
Die Nintendo-Jahresabrechnung ist da und wie in jedem Jahr seit Erscheinen der OG Switch findet sich unter meinen meistgespielten Titeln des Jahres eine Version von Picross. Ich habe keine Ahnung warum, aber die allabendliche Nonogramm-Attacke genießt bei uns fast schon rituellen Status und das führte dazu, dass bis auf ein oder zwei thematische Ausreißer alle Ausgaben in der Bibliothek landeten.
Nicht dass derlei Sammelwahn nötig wäre - man kann bei durchschnittlich 300-500 Rätseln auch einfach den Speicherstand löschen und von vorn beginnen - aber wenn man einmal angefixt ist, sind die (seltenen) Rabattaktionen dann eben doch willkommene Gelegenheiten für spontane Zukäufe.
Nonogramm one-oooh-one
Falls ihr mit Nonogrammen bisher nicht in Berührung gekommen seid, sorgt euch nicht: Das Spielprinzip ist denkbar einfach und basiert auf einem Grid, in welches mehr oder weniger große Cluster von schwarzen Kästchen eingetragen werden. Konkrete Hinweise zum Ausfüllen liefern die Ziffern am Rand und es gibt wie beim Sudoku zu jedem Zeitpunkt ganz genau eine richtige Lösung. Ihr müsst also nicht raten, sondern einfach nur alle Hinweise korrekt zusammennehmen und dann das entsprechende Kästchen (oder eine definitive Leerstelle) markieren.
Am Ende eines jeden Rätsels steht in der Regel ein stilisiertes Bild, in dem die einzelnen Kästchen wie Pixel genutzt und gegebenenfalls nachkoloriert werden. Allerdings sind diese mehr oder weniger detaillierten Vignetten für den Rätselspaß eher unwichtig. Hauptquell der Freude ist das logisch zwingende Ausfüllen der unterschiedlich großen Grids, was je nach Schwierigkeit (und zugeschalteten Hilfen) zwischen 5 Sekunden und mehr als 1 Stunde in Anspruch nehmen kann.
Wer macht denn sowas?
Generell lässt sich der Nonogramm-Markt in zwei größere Player unterteilen: Auf der einen Seite steht mit Jupiter der unangefochtene Platzhirsch, denn sowohl quantitativ als auch qualitativ liefern die Japaner seit 3DS-Zeiten den Goldstandard. Neben eigenen Reihen wie Picross e und Picross S adaptieren Jupiter das Spielprinzip auch für zahlreiche Crossover-Titel mit anderen Franchises. So gibt es beispielsweise Versionen für Doraemon und Records of the Shield Hero, aber auch thematisch breiter aufgestellte Features mit Sega Ages, Capcom oder klassischen Namco Games.
Spielmechanisch ändert sich dabei absolut nichts, aber in Sachen Lösungsgrafiken, Lore und Musik wird hier durchaus liebevoll an der Hype-Schraube gedreht. Und aus genau diesem Grund kann ich mir vorstellen, dass diese Crossover für bisher nicht Infizierte ein guter Einstieg in die Welt der bunten Kästchen sind.
Abgesehen von den Sondereditionen zeichnen sich Jupiter-Games durch ihre schlichte und funktionale Oberfläche aus, die dank pastelliger Farben und Fahrstuhlmusik stets unaufdringlich (oder: langweilig) bleibt. Im Mittelpunkt stehen die Nonogramme, deren Lösung man sich durch diverse zuschaltbare Hilfen je nach gusto erleichtern oder erschweren kann.
Größter Pluspunkt ist meines Erachtens jedoch die unerreichte Bedienbarkeit, die man sich durch derlei schmucklose Präsentation erkauft: Hier gibt es kein Ruckeln, keine Eingabeverzögerung, kein schwammiges Gesamtgefühl - Jupiter's Picross ist einfach gnadenlos direktes Gameplay, bei dem jedes Feedback und jeder Sound auf den Punkt sitzen.
