Eine Reise ins Ungewisse

In diesem einsamen Abenteuer des 2017 gegründeten Schweizer Entwicklerstudios Okomotive schlüpft ihr in die Rolle einer unbekannten Figur, die auf ein dampfbetriebenes Fahrzeug stößt, mit welchem sie eine Reise ins Ungewisse startet. Die kleine, in einen lockeren, rotweißen Mantel gehüllte und weiblich anmutende Spielfigur findet sich in einer tristen Umgebung wieder, in welcher Farbe und Leben erloschen zu sein scheinen. Ein einzelner Baum auf der linken Seite, darunter das Bild eines unbekannten Mannes – der Startpunkt der großen Reise. Ab sofort gibt es nur eine Richtung, nämlich die Vorwärtsrichtung! Zunächst noch zu Fuß, doch bereits nach kurzer Zeit mit vollem Dampf und der Kraft der Maschine geht eine spannende Reise durch die verwüstete Welt los, welche einerseits voller Schönheit, aber andererseits auch voller Gefahren steckt.


Eine emotionale Bindung zu eurem Fahrzeug


Bereits nach kurzer Zeit werdet ihr auf die Maschine eines zunächst unbekannten Architekten stoßen, welche es euch ermöglicht, eure Reise viel schneller voranzutreiben. Es handelt sich um ein Dampflokomotiven-ähnliches Fahrzeug, welches im Laufe der Zeit auch mit einigen Zusatzfunktionen ausgestattet werden kann und euch zugleich als mobiles Wohnheim dient. So werdet ihr beispielsweise auf ein großes Segel stoßen, welches das Fahrzeug wie ein Segelschiff durch den Wind nach vorne treiben lässt. Auf dem Weg könnt ihr sogar Einrichtungsgegenstände wie Bücher oder Lampen finden, mit denen ihr beispielsweise das Schlafzimmer eures Fahrzeugs schmücken könnt. Da ihr die Reise komplett alleine bestreitet und weit und breit keine Menschen in Sicht sind, ist die Dampfmaschine euer ein und alles, auf das ihr besonders Acht geben müsst. Ein Scheitern in diesem Spiel ist bei ungeschickter Herangehensweise möglich. Sollte die Maschine kaputt gehen, ist die Mission gescheitert und ein Neustart vom letzten Speicherpunkt erforderlich. Das Spiel speichert übrigens automatisch und auch ältere Speicherpunkte lassen sich bei Bedarf aus dem Hauptmenü laden.


Der Start eurer Reise ins Ungewisse! © Mixtvision

Der größte Teil des Spiels besteht darin, die Ressourcen eures Fahrzeugs zu managen und somit eure Maschine in Betrieb zu halten. Der Tank muss stets mit Energie befüllt werden, welche ihr in Form von Energieboxen oder auch anderen Gegenständen auf der Welt verstreut findet. Sowohl für das Fahren als auch für Zusatzfunktionen wie das Benutzen des Wasserschlauchs oder des Vakuum-Saugers wird Energie benötigt, was dazu führt, dass der Tank bereits nach wenigen Sekunden leer sein kann und immer ein Vorrat an Energie bereitgestellt werden sollte, um nicht plötzlich zum Stillstand zu kommen. Für die meisten dieser Aufgaben gibt es Knöpfe in eurem Gefährt, welche regelmäßig gedrückt werden müssen. Ab und zu muss die Maschine im wahrsten Sinne des Wortes Dampf ablassen, was zu einer erhöhten Beschleunigung führt, um noch schneller voranzukommen bzw. sehr steile Stellen zu meistern – auch hierfür gibt es einen eigenen Knopf. Zunächst ist euer Dampf-Fortbewegungsmittel noch mit einer überschaubar einfachen Zahl an Funktionen ausgestattet, doch im Laufe des Spiels wird die Maschine immer größer, komplexer und mächtiger. Neue Bauteile für euer imposantes Fahrzeug findet ihr meist in veralteten Fabriken, welche am Weg verstreut sind. Beispielsweise fügt ihr durch bestimmte Schalter- und Schiebemechanismen ein neues Bauteil direkt an das Fahrzeug an, sodass ihr danach mit einem getunten Modell die Reise fortsetzen könnt. Diese Fabriken dienen als Zwischenstopps auf eurer Reise und beinhalten meist kleine Puzzles, die ihr außerhalb eures Fahrzeugs lösen müsst, um den Weg fortsetzen zu können. Die Puzzles sind nett gemacht und eine hervorragende Idee, neue Bauteile auf dynamische Weise dem Fahrzeug hinzuzufügen, bieten jedoch spielerisch keinen hohen Anspruch und sind normalerweise innerhalb kurzer Zeit erledigt.


