Sie lebt im hohen Turm, Jahr für Jahr ... eine Frau mit langem, blondem Haar ...

Tangle Tower ist, anders als der Name des Spiels und die Überschrift des Tests vermuten lassen könnten, keine Videospielumsetzung des weltberühmten Rapunzel-Märchens, sondern ein Mystery-Adventure, bei dem ihr den Mord an einer jungen Frau aufklären müsst. Die talentierten Entwickler von SFB Games landeten 2017 mit Snipperclips auf der Nintendo Switch einen kleinen Sensationshit und veröffentlichten nun ihr neuestes Spiel Tangle Tower, das wiederum ein Nachfolger des 2014 erschienenen Point-and-Click-Adventures Detective Grimoire ist. Um nun aber eine wichtige Frage vorweg aus dem Weg zu räumen: Detective Grimoire ist nicht erforderlich, um Tangle Tower zu spielen. Im neuesten Kriminal-Abenteuer schlüpft ihr zwar auch in die Rolle des rothaarigen Detektivs Grimoire und es gibt hier und da subtile Referenzen, jedoch hat das Spiel eine für sich abgeschlossene Geschichte und baut in keinerlei Weise auf den ersten Ableger auf.


Fans von Professor Layton werden sich heimisch fühlen


Tangle Tower wird das Bauwerk mit zwei Türmen genannt, das sich auf einer abgeschotteten Seeinsel befindet und den Hauptschauplatz des Spiels darstellt. Im linken der beiden Türme wurde die 19-jährige Künstlerin Freya Fellow hinter verschlossenen Türen ermordet – just während sie am Zeichnen der stummen Frau Flora Fellow war, die für sie gerade Model stand. Im Raum befanden sich zum Tatzeitpunkt einzig Flora, Freya und das nun unvollendete Gemälde, auf welchem Flora ein blutbeschmiertes Messer hält. Wer ist Flora mit dem langen, blonden Haar eigentlich und inwiefern hat sie mit dem Mord an der jungen Freya zu tun?


Tangle Tower ist von einem mysteriösen See umgeben und von der Außenwelt abgeschottet. © SFB Games

Eure Aufgabe als Detektiv Grimoire ist es nun, zum Tangle Tower zu reisen und diesen Mord aufzuklären. Unterstützt werdet ihr von Sally, einer jungen Dame mit markanter grüner Frisur, die auch bereits im ersten Spiel einen Auftritt hatte. Im Tangle Tower leben zwei leicht zerstrittene Familien, nämlich die Fellow- und die Pointer-Familie. Der linke Turm gehört den Fellows, der rechte Turm wird überwiegend von den Pointers bewohnt. Ihr werdet nach und nach alle Bewohner der Insel kennenlernen und müsst stets die Augen offenhalten, um keine Beweise zu verpassen.


Von Beginn an steht euch eine Karte zu Verfügung, die ihr nutzen könnt, um euch von Abschnitt zu Abschnitt im Spiel fortzubewegen. Die gesamte Handlung des Abenteuers findet auf der winzigen Insel statt und abgesehen vom Eingangsbereich und den Räumen innerhalb des Bauwerks gibt es keine weiteren Gegenden, die ihr besuchen könnt. Dies mag zwar zunächst relativ klein wirken, doch dank der etlichen Interaktionen, die ihr in jedem Bereich des Spiels durchführen könnt, verwehte bei mir die anfängliche Skepsis rasch. In jedem Abschnitt könnt ihr auf Umgebungsobjekte klicken, um Informationen zu erhalten oder mit Personen sprechen und versuchen, Zeugenaussagen und nützliche Details aus ihnen herauszukitzeln. Professor Layton-Fans werden sich schnell heimisch fühlen, denn viele Konzepte wirken sehr ähnlich zur beliebten Rätselreihe von LEVEL-5 – nicht selten musste ich im Laufe des Abenteuers an Professor Layton und das geheimnisvolle Dorf denken.


Die meisten Rätsel sind kreativ und stehen jenen der Professor Layton-Reihe in nichts nach. © SFB Games

Tangle Tower hat vereinzelte Rätsel zu bieten, die ihr lösen müsst, um an weitere Beweise zu gelangen. Die Aufgaben sind glücklicherweise wirklich gut integriert und nicht mehr so simpel wie noch im ersten Detective Grimoire-Spiel. Mal müsst ihr einen Code einer Box knacken, um an den Inhalt zu kommen, woanders müsst ihr wiederum Planeten so anordnen, dass deren Schatten genau ein bestimmtes Muster füllen und dadurch einen Mechanismus freisetzen. Nicht immer ist die Lösung auf den ersten Blick leicht zu erkennen, doch die Aufgaben sind stets fair gestaltet und solltet ihr einmal ins Stocken geraten, so werdet ihr Tipps erhalten, mit denen jedes Rätsel gut schaffbar ist. Anders als bei Professor Layton stellen die Denkaufgaben aber nicht die Hauptaufgabe des Spiels dar und treten nur vereinzelt auf.