Der zweite Player ist das ebenfalls japanische Score Studio, welches seine Spiele für mehr Wiedererkennungswert unter dem Kofferwort Piczle published. Die so entstandenen Veröffentlichungen wirken insgesamt farbenfroher und story-orientierter als das Jupiter-Gegenstück, was durch wiederkehrende Charaktere noch unterstrichen wird. Mit Piczle Lines, das auf Linien statt Kästchen setzt, hat man zudem eine eigenständige Interpretation des Spielprinzips am Start, die in Sachen Lösungsweg nicht immer eindeutig ist, aber durchaus Spaß macht - wenn man etwas Probieren nicht abgeneigt ist.
Richtig spannend wurde es im Hause Score mit den letzten beiden Veröffentlichungen, für die man sich Story of Seasons und Rune Factory als Franchise-Partner ins Boot holen konnte. Es bleibt also auch hier spannend und ich denke, dass uns da in Zukunft auf jeden Fall noch ein paar attraktive Auflagen bzw. Kooperationen erwarten.
Und die Spielbarkeit? - Nun, die Piczle-Games sind insgesamt aufgeblasener und warten in Menüs und Storysequenzen teils mit 3D-Hintergründen auf, die zumindest auf der OG Switch nicht immer rund laufen. Dadurch wirkt die Navigation in den Menüs mitunter schwammig und dieser Eindruck setzt sich leider auch in den eigentlichen Rätselbildschirmen fort. Die Kontrolle über den Cursor fühlt sich verzögert oder schlicht indirekt an und das ist in einem Spiel, in dem man sich ausdauernd und recht flott über ein Grid bewegt, nicht optimal. Da wäre weniger Bling wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen, zumal Score's rudimentäre 3D-Grafiken einer snappy Pixelart auch in ästhetischer Hinsicht nicht ansatzweise das Wasser reichen können.
Was soll ich spielen?
Falls ihr Blut geleckt habt, würde ich euch zu einem beliebigen Game aus Jupiter's Picross-Reihe raten. So gibt es mit der S+-Version von Picross quasi eine eierlegende Wollmilchsau für all jene, die
a) den 3DS verpasst haben und/oder
b) S1 bis S9 für die Switch durchhaben und/oder
c) einfach mal reinschnuppern möchten
Picross S+ ist die Neuauflage des ersten Picross e-Games für den 3DS und gleichzeitig eine Art Hub, mit dem euch zunächst 300 Zahlenrätsel zur Verfügung stehen. Der Twist ist allerdings die Modularität des Ganzen: Wenn ihr mit den enthaltenen Herausforderungen durch seid und mehr wollt, könnt ihr euch weitere Ausgaben des vormals 3DS-exklusiven Picross e-Franchises als DLC-Pakete holen und diese dann direkt aus dem Hub anwählen. Die insgesamt 10 Spiele umfassende 3DS-Bibliothek belegt in ihrer Neuauflage als Picross S+ also nur eine einzige Kachel im Start-Menü.
Falls euch die Hauptreihen zu schnöde sind, könnt ihr euch natürlich auch eins der gelungenen Crossover wie Sega Ages oder SNK & NeoGeo anschauen. Die sind zwar etwas teurer, aber dafür begleiten euch die positiven Vibes eines Stücks Videospielgeschichte mit in die abendliche Rätselei.
Und Score? - Empfehlenswert finde ich bis heute Piczle Cross Adventure, den ersten Teil der Serie, der schnell zum Punkt kommt und mit einer angenehm quirky Cartoon-Story aufwartet. Und auch die Piczle Lines-Teile sind für kurze Sessions durchaus eine Empfehlung. Mit den Originalen von Jupiter kann sich bisher allerdings (noch) keins dieser Spiele messen.
Und sonst so?
Zum Abschluss gibt es noch einen Geheimtipp im Nonogramm-Sektor, und zwar in Form des grandiosen Crime Adventures Murder by Numbers. Das hat hier bei N-Tower eine solide 7-Punkte-Rezi spendiert bekommen und ich würde sagen, dass man die Kiste mit "1996, Ace Attorney löst Fälle und Nonogramme in der Kreativszene von Los Angeles" ganz gut umreißen kann.
Aufgrund des grandiosen Artworks, einer perfekt austarierten Rätsel-Lernkurve und der positiven Grundstimmung würde ich der Wertung allerdings noch ein oder zwei Pünktchen zuschlagen. Da macht ihr selbst zum regulären Preis absolut nichts falsch.
Take care & happy gaming! ![]()
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