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Scarlet Nexus im Test – Ein Action-Spektakel der anderen Art

Im vergangenen Jahr kündigte der Publisher und Entwickler Bandai Namco mit Scarlet Nexus ein neues Action-Rollenspiel an, das in einem eigens für den Titel kreierten Anime-Universum spielt. Erstmalig gezeigt wurde der Titel auf einem Xbox Showcase, in dem Spiele für die zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienene Xbox Series X|S präsentiert wurden. Seit einigen Tagen ist Scarlet Nexus in den Kaufhäusern und digitalen Shops der aktuellen PlayStation- und Xbox-Konsolen erhältlich. Wir konnten für euch einen ausführlichen Blick auf die Xbox Series-Fassung des Spiels werfen und verraten euch, für wen sich das Anime-Action-Spektakel lohnt.


Die Brainpunk-Zukunft ist düster


Scarlet Nexus spielt in einer dystopischen Zukunft, die von den Schöpfern des Spiels als Brainpunk-Szenario bezeichnet wird. Der Name kommt nicht von ungefähr, denn in der Welt von Scarlet Nexus spielen menschliche Gehirne in vielerlei Hinsicht eine entscheidende Rolle. Im alternativen Zukunftsszenario, das in seiner visuellen Darstellung klar von Anime-Vorlagen inspiriert ist, baut die Gesellschaft auf einer einzigartigen Technologie auf. Mithilfe ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten ist es den Menschen gelungen, übernatürliche Kräfte zu entwickeln. Die allermeisten Bewohner der Welt verfügen über mehr oder minder entwickelte kinetische Fähigkeiten. Sie können also Sachen mithilfe ihres Verstandes in Bewegung setzen, sich teleportieren oder Elemente wie Feuer und Luft nach ihrem Willen beeinflussen. Neben den individuellen Kräften dienen die kognitiven Fähigkeiten der einzelnen Personen aber auch dazu, ein dem Internet ähnliches Netzwerk aufrechtzuerhalten, mit dem Menschen miteinander in Kontakt treten können.


Die Welt von Scarlet Nexus wird von monströsen Wesen bedroht, die als "Andere" bezeichnet werden.

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Während die Brainpunk-Zukunft so viele Vorteile bietet, bringt sie doch einen sehr schwerwiegenden Nachteil mit sich: Über der Welt hat sich eine spezielle Sphäre gebildet, die als Extinktionsgürtel bekannt ist. In dieser Paralleldimension entstehen abnormale und verstellte Wesen, sogenannte „Andere“, die den Schauplatz des Spiels New Himuka und seine Nachbarn regelmäßig attackieren, um menschliche Gehirne zu fressen. Zum Schutz gegen die bestialischen Angreifer hat die Regierung von New Himuka ein militärisches Einsatzkommando ins Leben gerufen, das auf den Namen Anderen-Abwehrstreitkraft (AAS) hört. Die AAS ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung von Scarlet Nexus, denn die Protagonisten des Spiels, Kasane Randell und Yuito Sumeragi, sind beide Mitglieder dieser Spezialeinheit.


Zu Beginn der jeweils knapp 25-stündigen Kampagnen habt ihr die Wahl, ob ihr die Geschichte des Spiels aus Kasanes oder Yuitos Perspektive erleben möchtet. Die beiden Protagonisten unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht: Während Kasane die abgebrühte Elitekämpferin darstellt, ist Yuito ein vergleichsweise neuer Rekrut bei der AAS, der aus einer einflussreichen Politikerfamilie entstammt. Er ist insofern sehr bestrebt, seinen eigenen Weg in der Welt zu finden und seine Eigenständigkeit unter Beweis zu stellen. Kasane hingegen wirkt oft gefühlskalt, kümmert sich aber hingebungsvoll um ihre Schwester, die ebenfalls Teil der AAS ist. Je nachdem, für wen von beiden ihr euch entscheidet, werdet ihr unterschiedliche Orte bereisen und andere Gefährten um euch sammeln.


