Das Abenteuer des Erwachsenwerdens

Mit Atelier Rzya: Ever Darkness & the Secret Hideout möchte das Team des Entwicklerstudios Gust die über die Jahre etablierten Mechaniken der Rollenspielreihe etwas auffrischen. Doch worum geht es in den Atelier-Titeln eigentlich? Die japanische Rollenspielserie hat bereits mehr als 20 Jahre auf dem Buckel und in jedem Spiel steht die Protagonistin stets an der Schwelle zum Erwachsenwerden und wird auch im Zuge dessen mit allerlei Problemen konfrontiert und muss letztendlich sogar die Welt retten. Freundschaft, Entdeckerdrang, der Wille zum Helfen und ein weiblicher Protagonist sind die Kernelemente der Serie. Doch ist dies in Atelier Ryza anders?


Die Eltern verlangen von Ryza immer nur ihr Bestes. Sie soll sich um die Farmarbeit kümmern statt irgendwelchen Träumen hinterher zu jagen. © Koei Tecmo

Nein, denn auch im neuesten Ableger steht die junge Reisalin Stout (oder auch kurz Ryza genannt) kurz vor der Adoleszent. Typisch für eine Jugendliche, widersetzt sie sich den Anweisungen ihrer Mutter, um gemeinsam mit ihren beiden Freunden Tao und Lent loszuziehen und Abenteuer zu erleben. Dabei wollen sie jedoch nicht in ihrem Dorf Rasenboden bleiben, sondern auf das verbotene Festland hinausfahren. Natürlich setzen Ryzas Eltern alles daran, dass sie ihrem Vater auf der Farm hilft, doch die Tochter schafft es stets, sich erfolgreich davonzuschleichen und auf Abenteuer zu gehen. Auf dem Festland trifft sie schließlich auf Klaudia, die das Trio vor einem Monster rettet. Mit dabei sind auch der Alchemist Empel und seine Begleiterin Lila, die mit Klaudias Vater zusammen unterwegs sind. Dessen Ziel ist es, mit Rasenboden eine Handelsbeziehung aufzubauen, um die Kuken-Frucht, die Spezialität der Insel, dauerhaft auf dem Festland anbieten zu können. Dank dieser Begegnung erfährt Ryza von der wunderbaren Macht der Alchemie und so beginnt ihr Weg zum Erwachsenwerden. Neben der eigentlichen Handlung werden auch viele weitere Nebengeschichten erzählt, etwa die komplizierte Beziehung zwischen Lent und seinem betrunkenen Vater oder die Anfeindungen mit dem Spross der Brunnen-Familie, welche die Wasserquelle des Dorfes kontrolliert und dadurch auch die Machtstellung im Dorf inne hat. Was zunächst wie ein reines Sommerabenteuer wirkt, wandelt sich letztendlich dann doch wieder zur Rettung des Dorfes und der gesamten Welt. Dennoch ist die Geschichte unterhaltsam, versprüht eine gesunde Prise Humor und es wird eine Bindung mit den einzelnen Charakteren aufgebaut, deren Entwicklung stets spannend bleibt. Doch das Folgen der Handlung resultiert manchmal in einem hin und her Gerenne zwischen den unterschiedlichen Schauplätzen, bis die nächste Zwischensequenz oder das nächste Ereignis beginnt. Die Balance zwischen Handlungssequenzen und dem Gameplay ist leider nicht immer gut gelungen, sodass sich manche Zwischensequenz-Aneinanderreihungen eintönig anfühlen.


Auch die Synthese ist dieses Mal wieder anders angeordnet, denn sie folgt einer baumähnlichen Struktur. © Koei Temco

Das Sammeln von Materialien ist auch in Atelier Ryza wieder ein wichtiges Element, denn ohne diese kann keine Alchemie ausgeübt werden. Vom einfachen Holzstamm über Regenbogentrauben bis hin zu rostigen Schwertern oder gar Monsterfleisch - die Liste an potenziellen Materialien ist lang. Wenn genug davon gesammelt wurden, kann sich der eigentlichen Alchemie gewidmet werden, sofern ihr denn in der Handlung auch weit genug fortgeschritten seid. Denn das Spiel lässt sich mit der Einführung der entsprechenden Mechaniken recht viel Zeit. Zu Beginn des Spiels hat Ryza nämlich nicht den Hauch einer Ahnung davon, wie Alchemie funktioniert - davon erfährt sie nämlich erst durch das Zusammentreffen mit Empel. Wenn die einzelnen Synthesen jedoch einmal freigeschaltet wurden, können die gesammelten Materialien zur Herstellung von Items oder weiterer Materialien genutzt werden. Dabei werden zusätzliche Knoten durch den Einsatz einer festgelegten Anzahl eines bestimmten Materials freigeschaltet. Euch wird dabei angezeigt, welche Elemente oder Materialien nötig sind, um neue Knoten für die Qualität, Effekte oder gar neue Rezepte freizuschalten. Dieses neue Synthese-System macht einen frischen Eindruck und kann bereits nach kurzer Zeit intuitiv genutzt werden. Und wem das Befüllen zu lange dauert, der kann diesen Vorgang automatisieren, indem man die Flaschen mit hoher oder niedriger Qualität befüllen lässt. Nach einer erfolgreichen Synthese können dann bis zu drei Effekte hinzugefügt werden, darunter zum Beispiel Boni auf die Qualität, den Verkaufspreis, eure Angriffswerte und Ähnliches.


