In den Fängen der Nyakuza

Mittlerweile sollte es für Hat Kid keine Überraschung mehr sein in mehr als ein dubioses Geschäft verwickelt zu werden. Egal ob zwielichtige Verträge oder Betrug im Filmgeschäft: Im zweiten und letzten Zusatzpaket von A Hat in Time verschlägt es das zylindertragende Mädchen in die verbrecherische Metro – bevölkert von schattenartigen Katzen, umgeben von schnellen Imbissgelegenheiten und beherrscht vom neuen Antagonist der Welt, der Kaiserin. Mit 10 neuen Zeitstücken, weiteren Kleidungsstücken, einer neuen Waffe und vielem mehr schließt DLC Nummer zwei das Hauptspiel ab und möchte euch in ein verrücktes Abenteuer mit dem finalen Kapitel „Nyakuza Metro“ einladen.


Die Kaiserin gehört zu den charismatischsten Charakteren des Spiels. © Humble Bundle

Der Sinn einer kostenpflichtigen Erweiterung liegt auf dem ersten Blick augenblicklich auf der Hand: Mehr qualitativer Inhalt, der am Rest des Spiels passend anknüpft. Was auf Großunternehmen zutrifft, kann für Indie-Entwickler einen anderen Stellenwert haben, wenn sie nach Veröffentlichung eines erfolgreichen Hauptspiels mehr Budget zur Verfügung haben, als es bei der oftmals vorkommenden ursprünglichen Kickstarter-Kampagne der Fall war. Folglich können DLC-Pakete mit erhöhter Professionalität und geeigneteren Ressourcen entwickelt werden, wodurch die Expansionen aus einer rein technischen Perspektive höhere Standards annehmen können. Das erste Zusatzpaket, Seal the Deal, führte diese Idee perfekt vor. Sämtliche neue Charaktere waren besser animiert und das arktische Schiff wirkte optisch abgerundeter mit zahlreichen Details. Nyakuza Metro treibt die Steigerung auf die Spitze und beweist sofort die gesammelte Erfahrung im Entwicklerteam, die zur technisch überzeugendsten Welt aus dem gesamten Spiel kulminiert. Die Kaiserin ist so ausdrucksstark animiert, dass sich selbst Großproduktionen davon eine Scheibe abschneiden können, die Neonlichter im düsteren Untergrund sorgen für eine ironisch gemütliche Atmosphäre und die Unmengen an Details lassen jede vorangegangene Welt hinter sich. Doch alles der Reihe nach.


Nachdem sich Hat Kid in der unbekannten Umgebung wiederfindet, dauert es nicht lange, bis das erste Zeitstück ausfindig gemacht wird. Leider befindet sie sich im Territorium der Kaiserin, eine erhabene Katzendame, die den Untergrund mit ihren Geschäften beherrscht. Gezwungenermaßen muss das junge Kind alle Zeitstücke in der Untergrundbahn finden und ihr aushändigen, um nach jedem Exemplar mit einem kleinen Betrag belohnt zu werden. Dabei zeigt sich schnell ein bekannter Aufbau, den wir so bereits im Spiel sahen. Anstatt auf eine Missionsstruktur zu setzen, kann die Welt frei erkundet werden und wirft euch nicht nach jedem gesammelten Zeitstück aus dem Kapitel – ganz wie in Welt vier. Demzufolge ist das Leveldesign sehr viel konzentrierter und bietet kombiniert clever aufgebaute Platforming-Passagen mit offenen Bereichen zum Erkunden. Zu Beginn mag die Metro riesig und verwirrend erscheinen, nach ein wenig Spielzeit zeigt sich allerdings der geordnete Aufbau. Das Zentrum ist der Sammelpunkt und eignet sich wunderbar für kleine Erforschungen. Die unterschiedlichen farblich markierten Zuglinien führen alle zu einem gesonderten Bereich und Zeitstück, womit die Segmente visuell klar zu trennen sind. Solltet ihr doch ein wenig irritiert sein, kann im Zentrum an der Rezeption ein Wegbegleiter für ein paar Pons erworben werden, der den Weg zum nächsten Zeitstück zeigt.


Keine andere Welt wirkt so technisch und spielerisch sauber umgesetzt


Habt ihr alle Relikte eingesammelt, endet Nyakuza Metro, genau wie die meisten Welten, in einem furiosen Finale, dass sich in Sachen Inszenierung noch mal ein gutes Stück positiv vom Rest des Spiels abhebt. Grund hierfür ist eindeutig das anfangs erwähnte erhöhte Budget, das beispielsweise am Anfang des Kapitels und zum Finale Zwischensequenzen zulässt, die nicht nur cineastischer sind, sondern auch automatisch ablaufen und nicht mit Textboxen vorangebracht werden. Weiterhin sind die Mundbewegungen der Kaiserin, im Gegensatz zu den restlichen Charakteren des Spiels, authentisch zu ihrer Synchronisation angepasst und der Humor profitiert dadurch deutlich. Was aber fast schon am meisten auffällt, ist der unheimliche Detailgrad, der sich durch die ganze Metro zieht. Die komplette Welt ist unheimlich authentisch aufgebaut, sodass sie wie ein echter, glaubwürdiger Ort wirkt. NPCs sprechen zum Beispiel überraschend ausführlich jedes Mal über ein neues Thema, anstatt die gleichen drei Standard-Dialoge durchzugehen. Dabei nehmen sie hin und wieder Bezug zu anderen Welten und Charakteren, wodurch sämtliche Kapitel auf eine bestimmte Art plausibel verbunden wirken.


