Kurz-Review: Marsupilami - Auf Donkey Kongs Spuren?

Der französische Publisher Microïds ist noch einer der wenigen AA-Publisher, zudem einer mit schwankendem Qualitätsniveau. Manche Spiele sind ganz gut, manche weniger. Das ist schon eine Seltenheit geworden in der heutigen Spielelandschaft. Und noch etwas macht dieser Publisher anders: Er setzt in letzter Zeit auf externe Lizenzen aus der Popkultur. Etwas, was bis in den 2000er Jahren ganz selbstverständlich war, ist heute eine aussterbende Gattung: Das Lizenzspiel. Umso schöner, dass die Franzosen diese Tradition am Leben erhalten.


Marsupilami wurde 1952 von Comiczeichner André Franquin erfunden und hatte seinen ersten Auftritt in der Comic-Serie Spirou und Fantasio. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich diese Figur zu einer der Phänomene des französischen Comics neben Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi und weitere. Es wurden zudem seit den 80ern diverse Filme und TV-Serien mit diesem Fantasiewesen produziert. Nun also, uum fast 70 Jährigen Jubiläum, das erste Videospiel mit der beliebten Figur. Dafür hat Microïds das Spielestudio Ocellus engagiert. Diese sind in der Vergangenheit vor allem durch Ports diverser Spiele und Zuarbeiten für andere Studios der Allgemeinheit eher wenig auffällig geworden. Laut Webseite ist Marsupilami: Hoobadventure (wer in der Microïds PR denkt sich eigentlich immer wieder solche Namen aus?) das erste eigene Spiel.


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Im wesentlichen handelt es sich hier um einen sehr klassischen Plattformer. Ihr lauft von links nach rechts, springt auf die Gegner - soweit, so bekannt. Eine wichtige Rolle nimmt Marsupilamis langer Schwanz ein: Mit diesen könnt ihr auf die Gegner peitschen und noch wichtiger, Euch an die vielen Haken in den Levels festhalten. Insbesondere in späteren Levels schwingt ihr Euch so über einige knifflige Abgründe. Das ganze Gameplay würde ich vor allem mit Donkey Kong vergleichen: Es ist flott und die Steuerung sitzt punktgenau. Einen großen Unterschied gibt es jedoch: Es ist lange, lange nicht so schwer wie die Abenteuer von Nintendos Dschungelaffenbande.


Der niedrige Schwierigkeitsgrad ist auch nicht das Problem des Spiels. Es muss eben auch leichtere Spiele für nicht so versierte Spieler geben. Auch wäre Marsupilami ein tolles Geschenk für Kinder. Wenn, ja wenn da nicht der größte Kritikpunkt wäre, über dass das ganze Spiel stolpert: Der mickrige Umfang! Gerade mal drei Welten mit insgesamt etwas über 20 Levels bietet das Spiel. Andere Genre-Vertreter bieten in der Regel doppelt wenn nicht dreimal so viel Umfang. Innerhalb von zwei Stunden habe ich das Spiel abgeschlossen. Und das ist für den aufgerufenen Preis von immerhin 40€ schlicht viel zu wenig!


Und das ist ein wirklicher Jammer! Weil das Spiel auf allen anderen Ebenen geradezu Nintendo-Qualität erreicht: clever gestaltetes Leveldesign, schöne Animationen, fantastische Steuerung, tolle Grafiken und ganz allgemein ein Polish, den man nur noch selten sieht. Das ganze Fundament schreit geradezu nach einer Höchstwertung und dem Kaufbefehl für alle Genre-Liebhaber da draußen. Aber dann endet das Spiel schon wieder, bevor es richtig losgeht!



Grüne-Wiese-Wertung*: 57%


Eigentlich würde ich dem Spiel am liebsten eine Wertung im 90er Bereich geben. Denn das technische und spielerische Fundament ist herausragend! Wenn auf diesem Fundament aber kein schönes großes Haus, sondern nur die Grundmauern des Erdgeschosses gebaut werden, dann bin ich an dieser Stelle gezwungen hart abzuwerten und eine Kaufwarnung bei dem abgerufenen Preis von 40€ auszusprechen. Solltet ihr das Spiel irgendwann mal im Angebot für einen Zehner sehen, dann greift zu! Denn die zwei Stunden Spielzeit sind fantastisch! Aber wie gesagt: Dieser niedrige Umfang ist enttäuschend! Hier hätte Microïds den Spieleentwicklern dringend mehr Zeit geben müssen. Das Studio Ocellus dagegen kommt nun auf meiner "Muss ich weiter im Auge behalten" Liste.


* Mit der "Grünen-Wiese-Wertung" wird mein Wertungskonzept verfolgt, welches die Wertungsinflation der letzten 20 Jahre konsequent ausblendet, Spiele nicht mit anderen Spielen vergleicht werden und wo das gesamte Wertungsspektrum von 1 bis 100% ausgenutzt wird. Dementsprechend muss beispielsweise ein Spiel im 60er Bereich noch lange keine Gurke sein.