
Mein letzter Artikel Gaming aus Sicht von Kinderaugen kam offensichtlich sehr gut an, was mich natürlich motiviert auch weiterhin spannende Beiträge zu schreiben. Vielen Dank nochmals für eure tollen Kommentare und Reaktionen.
Heute geht es allerdings um ein Thema, welches mir bei den Gameawards omnipräsent war: Vergleiche.
Vergleiche gehören heute zu Videospielen wie Controller und Konsole. Kaum erscheint ein neuer Titel, wird er nicht nur gespielt, sondern sofort gemessen: an Vorgängern, an Konkurrenten, an Metacritic-Scores, an Verkaufszahlen, an Hypes, an anderen Games. Die Frage ist nur: Tut uns das eigentlich gut – oder vergleichen wir uns Videospiele kaputt?
Der Vergleich als natürlicher Reflex
Vergleichen ist erst einmal nichts Schlechtes. Menschen vergleichen ständig. Es hilft uns, Entscheidungen zu treffen:
Welches Spiel kaufe ich mir? Lohnt sich der Vollpreis für mich? Passt das Spiel zu meinem Geschmack?
Gerade bei einem Medium, das Zeit und Geld kostet, ist Orientierung wichtig. Reviews, Tests und Vergleiche können wertvoll sein.
Aber was wenn diese Vergleiche uns irgendwann nicht mehr helfen, sondern zum eigentlichen Problem werden?
Das Problem beginnt dort, wo Vergleiche dominieren und Spiele nicht mehr für sich selbst stehen können.
Wenn Spiele nicht mehr für sich stehen dürfen
Viele Spiele bekommen heute kaum noch die Chance, für sich selbst zu existieren. Stattdessen werden sie fast ausschließlich im Kontext betrachtet:
„Nicht so gut wie der Vorgänger“
„Kein Zelda, kein Elden Ring“
„Kopiert nur Spiel XY“
„Reizt die Konsole nicht aus“
Die Beispielliste könnte natürlich auch länger sein, soll aber nur als Einleitung zu folgendem Punkt dienen:
Ein neues Spiel wird nicht gefragt: Was will es sein? Sondern: Warum ist es nicht wie etwas anderes?
(Donkey Kong Bananzas Eigenständigkeit im Gameplay wird nicht von allen positiv aufgenommen)
Das führt dazu, dass Eigenständigkeit oft als Schwäche wahrgenommen wird. Kleine Experimente, ungewöhnliche Mechaniken oder bewusst reduzierte Konzepte werden zu hitzigen Diskussionen führen, was bis zu Shitstorms und Reviewbombing führen kann.
Spiele werden plötzlich für das, was sie nicht sind gerichtet und beurteilt.
(Mario Kart World löste hitzige Debatten aus)
Apropos beurteilt:
Zahlen, Scores und Rankings – die neue Wahrheit?
Ein weiterer Faktor ist die Fixierung auf Zahlen. Wertungen, Durchschnittsscores, Rankings und „Best of“-Listen prägen unsere Wahrnehmung massiv. Ein Spiel mit 78 % gilt schnell als „mittelmäßig“, obwohl es für viele Spieler ein persönliches Highlight sein könnte.
Dabei suggerieren Zahlen Objektivität, wo eigentlich subjektive Erfahrung steht. Spaß, Atmosphäre, Immersion oder emotionale Wirkung lassen sich kaum fair vergleichen – und doch versuchen wir es ständig. Das führt uns zu folgendem Ergebnis:
Wir reden weniger darüber, was ein Spiel mit uns macht, und mehr darüber, wo es im Vergleich steht.
Wenn Vergleiche überhandnehmen, verlieren wir etwas Wesentliches, die Neugier. Wir spielen nicht mehr, um zu entdecken, sondern um zu bewerten. Wir suchen nicht mehr nach Erlebnissen, sondern nach Argumenten. Wir genießen weniger – und urteilen mehr.
Die wichtigste Frage ist dann nicht mehr: „Hat es mir Spaß gemacht?“ Sondern: „Ist es objektiv gut genug?“
Vielleicht brauchen wir einen bewussteren Umgang mit Vergleichen. Weniger „Spiel XY ist besser oder schlechter“, sondern mehr „Spiel XY ist anders / schlägt einen anderen Weg ein“. Weniger Ranglisten, mehr persönliche Eindrücke. (Shoutout an Murmeltier mit deiner tollen Blogreihe über deine Eindrücke)
Persönliche Eindrücke und Fragen wie: „Was macht dieses Spiel besonders?“, oder „Für welche Zielgruppe ist das Spiel gedacht?“, Oder „Welche Emotionen löst das Spiel bei mir selbst aus?“
Vergleiche können helfen – aber sie sollten nicht das Erlebnis ersetzen.
Videospiele sind Kunst, Unterhaltung, Technik und Emotion zugleich. Sie verdienen es, nicht nur gemessen, sondern erlebt zu werden. Wenn wir es schaffen, Vergleiche wieder als Werkzeug und nicht als Urteil zu nutzen, gewinnen am Ende alle – Spieler wie Entwickler.
Und manchmal ist das beste Urteil über ein Spiel kein Score, kein Ranking und kein Vergleich, sondern ein einfaches, klassisches: „Ich hatte eine gute Zeit.“
Und nun freue ich mich auf viele weitere tolle Kommentare der ntower- Community.
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