Wenige Überraschungen in der etwas zu kurz geratenen Reise


Eure Reise steckt voller Gefahren, die zunächst noch nicht vorhersehbar sein mögen. So kann es zu raschen Wetteränderungen kommen, die die Belastbarkeit eures Fahrzeugs auf die Probe stellen. Wenn es mal irgendwo zu brennen beginnt, müsst ihr schnell handeln, um den Brand zu löschen und die damit verbundenen Folgen zu meistern. Es gibt durchaus unterschiedliche Umgebungen und Ereignisse, die mir gut gefallen haben. Nichtsdestotrotz hätte ich mir in dieser Hinsicht ein wenig mehr Abwechslung gewünscht. Die großen Überraschungen habe ich vermisst; die Momente, die mich wirklich zum Staunen bringen, sind leider nur rar gesät.


Euer Fahrzeug ist euer einziger Freund in einer melancholisch schönen Welt. © Mixtvision

Die Steuerung ist sehr simpel und besteht einerseits aus der Lenkung des Hauptcharakters (Gehen, Springen und Interagieren mit Gegenständen) und aus der Steuerung der Kamera, die euch erlaubt, mit den Schultertasten manuell in das Spielgeschehen hinein zu zoomen, sowie heraus zu zoomen, wodurch ihr euch einen besseren Überblick verschaffen könnt. Ein Ändern der Kameraperspektive ist leider nicht möglich, lediglich die Einstellung der Stärke des Zooms. Manchmal hätte ich mir einen anderen Kamerawinkel gewünscht, denn nicht selten gab es Stellen, an denen Objekte die Sicht auf den Charakter versperrten und auch ein Zoom nichts daran änderte, den Charakter nicht sehen zu können. Merkwürdig ist auch, dass bei der Verwendung des starken Zooms beim Herabgleiten von hohen Stellen die Kamera sich leider nicht auf die Spielfigur fokussiert. Weniger gut gefällt mir zudem die Entscheidung, die jeweilige Schulter-Taste gedrückt halten zu müssen, wenn beispielsweise im hinein-gezoomten Modus gespielt werden will. Dies fühlt sich etwas umständlich an und hätte besser gelöst werden können. Der Zoom ist zwar eine sehr schöne Funktion, die beweist, wie viel Liebe zum Detail in den Umgebungen steckt, doch leider sind selbst in der stärksten Vergrößerung manche Objekte nur schwer erkennbar. Oft sammelte ich Objekte auf, doch konnte erst bei genauerem Hinsehen erkennen, ob es sich beispielsweise um ein Buch, einen Koffer oder eine Essensbox handelt. Zudem haben die meisten Sammelobjekte abgesehen von der Schmückung des Fahrzeugs und einer leichten Andeutung der Hintergrundgeschichte am Ende des Tages leider keine größere Bedeutung. Ungefähr drei bis maximal vier Stunden werdet ihr mit dem Spiel verbringen, danach habt ihr alles gesehen. Leider gibt es keinerlei zusätzlichen Inhalt und die Linearität des Spiels lässt keine Erkundungen in der Welt zu. Ein weiterer, kleiner Kritikpunkt ist eine Sackgasse, auf welche ich gestoßen bin: Bei einer Puzzle-Passage war ich durch unglückliche Umstände in einer Energie-Vorrichtung gefangen und konnte nicht mehr herauskommen, sodass ich dazu gezwungen war, einen älteren Spielstand erneut zu laden.


Herausragender Soundtrack und tolle Atmosphäre


Die große Stärke des Spiels ist die einzigartige Atmosphäre, die durch den schönen Artstyle sowie die stimmige Musikuntermalung sehr gut zur Geltung kommt. Ihr werdet in eine Welt hineinversetzt werden, welche die postapokalyptische Stimmung perfekt einfängt. Nicht ständig gibt es Hintergrundmusik zu hören, viel mehr setzt das Spiel auf einen atmosphärischen, dynamischen Soundtrack, der in den richtigen Momenten an Fahrt aufnimmt und sich entsprechend der Ereignisse und Handlungen des Spielers rasch ändern kann. Auch die Sound-, Tageszeiten- und Wetter-Effekte sind wirklich toll umgesetzt worden und sorgen für ein authentisches Erlebnis.


