Test zu Bloodstained: Ritual of the Night - Nintendo Switch
Zurück in die Zukunft
-
5. Juli 2019 um 15:00 - Kevin Franke
Bloodstained: Ritual of the Night ist der lebende Beweis dafür, dass die Castlevania-Serie in irgendeiner Form immer weiterleben wird. Castlevania: Symphony of the Night kombinierte seinerzeit auf der PlayStation 1 wahrscheinlich als erstes Spiel das beste aus der Welt von Metroid und Castlevania und schuf damit das Metroidvania-Genre, das sich bereits über Jahrzehnte bewährt hat und unter Videospielern beliebt ist, wie eh und je. Koji Igarashi war damals als junger Programmierer bei Konami an der Entwicklung von Symphony of the Night beteiligt und wuchs als führender Produzent für die Reihe allmählich zum Serienvater von Castlevania heran. Auch wenn „Iga“ Konami im Jahr 2014 verließ, sein nächstes Projekt sollte ganz im Zeichen von Castlevania und insbesondere vom ikonischen Symphony of the Night stehen. Nicht zuletzt waren dafür all die Fans verantwortlich, die Igarashi mit Anfragen nach einem neuen Metroidvania überschütteten. Inspiriert von dem Erfolg von Mighty No. 9 landete Bloodstained: Ritual of the Night schließlich im Jahr 2015 ebenfalls auf Kickstarter und brachte dort bereits nach kurzer Zeit deutlich mehr ein, als ursprünglich geplant war: Stolze 5,5 Millionen US-Dollar wurden damals zusammengetragen – so viel, wie kein Videospiel auf der Plattform jemals zuvor. Mit den zusätzlichen Mitteln wurden weitere Inhalte finanziert, die nach der Veröffentlichung als kostenlose Updates nachgeliefert werden sollen. Das ist schön, heißt aber auch, dass wir uns vorerst mit einer abgespeckten Version von Bloodstained zufriedengeben müssen. Wahrscheinlich wäre es mit den zusätzlichen Inhalten auch nicht möglich gewesen, das geplante Veröffentlichungsdatum – welches sowieso schon nach hinten verschoben werden musste – einzuhalten.
Zu den zusätzlichen Spielmodi, auf die wir uns noch freuen dürfen, zählen Online- und lokale Koop- sowie Versus-Modi, ein Rogue-like-Modus, Boss Rush, ein Chaos-Modus und der Schwierigkeitsgrad Nightmare, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus wird es auch geheime spielbare Charaktere zu entdecken geben, während exklusive Inhalte für damalige Backer als „IGA's Back Pack“, einem kostenpflichtigen DLC, erhältlich sein werden. Doch wie ihr in diesem Test erfahren werdet, hat Bloodstained auch ohne diese Inhalte schon unglaublich viel zu bieten, wovon ich selbst überrascht war. Mit der jetzt schon umfangreichen Einzelspielerkampagne müssen wir uns also um den Wiederspielwert keine Sorgen machen, was wir für den Verkaufspreis von 39,99 Euro wohl auch erwarten dürfen.
Igarashi betonte bei der Entwicklung, nicht nur eine halbgare Kopie abliefern zu wollen und entschied sich aufgrund dessen beispielsweise dazu, Dracula nicht als Hauptbösewicht in das Spiel einzubauen und aus dem Hauptcharakter eine Frau zu machen. Unsere Protagonistin hört deshalb auf den Namen Miriam, ein Waisenmädchen, das von einem dämonischen Fluch eines Alchemisten gezeichnet ist, der ihre Haut langsam kristallisieren lässt. Diese menschlichen Experimente sollten geopfert werden, um Kräfte aus der Hölle beschwören zu können. Miriam bleibt dieses Schicksal erspart, nachdem sie in einen langen Schlaf fällt. Um die Menschheit und sich selbst zu retten, muss sie sich durch ein großes Schloss kämpfen und ein umfangreiches Arsenal an Waffen, Ausrüstung und Beute sammeln, herstellen und freischalten. Am Ende erwartet euch euer einstiger Weggefährte Gebel, der sich in sein Schloss zurückgezogen hat und nun auf Rache sinnt.
