Ein Tänzchen mit dem Tod

Der Tod hat viele Gesichter: Ob klappernder Knochenmann, melancholisches Goth-Girl oder mit Notizbuch ausgestatteter Dämon – Kunst und Popkultur erfinden immer wieder neue Personifizierungen für das, was uns alle am Ende unseres Lebens erwartet. In Felix the Reaper, dem aktuellen Puzzlespiel des dänischen Indie-Entwicklers Kong Orange, übernimmt nun ein ganzes Ministerium von Sensenmännern die Aufgabe, für das fristgerechte Ableben von uns Menschen zu sorgen.


Der Spieler schlüpft dabei in die Rolle des Titelhelden Felix, bei dem es sich um einen pummeligen Anzugträger mit einer Vorliebe für skandinavische Popmusik handelt. An der Seite des skelettähnlichen Protagonisten gilt es, in die Welt der Sterblichen zu reisen und dort in unterschiedlichen Epochen und Ländern bei angehaltener Zeit die Umgebung zu manipulieren. Durch das Eingreifen von Felix werden so Kettenreaktionen ausgelöst, die für ganz schön brutale, aber humorvoll inszenierte Tode sorgen.


Knobelspaß mit Wenn und Aber


Diese herrliche Allmachtsfantasie wird allerdings gleich in zweierlei Hinsicht eingeschränkt. Denn einerseits kann sich unser Held nicht frei auf dem gerasterten 3D-Spielfeld bewegen; Felix darf nur die Quadrate betreten, die im Schatten liegen. Um sich einen Weg durch die Levels zu bahnen, kann der Sensenmann allerdings auf eine besondere Fähigkeit zurückgreifen: Er kann den Stand der Sonne beeinflussen und dabei zwischen zwei Himmelsrichtungen wechseln. Ein Knopfdruck auf die R-Taste genügt und schon hüpft die Sonne um 90 Grad zur Seite und schafft neue Schattenpfade.


Der pummelige Sensenmann tanzt munter über Schattenpfade. © Daedalic Entertainment

Neben dieser gelungenen Spielmechanik, die an das Rotieren des Levels in FEZ oder den Wechsel zwischen 3D und 2D in CRUSH 3D denken lässt, wird die Kreativität der Spieler beim Abmurksen der NPCs aber noch durch eine weitere Einschränkung gedrosselt. Denn Felix the Reaper erlaubt den Spielern nicht, sich selbst tödliche Kettenreaktionen auszudenken und frei mit den Elementen im Level zu interagieren. Stattdessen wird jeder Todesfall in kurze Einzelmissionen unterteilt, die exakt vorgeben, was zu tun ist, und sich meist auf das Tragen eines bestimmten Gegenstands von A nach B beschränken.


Ein kurzes Beispiel veranschaulicht das Spielprinzip wohl am besten: Gleich zu Beginn der Geschichte werdet ihr von eurem Vorgesetzten in die Schweiz des Jahres 1428 geschickt, um dort den faulen Lars bei einem Jagdunfall umzubringen. Die genaue Todesart steht dabei von Anfang an fest, eure Aufgabe als Spieler besteht lediglich darin, Lars seinem Ende Schritt für Schritt näherzubringen. Dazu schnappt ihr euch in einer Mission einfach einen Hirsch und setzt diesen in die Schusslinie eines Jägers. In einer späteren Mission hängt ihr den abgetrennten Kopf des Hirsches an eine Wand, um diesen dann zum Finale durch das Rollen eines Fasses auf Lars’ Kopf fallen zu lassen – der arme Kerl wird aufgrund dessen vom Jäger mit einem Hirsch verwechselt und in einer blutigen Zwischensequenz mit einem Speer getötet. Ihr werdet stets genau gebrieft, welches Ziel ihr erfüllen müsst. Eure Aufgabe besteht nur darin, durch das geschickte Verrücken von Gegenständen wie Kisten und unter Einsatz euer Spezialfähigkeit passende Pfade zu erschaffen.


Dass euch Felix the Reaper so wenig Spielraum für eigene Ideen lässt, ist ein bisschen enttäuschend und weckt den Eindruck, dass hier trotz toller Ansätze Potenzial verschenkt wurde. Ihr solltet also von vorneherein keine verspielte Experimentierfreude à la Untitled Goose Game erwarten, sondern euch darauf einstellen, dass hier recht geradlinig geknobelt werden muss. Seiner bunten Präsentation und der hübschen 3D-Welt zum Trotz erinnert Felix the Reaper so eher an eine Partie Sudoku oder Picross als an das witzige Gänse-Spiel oder die faszinierenden Zeitmanipulationen in The Gardens Between auf der Nintendo Switch und Ghost Trick: Phantom Detective für den Nintendo DS.