Habt ihr genug Beweise gesammelt, an die ihr oftmals nur durch das Lösen besagter Rätsel gelangen könnt, so könnt ihr verdächtige Personen ausfragen, um ihre Geheimnisse aufzudecken. Hier beginnt der richtig interessante Part des Spiels, denn nun ist wirkliche Detektivarbeit angesagt: Ihr werdet mit Aussagen konfrontiert und müsst im Phoenix Wright-Stil jeweils mit den richtigen Beweisen kontern, um falsche Aussagen zu widerlegen. Ein helles Köpfchen ist gefragt, denn bei manchen Aufgaben müssen mehrere Beweise in der richtigen Reihenfolge gezeigt werden – im Speziellen muss meist aus vier von zahlreichen Satz- und Beweisfragmenten ein vollständiger Satz gebildet werden. Die tolle Idee dahinter ist Kennern von Detective Grimoire bereits bekannt und kann, besonders gegen Ende des Spiels, durchaus fordernd sein.


Beim Verknüpfen von Beweisfragmenten ist Köpfchen gefragt. © SFB Games

Doch diese Satzbastelei hat leider auch ihre Macken: Während sich in der originalen englischen Version die Phrasen gut zusammensetzen lassen, so ist dies in der deutschensprachigen Variante nur teilweise der Fall. Die deutsche Grammatik sowie die Groß- und Kleinschreibung stimmen bei diesen Aufgaben nicht immer perfekt überein. Hinzu kommt die unverständliche Entscheidung, dass sich während dieser Aufgaben kein Menü öffnen lässt, ein Nachschlagen in der Fallakte oder Beweismappe nicht möglich ist (obwohl dies oftmals sehr hilfreich wäre) und der Spieler im Aufgabenscreen festgenagelt wird: Dies bedeutet, dass ihr den Satz ohne Hilfe selbst vervollständigen müsst – solltet ihr dies nicht schaffen, so hilft nur ein erzwungener Neustart des Spiels.


Gespeichert wird übrigens ausschließlich automatisch, doch wann genau dies passiert, bekommt ihr im Spiel nicht mit und so kann es sein, dass ihr nach einem Neustart gewisse Passagen noch einmal wiederholen müsst. Nach jedem Spielstart wird zudem die Text-Sprache auf Englisch zurückgesetzt und auch sämtliche Audiooptionen (das Verhältnis zwischen der Musik, den Stimmen, den Umgebungsgeräuschen und den Soundeffekten) werden auf die Standardeinstellungen zurückgesetzt. Dies ist sehr ärgerlich und sollte unbedingt mit einem Patch behoben werden.


Spitzenmäßige Synchronisation und ein wundervoller Soundtrack


Euch wird neben einer Knopfsteuerung (inklusive Nintendo Switch Pro Controller-Unterstützung) und einer Touch-Steuerung im Handheldmodus auch eine Motion-Steuerung mit den Joy-Con geboten. Man merkt, dass das Spiel ursprünglich für das Handy und somit die Touch-Steuerung konzipiert wurde, denn es gibt keinen Knopf, mit dem ihr etwa zurückkommt oder wechseln könnt. Generell lässt sich mit den Tasten keinerlei nützliche Aktion ausführen, sodass sich die Knopfsteuerung leider als suboptimal erweist.


Nicht die höflichste Ausdrucksweise, aber zumindest ehrlich ... © SFB Games

Zum größten Teil ist das Spiel ein Point-and-Click-Adventure und jedes Detail in eurer Umgebung entlockt Sally und Grimoire lohnenswerte und teilweise humorvolle Kommentare. Anders als dies bei vielen vergleichbaren Spielen dieses Genres der Fall ist, bestehen die Anmerkungen in Tangle Tower nur selten aus einfachen Beschreibungen wie „Ein runder Tisch“ oder „Eine hölzerne Tür“, sondern bieten stets eine persönliche Note und machen das Erkunden der Umgebungen umso angenehmer. Klickt ihr jedoch dieselben Objekte mehr als einmal an, so werdet ihr leider nur gleichen Sprüche zu hören bekommen – dies wird im Laufe des Spiels oft passieren, kann jedoch rasch weggeklickt werden.


Begeistert war ich auch davon, dass fast alle Charaktere auf jedes der insgesamt über 40 Beweisstücke reagieren können (sofern ihr diese ihnen vorzeigt) und ihr so gut wie immer einzigartige, neue Kommentare zu hören bekommen werdet. Dieser hohe Detailgrad der individuellen Kommentare ist selbst in großen Produktionen wie den Ace Attorney-Spielen nicht derart gut ausgeprägt wie in Tangle Tower.