Yuito und Kasane: Das Spiel präsentiert die Geschichte aus zwei Perspektiven

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An entscheidenden Handlungsmomenten überschneiden sich die Erzählungen, für ein volles Verständnis aller Geschehnisse ist es aber notwendig, beide Perspektiven selbst zu erleben. Durch die einzigartige Konstellation bietet Scarlet Nexus so einen hohen Wiederspielwert. Die Handlung des Spiels dreht sich dabei zunächst primär um die Bedrohung durch die Anderen, greift aber im weiteren Verlauf viele andere dystopische Elemente auf. Politische Konflikte und Fragen um Identität und Kontrolle spielen im späteren Verlauf eine immer größere Rolle. Durch die Vielzahl der behandelten Themen kann die Erzählung von Scarlet Nexus teilweise verwirrend wirken. Die immer wieder aufkommenden Mysterien und Wendungen sorgen aber dafür, dass man bis zum Schluss mit den Heldinnen und Helden des AAS mitfiebert.


Neben der Welt und der Handlung ist in einem Spiel natürlich das Gameplay die zentrale Komponente. Scarlet Nexus kombiniert hier wesentliche Elemente aus etablierten Genres. Die Kämpfe, in denen ihr je nach Entscheidung am Anfang entweder Kasane oder Yuito steuert, orientieren sich dabei stark an Charakter-Action-Games. Spiele wie Bayonetta oder Astral Chain könnten hier als Vergleichspunkt genommen werden. Die Kämpfe steuern sich entsprechend schnell und setzen auf Kombinationen verschiedenen Fähigkeiten, mit denen ihr euch Vorteile verschaffen könnt. Sowohl Kasane als auch Yuito verfügen über psionische Fähigkeiten, was bedeutet, dass sie Objekte aus der Spielumgebung greifen und auf Gegner werfen können. Daneben verfügen beide über einen individualisierten Kampfstil. Yuito setzt als Schwertkämpfer vor allem auf den Nahkampf, während Kasane ihre psionischen Fähigkeiten nutzt, um neben Objekten auch Geschosse auf Feinde zu schleudern. Neben den abweichenden Handlungssträngen ergeben sich aus der Wahl zwischen den Protagonsiten also auch spielerische Variationen.


Mit psychokinetischen Fähigkeiten stellt ihr euch den Anderen entgegen.

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Neben den Nah- und Fernkampf sowie psionischen Attacken gibt es noch eine Reihe von weiteren Spielelementen, die das Kampfsystem von Scarlet Nexus ausmachen. Zum einen verfügt das Spiel über eine Rollenspielkomponente. Durch Kämpfe und das Abschließen von Missionen steigt euer Protagonist im Level auf und verdient Fähigkeitenpunkte, mit denen er auf der sogenannten Hirnkarte zusätzliche Fähigkeiten und Verbesserungen freischalten kann. Für Yuito lassen sich so beispielsweise längere Angriffskombinationen mit dem Schwert freischalten. Neben den so freigeschalteten Verbesserungen spielen auch die Mitglieder eurer Truppe eine wichtige Rolle in den Kämpfen. Während einer Mission könnt ihr in der Regel zwei Charaktere wählen, die euch in den Kampf begleiten. Die beiden Figuren werden jeweils von der KI gesteuert. Fast schon relevanter ist aber, dass ihr über eine spezielle neuronale Verbindung die Fähigkeiten eurer Verbündeten selbst nutzen könnt. Eure Begleiterin Hanabi verfügt beispielsweise über Feuerkräfte, mit denen ihr Gegner in Brand setzen könnt.


Die richtige Kombination der Elementarfähigkeiten ist insbesondere in den herausfordernden Bosskämpfen von Bedeutung. So könnt ihr beispielsweise mit der Fähigkeit Hellsicht unsichtbare Gegner ausfindig machen oder Duplikate von echten Gegnern unterscheiden. Die Verbindung der Angriffskombinationen mit Elementarfähigkeiten und Umgebungseffekten erzeugt eine sehr spannende Ausgangslage für Kämpfe. Scarlet Nexus schafft hier den Spagat zwischen Zugänglichkeit und Komplexität. Während Genre-Neulinge auch mit Standardangriffen Fortschritt erzielen können, freuen sich fortgeschrittene Spieler darüber, schnell zwischen den Fähigkeiten zu wechseln und sich so einen Vorteil zu verschaffen.


Auf der Hirnkarte schaltet ihr neue Fähigkeiten und Verbesserungen frei.