Die Kämpfe fallen deutlich dynamischer aus. © Koei Tecmo

Natürlich können mit Hilfe der Alchemie auch Waffen sowie Rüstungen erschaffen werden. Und manche Items wie die Bombe können auch im Kampf genutzt werden. Das Kampfsystem hat ebenfalls eine leichte Änderung erfahren: Die früher recht statischen, rundenbasierten Kämpfe wurden durch ein dynamischeres System ersetzt. Dabei bestimmt euer Taktiklevel, wie viele Aktionspunkte euch maximal zur Verfügung stehen. Allerdings kann das Taktiklevel bei jedem Kampf durch den Spieler selbst erhöht werden, wobei man stets mit 1 bis maximal 10 Aktionspunkten beginnt. Wenn 10 Aktionspunkte erreicht sind, kann euer Taktiklevel auf Stufe 2 erhöht werden, womit euch dann maximal 20 Aktionspunkte zur Verfügung stehen und so weiter. Die Punkte werden dabei durch normale Attacken generiert, Skill-Angriffe benötigen wiederum Aktionspunkte. Der Einsatz von Items läuft wiederum über einen separaten Zähler (auch Core Charge genannt), wobei Gegenstände auch konvertiert werden können, um neue Punkte zu erhalten. Die Punktzahl des Core Charge bleiben euch solange erhalten, bis ihr zum Atelier zurückkehrt und auch konvertierte Items können bis dahin nicht mehr genutzt werden. Die Abfolge der einzelnen Kampfaktionen wird zeitlich bestimmt und euch am linken Bildschirmrand angezeigt. Zudem könnt ihr jederzeit dynamisch zu allen drei auf dem Feld befindlichen Personen wechseln und so andere Attacken oder Aktionen ausführen. um so taktisch zu agieren. Manchmal wünschen die anderen Charaktere bestimmte Aktionen des gerade ausgewählten Charakters, wodurch automatisch eine Kettenaktion gestartet werden kann. Damit es überhaupt zu einem Kampf kommt, muss euch entweder eines der gegnerischen Monster angreifen oder ihr müsst den ersten Schlag wagen. Bei letzterer Aktion füllt sich euer erstes Taktiklevel komplett und ihr erhaltet so manche Vor-, beziehungsweise euer Gegner auch einmal Nachteile. Allgemein betrachtet wirkt das Kampfsystem frisch und gut durchdacht, es kann mitunter aber auch einmal hektisch werden.


Die Welt ist in einzelne Abschnitte unterteilt, welche jedoch durch diverse Wege miteinander vernetzt sind. Ihr müsst also nicht, wie es in Atelier Lulua der Fall war, zurück zur Weltkarte gehen, um zwischen den einzelnen Abschnitten hin und her zu reisen. Es existiert zwar im Verlauf des Spiels eine Weltkarte, allerdings dient diese nur der Schnellreise. Wer lieber zu Fuß läuft, und dadurch die diversen Materialien sammeln möchte, der kann dies auch problemlos tun, denn die Ladezeiten fallen zwischen den Übergängen sehr kurz aus und der Spieler wird nicht aus dem Abenteuer herausgerissen. Die Welt lädt aber auch zum Verweilen ein, denn jedes Gebiet ist thematisch ansprechend gestaltet. Von der Insel Kuken, mit ihren Rasen- und Boden-Distrikten, hin zum Pixi-Wald, mit seinen Laternenbaum oder dem Wieselnest, wurden die Ortschaften schön ausgearbeitet und wirken allesamt lebendig. Ein Teil der NPCs in Rasenboden wirken zwar etwas starr, aber zumindest sprechen sie kurz mit euch, nachdem ihr sie angesprochen habt und einige von ihnen rennen sogar von einem Ende des Distrikts zum anderen. Leider dauert es etwas, bis euch neue Abschnitte der Spielewelt zugänglich gemacht werden und wenn es dann endlich soweit ist, wird man im ersten Moment fast erschlagen. Denn jedes Gebiet bietet eine Reihe an Wahrzeichen, die entdeckt werden können, zudem wird euch ebenfalls in jedem Kartenabschnitt eine Schatzsuche angeboten, sofern ihr denn die entsprechenden Hinweise dafür findet. Die Welt fällt recht groß aus, auch wenn das auf den ersten Blick nicht ganz ersichtlich wird, da natürliche Hindernisse nicht sofort aus dem Weg geräumt werden können, solange die Synthese für das benötigte Item noch nicht möglich ist. Gleichzeitig gibt es auch in diesem Teil der Reihe eine Grenze an Items, die ihr während eures Abenteuers mit euch führen könnt, was letztendlich bedeutet, dass eine gute Planung für einen Sammel-Trip enorm wichtig ist. Später erhaltet ihr zudem die Möglichkeit, diverse Pflanzen anzubauen oder Welten zu erschaffen, um neue oder einzigartige Materialien zu sammeln oder bestimmte Gegner zu bekämpfen, die ebenfalls Materialien verlieren.