Bloodstained spielt im 18. Jahrhundert während der industriellen Revolution in England, wodurch das Spiel eine Atmosphäre schafft, die nicht nur gut zu Castlevania passt, sondern auch die dunkle Geschichte perfekt untermalt. Das gilt auch für den Soundtrack, der von Michiru Yamane und Ippo Yamada komponiert wurde und den ein oder anderen Ohrwurm für euch bereit hält. Bloodstained präsentiert sich im 2,5D-Stil, mit dreidimensionalen Charaktermodellen bewegt ihr euch in einer zweidimensionalen Umgebung. Dabei offenbart sich euch die Spielkarte wie für das Genre typisch erst nach und nach und lädt dazu ein, auch den letzten Winkel des Schlosses zu erforschen. Dies gilt auch für die tragische Geschichte um Miriam, die ihr auf eurem Weg durch herumliegende Notizen, bruchstückhaften Erinnerungen und den Erzählungen eurer Verbündeten langsam zusammensetzt. Wer wirklich alles erkunden will, ist mit dem Spiel mindestens 20 Stunden beschäftigt – und dies schließt die verschiedenen Enden und die noch kommenden kostenlosen Updates nicht mit ein.
Es stehen euch viele Speicherslots und eine genaue Übersicht über den aktuellen Spielfortschritt zur Verfügung.
Die Reise von Bloodstained beginnt, als Miriam auf einem Schiff aus ihrem langjährigen Schlaf erwacht. Auf diesem Schiff werdet ihr euch anfangs etwa eine halbe Stunde aufhalten und ihr könnt die Zeit nutzen, euch mit der Welt vertraut machen. Das Schiff zeigt, wie man Tutorials richtig macht: Ihr wandert umher auf der Suche nach dem Ausgang und lernt dabei auf natürliche Weise die ersten Grundlagen des Spiels kennen. Habt ihr es vom Schiff geschafft, gelangt ihr zu einer alten Kirche. Dort erwarten euch Verbündete und ihr erfahrt erste Bruchstücke aus den vergangenen zehn Jahren. Von dort aus macht ihr euch auf in die große Festung von Gebel. Auch wenn das Schloss sehr verwinkelt ist, gibt euch Bloodstained auch dank der einfach gestalteten Spielkarte stets ein gutes Gefühl dafür, wo ihr euch zum aktuellen Zeitpunkt befindet. Zudem ist Bloodstained so designt, dass ihr selbst entscheiden könnt, in welchem Tempo ihr die Welt erkunden wollt. Speicherräume sichern euren Spielfortschritt, ihr könnt aber auch zwischenspeichern und jederzeit eine Pause einlegen. Zudem gibt es spezielle Räume, mit denen ihr euch in andere Bereiche des Schlosses teleportieren könnt. Als zentrale Anlaufstelle und Hauptquartier dient euch die sichere Kirche, zu der ihr zurückreisen könnt, um Aufträge von NPCs zu erfüllen oder eure Fähigkeiten aufzuwerten. Es gibt erfreulicherweise viele Möglichkeiten, euer Abenteuer so zu gestalten, wie ihr es möchtet.
Ihr werdet schon nach kurzer Zeit merken, welche Spieltiefe euch Bloodstained tatsächlich bietet, was anfangs sogar etwas überwältigend wirken kann. Igarashi hat es sich nicht nehmen lassen, das Spiel so vielseitig wie möglich zu gestalten, was sich in der Vielzahl der verschiedenen Spielmechaniken ausdrückt. Während der ersten Spielstunden wird man konstant mit neuen Funktionen überrascht, die zunächst zwar erlernt werden wollen, aber nach etwas Eingewöhnung wunderbar zusammenspielen und viel Spaß machen. Dabei dreht sich in Bloodstained alles um das Konzept der Alchemie, das sich im Grunde mit der Umwandlung von Materie befasst und damit perfekt zum Spielprinzip als verbindendes Element passt. Hervorzuheben sind zuallererst die Scherben, die in Bloodstained von Beginn an eine große Rolle spielen. Wenn ihr Gegner besiegt, geben diese manchmal solche Scherben frei, die neue Angriffe und in bestimmten Fällen sogar neue Fähigkeiten freischalten, die euch Zugang zu neuen Arealen ermöglichen. Es gibt sehr viele dieser Bruchstücke, manche weniger nützlich und manche beherbergen mächtige Angriffe, die ihr euch zunutze machen könnt. Doch am interessantesten ist die Tatsache, dass Miriams Körper – so heißt es – durch die Aufnahme dieser Scherben irgendwann vollkommen von den dämonischen Kräften verschlungen wird, was letztlich zu ihrem Tod führen soll. Diese Bedrohung behält sich der Spieler die ganze Zeit über im Hinterkopf und erzeugt so eine gewisse Spannung über das Schicksal unserer Protagonistin. Doch es bleibt kaum eine andere Wahl, als immer mehr dieser Scherben zu sammeln: Je mehr Splitter derselben Art ihr sammelt, desto stärker werden sie und es ist sogar möglich, diese Fertigkeiten im Austausch für andere Gegenstände zu verbessern und noch stärker zu machen.