Übrigens sind alle Dialoge und sogar die Kommentare beim Anklicken von Objekten vollständig (auf Englisch) vertont und überraschend gut gelungen. Sei es die oft sarkastisch und trocken wirkende Sally oder die mysteriöse Detektivin Hawkshaw – nicht nur sind die Stimmen fantastisch, sondern auch das Sprechtempo ist anders als bei vielen anderen Spielen angenehm flott und authentisch. Zwar habt ihr meist die Möglichkeit, komplette Dialoge nochmals anzuhören, es gibt jedoch leider keine Log-Funktion und ein Nachlesen versehentlich weggeklickter Abschnitte ist nicht auf direkter Weise möglich.


In Sachen Grafik und Sound macht das Spiel nahezu alles richtig. © SFB Games

Anders als die Vertonung kann die Textsprache löblicherweise in über 15 verschiedenen Sprachen eingestellt werden, darunter natürlich auch Deutsch. Abgesehen von einigen kleineren Fehlern ist die Übersetzung größtenteils gut gelungen und die zahlreichen übersetzten Sprachen sind für ein Spiel mit über 40.000 Wörtern sehr beeindruckend.


Die Atmosphäre und die akustischen Aspekte des Spiels sind die große Stärke von Tangle Tower. Der Schweizer Komponist Raphael Benjamin Meyer hat einen unheimlich tollen Soundtrack für das Spiel komponiert, welcher vom Budapest Art Orchestra eingespielt wurde. Zwar ist die Anzahl der Musikstücke relativ gering, doch für ein kleines Spiel wie dieses vollkommen ausreichend und qualitativ sehr hochwertig. Die Hauptmelodie und die Charaktermusik von Bildhauer Felix haben mir beispielsweise derart gut gefallen, dass ich sie über Tage hinweg ständig summen musste und ich werde mich auch Jahre später noch freudig an einige der Melodien aus dem Spiel zurückerinnern. Untermalt wird die Atmosphäre zudem von zum jeweiligen Setting passenden Hintergrundgeräuschen und Soundeffekten. Ob das Vogelzwitschern im Vogelhaus, Insektengeräusche im Gewächshaus oder das Wehen des Windes beim offenen Fenster eines Zimmers – in Kombination mit den teilweise animierten Umgebungen und Charakteren entsteht ein angenehmes, einzigartiges Ambiente.


Die Hintergründe sind zwar allesamt wunderschön gestaltet, es ist aber leider nicht möglich, sich in der Umgebung (links oder rechts außerhalb des Bildschirms) umzusehen und die Kameraperspektive ist komplett statisch. Etwas störend ist auch die Tatsache, dass die Textboxen stets in der Mitte des Bildschirms erscheinen und die Sicht auf den Hintergrund stark einschränken – Textboxen am unteren Bildschirmrand wären optisch angenehmer gewesen.


Der Geschichte fehlt es an Feinschliff


Der wichtigste Aspekt des Spiels ist allerdings die Geschichte und diese weiß leider nur teilweise zu überzeugen. Die gute Nachricht vorweg: Der Spielfluss ist hervorragend und die zahlreichen Dialoge und Erzählungen der Charaktere sind größtenteils unterhaltsam und spannend. Egal, ob die fleißige Pianistin Poppy, der erfahrene Astronom Professor Pointer oder die wissbegierige Mikrobiologin Fifi – für Abwechslung ist bei den Charakteren gesorgt. Ihr werdet in die Geschichte hineingezogen und es gibt kaum Passagen, die sich ziehen oder langweilig werden. Der Großteil des Spiels ist wirklich großartig und wird euch viel Spaß bereiten.


Auf der übersichtlichen Karte könnt ihr auswählen, welche Räume ihr als nächstes besuchen wollt. © SFB Games

Euch werden viele Freiheiten geboten, zu welchen Abschnitten ihr wann gehen wollt und bereits nach wenigen Minuten steht euch der Großteil der Tangle-Tower-Karte zum Erkunden zur freien Verfügung. Ihr könnt auf dieser stets sehen, welche Charaktere sich wo befinden und im Charaktermenü Steckbriefe sowie gesammelte Zeugenaussagen übersichtlich einsehen. Ihr werdet wohl nie in die Situation kommen, nicht zu wissen, was als Nächstes zu tun ist, denn das Spiel liefert stets Unterstützungen und Hinweise, solltet ihr diese benötigen.