Hat Kids neuer Knochenbrecher fungiert neben dem Regenschirm als zusätzliche Waffe. © Humble Bundle

Kleine Imbissbuden erlauben es euch, Speisen zu kaufen, deren Sinn und Hintergrund dann von einer beruhigenden Erzählerin mit interessanten Details ein wenig erläutert werden. Das Ganze erinnert dabei an das Puzzle-Spiel Catherine, wo bestimmte Alkoholbestellungen anschließend mit wissenswerten Triviafakten ebenfalls von einem Sprecher ausgeführt werden. Manchmal sind es aber auch einfach nur humorvolle, relativ fantasiereiche Informationen, die das jeweilige Gericht in ein neues, amüsantes Licht rücken. Einen wirklichen Existenzgrund haben diese Imbissbuden nicht, jedoch versehen sie die Welt nicht nur mit Charme und Immersion, sondern machen im Kontext des Spiels Sinn. Hat Kid ist auf einem fremden Planeten – natürlich kennt sie sich mit den für uns bekannten Gerichten nicht aus und probiert sie zum ersten Mal. Nicht nur inhaltlich besticht der Untergrund durch seine Liebe zum Detail, visuell dürfte Nyakuza Metro die wohl ansprechendste Welt des gesamten Spiels sein und damit meine ich nicht die stark verbesserte grafische Komponente. Überall hängen Poster, Wandbemalungen oder Verunreinigungen, die der Metro eine dreckige Atmosphäre geben, ohne unsympathisch zu erscheinen. Man kann keine drei Schritte gehen, ohne erneut auf ein interessantes Detail zu stoßen, welches man sich mindestens für wenige Sekunden anschauen möchte. Und solltet ihr vorhaben der Kaiserin in ihrem Juweliershop eine zu verpassen, müsst ihr mit den Konsequenzen leben.


Die Technik ist nicht der einzige Punkt, der von besseren Möglichkeiten profitiert. DLCs können gleichermaßen dafür genutzt werden Kritikpunkte vom Hauptspiel aufzugreifen und bis zu einem gewissen Grad besser umzusetzen. Der Regenschirm wurde bisher im Menü als Waffe in einer speziellen Waffenkategorie aufgelistet, obwohl es danach komischerweise niemals wieder irgendeinen anderen Gegenstand gab. Glücklicherweise lässt sich im Untergrund endlich eine neue Waffe in Form eines Baseballschlägers kaufen, der grundsätzlich identisch funktioniert, aber zur optischen Abwechslung beiträgt und gerade mit seinem knochenbrechenden Sounddesign einen dazu verleitet, Gegner zu verprügeln. Idealerweise verschmilzt aber ein optisches Detail fließend mit dem Gameplay. Wie bereits erwähnt, werdet ihr überall Verschmutzungen finden, die identisch zum Schlamm aus Welt eins funktionieren, in dem sie euch komplett in Dreck einhüllen. Überall im Kapitel versuchen kleine Katzenreiniger die Umgebung sauber zu halten, was auch euch betrifft. Bemerken sie euer verschmutztes Äußeres, stürmen sie sofort auf euch zu und reinigen euch. Kommt es dann zur Berührung, fliegt ihr wie auf einem Trampolin hoch in die Luft und erreicht höherliegende Passagen. Einige clevere Rätsel werden mit dieser Mechanik aufgebaut – wenn ihr euch verunreinigen müsst, den Katzenreiniger zu einem bestimmten Punkt lockt und ihn dann als Sprungbrett verwendet. Ein Element macht immer am meisten Sinn, wenn es mit seiner Existenz gleich mehrere Rollen übernimmt. Die kleinen Reiniger machen das Kapitel immersiv nicht nur glaubhaft, sondern sind gleichermaßen im Gameplay verankert, was beispielsweise auch auf die fahrenden Züge oder weiteren Merkmale der Welt zutrifft.


