch nicht greifen.


Im verfallenem Niwa-Resort beginnt eure Suche nach Antworten zu Mariannas Vergangenheit.

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Neu ist allerdings der Wechsel zwischen zwei Welten bzw. die simultane Existenz in beiden. Diese Spielabschnitte werden zumeist mit einer kurzen Sequenz eingeleitet, in der Marianna sich vor Schmerzen krümmt. Kurz darauf teilt sich der Bildschirm in zwei Hälften. Auf der einen Seite seht ihr die herkömmliche Realität, auf der anderen eine alternative – mutmaßlich eine Art Geisterwelt, zu der Marianna als Medium Kontakt hat. Dort trefft ihr auf umherirrende Verstorbene oder könnt deren Echo wahrnehmen, um interessante Details aus der Vergangenheit zutage zu fördern. Ganz so harmlos sind die Ausflüge jedoch nicht, denn auch Dämonen treiben dort ihr Unwesen und diese Kreaturen solltet ihr tunlichst meiden.


Was anhand der Trailer kompliziert anmuten ließ, entpuppt sich vorwiegend als optische Spielerei. Ihr steuert Marianna nach wie vor mit einem Analogstick, wodurch sie sich in beiden Welten identisch fortbewegt. Manche Passagen sind in der jeweils anderen Welt blockiert und müssen erst freigeräumt werden. In der alternativen Realität habt ihr zudem die Möglichkeit, eine temporäre Astralreise anzutreten, also euren Geist von eurem Körper zu trennen und somit beispielsweise Energiequellen zu erreichen, die ihr anzapfen müsst, um zum Beispiel erkalteten Stromgeneratoren wieder Leben einzuhauchen. Das klappt insgesamt problemlos, geht aber mit einer verringerten Spielgeschwindigkeit einher, da man auf zwei Bildschirme zugleich achten muss, um nichts zu verpassen.


Allen voran brilliert The Medium durch seine Spielwelt. Diese ist fantastisch in Szene gesetzt und stellt eine konsequente Weiterentwicklung des im Sommer 2019 erschienenen Blair Witch dar, welches in meinen Augen bereits einen glaubwürdigen Wald und eine bedrückende Gruselatmosphäre bot. Die vordefinierten Kamerawinkel mögen Geschmackssache sein und gelegentlich der Orientierung schaden, sorgen aber für wahnsinnig stimmungsvolle Bilder. In Sachen Abwechslung hat The Medium im Vergleich zu den vorherigen Titeln der Entwickler die Nase vorn. Ihr streift durch mal mehr, mal weniger verfallenen Häuserruinen, durch die osteuropäische Natur oder durch die klaustrophobischen Tunnel eines verlassenen Bunkers – allesamt liebevoll und detailliert in Szene gesetzt. Künftig könnte man die Spielwelt allerdings noch ein wenig öffnen, das Abenteuer läuft doch recht linear ab.


Die alternative Realität gewährt euch nicht selten einen Blick auf das Verborgene.

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Das liegt nicht zuletzt an der neuen Power der Plattformen, für die The Medium erschienen ist. Klar schöpft das Spiel noch nicht das vollständige Potenzial der Xbox Series S|X oder einer Grafikkarte der neuesten Generation aus, aber das Gebotene macht Lust auf mehr. Die glaubhafte Licht- und Schattendarstellung gepaart mit den nicht minder realistischen Reflektionen schaffen ein unglaublich stimmiges Gesamtbild. Die dargestellte Natur besticht mit einer dichten Vegetation und wirkt dadurch endlich authentisch. Dennoch trüben hier und da hölzerne Animationen oder eine fehlende Kollisionsabfrage beim Durchschreiten von Büschen oder Ähnlichem die sonst rundum gelungene Präsentation. Die Bildrate ist mit 30 Bildern pro Sekunde auf den Konsolen weitgehend konstant.


