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Lehrjahre in unserer Graphic-Novel-Rezension

Könnt ihr euch noch an euren ersten Job erinnern – den ersten Job als Teenager, um sich ein wenig Kohle dazu zu verdienen? Man hatte noch keine Ahnung von der Arbeitswelt und so richtig effektiv helfen konnte man auch nicht immer. Dennoch ist das ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden, auch wenn man dort nicht immer als vollwertige Arbeitskraft angesehen wird. Allen negativen Beispielen der Ausnutzung von Praktikanten zum Trotz, gibt es ja auch gute Erfahrungen. Von einer solchen positiven Erfahrung berichtet uns der kanadische Autor und Zeichner Guy Delisle in seinem Werk „Lehrjahre“, was in Deutschland bei Reprodukt erschienen ist.


Guy arbeitet in seiner Jugend in einer Papierfabrik und bedient dabei gelegentlich auch schwere Maschinen.

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Shenzhen, Pjöngjang, Birma, Jerusalem und nun Québec… Autor und Zeichner Guy Delisle nimmt uns mit auf eine Reise in seine Jugend. In seiner kanadischen Heimat arbeitete er als Student in den 80er-Jahren drei Sommer lang in einer Papierfabrik, zu Beginn in der Nachtschicht, zwischendurch aber auch am Tage. Das bedeutete zwölf-Stunden-Schichten in einem heißen, lauten Gebäude voller obskurer und riesiger Maschinen. Zwischen den gigantischen Papierwalzen konnte da schnell ein Finger oder gar eine ganze Hand verschwinden, und wenn man nicht aufpasste, war das Papier für eine gesamte Auflage der New York Times vernichtet.


In dieser Zeit lebte Guy Delisle schon bei seiner Mutter, sie und sein Vater hatten sich bereits getrennt. Das Kuriose daran: sein Vater arbeitet ebenfalls als technischer Zeichner in dieser Fabrik, jedoch gestaltet sich der Kontakt dort in der Fabrik so wie im privaten Leben schwierig. Guy und sein Vater haben sich nämlich nicht viel zu sagen. Ganz selten besucht er ihn zu Hause, aber auch da redet in der Regel nur sein Vater. Wie es Guy geht, interessiert den Vater weniger. Und so laufen sie sich auch in der Fabrik erst im dritten Sommer so richtig über den Weg.


Doch Guy arbeitet in seiner Freizeit an seinen Zeichenkünsten und liest nach und nach immer mehr Graphic Novels und Comics, um seinen Horizont zu erweitern. Im zweiten Sommer dieser Geschichte wird er dann sogar an der Animationsschule in Toronto angenommen, ein Traum erfüllt sich da für ihn. Dennoch erleben wir seinen dritten Sommer in der Papierfabrik auch noch mit.


Guy Delisle ist in seinen bisherigen Werken eher als Beobachter von anderen Kulturen hervorgetreten und so sind seine graphischen Reisereportagen in der Vergangenheit hochgelobt und mit Preisen überhäuft worden. Dieses Mal führt ihn seine Reise zurück in die Jugend, wo er mit Humor und in Anekdotenform seine Erlebnisse in der Fabrik mit uns teilt. Manches Mal kann man als Leser die Hitze und den Schweiß der 80er-Jahre innerhalb der Fabrik fast fühlen, ein knochenharter Job voll Lärm und Gestank. Doch Delisle schaut nicht mit Argwohn zurück, er erzählt episodenartig von den Menschen in der Fabrik, gewissermaßen alles Typen. Und so geht es da auch sexistisch und machohaft zu, wenn Männer halt unter sich sind.


Lehrjahre liest sich flott weg und amüsiert immer wieder. Optisch sticht die Hauptfigur mit seinem gelb-orangenem Oberteil heraus, ebenso wie die Rauchschwaden aus den Schornsteinen der Fabrik. Ansonsten ist der Rest des Buches in schwarz-weiß gehalten. Laut Delisle soll dies ebenso die Wärme innerhalb der Fabrikgemäuer repräsentieren. Über den Verlauf des Buches bekommen wir als Leser auch einen guten Abriss über spezifische Produktionsabläufe, Details zu Maschinen und Arbeitsausrüstung: eben was es bedeutet Papier herzustellen.


Wenn ihr euch selbst ein Bild vom Artwork zu Lehrjahre machen wollt, findet ihr hier ein paar Eindrücke auf der Verlagsseite.


Lehrjahre ist erschienen bei Reprodukt, ISBN: 978-3-95640-262-3, 144 Seiten, zweifarbig, 16,5 x 24,5 cm, Klappenbroschur, 20 Euro


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Unser Fazit

Meinung von Dennis Gröschke

Mit Humor und einer lässigen Erzählweise konnte mich Lehrjahre von Guy Delisle gut unterhalten. Es sind die kleinen Episoden und Typen, die er im Laufe seiner drei Sommer vor Ort erlebt hat, die dem Buch ihren Kniff geben. Das ist herrlich beobachtet und gekonnt skizziert, wenn sich selbst in den 80ern schon zeigt, dass diese Arbeiten in der Fabrik sich selbst überholt haben. Im Verlauf der drei Sommer lässt sich bereits ein Prozess beobachten, wie mit der Ressource Holz umgegangen wird. Die Stapel der Baumstämme draußen neben der Fabrik werden immer kleiner und die Abläufe passen sich drinnen dementsprechend an. Übertragen auf die Findungsphase von Guy Delisle zeigt sich sehr schön, dass auch er offen für neue Herausforderungen sein muss. So verzichtet er darauf, einen vierten Sommer in der Fabrik zu arbeiten, als er ein Angebot eines Animationsstudios erhält. Die Fabrik ist ständigen Veränderungen ausgesetzt, ebenso deren Arbeiter, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Für Guy Delisle war es nur ein Übergang, aber ein entscheidender.

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