Die Suche nach den Wölfen

Raging Loop ist eine japanische Horror-Visual Novel und kann als erweiterte Videospielumsetzung des Gesellschaftsspiels "Die Werwölfe von Düsterwald" bzw. "Werwolf" bezeichnet werden, welches wiederum auf dem russischen Gesellschaftsspiel "Mafia" basiert. Ursprünglich erschien das Spiel in Japan Ende 2015 für Smart-Devices und 2017 via Steam auf dem PC. Aufgrund des sehr speziellen, japanischen Settings galt eine Lokalisation für den Westen als unwahrscheinlich, doch zur Überraschung vieler erschien nun nach vier langen Jahren erstmals eine Spielversion mit englischer Textsprache für die Nintendo Switch.


Die Wölfe sorgen jede Nacht für Blutvergießen im Dorf


Wer bereits mit den Spielregeln von Werwolf vertraut ist, wird sich auch in Raging Loop schnell zurechtfinden, denn das Grundprinzip ist dasselbe: In jeder Nacht erwachen die Wölfe und suchen sich ein Opfer, das sie brutal töten. An jedem Tag versammeln sich daraufhin alle Dorfbewohner in einer gemeinsamen Runde und entscheiden – in der Hoffnung, einen Wolf zu erwischen – wer aus dem Kreis der Anwesenden gehängt werden soll. Am Ende gewinnen entweder die Dorfbewohner, wenn alle Wölfe gehängt wurden, oder die Wölfe, wenn alle Dorfbewohner in den Nächten getötet worden sind.


Ihr schlüpft in die Rolle von Haruaki Fusaishi. © PQube Games

Die Geschichte wird aus der Sicht des japanischen Studenten Haruaki Fusaishi erzählt, welcher gerade von seiner Freundin verlassen wurde und der gefrustet mit seinem Motorrad eine Reise ins Nirgendwo unternimmt. Der Verstand wird hinten angestellt und die Taten sind lediglich von Emotionen getrieben. Als er schließlich einen Unfall hat und sein Motorrad kaputt geht, glaubt Pechvogel Haruaki, es könne nicht mehr schlimmer werden...


...allerdings geht schlimmer leider immer: Haruaki Fusaishi landet plötzlich in einem mysteriösen Dorf namens Yasumizu, das von Nebel umgeben ist und von bestialischen Wölfen heimgesucht wird, die sich als Menschen tarnen. Ein blöder Zeitpunkt, ausgerechnet als Fremder in ein von der Außenwelt abgeschottetes Dorf zu geraten, das tief im Religionenkult steckt und sehr skeptisch auf Eindringlinge reagiert. Nun gibt es kein Entrinnen mehr, es geht um Leben und Tod: Das Werwolf-Spiel ist kein Spaß mehr, sondern bittere Realität! Kann Haruaki herausfinden, wer unter den Dorfbewohnern die Werwölfe sind? Wie ist es überhaupt möglich, dass derartig blutrünstige Ereignisse stattfinden können? Wieso gibt es hier keine Polizei, die dem ganzen Spuk ein Ende setzt? Und die zunächst wichtigste Frage: Kann Haruaki die Abstimmungsrunden jeden Tag aufs Neue überleben, ohne von den anderen Bewohnern Yasumizus als Opfer zum Erhängen ausgewählt zu werden?


Jeden Tag wird mehr oder weniger demokratisch darüber abgestimmt, wer gehängt werden soll. © PQube Games

Raging Loop ist eine reine Visual Novel: Das bedeutet, dass ihr es hier mehr mit einem Buch als mit einem Spiel zu tun habt. Das einzige Gameplay besteht darin, gewisse Entscheidungen zu treffen und über ein Flowchart in andere Zeitstränge zu schlüpfen. Das Spiel heißt nicht umsonst "Raging Loop": Haruaki durchlebt immer und immer wieder Szenarien und nur selten enden diese ohne Blutvergießen bzw. den eigenen Tod. Bereits in den ersten paar Minuten wird kein Hehl daraus gemacht, dass ihr im Laufe des Spiels oft ermordet werdet und anschließend in der Zeit zurückreisen könnt, um gewisse Entscheidungen erneut und besser treffen zu können. Einige Wege, die in den unvermeidlichen Tod führen, sind sogar notwendig, um an spezielle Schlüsselerinnerungen zu kommen, welche ihr benötigt, um der Wahrheit näher zu kommen.


