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Ausblick in eine düstere Zukunft – Soon in unserer Graphic-Novel-Rezension

Angesichts der derzeit vorherrschenden Situation mit der gegenwärtigen Pandemie kann ein Wort für viele Menschen gar nicht genug betont werden. Wann wird für uns alle wieder ein relativ normaler Alltag herrschen? „Soon“ wäre da ein Wort, was wir gerne für das Ende der derzeitigen Lage hören wollen würden. Jedoch wird uns das nicht allzu bald bevorstehen, fürchte ich. Doch in der gleichnamigen Graphic Novel von Thomas Cadène und Benjamin Adam nehmen Pandemien und andere Katastrophen eine gewichtige Rolle ein, was die Lektüre nicht unbedingt leicht erträglich macht.


Um eines direkt voranzustellen, Soon ist in der französischen Originalausgabe bereits im Jahr 2019 erschienen. Der Carlsen Verlag hat die Geschichte dann im Jahr 2020 in einer schönen Hardcover-Ausgabe in Deutschland veröffentlicht. Optisch und haptisch ist das Buch eine Wucht und kommt in großem Format in über 200 Seiten daher. Inhaltlich musste ich als Leser mehrmals pausieren, ob der dort dargestellten Szenarien und Geschichtslektüren der bevorstehenden Zukunft. Soon ist nämlich konsequent in zwei Abschnitte unterteilt, die sich im Verlauf des Buches immer wieder abwechseln und manches Mal auch kreuzen. Der Kern der Geschichte ist die Reise vom jungen Mann namens Juri, der gemeinsam mit seiner Mutter das erste Mal die sieben großen verbliebenen Städte auf der Erde besuchen soll. Juri ist aber nicht irgendein Sohn: Seine Mutter ist Simone Jones, die schon recht bald auf eine Weltraummission ohne Wiederkehr aufbricht, um in Lichtjahren entfernt nach Alternativen für das Überleben der Menschheit zu suchen.


Wird die Menschheit das angebrochene Jahrhundert überleben?

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Wir befinden uns im Jahr 2151 und die Welt steht nach Klimakatastrophen, Viruspandemien und sich daraus resultierenden Kriegen vor dem Abgrund. Es existieren nur noch einige wenige größere urbane Zonen, weite Flächen der Erde sind unbewohnbar und die Anzahl der Menschen arg reduziert. Bereits vor dem Jahr 2151 gab es Bemühungen, mit Missionen entweder in Bereiche des Weltalls vorzudringen, um Lebensraum zu finden, oder aber sich von dem Atommüll der Erde zu trennen und dadurch ein anderes Gestirn zu belasten. Beides hat aus unterschiedlichen Gründen nicht funktioniert, weswegen die Hoffnungen nun auf der Weltraummission SOON liegen.


Die Geschichte von Juri, der mit seiner Mutter auf einer letzten gemeinsamen Reise an Orten der Erde unterwegs ist, konnte mich durchaus erreichen und ich war gespannt darauf, wie dieser Konflikt wohl ausgehen würde. Konfliktbehaftet ist diese Reise deshalb, weil seine Mutter Simone mit den Gedanken bereits bei der Mission ist, sich aber nur am Rande auf die Kernpunkte einer Reise mit ihrem Sohn einlassen kann. Juri hat anscheinend auch bereits mit dem anstehenden Verschwinden seiner Mutter abgeschlossen und fühlt sich alleingelassen. Unterschwellig macht er seiner Mutter Vorwürfe, dass sie ihn im Stich lässt, doch auch Simone lässt nicht nur Juri, sondern auch ihre Partnerin zurück. Juri stößt sich im Verlauf der Reise jedoch ein wenig die Hörner ab und trifft sich außerhalb der offiziellen Termine vor Ort mit anderen Menschen und versucht, das Leben kennenzulernen.