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Abseits der Kämpfe habt ihr verschiedene Möglichkeiten, eure Ausrüstung zu verbessern und mit euren Teammitgliedern zu interagieren. Nach den Hauptmissionen, die in abgeschlossenen und relativ linear aufgebauten Arealen stattfinden, setzen sogenannte Standby-Phasen ein. In diesen Abschnitten kehrt ihr mit den Mitgliedern eurer Einheit ins Versteck zurück und könnt dort beim Händler neue Waffen erwerben oder gefundene Materialien gegen Verbesserungen und Items eintauschen. Hierzu zählen neben Kampfverbesserungen auch Accessoires, die das Aussehen eurer Charaktere verändern. Vor allem dienen die Standby-Phasen aber dazu, das Verhältnis zu euren Teammitgliedern zu vertiefen. Dazu könnt ihr ihnen zum einen Dinge schenken, die ihr im Verlauf von Einsätzen findet. Vor allem müsst ihr dafür aber sogenannte Vertrauensepisoden einleiten. Das sind längere Gespräche oder Ausflüge, in denen die Hintergründe und Motivationen eurer Gefährten erläutert werden.


Diese Episoden sind im Stil einer Visual Novel erzählt, das heißt, dass gesprochener Text zu Standbildern eingespielt wird. Phasenweise werden in separaten Portraits die Gesprächspartner animiert, echte Zwischensequenzen bleiben aber im gesamten Spiel eher die Ausnahme. Während die Qualität der Dialoge etwas schwankt, lässt sich doch festhalten, dass Scarlet Nexus eine sehr abwechslungsreiche und interessante Charakterriege präsentiert. Viele eurer Begleiter haben sehr persönliche Gründe dafür, Teil der AAS zu sein oder Ängste und Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben. Die doch sehr ausführlichen und häufig wiederkehrenden Passagen sorgen dafür, dass euch die Mitglieder eures Teams ans Herz wachsen können. Allerdings hat Bandai Namco hier Potenzial liegengelassen, denn leider habt ihr keine Möglichkeiten, den Verlauf der Gespräche in irgendeiner Form zu beeinflussen. Es steht euch letztlich nur frei zu entscheiden, ob ihr die Beziehung mit einer Figur vertiefen möchtet.


Eure Begleiter besser kennenzulernen und ihre Motive zu verstehen ist ein wichtiger Aspekt des Spiels.

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Das hat übrigens auch direkte spielmechanische Auswirkungen, denn mit jeder gewonnenen Vertrauensstufe schaltet ihr spezielle Begleiterfähigkeiten frei, die ihr im Kampf einsetzen könnt. Diese erweitern die Kombinationsmöglichkeiten in den Gefechten und bringen euch so teils starke Vorteile. Doch auch ohne diese direkten Upgrades sind die Charakterepisoden aufgrund der zusätzlichen Erkenntnisse über eure Begleiter lohnend, auch wenn eine Anime-Affinität hier sicher nicht schaden kann. Tatsächlich ist diese soziale Komponente auch ein sehr großer Bestandteil des eigentlichen Spielerlebnisses. Zusammen mit den ebenfalls meist in Standbildern erzählten Handlungssequenzen umfassen die Vertrauensepisoden knapp die Hälfte der Spielzeit. Wer sich allerdings nur ins Getümmel stürzen möchte, kann die optionalen Vertrauensepisoden komplett überspringen und sich ganz auf die Kampfmechanik konzentrieren.


Kommen wir zur Inszenierung und technischen Umsetzung des Spiels. Ich habe Scarlet Nexus für den Test auf einer Xbox Series S gespielt. Auf Microsofts aktueller Konsole läuft Bandai Namcos Action-Spektakel mit einer Bildwiederholrate von 60 FPS bei einer Auflösung von 1440p. Die Framerate ist dabei über den kompletten Ablauf hinweg stabil und ermöglicht so ein sehr flüssiges Spielerlebnis. Dank der Nutzung der Konsolen-SSD fallen auch die Ladezeiten sehr kurz aus. Im Schnitt wartet ihr bei Wechseln der Szenerie knapp fünf bis sieben Sekunden. Das Highlight von Scarlet Nexus ist aber nicht die grundsolide Technik, sondern die wirklich fantastische Inszenierung der Spielwelt. Insbesondere die Designs der Anderen strotzen vor Absurdität und Vielfalt und zeigen Wesen, die ihr so in noch keiner Spielwelt gesehen habt. Die Brainpunk-Thematik zieht sich hier konsequent durch: Da der menschliche Verstand das Leitthema des Spiels ist, sind der Abstrusität keine Grenzen gesetzt. Wir können uns einen Blumentopf mit menschlichen Beinen vorstellen, deshalb ist es nicht unplausibel, dass es Gegner in dieser Welt gibt, die genau so aussehen. Auch religiöse Szenen und mechanische Konstrukte sind stilbildend für das Spiel und sorgen bei jedem neuen Gegnertypus erst einmal für Staunen. Neben den fantastischen Gegnerdesigns und den interessanten Aspekten des Brainpunk-Szenarios mit seinen verschiedenen dystopischen Elementen fallen die vergleichsweise kargen Level, in denen es nur punktuelle Interaktionsmöglichkeiten gibt, eher negativ auf. Insgesamt überzeugt Scarlet Nexus technisch wie inszenatorisch aber und fesselt bis zum Abspann an den Bildschirm.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Adis Selimi