Da es im Spiel viele Stellen mit mehreren Entscheidungsmöglichkeiten gibt, verzweigt sich die Geschichte im Laufe der Zeit immer mehr und ein unlineares Spielerlebnis wird offenbart, sodass jeder Spieler die Story ein wenig anders erleben kann. Die ersten paar Stunden sind jedoch noch sehr linear und ihr seid zunächst nur passiver Leser und nehmt noch gar nicht an den Abstimmungen teil. Dieser langsame Einstieg könnte durchaus einige Spieler abschrecken und es muss definitiv einiges an Geduld investiert werden, bis die Handlung an Fahrt aufnimmt. Auch könnte es mitunter einiges an Zeit dauern, bis ihr die japanischen Namen aller Charaktere verinnerlicht habt, ohne jedes Mal umständlich über das Menü die einzelnen Namen nachschlagen zu müssen. Habt ihr nach einigen Stunden endlich so viele Informationen erhalten, dass ihr aktiv am Ritual mitwirken könnt, beginnt das Spiel auch richtig spannend zu werden und zu fesseln. Denn habt ihr erstmal Beziehungen zu den Dorfbewohnern aufgebaut, fällt es umso schwerer, an den tödlichen Abstimmungen teilzunehmen und jemanden als Todesopfer zu wählen. Nun seid ihr gefordert und müsst eurem Instinkt folgen, um herauszufinden, wem ihr vertrauen könnt und wem ihr lieber misstraut. Emotionale Zwiste, herzergreifende Dramatik und jede Menge Intrigen sind im Dorf Yasumizu vorprogrammiert!


Ihr werdet auf einige abwechslungsreiche, aber oft auch schwierige Persönlichkeiten stoßen. © PQube Games

Ähnlich wie beim Werwolf-Gesellschaftsspiel gibt es auch in Raging Loop einige Sonderrollen abseits der Wölfe und der Dorfbewohner. Die Krähe kann beispielsweise jede Nacht erfahren, ob das Opfer der Abstimmung des Vortages ein Wolf war – denn wie beim Spiel Mafia wird auch bei Raging Loop am Tag nicht die Rolle der gehängten Person aufgedeckt. Zwei Personen besitzen die Rolle des Affen und wissen gegenseitig von ihrer gutwilligen Identität. Eine weitere Person ist die Schlange, die jeden Morgen erfährt, ob eine Person ihrer Wahl ein Wolf ist. Und die Spinne kann schließlich jede Nacht eine Person beschützen. Natürlich kann jeder Charakter bluffen oder Rollen vortäuschen und diese zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Doch eines darf niemals getan werden: Wer die Spielregeln missachtet, wie beispielsweise in der Nacht heimlich aufzubleiben, um die Wölfe zu beschatten, wird mit dem Tode bestraft.


Die Charaktere selbst sind sehr abwechslungsreich gestaltet: So gibt es beispielsweise einen alten, senilen Mann, den niemand ernst nimmt, ein Kleinkind, das ebenfalls nicht für voll genommen wird, eine alte, tief religiöse Großmutter, einen jungen Schüler, der sich in Mädchenkleidung wohlfühlt sowie einige junge Frauen, die als potentielles Freundinnen für Haruaki in Frage kämen. Keiner der Charaktere (auch Haruaki selbst nicht) werden als unrealistische Superhelden dargestellt und jeder der Charaktere hat bestimmte Schwächen, was lobenswert zu erwähnen ist. Im Laufe der Zeit bekommen die meisten der Charaktere genug Rampenlicht, um ihre Persönlichkeiten entfalten zu können und somit eine Bindung zum Spieler aufbauen zu können.


Ein intensiver Exkurs in japanische Mythologie


Raging Loop ist im Endeffekt viel mehr als nur eine einfache Umsetzung des Werwolf-Spiels. Ihr bekommt eine umfangreiche Geschichte geboten, die von den Religionen und Traditionen des fiktiven Dorfes Yasumizu erzählt. In der späteren Hälfte des Spiels wird zudem auch sehr viel über japanische Mythologie philosophiert und nicht mit Fachbegriffen sowie großen Ausschweifungen der Geschichte gespart: Dies ist sicherlich nicht für jeden etwas, doch wer sich für japanische Folklore und Götter interessiert, wird mit Raging Loop seine große Freude haben.