Zusätzlich zu diesen Fähigkeiten habt ihr auch Zugriff auf ein umfangreiches Inventarsystem, das Rüstungen, Kopfbedeckungen, Zubehör und natürlich Waffen beinhaltet. Schwerter, Speere, Peitschen, Äxte, Großschwerter, Dolche und sogar Pistolen, die sich teilweise im Schloss verstecken, aber in eurem Hauptquartier auch gehandelt werden können, sind alle Teil eures großen Arsenals. Ihr werdet sicherlich ziemlich schnell eure Lieblingswaffe für euch entdecken und euch damit durchzukämpfen versuchen, doch aufgrund ihrer verschiedenen Attribute eignen sich bestimmte Waffen nur für bestimmte Szenarien. Noch dazu können auch Waffen mit dem Bastelsystem aufgewertet und gebaut werden. Die dafür benötigten Rohstoffe eignen sich aber nicht nur zur Herstellung von Waffen. Auch Heilitems und sogar Gerichte könnt ihr euch so zusammenstellen und es ist obendrauf sogar möglich, Gegenstände wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen und die gewonnenen Komponenten in Form von Zutaten und Rohstoffen für ganz neue Gegenstände zu verwenden.
Waffen und Scherben ergänzen sich perfekt und bieten ein Kampfsystem, das die nötige Komplexität und Tiefe mit sich bringt, um die Langzeitmotivation aufrechtzuerhalten. Ihr werdet konstant darüber nachdenken, welche Kombination sich wohl am besten für den nächsten Gegner oder das nächste Areal eignet. Legt ihr mehr Wert auf Angriff oder Verteidigung, bevorzugt ihr Fernkampfwaffen oder den Nahkampf? Ihr könnt euren Charakter mit dem Besiegen von Gegnern und den damit verdienten Erfahrungspunkten aufleveln und werdet so mit der Zeit natürlich stärker. Angriff, Verteidigung, Glück, Lebenspunkte, dies sind nur einige der Werte, die Miriams Kräfte ausmachen. Doch den Unterschied machen all die Waffen mit ihren ganz eigenen Attributen und Resistenzen und natürlich die Scherben, von den ihr gleich fünf auf einmal, einen pro Scherbenkategorie, ausrüsten könnt. Das alles könnt ihr praktischerweise später auch über ein Kurzwahlsystem auf die Schnelle entsprechend eurer Präferenzen ausstatten, was ein wenig von der Zeit nimmt, die ihr im Menü verbringen müsst. Gerade am Anfang eures Abenteuers müsst ihr auch auf die kleine blaue Leiste unter eurer Lebensanzeige achten, denn diese wird zum Einsatz der Scherben benötigt. Erfreulicherweise lädt sich diese Leiste nach Gebrauch langsam automatisch auf, womit frustrierende Momente, in denen man verzweifelt nach Mana sucht, verhindert werden. All diese Zutaten gliedern sich natürlich wunderbar in das Konzept eines Metroidvanias ein, in denen ihr euch Stück für Stück euren Weg durch das Schloss bahnen müsst. In Bloodstained wird dies nie langweilig, jeder besiegte Gegner macht euch ein bisschen stärker oder beschert euch möglicherweise eine neue Scherbe. Dazu kommen all die verschiedenen Items, die es zu entdecken gibt und bei denen ihr euch fragt, was ihr damit wohl alles anstellen könnt. Zwar ist das Schloss insgesamt düster, doch gibt es hier verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Themen, die für Abwechslung sorgen. Meist versteckt sich am Ende auch ein Zwischenboss, was zum Beispiel mit neuen Fortbewegungsmöglichkeiten wie dem obligatorischen Doppelsprung belohnt wird. Und selbst wenn es euch einmal zu langweilig im Schloss wird, könnt ihr einen Warp-Raum aufsuchen und zurück in euer Hauptquartier reisen, um euch dort neu aufzustellen. Metroidvania trifft Rollenspiel – diese Kombination passt hervorragend zusammen.
Die Welt von Bloodstained mag zwar trostlos wirken, sie ist aber keineswegs leblos. Ihr trefft neben euren Weggefährten auch auf andere Charaktere, die sichtlich gezeichnet sind von den Gräueltaten Gebels. Einige der Charaktere geben euch sogar verschiedene Aufträge, die ihr euch entscheiden könnt zu erfüllen und für die ihr mit Items und Ausrüstungsgegenständen belohnt werdet. Eine Frau bittet euch beispielsweise darum, ihre verstorbenen Familienmitglieder zu rächen, ein Farmer pflanzt Samen für euch ein und ein böser Dämon entpuppt sich als Stylist, der es euch sogar ermöglicht, euer komplettes Aussehen von der Frisur bis zur Augenfarbe und der Kleidung nach Wunsch anzupassen – ein Feature, das sicher viele von euch begrüßen werden. Beeindruckt war ich davon, dass die Ausrüstung euer Erscheinen verändern kann. Findet ihr zum Beispiel eine neue Kopfbedeckung, so wird Miriam diese auch im Spiel tragen. Eure wichtigsten Ansprechpartner sind eure zwei Freunde Johannes und Dominique, bei denen ihr all die zuvor angesprochenen Gegenstände und Items aufwerten und damit experimentieren könnt.
