
Gaming aus Sicht von Kinderaugen: Eine verloren gegangene Fähigkeit?
Mit 35 Jahren, habe ich schon viele Videospielwelten gesehen, epische Schlachten gewonnen, emotionale Momente erlebt, mir die Zähne an Bossen zerbissen. Aber nicht nur das, sondern man verändert auch ganz automatisch seinen Blick auf Videospiele - ein natürlicher Prozess.
Aber fangen wir von vorne an. Erinnert ihr euch an euren ersten Videospiele? Keine 4K Grafik, kein FPS zählen, sondern einfache Pixelspiele wie Tetris, Mario Bros. , etc.
(Tetris besticht durch sein simples Spielprinzip, dennoch haben damit viele Menschen unzählige Stunden Spielspaß erlebt.)
Und dennoch - oder gerade deshalb - war es ein Erlebnis des Staunens, des Lernens, der Überwältigung. Spiele waren neu, standen für sich. Spiele wurden immer wieder durchgespielt einfach des Spieles wegen. Wenn ich nur daran denke wie oft ich zum Beispiel Zelda: A Link to the Past durchgespielt habe, oder Pokémon neu gestartet habe, ohne das der Spielspaß leiden musste.
Als Erwachsene hat sich diese Betrachtung in den meisten Fällen verändert. Effizienz, Perfektion und der Wert des Spiels sind Schlagwörter mit denen man sich auseinandersetzen muss. Wie oft lesen wir hier im Forum von einem bestimmten monetären Wert, der ein User nennt und höchstens bereit ist zu bezahlen. Spielzeit wird in Relation zum Preis gesehen, es spielt eine Rolle ob ein Spiel ein großes Budget hat.
Aber auch während dem Spielen bewerten wir Grafik, suchen nach dem schnellsten Weg durch das Spiel, versuchen unser Zeitmanagement zu optimieren, um dann schneller an weiteren Games zu kommen.
Zur Idee dieses Artikels kam ich, als ich meinen Kindern beim Spielen von Donkey Kong Bananza zusah. Ich saß still auf der Couch und beobachtete ohne etwas zu sagen Spielgeschehen und Reaktion der Kinder. Was ich wahrgenommen habe, überraschte mich, obwohl es eigentlich vollkommen logisch ist - die Kinder feierten ganz andere Punkte am Spiel, als ich es getan habe.
Als Beispiel erfreuten sie sich am Aufladen des Schlages in der Kong-Bananza, am zertrümmern der Spielewelt, an der Gestik von DK. Bei Mario Kart World erfreuten sich die Kinder an der Open World, der Möglichkeit überall hinfahren zu können. Die Kritik von Erwachsenen, die Welt biete zu wenig, wird hier überhaupt nicht wahrgenommen.
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(Eine lustige Bewegung, ein cooles Kostüm. Kinder haben ganz andere Prioritäten)
Kinder sehen Spiele also anders. Sie kümmern sich weniger um Bugs, Texturen oder unoptimierte Ladezeiten. Für Kinder ist das Videospiel bereits eine riesige Welt voller Möglichkeiten. Sie sind experimentierfreudiger und sehen ihren persönlichen Wert des Games nicht in dessen Abschluss, sondern im Weg dahin. Was für Möglichkeiten gibt es, kann ich unsinnige Items kombinieren, was erwartet mich am Horizont? Dabei wiederholen Kinder spaßige Dinge immer wieder - warum auch nicht? Kinder erleben die Magie der Unvollkommenheit.
Währenddessen haben viele diese Fähigkeit - gedankenlose Freude beim Spielen - verloren, weil wir sie durch die Notwendigkeit der Optimierung ersetzt haben. Zeit ist ein wichtiger Faktor, gleichzeitig möchte man so viel wie möglich spielen - das kann durchaus stressen. Und so ist es nicht verwunderlich , wenn man bereits vor Spielbeginn schaut, welche ist die stärkste Klasse, wie komme ich möglich schnell weiter, anstatt einfach das auszuwählen, was einen interessiert. Manchmal verwandelt diese Herangehensweise das Spiel in eine Aufgabe.
Meist merken wir diese Veränderung nicht, da sie schleichend kommt und ein natürlicher Entwicklungsprozess - auch im Alltag - ist. Allerdings kann man sich das kindliche, unperfekte spielen, auch wieder aneignen.
Dazu benötigen wir mehr Akzeptanz gegenüber Videospielen , denn es ist auch mal okay, wenn ein Spiel nicht den höchsten Standards entspricht. Der Innere Kritiker ist nicht immer unser Freund, er macht auch viel kaputt.
Wir können weniger Spiele konsumieren und uns stattdessen die Zeit nehmen, die sich beim Spielen eines Games ergibt. Wir können uns weniger informieren und uns wieder mehr überraschen lassen. Unsere Meinung wird nicht durch andere geformt, sondern nur durch uns selbst.
Betrachten wir Videospiele weiterhin als Produkte, oder schaffen wir sie wieder als Spielplätze wahrzunehmen?
Meine These ist: Auf Spielplätzen haben wir nicht nur mehr Spaß, sondern auch mehr Auszeit vom Erwachsenenleben, welches - Überraschung - oft aus Effizienz und Optimierung besteht.
Deswegen: Wenn ihr die Möglichkeit habt, schaut doch einfach mal kommentarlos einem Kind beim Gamen zu - und wer weiß, vielleicht spielt ja der ein oder andere Leser auch mal wieder etwas unvernünftiger.
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