Wie ich ,,bestimmte“, was meine Klasse spielte

  • Prolog

    Es war in der Mitte der achten Klasse (ca.Ende 2018), da beschloss ich, mein iPad wieder öfter mit in die Schule zu nehmen. Eigentlich war es ja auch dafür gedacht. Seit 2015 hatte ich auch Spiele der European War-Reihe darauf. Dies sind (zumindest von Teil 1-5) immer hochwertige Mobile-Spiele gewesen. Die einzelnen Einheiten sind ausgefeilt, die Maps ambitioniert und der Schwierigkeitsgrad stellenweise hoch, aber fair. Den zweiten Teil gibt es übrigens auch auf dem 3DS (mein User-Test) und von der Schwesterreihe ,,World Conqueror“ auch einen Teil auf der Switch (Link).

    Zu dieser Zeit gab es eine neue Sitzordnung und die Personen, neben denen ich nun saß, fingen irgendwann an, mit mir auf dem iPad zu spielen.
    Zuerst der an meinem Tisch, dann die daneben.


    Verwunderung

    Wir hatten mit dem Multiplayer des dritten Teils viel Spaß. Irgendwann wurden weitere Mitschüler darauf aufmerksam und wir fingen eine ,,drei-gegen-drei“-Runde an. Mit der Zeit kamen so immer mehr Mitspieler dazu. Ich hatte längst gedanklich eine kleine Warteliste erstellen müssen und mir machte es Spaß, wenn ich meine Taktik plante. Jedoch war ich natürlich geübter und dementsprechend besser, als die anderen, da ich immerhin schon drei Jahre u.a. dieses Spiel spielte.

    Doch dann wurde fast die ganze Klasse auf das Spiel aufmerksam, denn jedem fiel auf, dass ich, der vorher nie im Mittelpunkt stand, jede Pause eine große Menschenmenge von 10 Leuten um mich hatte.


    Nun wurde es ohne Organisation zu unübersichtlich. Ich hatte 16 ,,Anmeldungen“ für 5 Plätze (ich als iPad-Besitzer spielte oft mit).


    Organisation muss her

    Also entschieden wir, dass die 6 besten Spieler eine Art ,,Kommission“ gründen sollten. Dieser gab ich, selbst ein Mitglied, den Auftrag, ein Regelwerk zu erstellen. Doch hier kam der erste Fehler: Hauptsächlich legten drei der 6 Mitglieder diese Regeln fest. Die anderen kümmerten sich in der Zwischenzeit um die aktuell stattfindende Runde. So kam ein Regelwerk heraus, welches um die 20 Punkte umfasste. Nötig war es u.a. auch, weil mir als vorheriger ,,Alleinherrscher“ Willkürlichkeit vorgeworfen wurde.

    Festgelegt wurden die Auslosung der Teilnehmer und Bündnisse, die Sieg- und Kapitulationsbedingungen und auch die Strafen.

    Bei den Lehrern war es inzwischen über einen Lehrer, der sich durch Final Fantasy auf sein damaliges Englisch-Abitur vorbereitet hatte, also Spielen nicht abgeneigt war, als mein ,,Geschichtsspiel“ bekannt geworden. Wir spielten es auch in den Vertretungsstunden mit ,,offizieller Erlaubnis“.

    So hatte es auch Einzug in den Alltag gefunden.

    Der ,,Hype“ und die Folgen

    Ungefähr zu dieser Zeit passierten allerdings zwei Dinge: Mittlerweile hatten wir Anfang 2019 und mein 4 Jahre altes iPad Air 2 bekam Probleme langsam, aber sicher leichte Probleme mit seinem Dauereinsatz. Zum anderen ließ das Interesse nach unzähligen Runden leicht nach.
    Ich hatte ursprünglich angekündigt, mir Ende 2019 ein neues iPad zu kaufen. Nachdem es allerdings einmal im Matheunterricht ,,versagt“ hatte (ich half damit meinem Mathe-Lehrer aus), drängte ich bei meinen Eltern auf einen früheren Kauf. Und so kaufte ich Ende Februar für
    Spoiler anzeigen
    fast 2.000€
    ein iPad Pro mit dem Apple Pencil 2.0. Doch auch hier kam es zu Verzögerungen: Es wurde erst im März geliefert.
    Der Hype in meiner Klasse war dafür um so größer. Am ersten Tag mit dem iPad musste ich es jedem zeigen, bei den Lehrern war ich als der mit dem ,,Riesen-iPad [12,9 Zoll]“ bekannt. Dass der Apple Pencil erst einen Tag später geliefert wurde, schadete nicht. Im Gegenteil: Am nächsten Tag wiederholte sich das Geschehen.