Tangle Tower ist in unterschiedliche Kapitel eingeteilt, wobei sich der Großteil des Spiels (das Sammeln der Beweise und Sprechen mit allen Personen) innerhalb eines einzigen Kapitels abspielt. Die Einteilung wirkt deshalb etwas unausgeglichen und aufgezwungen – gegen Ende des Spiels werdet ihr innerhalb von wenigen Minuten auf mehrere Kapitel hintereinander stoßen. Während das Pacing zunächst wirklich gut ist, wirkt das Spielgeschehen im finalen Drittel des Spiels stark überhastet und gerät ein wenig außer Kontrolle. In Bezug auf die Geschichte und den einzelnen Beweisstücken werden zu wenige Dinge erklärt und Motive zu spezifischen Szenarien sind nicht ganz ersichtlich. Kleine Plottwists sind zwar vorhanden, hinterlassen jedoch aufgrund mangelhafter Ausführungen und Erklärungen nicht den gewünschten Effekt. Das Finale des Spiels steckt voller Handlungslücken und Widersprüche, die bei genauerer Betrachtung der Geschichte auffallen könnten und kaum zu erklären sind.


Wäre das Ende der Geschichte nicht derart schwach, abrupt und antiklimatisch, so hätte dieses Spiel wirklich großartig werden können, doch ohne den großen Höhepunkt zu treffen, kann dies schwer erreicht werden. Über manche der Charaktere werdet ihr auch nach dem Ende des Spiels leider noch relativ wenig wissen und dies ist sehr schade. Ein Epilog fehlt vollkommen und wäre bitter nötig gewesen, um die Geschichten der Charaktere zu vollenden oder zumindest für einen besseren Abschluss der Story zu sorgen. Die gute Nachricht ist allerdings, dass ein Nachfolger sehr wahrscheinlich scheint, denn viele offene Fragen bleiben in Tangle Tower unbeantwortet.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Eder

Tangle Tower ist ein kurzes und erfrischendes Detektiv-Abenteuer mit jeder Menge toller Charakterinteraktionen. Die Umgebungen und animierten Charaktere sind wundervoll gestaltet und sorgen für einen ganz eigenen Charme. Direkt zu Beginn werdet ihr ohne große Einführung regelrecht in die Geschichte geschmissen und der Spielfluss ist derart gut, dass euch der Titel möglicherweise bis zum Lösen des Mordfalls nicht mehr loslassen wird. Die gelegentlichen Rätsel sind um einiges besser als beim Vorgänger Detective Grimoire und müssen sich vor den Knobelaufgaben aus Professor Layton nicht verstecken. Sie fügen sich auf natürliche Weise in das Spielgeschehen ein und bieten eine nette Abwechslung zum ansonsten sehr textlastigen Spiel. Das Sammeln von Beweisen und die direkten Konfrontationen mit verdächtigen Personen wurden gut umgesetzt und könnten eure Gehirnzellen durchaus ein wenig fordern – solltet ihr bei diesen Aufgaben jedoch stecken bleiben, kann unter Umständen ein erzwungener Neustart nötig sein, da ein einfaches Abbrechen oder das Schauen in die Beweismappe oftmals nicht möglich ist. Die englische Vertonung aller Dialoge ist hervorragend gelungen und auch die deutschen Übersetzungen wissen größtenteils zu überzeugen. Die Geschichte ist zunächst gut und spannend gestaltet, der wohl wichtigste Aspekt eines solchen Spiels hinterlässt jedoch einen faden Beigeschmack: Ausgerechnet das Finale und die Auflösung des Falls wirken etwas überhastet, teilweise widersprüchlich und unzufriedenstellend. Das Spiel hat zwar keine Tiefpunkte oder eintönig Passagen, die sich ziehen – umgekehrt werden jedoch leider echte Höhepunkte an Stellen vermisst, an denen man sich diese vielleicht erhoffen würde. Zwar werdet ihr möglicherweise bis kurz vor dem Ende im Dunkeln tappen, wer der echte Täter sein könnte, doch leider bleiben die wirklich großen Plottwists trotzdem entweder aus oder kommen nicht überzeugend zur Geltung – in dieser Hinsicht kann das kleine Indie-Spiel schließlich nicht ganz mit vergleichbaren Vollpreistiteln mithalten. Auch die Spielzeit beläuft sich dem niedrigeren Preis entsprechend bei fünf bis sechs Stunden – Extras oder Möglichkeiten zum Wiederholen von Rätseln werden euch nicht geboten. Insgesamt ist Tangle Tower dennoch ein sehr unterhaltsames, liebevoll gestaltetes Spiel, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt und Genre-Fans auf jeden Fall gefallen wird.
Mein persönliches Highlight: Die stimmigen Variationen der Hauptmelodie wollen einfach nicht aus meinem Kopf gehen!

Die durchschnittliche Leserwertung

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