Wer die Spielregeln missachtet und in der Nacht nicht zu Hause hinter verriegelten Türen verbringt, wird mit dem Tod bestraft. © PQube Games

Die Musik in Raging Loop ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite sind die Musikstücke sehr stimmig und eingängig, sodass ich besonders anfangs recht begeistert von der atmosphärischen Musikuntermalung war. Auch der Openingsong "Kiri no Negai (Final Wishes of the Mist)" und der Ending-Song "Last Acceleration" sind großartig und stellen die Highlights des Soundtracks dar. Auf der anderen Seite wiederholen sich die Musikstücke im Laufe der Geschichte jedoch oft und werden auf Dauer eintönig. In Anbetracht der Tatsache, dass das Spiel (inklusive der Revelation-Kampagne) über 50 Stunden Spielzeit zu bieten hat, fällt der Umfang des Soundtracks – 26 Stücke, einige davon lediglich Hintergrundgeräusche oder Variationen von anderen Melodien – doch vergleichsweise mager aus. Wer nicht stundenlang ständig dieselben 10 Stücke hören will, wird möglicherweise ab einem gewissen Zeitpunkt von der Musik genervt sein.


Im Menü lassen sich glücklicherweise sowohl die Lautstärke der Musik als auch der Stimmen der Charaktere anpassen. Alle Dialoge sind vollständig vertont, allerdings ausschließlich in japanischer Sprache. Die japanische Synchronisation ist im Großen und Ganzen gut gelungen und besonders das verstörende Lachen des alten, senilen Mannes hat mich selbst auch stets zum Lachen gebracht. Manche Charaktere, wie die mysteriöse, weißhaarige Rikako, reden jedoch extrem langsam, sodass man leicht in Versuchung kommt, die Textboxen schneller wegzudrücken und das Gesprochene somit zu überspringen. Generell lassen sich Texte, die nicht vertont sind, lobenswerterweise bei Bedarf in verschiedenen Geschwindigkeiten abspielen. Die Funktion, alle Texte automatisch dem eigenen Lesetempo entsprechend abspielen zu lassen, macht glücklicherweise das Drücken von Tasten oder des Touchscreens nicht mehr notwendig. Die englische Text-Übersetzung ist, abgesehen von sehr vereinzelt auftretenden Fehlern, sehr sauber und gut umgesetzt worden. Eine deutsche Übersetzung gibt es leider nicht und darf auch nicht via Update erwartet werden.


Die Charaktere des Spiels werden bereits in der Intro-Sequenz gezeigt. © PQube Games

Die Atmosphäre wird beinahe ausschließlich durch die Erzählungen via Text erzeugt. Die spärlichen und sich wiederholenden Hintergründe sind sehr statisch und untermalen die Umgebung wie beispielsweise eine Hütte, eine Straße oder eine Küche auf bildliche Weise. Einzig ab und zu mischen sich bewegliche Elemente wie das Vorbeiziehen von Nebelschwaden hinzu. Ähnliches lässt sich bei den Charaktermodellen feststellen: Die Charaktere sind allesamt schön entworfen, bewegen sich allerdings (abgesehen von einem gelegentlichen Augenblitzen) nicht, sondern besitzen unterschiedliche Gesichtsexpressionen, die abhängig von den gesprochenen Texten eingeblendet werden. Dass das Spiel ursprünglich für Smart-Devices entwickelt wurde ist klar ersichtlich und lässt das Spiel in der heutigen Zeit doch ein wenig veraltet wirken.


Raging Loop wird zwar als Horror-Visual-Novel bezeichnet, doch erschreckende Szenen sind nicht im eigentlichen Sinne im Spiel enthalten. So sind zum Beispiel Leichen nie durch mehr als rote, unkenntliche Flecken dargestellt, sondern werden stattdessen mit Textausführungen im Detail beschrieben. Diese Textbeschreibungen sind durchaus gut gelungen und regen die eigene Vorstellungskraft an. Ansonsten gibt es zur Grafik wenig zu sagen, denn abgesehen von den Bildern der Umgebungen und der Charaktere hat das Spiel in dieser Hinsicht nichts Nennenswertes zu bieten.


Riesiger Umfang und komplexe Story


Was das Visual Novel-Genre angeht, macht Raging Loop verdammt viel richtig: Nützliche Dinge, wie eine Text- und Audio-Log zum erneuten Nachschlagen vorangegangener Dialoge, Autoscroll-Texte, eine Funktion, gelesene Texte zu überspringen, ein übersichtliches Flowchart, etliche Bonusinhalte sowie optionale Erklärungen und Hilfestellungen, falls im Laufe der Geschichte der zeitliche Faden verloren gegangen ist, sind allesamt vorhanden. Zudem stellt Raging Loop mit seinen 30 Stunden an Spielzeit für die Hauptkampagne (gemütliche Spieler werden noch länger brauchen) sowie weiteren Spielstunden dank zahlreicher Zusatzinhalte eine der umfangreichsten Visual Novels für einen Preis von 29,99 € dar.


