Über den Wolken ...

Auf der Nintendo Switch tummeln sich mittlerweile Dutzende Visual Novels, für Fans dieses Genres ein Träumchen. Nun macht sich auch If My Heart Had Wings auf dem Hybriden gemütlich. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um einen Port, denn ursprünglich erschien der Titel bereits 2013 im Westen, während Japaner schon 2012 in den Genuss kamen. Im Gegensatz zum Fernen Osten erhielten wir allerdings eine geschnittene Version, alle sexuellen Inhalte wurden entfernt sowie Kussszenen abgeändert. Für die Nintendo Switch haben wir es demnach ebenfalls mit der zensierten Fassung zu tun, die ohne Altersbeschränkung freigegeben ist.


Das Wetterphänomen Morning Glory, eine Perle der Natur. © Willplus Co., Ltd.

Der Hauptprotagonist Aoi kommt nach fünfjähriger Abwesenheit wieder zurück in seine Heimatstadt. Bei einem Spaziergang trifft er die im Rollstuhl sitzende Kotori und hilft ihr aus einer misslichen Lage. Nachdem sich beide verabschieden, stellt sich Aoi seiner neuen Aufgabe. Er soll in einem Wohnheim die Rolle der „Hausmutter“ übernehmen. In dieser Unterkunft wohnen fünf Mädchen, darunter auch, wie es der Zufall so will, die bereits zuvor getroffene Kotori. Aoi ist somit der Hahn im Korb und obwohl nun davon ausgegangen werden kann, dass das Spiel sich hauptsächlich um das Wohnheim mit deren fünf Mitbewohnerinnen dreht, liegt man damit falsch. Tatsächlich sind sogar vier der fünf Mädchen relativ selten zu sehen; nur Kotori spielt eine übergeordnete Rolle. Dreh- und Angelpunkt ist stattdessen der „soaring“-Club der Schule, in dem Segelflugzeuge gebaut und geflogen werden. Das Problem ist allerdings, dass dieser nur aus der Schülerin Amane besteht, weswegen eine Schließung droht. Zum Glück gibt es unseren Protagonisten, der sich mit Kotori sowie Ageha, einer alten Kindheitsfreundin, dem Club anschließt. Zusammen verfolgen sie nun den Traum, einen Wolkenkorridor zu durchbrechen, den sogenannten „Morning Glory“. Dieses Wetterphänomen tritt allerdings nur alle paar Jahrzehnte in der Stadt auf.


Fünf verschiedene Enden lassen das Herz höher fliegen


Nach ca. sieben Stunden gibt es die erste Auswahlmöglichkeit, die das Spiel zu einem von fünf (falls ihr keine eindeutige Richtung einschlagt, sogar sechs) möglichen Abschlüssen führt. Dabei sind beim ersten Durchlauf allerdings nur drei verfügbar, die restlichen werden freigeschaltet, wenn zuvor zwei bestimmte Enden erreicht wurden. Sobald die erste Entscheidung getroffen wurde, unterscheiden sich die verschiedenen Wege drastisch voneinander. Die offensichtlichste Route (Kotori) hatte bei mir den emotionalsten Impakt. Diese hat eine glaubhafte Romanze sowie Dramaturgie, die absolut fesselnd war. Die Geschichte von Amane war das zweite Highlight, welches emotional ebenfalls herausragend war. Die anderen drei Enden sind okay bis gut, bei einer ist die Geschichte sehr verwirrend und die wahren Motive werden nur sehr schwammig bzw. gar nicht erklärt. Dort erkennt man teils auch ein paar Schwächen in der Übersetzung. Dennoch lohnt es sich, alle verschiedenen Enden zu erleben und die Figuren besser kennenzulernen. Auch Nebencharaktere werden in den verschiedenen Routen hervorgehoben und gut in die Handlung integriert. So werden erst durch das Abschließen der verschiedenen Storyverläufe die wahren Hintergründe der einzelnen Charaktere ersichtlich und dadurch schließlich ein Gesamtbild geformt.


Dramaturgie darf natürlich nicht fehlen. © Willplus Co., Ltd.

Die Gesamtlänge der Visual Novel ist, wenn alle Routen gespielt werden, immens. Durch die verschiedenen Lesegeschwindigkeiten der Spieler ist es allerdings schwierig, eine genaue Angabe zu machen. Für meine erste Route habe ich ca. 20 Stunden benötigt. Im Schnitt lese ich relativ schnell, ab und an habe ich es aber auch mal trudeln lassen. Um alle Enden zu erreichen und die komplette Story zu erleben, werden mindestens 40 Stunden benötigt. Diese unglaubliche Länge zeigt aber auch, dass manche Passagen etwas zu langatmig sind. Außerdem gibt es ein paar Nebencharaktere, die etwas nerven (Aois Kindheitsfreund, der immer enthusiastisch rumbrüllt etwa). Manche davon sind so sehr im Hintergrund, dass sie eigentlich nur als Statisten dienen, die man komplett aus dem Spiel hätte streichen können. Fans von Visual Novels bzw. Animes dürften zudem einige typische Situationen wiedererkennen. So gibt es zum Beispiel die obligatorischen Badeszenen weiblicher Figuren. Auch ein Badeausflug wartet auf den Spieler, um die Damen in Bikinis anschmachten zu dürfen. Selbstverständlich dürfen auch Dialoge über Brüste nicht fehlen, wobei diese hier aber kaum stattfinden und auch nur oberflächlich, ohne sexuell zu werden. Andere Dialoge sind da spannender. So hatte If My Heart Had Wings bei mir durchaus einen sehr positiven Nebeneffekt, denn ich konnte einiges über Segelflugzeuge lernen, mitsamt den Bauformen der Flügel als auch die verschiedenen Techniken, um mithilfe von Wettereffekten an Höhe zu gewinnen. Gerade wenn es um diese Details ging, war ich stets gespannt und habe sogar ein gewisses Interesse für das Fliegen mitsamt den Finessen entwickelt.