Charmante Optik und Macken im Gameplay


Wer es nicht langweilig findet, durch das Umsetzen von Kisten und Fässern immer neue Schattenpfade zu kreieren, kann dennoch einige Stunden Spielspaß mit diesem herausfordernden Puzzlespiel erleben. Vor allem Freunde des an Tim Burton angelehnten visuellen Stils dürften zudem großzügig über einige Schwächen von Felix the Reaper hinwegsehen. Der Schwierigkeitsgrad ist dabei ganz vom Spieler abhängig: Im Prinzip lassen sich die Levels in wenigen Minuten lösen, doch wer einmal den Überblick verliert, wird vor allem im späteren Spielverlauf deutlich mehr Zeit aufwenden müssen. Netterweise könnt ihr euch jederzeit anzeigen lassen, welcher Schritt als Nächstes zur Lösung des Problems notwendig ist, und auch ein Schritt ins Sonnenlicht hat keine ernsthaften Konsequenzen: Felix brutzelt nur einen Augenblick und wird dann wieder in den sicheren Schatten versetzt.


In den hübschen Levels müsst ihr Fässer und Kisten hin- und herschieben. © Daedalic Entertainment

Doch so charmant Optik und Sound auch sind, über die Mankos des Spiels können sie nicht ganz hinwegtäuschen. Am auffälligsten ist dabei, dass das Spiel mitunter überladen wirkt und keiner klaren Vision folgt. So beinhaltet Felix the Reaper neben einer banalen Story im Comiclook auch noch die Möglichkeit, während des Spielens den Soundtrack zu wechseln, euch zwischen den Levels Artikel über die Darstellung des Todes in der Kunst durchzulesen oder euch über die Produktionshintergründe zu informieren. Das mögen alles nette Gimmicks sein – doch leider bieten sie für das Gameplay an sich keinen Mehrwert.


Deutlich wird diese Vernachlässigung des Spieldesigns zugunsten kleinerer Ideen auch an Felix’ Bewegungen: Wenn ihr mit dem Cursor ein Feld auswählt, geht der Sensenmann nicht einfach schnurstracks dorthin, sondern er tanzt. Das ist zwar aufwendig animiert und sieht lustig aus, aber es bereichert die eigentliche Gameplay-Mechanik nicht. Im Gegenteil: Vor allem in späteren Missionen, wenn ihr ein bisschen hin- und herlaufen und herumprobieren müsst, ziehen die Tanzschritte das Geschehen unnötig in die Länge und sorgen dafür, dass das Rätseln ein wenig zäh wird.


Da ihr den Protagonisten nur indirekt über einen Cursor steuert, liegt es außerdem nahe, dass Felix the Reaper wohl als reines PC-Spiel konzipiert war, bevor man sich für eine Umsetzung für die Konsolen entschied. Ohne die PC-Version gespielt zu haben, kann ich allerdings nur vermuten, dass sich diese dank Mausunterstützung ein wenig angenehmer steuern lässt. Auf der Nintendo Switch ist die Kontrolle von Figur und Kamera jedoch mitunter ungenau und fummelig. Zudem geht im Handheld-Modus schnell die Übersicht verloren und die winzige Schrift ist kaum lesbar. Eine alternative Steuerung per Touchscreen ist nicht möglich, ich würde daher auf jeden Fall zum Spielen im TV-Modus raten.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Gast

Beinharte Rätselfans und Freunde des an Tim Burton erinnernden Looks sollten sich Felix the Reaper einmal genauer anschauen. Das humorvolle Puzzlespiel um einen sympathischen Sensenmann, der durch das Verschieben von Kisten und Fässern Wege schaffen muss, bietet neben einer liebevollen Präsentation und netten Gimmicks einige Stunden Knobelspaß. Schade ist jedoch, dass das grundlegende Gameplay recht simpel ist und Potenzial ungenutzt lässt. Die zeitraubenden Tanzmoves des Helden sowie die manchmal ungenaue Steuerung trüben den guten Gesamteindruck zusätzlich.
Mein persönliches Highlight: Per Knopfdruck die Sonne am Horizont hin- und herhüpfen zu lassen ist eine spaßige Spielmechanik.

Die durchschnittliche Leserwertung

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