Neu Eine Kurzgeschichte: Luftfeuchtigkeit ist auch brennbar (2022)



Es ist diese spezielle Feuchtigkeit in der Luft, wenn man den Raum betritt, die einen aufmerksam werden lässt. Man hat das Gefühl, zwischen den Anwesenden wuchere der Schimmel. Wendet man seinen Blick nun von der rechten auf die linke Seite, einmal durch das Zimmer, so gehen doch alle ihrer gewöhnlichen Tätigkeit nach. Warum auch nicht? Das Dach ist nicht kaputt. Die Fenster benötigen keinen Glaser. Der Kamin schickt Flammen nach oben, empfängt aber selbst doch keine Wassertropfen. Nein, am Raum liegt es nicht. Der ist an den richtigen Stellen dicht. Vielleicht schaut man dann doch ein zweites Mal auf die Fenster. Ob hier richtig gelüftet werde, fragt man dann. Die Luftfeuchtigkeit nimmt allein bei diesem Satz schon zu. Vielleicht bedarf es eines Ventils?




Die Mutter antwortet schmunzelnd, dass man das ja früher vor dem Auszug sicherlich nicht hätte fragen müssen. Ihr Blick wandert zum Vater, der Vater murmelt etwas, das als Zustimmung verstanden wird und so will man nicht weiter stören, setzt sich selber an einen Platz mit guter Übersicht und tut so, als sei man mit etwas beschäftigt. Man selbst nimmt die Luftfeuchtigkeit irgendwann nicht mehr war, doch ist sie noch immer da. Entzündung findet das Wasser an trockensten Dingen des Bürgerhauses. Der kleine Sohn lässt etwas unbedacht fallen, es muss nicht einmal kaputt gehen. Der Vater macht einen falschen Kommentar, er muss nicht einmal weiter von Bedeutung sein. Die unliebsame Verwandtschaft ist nur für einen Teil liebsam da, sie muss nicht einmal anwesend sein.




Dann rollt das Gewitter unbändig. Die Luftfeuchtigkeit stürmt hernieder, schlägt Gewissen klein, dringt bis in die tiefsten Magengegenden vor, zerstört die Dämme der Tränen und lässt sie überlaufen. Die Sintflut war zerstörender, doch ließ sie wenigsten Hoffnung leben. Der unliebsame Verwandte der Hoffnung, das Aussitzen, ist wohl da. Ein Ersatz ist es nicht. Das Selbstbild ist zerstört, der unabhängige, aufgeklärte und selbstkritisch-aufmerksame Sohn ist von der Fürsorge seiner Eltern gefallen. Und das, obwohl er nicht mal wusste, wodrauf er da stand.


(Hinweis: Die Bilder sind Werk einer AI und nach ausgewählten Begriffen des Autors erstellt.)