Die Figuren sind wunderschön dargestellt, auch die CG-Bilder können sich sehen lassen. Leider gibt es, wie bei den meisten Visual Novels, keine deutschen Übersetzungen. Gute Englischkenntnisse werden bei einem solch textlastigen Spiel also vorausgesetzt. Die Figuren werden von japanischen Sprechern vertont, englische Aufnahmen gibt es nicht. Jedoch machen die japanischen Synchronsprecher wie gewohnt einen exzellenten Job. Einzig das menschliche Gackern der Hausente Hatty (eine Ente mit Hut, an sich super putzig) ging mir etwas auf die Nerven. Aoi bekam leider gar keine Stimme verpasst, was immer etwas komisch war, wenn die anderen Charaktere sprechen und bei ihm nur gähnende Leere herrscht. Solltet ihr einmal unaufmerksam gewesen sein, könnt ihr die Texte per Knopfdruck erneut lesen. Das Problem hierbei sind allerdings die Ladezeiten. So dauert es häufig länger als fünf Sekunden, bis das entsprechende Menü aufgerufen wird. Die Musik passt sehr gut in die Visual Novel und schafft eine beruhigende Atmosphäre, wenn man sich durch die Massen an Textboxen klickt. Allen voran die Titelmusik, die auch an der ein oder anderen Stelle im Spiel ertönt, lassen meine Ohren frohlocken. So sehr sogar, dass ich mich teils nicht mehr richtig auf den Text konzentrieren konnte.


Animefans kennen solche Szenen nur zu gut. © Willplus Co., Ltd.

Abschließend ein paar Worte zu den verschiedenen Veröffentlichungen: Auf der Nintendo Switch haben wir, wie bereits erwähnt, nur die geschnittene Ausgabe. Falls ihr das komplette Spiel haben möchtet, empfehle ich euch die Steam-Version. Dort gibt es einen Patch, der nach einer komplizierten Installation die Ab-18-Szenen einfügt. Für mich war die kinderfreundlichere Fassung aber genau richtig, denn die unzensierte hat eine eher zweifelhafte Szene in einem der Endings. Hierbei geht es um die Lolita-Zwillinge, die von ihrem Erscheinungsbild her höchstens wie Zwölfjährige aussehen. Das ist vor allem deshalb problematisch, da eine Route in eine Dreierbeziehung mit diesen beiden Mädchen führt, ein Dreier inklusive. Ob nun die geschnittene oder ungeschnittene Version bevorzugt werden sollte, muss daher jeder selbst entscheiden. Wenn ihr eher auf die romantische Seite einer Geschichte steht, welche die weiteren Handlungen einer Beziehung der Fantasie überlässt, ist die geschnittene Version die bessere Wahl. Falls ihr auch die Action nach der Kennenlernphase miterleben wollt, seid ihr mit der 18er-Version besser bedient.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Johannes Bausch

If My Heart Had Wings bietet eine fantastische Geschichte mit Liebe, Humor und persönlichen Bürden, die die einzelnen Charaktere mit sich schleppen. Die romantischen Stellen sind teilweise süßer als eine Containerladung voll Zucker – das muss man mögen. Die Hauptcharaktere besitzen toll geschriebene Persönlichkeiten und es macht Spaß, den einzelnen Figuren durch die fünf verschiedenen Routen näherzukommen und dabei deren Geschichten sowie Leiden zu erfahren. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Faszination des Fliegens, das mit vielen Hintergrundinformationen auch einen gewissen Lerneffekt auslöst. Dadurch habe ich durchaus den Reiz von Wetterphänomenen und Flugtechniken entdeckt und mich auch abseits des Spiels ein bisschen näher damit befasst. Der Umfang des Spiels ist enorm; für eine bestimmte Route werden bereits um die 20 Stunden benötigt, für alle Enden kann die Spielzeit mindestens verdoppelt werden. Fans von Visual Novels können bedenkenlos zugreifen, sollten aber des Englischen mächtig sein. Wie bei den meisten Vertretern dieses Genres gibt es leider keine deutschen Übersetzungen.
Mein persönliches Highlight: Wenn ihr euch das erste Mal mit dem Segelflugzeug in die Wolken erhebt.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 3

  • Blutwafu

    Turmknappe

    Sehr schöne Rezension, ich als Alter VN Hase kenne natürlich die VN und muss leider sagen das eine Sache ausgelassen wurde, eine Route wurde sehr stark in der übersetzung verändert weil die Route nicht kinderfreundlich war und zwar Agehas Route. Es wäre schön gewesen wenn es erwähnt worden wäre

  • Shikan Raider

    World Pro

    Kann mich meinem Vorposter da nur anschließen. Um das volle Erlebnis zu erhalten spielt die PC Version mit dem Restaurations-Patch.


    Das war eine der besseren VN's die ich 2016 gespielt habe.

  • Johannes Bausch

    Redakteur

    @Blutwafu Sorry, da gebe ich zu, dass ich das nicht mehr auf dem Schirm hatte und daher vergessen habe es zu erwähnen :( Dir aber vielen Dank für den Hinweis :)