Jeder Charakter stößt früher oder später emotional an seine Grenzen. © PQube Games

Ist die Hauptkampagne erstmal abgeschlossen, habt ihr Zugriff auf sämtliche Bonusinhalte in Raging Loop. Von persönlichen Sprachnachrichten der Synchronsprecher(innen), einer Juxebox, einer Bildergalerie sowie weiteren Zusatz-Kurzgeschichten, ist beinahe alles dabei, was das Spielerherz sich nur wünschen kann. Das Herzstück ist jedoch eindeutig der Revelation-Modus, ein Art "Neues Spiel Plus", das euch viele weitere Story-Details offenbart. In diesem Offenbarungsmodus spielt ihr das Spiel nochmals durch, erhaltet dabei aber auch Einblicke in die Gedanken der anderen Charaktere. Bereits in der Hauptkampagne gelesene Dialoge könnt ihr hierbei bei Bedarf überspringen. So könnt ihr im Revelation-Modus beispielsweise erfahren, welche inneren Konflikte das Abstimmungsverhalten von den jeweiligen Charakteren beeinflusst haben oder was eure Freunde und Feinde wirklich über euch gedacht haben, sich jedoch nicht auszusprechen getraut haben.


Die Geschichte steckt generell voller Spannung und Dramatik, auch wenn es durchaus einige Stellen gibt, die sich zäh anfühlen und Geduld erfordern. Einige Twists im Spiel sind nicht so schwer vorhersehbar, andere Handlungswendungen können wiederum überraschen. Am Ende der Haupt-Kampagne werden schließlich Tonnen an Informationen auf euch einprasseln, sodass eine extreme Aufmerksamkeit gefordert ist. Trotz dieser Informationsflut hatte ich leider nicht das Gefühl, dass alle offenen Fragen zur Hintergrundgeschichte deutlich und zufriedenstellend erklärt wurden. Der Revelation-Modus ist daher stark zu empfehlen, um die Geschichte noch besser verstehen zu können und mehr über die Persönlichkeiten der Charaktere zu erfahren. Auf jeden Fall dürft ihr euch in Raging Loop auf eine sehr komplexe Geschichte einstellen und nur wer gewillt ist, die volle Aufmerksamkeit und viel Zeit in das Spiel zu stecken, wird mit einem immersiven Spielerlebnis belohnt.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Eder

Um eines vorweg zu sagen: Ragin Loop ist definitiv nicht für jeden etwas und eine gute Aufmerksamkeitsspanne sowie gute Englisch-Kenntnisse sind eine Grundvoraussetzung. Das Spiel ist zu 100 % eine Visual Novel – ein interaktives Buch, das vom Gesellschaftsspiel Werwolf inspiriert ist und abhängig von Entscheidungen des Spielers verschiedene Ereignispfade und Enden offenbaren kann. In Sachen Grafik und Musik solltet ihr nicht zu viel erwarten, denn die große und einzige Stärke des Spiels ist die starke Geschichte. Der Einstieg ist jedoch etwas zäh und einige Stunden vergehen, ohne dass ihr bedeutende Entscheidungen treffen dürft. Auch könntet ihr euch durch die vielen japanischen Namen und mythologischen Begriffe zunächst ein wenig überrumpelt fühlen. Geduld lohnt sich aber: Je länger das Spiel andauert, desto mehr werdet ihr über die Persönlichkeiten der einzelnen Charaktere erfahren, desto größer wird die Relevanz eurer Entscheidungen und desto spannender und emotionaler wird die Geschichte letztlich. Inklusive dem großartigen Revelation-Modus bietet das Spiel bis zu über 50 Stunden Lesezeit, die für all jene unter euch zu empfehlen ist, die bereits Erfahrungen mit Visual Novels haben, sich für diese Folklore-Thematik interessieren oder das Spiel Werwolf lieben sowie vor komplizierten und verzweigten Geschichtssträngen nicht zurückschrecken.
Mein persönliches Highlight: Die spannenden Abstimmungen, wer als Nächstes gehängt werden soll

Die durchschnittliche Leserwertung

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