Erfahrt mehr über die Geschichte von Rumbi, dem Staubsauger. © Humble Bundle

Neben der Welt können ein weiteres Mal neue Kleidungsstücke und Kamerafilter erlangt werden. In der Metro findet ihr immer wieder Katzen, die euch die wertvollen Items für einen Betrag verkaufen. Das Highlight ist hierbei definitiv Hat Kids Nyakuza-Outfit, mit dem sich nicht nur eine neue „bedrohliche“ Pose erzeugen lässt, sondern welches auch optisch passend aussieht. Die Kamerafilter sind wie gewohnt eine nette Spielerei und packen die Grafik zum Beispiel in den Look eines Virtual Boys. Eine weitere mehr oder weniger große Neuerung sind Sticker, die hier nicht ganz ihren Nutzen offenbaren. In der Originalversion auf dem PC lässt sich das Spiel mit 50 Menschen gleichzeitig erleben, weswegen die Sticker als kleine Kommunikationsmittel brauchbar sind. Selbstverständlich findet dieser Modus seinen Weg nicht auf die Nintendo Switch, womit die Sticker hauptsächlich als zusätzlicher Sammelgegenstand, der überall im Untergrund verteilt ist, verstanden werden kann. Die kleinen Sprüche und Geräusche, die Hat Kid aber immer wieder bei Stickereinsatz von sich gibt, sind süß und können wenigstens im Mehrspieler-Modus für ein spaßiges Zusammenspiel sorgen. Die neuen Musikstücke fügen sich ausgezeichnet in die restliche musikalische Auswahl ein und geben der Welt einen schön asiatischen Stil. Gerade die dynamischen Veränderungen, die der Soundtrack animmt, wenn ihr bestimmte Bereiche und Orte besucht, entstehen übergangslos und subtil, sodass die Musik wie ein zusammenhängendes Stück wirkt, letztendlich aber heimlich die Melodien wechselt. Solltet ihr euch zum Beispiel auf einem Zug befinden, nimmt die Musik an Tempo auf, im Shop der Kaiserin jedoch wird sie verhängnisvoll und langsam. Die neue Stilrichtung steht dem Spiel wunderbar und zeigt die mühevolle Auseinandersetzung des Komponisten mit der asiatischen Tonalität.


Mit einem letzten Zeitriss wird zum Schluss noch einmal die Chance ergriffen, eine weitere Bilderbuchgeschichte zu erzählen. Komischerweise ist es allerdings nicht die Hintergrunderzählung der Kaiserin oder des Untergrunds, stattdessen wird das Abenteuer aus der Perspektive eures eigenen Hausstaubsaugers Rumbi (er hat tatsächlich einen Namen) erzählt, in der wir in unterschiedlichen Illustrationen sehen, wie er auf Hat Kids stetiges Vorankommen nach jeder Welt reagierte. Der Zeitriss selbst gehört vermutlich vom Leveldesign her zu den außergewöhnlichsten und qualitativ besten, wo das Geschehen in einer verlassenen Fabrik stattfindet, die Rumbis in Massenproduktionen herstellt und ihr euch vor den selbstzerstörenden, defekten Staubsaugern in Acht nehmen müsst. Es ist schön, letztendlich noch mal dem kleinen Roboter eine eigene kleine Geschichte und somit auch ein wenig Charaktertiefe zu geben, den Zeitriss möchte ich auf keinen Fall missen – allerdings bleibt der fade Beigeschmack, dass es keinerlei Informationen bezüglich der neuen Welt gibt. Seal the Deal besaß mehr als einen Zeitriss und schenkte sogar alten Charakteren einen eigenen Zeitriss, womit es enttäuschend bleibt, das Nyakuza Metro als einziges Kapitel keine Bilderbuchgeschichte spendiert bekommt.

Unser Fazit

Meinung von Kevin Becker

Nyakuza Metro ist mit seinem schnellen Gameplay, kombiniert aus präzise konstruierten Platforming-Passagen und frei erkundbaren Gebieten, die wohl beste und technisch beeindruckendste Welt des gesamten Spiels. Die neuen Charaktere fügen sich der Welt organisch hinzu und beeindrucken vor allem mit ausdrucksstarken Animationen. Zwischensequenzen wirken aufgrund besserer Inszenierung sehr viel cineastischer und optisch sowie musikalisch überzeugen nicht nur zahlreiche Details, sondern auch die allgemein asiatische Stimmung. Neue Sticker ergänzen das Sammelrepertoire und können die Spielzeit verlängern, eine weitere Waffe gesellt sich zum Regenschirm dazu und nutzt wie der erste DLC die Chance einen Kritikpunkt aufzugreifen. Der Inhalt der zweiten Expansion fällt mit nur einem (jedoch umfangreichen) Kapitel etwas magerer als sein Vorgänger aus und ergreift erzählerisch nicht alle Möglichkeiten, die eigentlich auf der Hand liegen. Schlussendlich ist Nyakuza Metro mit seinem unverbrauchten, dichten Setting aber ein echter Hingucker des Genres und ergibt mit Seal the Deal eine lohnenswerte Erweiterung, die die Reise des kleinen außerirdischen Mädchens würdig abschließt.
Mein persönliches Highlight: Das Finale des Kapitels

Awards

Spiele-Hit Multiplayer-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

8 User haben bereits bewertet

Kommentare 1

  • Logge

    Turmknappe

    Habe den dlc am Donnerstag gekauft und Freitag direkt gezockt. Für mich das allerbeste am Game. Und man kann so viel stuff kaufen. Hammer Game und Mega dlc!!!!