Nur ein kleiner Teil eurer Reise findet außerhalb eures Fahrzeugs statt. © Mixtvision

Sehr schade ist die Tatsache, dass das digitale Artbook zu FAR: Lone Sails, welches auf Steam als kostenpflichtiger DLC angeboten wird, auf der Nintendo Switch nicht verfügbar ist. Im Artbook werden weitere Details zur Hintergrundgeschichte verraten, so zum Beispiel, dass unsere Hauptprotagonistin ein Mädchen namens Lone ist. Der Name des Spiels hat somit eine geniale doppelte Bedeutung, einerseits "Lone Sails" = "Einsames Segeln" und andererseits "Lone Sails" = "Lone segelt". Auch, dass es sich bei der Umgebung um einen ausgetrockneten Ozean handelt, habe ich erst nach dem Beenden des Spiels erfahren, als ich mir die Spielbeschreibung im Nintendo eShop angesehen hatte. Generell habe ich bei dem Spiel ein wenig die Geschichte vermisst. Das Spiel zielt zwar vermutlich darauf ab, dem Spieler die Deutung der Hintergrundgeschichte selbst zu überlassen und durch die komplette Abwesenheit von jeglichem Text den Spieler zum eigenständigen Nachdenken zu bringen, doch bietet das Spiel nur sehr wenige Anhaltspunkte. Im Endeffekt blieb das Mädchen für mich eine einfache Figur ohne große Persönlichkeit, da diese sich im Laufe des Spiels aufgrund der kaum vorhandenen Handlung nicht entfalten konnte. Dadurch wirkte für mich auch das Ende der Reise weniger wirkungsvoll und das gesamte Spielerlebnis etwas weniger immersiv als ich es mir möglicherweise gewünscht hätte.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Eder

FAR: Lone Sails ist eine atmosphärische, kurze und einsame Reise, die euch für ungefähr drei Stunden in eine andere Welt eintauchen lässt. Eine Welt, in der kein Leben mehr herrscht – lediglich euer Fahrzeug, hin und wieder verlassene Fabriken und die große, weite Natur samt ihrer erbarmungslosen Macht begegnen euch. Der Grafikstil hat eine einzigartige Note, melancholisch und schön zugleich. Die Musikuntermalung ist sehr gut gelungen und beginnt in den richtigen Momenten Fahrt aufzunehmen. Die Kombination aus Witterungsänderungen und Musik ist das große Highlight des Spiels. Wer Spiele mit einem großen Fokus auf Atmosphäre und besonderem Artstyle mag, wird auch mit FAR: Lone Sails eine große Freude haben. Allen anderen kann ich das Spiel nicht ganz uneingeschränkt empfehlen: Eine Hintergrund-Geschichte wird phasenweise leicht angedeutet, allerdings nie wirklich erläutert. Dies finde ich schade, denn das Grundgerüst für eine emotionale Geschichte ist vorhanden, doch dieses Potential wurde nicht ausgeschöpft. Die gelegentlichen Rätsel sind relativ simpel gestaltet und stellen keine Besonderheit dar. Zudem bietet das Spiel kaum Wiederspielwert: Nach dem schönen Ende gibt es für den Spieler nichts mehr zu tun, auch die auf dem Weg gesammelten Objekte haben letztlich keinen Nutzen. Alternative Wege oder Erkundungsmöglichkeiten bietet das Spiel nicht; die Linearität ist zwar von den Entwicklern so gewollt, doch senkt sie die Motivation auf einen erneuten Durchlauf des Spiels. Das digitale Artbook mit erweiterten Informationen zur Hintergrundgeschichte des Spiels ist auf der Nintendo Switch nicht verfügbar und so bleibt das Spiel ein extrem kurzes Vergnügen. Auch wenn die Grundidee von FAR: Lone Sails toll ist und ich den Großteil des Spiels sehr genossen habe, so habe ich wirkliche Höhepunkte im Spiel vermisst und hätte mir noch etwas mehr "Wow-Effekte" gewünscht. Ich bin mir sicher, dass aus diesem Spielprinzip in einem möglichen Nachfolger noch vieles mehr herauszuholen ist, und so blicke ich mit gemischten Gefühlen auf die postapokalyptische Reise zurück.
Mein persönliches Highlight: Dem wunderschönen, stimmigen Soundtrack werde ich auch in Zukunft noch öfter lauschen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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