Mit Scarlet Nexus präsentiert Bandai Namco ein ebenso interessantes wie überzeugendes Action-Spektakel, das nur so vor Ideen strotzt. Das Brainpunk-Szenario eröffnet sowohl Stile als auch Themen, die der Titel in verschiedener Weise aufgreift und so bis zum Schluss eine eigene Faszination entfaltet. Eine gewisse Offenheit gegenüber Animes und abstrusen Szenarien vorausgesetzt, werdet ihr hier eine spannende Welt und tolle Charaktere finden, die euch im Verlauf der Handlung ans Herz wachsen. Abgerundet wird die Präsentation nicht nur durch eine solide technische Umsetzung für die aktuellen Xbox-Konsolen, sondern auch durch ein herausforderndes und belohnendes Kampfsystem, das zum Experimentieren einlädt. Daneben muss man aber auch mit einigen Abstrichen leben. Sowohl bei der Gestaltung der Vertrauenspassagen als auch beim repetitiven Missionsdesign vergeudet Scarlet Nexus Potenzial. Trotzdem ist Bandai Namcos neuester Titel ein Action-Hit der besonderen Art, der euch fantastisch unterhalten wird, wenn ihr ihm eine Chance gebt.
Mein persönliches Highlight: Das unverbrauchte Brainpunk-Szenario und die interessanten Gefährten, die man um sich sammelt.

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Kommentare 8

  • nintendofan89

    Captain Toad's Kumpane

    Bin momentan mit Outriders, anthem und Recore auf der XBox beschäftigt. Danach sehe ich mir den Titel mal an. Schaut eigentlich interessant aus

  • Ngamer

    Son of a Patriot

    Die Demo war ganz gut, hat mich aber nicht begeistert. Außerdem gibt es zuviel anderes zum Spielen, daher passe ich.

  • Princess_Rosalina

    Turmfürstin

    Spiele es gerade am PC ein nettes Spiel, dazu läuft auch grade die neue Anime Serie. Aber ein Tales of gefällt mir etwas besser.

  • Hitsugaya Taichou

    Turmheld

    freut mich sehr dass das Spiel ziemlich gut ankommt! War mir unschlüssig ob ichs holen soll aber werde es jetzt auf jeden fall nachholen wenn ich wieder zeit hab. Im Moment gibt's noch genug anderes zum zocken

  • Blackadder

    Turmbaron

    Die Demo konnte mich nicht überzeugen. Sehr lineare Schlauchlevel und das Kampfsystem war nett, aber hatte schon in der Demo Abnutzungserscheinungen. Vielleicht mal im Sale oder Gamepass.

  • Tomek2000

    Meister des Turms

    Das Spiel sieht wirklich sehr interessant aus…

  • Spielunke

    Turmritter

    Ausweichen ist ein Graus....das schlimmste ausweichen das ich je in einem Platinum Game erlebt habe.
    Man kann keine animationen canceln und somit kriegt man immer auf die Nuss wenn man sich in eine Animation befindet.

    Ist nix für mich, habs refunded.

  • Kabuki-Ende

    noch nicht ganz am Ende...

    ist zwar ein nettes spiel aber ich habe mir mehr erhofft besonders die extrem langweilige klischee-behaftete protagonistin nervt einfach nur und der fehlende charakter ersteller a la code vein ist unverzeihlich