    Die Spaltung
    Doch zurück zum eigentlichen Thema: Die Mitspielerzahlen stiegen wieder und die Kommission musste eine zweite, erweiterte Regelfassung erarbeiten, um 20 Spieler auf 5 Plätze zu verteilen.
    Weiter sollte diese auch erweitert werden, doch zeigte sich hier eine Spaltung: Zwei der Kommissions-Mitglieder hatten andere Vorstellungen, als die anderen drei, und ich stand dazwischen. Ich entschied mich für die drei, da mir ihre Ideen mehr zusagten. Diese bauten darauf jedoch ihre Macht aus, indem sie erst den einen, dann den anderen rauswarfen, in dem sie mit meiner Enthaltung die Mehrheit dafür hatten. Nun konnten diese drei de facto alles machen, denn sie fanden ja immer eine Mehrheit.

    Doch die ,,normalen“ Spieler fingen an, sich zu fragen, warum es eigentlich eine solche Kommission brauche. Die zwei rausgeworfenen gründeten also ihre eigene Runde an dem iPad von einem der beiden. Doch dieses brachte er irgendwann nicht mehr mit und darüber waren die Spieler natürlich enttäuschter, als über eine autokratisch-beherrschte Runde. Zusätzlich versprachen wir nun, ein Mitglied auf Zeit aufzunehmen, welches von den Nicht-Kommissions-Mitgliedern bestimmt, bzw. in einer Wahl gewählt wurde.

    Doch auch hier galt: Selbst mit meiner Stimme konnte höchstens ein Unentschieden herbeigeführt werden. Und mit der Zeit fragten wir dieses Mitglied gar nicht mehr. So waren wir wieder beim Status quo.

    Wandel

    Mittlerweile hatte ich allerdings wenig Lust, jede freie Minute damit zu verbringen, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessengruppen herbei zuführen. Mein iPad abzugeben war allerdings auch keine Option.

    So fing ich an, weitere Spiele mit meinen Mitschüler zu spielen. Und siehe da: Manche ,,floppten“, manche fand man kurz darauf bei jedem auf dem Handy oder iPad.

    Irgendwann zeichnete ich auf, wenn gespielt wurde, und bis heute lade ich so etwas dann auf YouTube hoch.

    Dieser ,,Kult“ meiner Klasse, das zu spielen, was ich gerade spiel(t)e, ging sogar so weit, dass ich bald in den Pausen nicht nur mein iPad aus der Hand gab, sondern auch gleich mein iPhone SE dazu, obwohl viele ein besseres Handy hatten/haben.

    Die Spuren

    Die Spuren sind bis heute sichtbar. Nicht nur habe ich über 400 Spiele auf meinem iPad, auch setzte sich trotz oberstufenbedingter Klassenauflösung dieser Trend bis zur Coronazeit fort.

    Außerhalb meiner Klasse können übrigens die wenigsten Schüler der ehemaligen Parallelklassen dieses Phänomen verstehen: Wenn ich ab und zu European War 3 auf meinem iPad spiele, höre ich tatsächlich aus dem Hintergrund: ,,Schau mal, das ist doch das Spiel, was die B immer gespielt hat. Was haben die damit?“ oder: ,,Warum spielen die alle dieses Spiel?“.

    Vielen Dank fürs‘ Lesen. Habt Ihr eine ähnliche Geschichte erlebt? Vielleicht sogar als Lehrer?

    Hier könnt Ihr Euch alle European War-Teile anschauen.



    Ich gestehe: Ich bin Switch-Besitzer. :thumbsup:


    Meine neuen Blogs:

    3. Das Community-Projekt 2.0!
    Neu: Wenn Animal Crossing eine Fernsehserie wäre...

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Kommentare 3

  • Eukarion -

    Interessante Geschichte :)
    Über solche Klassendynamiken hört man von BerufskollegInnen immer wieder, auch abseits des Gaming. Dass sie solch hohe Wellen schlagen, ist aber doch recht selten – Glückwunsch dafür. In meinen Klassen gab es bisher nur einige kleine Gamer-Grüppchen, die in der Pause mal eine Runde zusammen zockten, mehr aber auch nicht. Wenn ich mich richtig erinnere waren es insbesondere Clash Royale und Brawl Stars.
    Über die Beziehung Lehrer – Videospiele fange ich aber jetzt besser nicht an zu schreiben, das würde die Kommentarbox füllen. Kurz gesagt: Einige Kollegen leben noch sehr in den 2000er-Jahren... Ein wenig Offenheit wäre wünschenswert. ;)
    Sollte ich mal Zeit haben, schreibe ich vielleicht auch mal ein kleines Textchen.

    • Maluigi | Leon -

      Ich freue mich über jede Geschichte. :)

      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

  • Erik Radtke -

    Finde ich total interessant, wie deine Klasse dafür so gehypet werden konnte.

    Mega cool! :D