Bloodstained fühlt sich wie ein echtes Castlevania an und Koji Igarashi ist anzumerken, mit wie viel Liebe zum Detail er diese Welt gestaltet hat. Das Spiel ist so voll mit Kleinigkeiten, dass kaum Zeit bleibt, auf alle im Detail einzugehen. Doch möchte ich sie in diesem Test auch nicht unerwähnt lassen: Neben der schon angesprochenen Features könnt ihr Gerichte zubereiten, Nebenaufgaben erfüllen, euren Charakter anpassen, die Anzeige der Spielkarte anpassen und Markierungen setzen, Sprachoptionen frei auswählen, Zwischenspeichern, die Steuerung anpassen oder die Farbe des Blutes ändern. Dazu habt ihr im Menü Zugriff auf ein Tagebuch, Statistiken mit einer Übersicht aller gesammelten Gegenstände und interessanter Daten wie die Anzahl zerbrochener Kerzenhalter, einem Handbuch mit Erklärungen zu allen Charakteren und wichtigen Begriffen, eine Übersicht der Nebenaufgaben und ein Bestiarium. Bloodstained strotzt vor Inhalten und das ist super.
Natürlich hört sich all das schon fast zu schön an, um wahr zu sein. Ihr fragt euch, was steht einer 10 auf der Wertungsskala noch im Weg? Es stimmt, Bloodstained: Ritual of the Night ist nicht frei von kleinen Schwächen, die jedoch zum größten Teil ausgeglichen werden können. Ein Punkt ist jedoch nicht so einfach zu übersehen und auf diesen müssen wir, gerade weil es hier um die Nintendo Switch-Version geht, auch ausführlich zu sprechen kommen. Es bleibt schließlich bei der Tatsache, dass Igarashi bei der Entwicklung von Bloodstained kein riesiges Studio wie Konami hinter sich hatte, da können auch die mehr als fünf Millionen US-Dollar keine vollständige Kompensation schaffen. Dies manifestiert sich in bestimmten Orten, die leblos gestaltet sind, in verwaschenen Charaktermodellen und vielen kleineren technischen Unzulänglichkeiten, die alle verfügbaren Versionen betreffen. Doch verfügt vor allem die Nintendo Switch-Version über Probleme, die sich zusätzlich negativ auf das Erlebnis auswirken. Zum einen müssen sich Nintendo Switch-Besitzer sowohl im TV- als auch im Handheld-Modus mit einer Bildrate von 30 Bildern pro Sekunde zufriedengeben, stellenweise kommt es jedoch zu Einbrüchen, die teilweise so drastisch sind, dass das Spiel kurzeitig komplett zum Erliegen kommt – gerade dann, wenn viel auf dem Bildschirm los ist. Die Eingabeverzögerung ist ein weiteres Problem, dass sich auf den allgemeinen Spielfluss auswirkt. Die Bewegungen von Miriam wirken teilweise etwas hölzern und nehmen dem Spiel ein wenig die Dynamik. Am auffälligsten dürften aber die Abstriche bei den visuellen Effekten sein: Wassereffekte wurden zurückgeschraubt, Schatten wurden teilweise komplett entfernt, die Qualität der Texturen ist im Vergleich zu den anderen Versionen deutlich geringer und entsprechend verwaschen sehen dann vor allem unsere Hauptcharaktere aus, die an Nintendo 3DS- oder Wii-Zeiten erinnern. Gerade im Handheld-Modus kommen diese Schwächen bei nur 540p zum Tragen. Sehr schade, da gerade ein Spiel wie Bloodstained, das sich wunderbar dazu eignet, in mehreren Etappen gespielt zu werden, wie gemacht ist für die Handheld-Variante der Nintendo Switch. Abgerundet wird das Ganze von verlängerten Ladezeiten, die beim Übergang von Raum zu Raum bis zu fünf Sekunden dauern können. Es bleibt bei all den Punkten tatsächlich nur die Hoffnung, dass die kommenden Updates Abhilfe schaffen werden. Es gilt aber auch zu betonen, dass ich mich nach einer gewissen Gewöhnungsphase mit den Umständen arrangiert habe und Bloodstained dadurch keinesfalls unspielbar war. So konnte ich meine Zeit mit dem Spiel trotz allem genießen, gerade weil es spielerisch so viele Stärken zeigt, die mich bis ans Ende fesselten.
Unser Fazit
8
Ein Spiele-Hit