Wie oben bereits angedeutet, teilt sich die Graphic Novel in zwei Bereiche auf, die immer wieder abwechselnd von den Künstlern aufgegriffen werden. Da ist zum einen die oben angeführte Reise von Juri und auf der anderen Seite ein sehr detailliertes grafisches Bild über die Ereignisse, die zur gegenwärtigen Situation im Jahr 2151 führen. Hier werden auf mehreren Seiten Schaubilder und Timelines aufgebracht, die in sehr detaillierter Form zeigen sollen, was ab dem Jahr 2019 alles mit der Menschheit schief läuft. Im Winter des Jahres 2033 und 2034 ziehen elf Stürme über elf Wochen über das Land, jeder verheerender als der vorherige. Es folgen Pandemien, Grippewellen, Ressourcenknappheit und Vorwürfe der einzelnen Staaten untereinander. Die Weltengemeinschaft löst sich auf, wird wieder neu gegründet, alles wird ins kleinste Detail ausgeführt. Manchmal unter dem Deckmantel, dass all dies im Jahr 2151 auch Material für Schüler ist, die die Vergangenheit der Erde besser kennenlernen sollen.


Anfangs konnten mich die Details noch faszinieren und gleichzeitig aber auch erschrecken. Schließlich ist das Bild, was Cadène und Adam hier inszenieren, erschreckend und nicht ohne eine gewisse Glaubwürdigkeit. Hier wird kein großes Science-Fiction-Szenario aufgebaut, sondern konsequent vom Jahr 2019 weitergedacht. Dadurch zeichnet sich selbstverständlich auch kein so rosiges Bild über unsere Gegenwart, was Soon umso aktueller und eindringlicher erscheinen lässt.


Die Message ist wichtig und klar, verliert aber in der kleinen und wirklich ganz detaillierten Ausarbeitung für mich die Kraft, die es insgesamt haben könnte. Knapp die Hälfte des Buches handelt von Daten, Jahreszahlen, Ereignissen und Konsequenzen, die uns auf jeweils mehreren Seiten in kleinen Zahlenstrahlen präsentiert werden. Das ist auf der einen Seite schon fast wahnwitzig, wie sehr die beiden Künstler hier ins Detail einer möglichen Zukunft gehen. Spätestens aber nach der jeweils dritten Seite an fein ausgearbeiteter Chronologie ist mir als Leser die Lust vergangen. Ja, ich hab' es kapiert, dass die Erde in einem schlimmen Zustand ist. Es trägt nichts weiter zum Fortgang der Geschichte bei, wenn ich weiß, welches Land sich nach der Krise im Jahr 2099 von den anderen abgewendet hat. Das sind dann nur noch Randnotizen, die ich als Leser dann überspringe.


Fazit


Die bis ins Kleinste ausgearbeitete zukünftige Historie ist bei Soon Fluch und Segen zugleich, das muss ich den beiden Künstlern lassen. Ich hatte des Öfteren einen Kloß im Hals, weil die weitergedachten Szenarien doch schon echt realistisch anmuten. Das war auch der Grund, weswegen ich Soon nicht in einem Zug durchlesen konnte. Immer wieder hat mich die derzeitige Situation belastet, bei der dieses Buch keinen hoffnungsvollen Ausblick bietet. Ich stecke so etwas in der Regel gut weg, aber nach einem Jahr Pandemie im Land finde auch ich nicht immer den großen Reiz in dystopischen Szenarien. Ein wenig aufgefangen und in meinen Augen auch am stärksten ist Soon in der Darstellung der Welt im Jahr 2151. Dort, wo wir als Leser Juri auf seiner Reise begleiten, fühle ich mich der Erzählung am nächsten und kann das Zukunftsszenario genießen, auch wenn die Erde in keinem guten Zustand ist. Dort spiegelt sich auch die kulturelle Vielfalt wider, die in meinen Augen ein Kernthema in der nahen und weiteren Zukunft sein muss. Und das lässt mich dann doch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.


Soon ist erschienen bei Carlsen Comics, ISBN: 978-3-551-78760-6, 240 Seiten, 22,5 x 29,5 cm, farbig, Hardcover, 29,00 Euro


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