Bezüglich der auditiven Komponente des Titels erwartet Fans des Horror-Genres ein ganz besonderes Schmankerl. Denn der Soundtrack des Spiels entsprang unter anderem der Feder keines Geringeren als Akira Yamaoka, der sich auch für die klangliche Untermalung der Silent Hill-Reihe verantwortlich zeichnet – und das hört man. Wer schon einmal einen Titel aus Konamis Kult-Videospielserie gespielt hat, der weiß, dass der Soundtrack alles andere als klassisch ausfällt. Darin kreischen elektrische Gitarren, wird gesungen oder zunächst anmutender Lärm zu einem rhythmischen Gepolter zusammenkomponiert, welches durch Mark und Bein geht. Das Resultat der Zusammenarbeit mit dem polnischen Komponisten Arkadiusz Reikowski für The Medium kann also zweifellos als sehr gelungen bezeichnet und auch abseits der Spielsessions gut angehört werden.


Fazit


Eins vorweg: The Medium ist kein klassisches Horrorspiel. Wer dauerhaften Grusel erwartet, wird enttäuscht. Viel mehr ist das neueste Werk von Blooper Team eine emotionale Reise mit schauriger Thematik in einem vorwiegend unfassbar schickem Gewand, sei es die visuelle Präsentation oder der gebotene Soundtrack. Man könnte dem Entwickler maximal ankreiden, dass man sich erneut der von Layers of Fear und Blair Witch bekannten Formel in leicht aufgefrischter Form bedient. Wer also schon mit den vorherigen Titeln nichts anfangen konnte, wird auch mit The Medium seine Schwierigkeiten haben. Alle anderen dürfen sich auf ein knapp zehnstündiges Abenteuer freuen, zumal es im Rahmen des Microsoft Game Pass' umsonst spielbar ist.

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Kommentare 6

  • EdenGazier

    Prinzipal der Spiele

    Wie kann etwas umsonst sein, wenn man dafür ein Preis zahlt?


    So irreführend

  • nec3008

    Turmbaron

    Dank Gamepass am Samstag in einem Rutsch durchgespielt. Nettes Spiel mit interessanter Story, aber wie im Fazit erwähnt, gar nicht so sehr Horror, wie man bei den Trailern meinen konnte. Hat mich eher an ein seichtes Point and Click erinnert mit ein paar Actionszenen. Mir persönlich hat es trotzdem gefallen und es ist zumindest das schickste Spiel, was das Blooper Team bis jetzt programmiert hat. Die reine Grafik hätte die alte Generation wahrscheinlich auch stemmen können, wenn man sich Last of Us dazu ansieht, aber der (schnelle) Wechsel zwischen den Welten bzw. die geteilte Darstellung waren dann wohl Hürden, die auf der letzten Generation nicht machbar gewesen wären.

    Bin jedenfalls gespannt, was Blooper Team noch so macht. Mir persönlich gefiel es jedenfalls, das die nicht so sehr auf Horror gesetzt haben.

  • live4eating

    Turmritter

    Danke für den schönen Test, freu mich ja immer über die Tellerrand Artikel, da auf der Switch im Moment ja leider ein wenig Flaute ist. Ich hab am Wochenende auch mal auf der Series S reingeguckt und mir gefällt es sehr und es sieht auch super aus. Und das Setting hat auch einen sehr einzigartiges Feeling. Ich bin eigentlich gar kein Fan von Horrorspielen, also auch kein Resident Evil oder so und hab nur mal reingeschaut, weil es im GamePass ist. Aber das Spiel schafft es für mich irgendwie diese Wohlfühl-Schauer Atmosphäre zu erzeugen, wie es sonst zum Beispiel ein guter Thriller oder ein Skandinavien Krimi schafft. Freu mich darauf in den nächsten Tagen weiterzuspielen, weil mich die Story bisher auch echt gefesselt hat, was ich so nicht erwartet hatte.

  • USER0815

    SMM2-ID: VT6-K90-7SG

    EdenGazier Gamepass-User können ohne weitere Zahlungen das Spiel spielen. (Besser ausgedrückt?) 8o

  • Asser82

    Turmheld

    Lagt zwar ein wenig auf der Series X und die Steuerung ist hackelig, aber ansonsten hat es mir Spaß gemacht. Eine solide 8/10 für mich.

  • kabar1984

    Turmknappe

    Habe das Spiel nun auch beendet und kann mit voller Überzeugung sagen, dass das kleine Entwickler-Team dahinter wirklich einen tollen Job gemacht hat. Mir hat #TheMedium sehr viel Spaß gemacht und ich werde ganz bestimmt in paar Monaten einen zweiten Durchgang starten. Absolute Empfehlung!