Grafisch macht das Spiel einen guten Eindruck und dank der Effekte ergeben sich viele schöne Momente. © Koei Tecmo

In Bezug auf die grafische Aspekte hat sich der neuste Ableger der Atelier-Reihe merklich verbessert. Die Texturen wirken scharf und machen nur gelegentlich einen etwas schwammigen Eindruck. Der Artstyle entfernt sich von einem eher malerischen und mädchenhafteren, hin zu einem rustikalen und realistischem Stil. Dies kommt auch auf der Nintendo Switch hervorragend zur Geltung und es fühlt sich einfach herrlich an, durch die mit Sonne gefluteten Bezirke Rasenbodens zu laufen oder im dichten Wald das Leuchten der Pflanzen zu bewundern. Nicht selten stand ich einfach nur da und habe die Landschaft genossen, auch wenn es durchaus die typischen „Standard-Plätze“ gibt. Nichtsdestotrotz wurde beim Betreten eines neuen Ortes oft ins Staunen versetzt. Technisch ist dem Spiel nicht viel vorzuwerfen, auch wenn manche Animationen etwas steif wirken und manchmal wäre eine durchgängige Vertonung ebenfalls wünschenswert, da bei vielen Nebenhandlungen keine Sprachausgabe zum Einsatz kommt. Zumindest die englischen Texte (deutsche Bildschirmtexte gibt es abermals nicht) sind gut geschrieben und auch die Musik fällt wieder einmal sehr atmosphärisch aus, indem sie nicht zu imposant, sondern auch recht ruhig daherkommt und so zum allgemeinen Spielthema, einem Sommerabenteuer mit rustikalem Charme, passt. Das User-Interface wirkt ebenfalls sehr ansprechend.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Marco Kropp

Atelier Ryza: Ever Darkness & the Secret Hideout ist ein schönes Rollenspiel und eine gute Weiterentwicklung der Atelier-Serie. Die neuen Elemente wirken frisch und die Handlung bleibt spannend. Es macht Spaß, Ryza auf ihren Abenteuer zu folgen, zudem wurde die Alchemie gut ausgearbeitet und die Orte fallen bezaubernd aus. Leider meinten die Entwickler es bei manchem Handlungsabschnitt zu gut mit den Zwischensequenzen und das Gerenne von A nach B kann mitunter etwas anstrengend werden. Gerade Fans von japanischen Rollenspielen sollten hier zuschlagen, denn das Spiel ist großartig und macht kaum etwas falsch.
Mein persönliches Highlight: Ryza als Charakter. Sie mag die Farmarbeit nicht, sammelt aber dennoch eifrig Materialien für ihre alchemistischen Experimente.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

5 User haben bereits bewertet

Kommentare 7

  • Nandalee

    Turmbaron

    Danke für den Test! :)

  • Yuuen

    Turmheld

    Absolut verdiente Wertung! Vielen Dank, Marco! ^^

  • Geit_de

    geit

    Definitiv noch in diesem Jahr! :D

  • Rob64

    何か

    Ich bin noch dran gerade im Schloss fertig geworden (um es Spoiler frei auszudrücken).
    Das Crafting ist super und man kann sich echt darin verlieren. Ein wenig mehr QoL hätte ich mir hier gewünscht, um benötigte Materialien automatisch zu produzieren (Beispiel: Man muss immer den Metalbarren herstellen, bevor man die Waffe craften kann. Bei den meisten Items ist allerdings so ein Schritt-für-Schritt Verfahren nicht notwendig). Das Spiel bietet wachsende Komplexität wem es aber zu viel ist der kann sich auf ein paar wenige Elemente beschränken. Das Kampfssystem biete Tiefe, ist auf Normal aber auch (zumindest noch) relativ einfach. Man kommt früh an fast-travel Optionen also nicht verzagen.


    8/10 finde ich gerechtfertigt!

  • TheSchlonz

    Turmheld

    Für mich auch noch ein Pflichtkauf, bin aber aufgrund der Flut an neuen Games in den letzten Monaten einfach noch nicht dazu gekommen.

  • DecTher

    Turmheld

    Es kommen andauernd neue Atelier Spiele raus. Ich hab schon total den Überblick verloren, welches davon ein Port ist oder eine Neuentwicklung.
    Hat schon mal einer diese Städtebausimulation von Atelier gespielt.


    Die normalen Atelierspiele sind eh nicht mein Fall, wegen der Ingamezeit.
    Das Spiel endet bei einem bestimmten Ingamezeit und es gibt Events an bestimmten Orten, die nur zu einer bestimmten Ingamezeit auftauchen.
    Man muss also mehrmals spielen, um alles zu sehen.

  • Princess_Rosalina

    Turmbaronin

    @DecTher


    Das mit der In-Game Zeit, ist längst Vergangenheit, seit Atelier Lydie & Suelle.


    Atelier Lulua und das neue Ryza sind komplett neue spiele und Fortsetzungen der Hauptreihe.


    Die 3er Packs die raus gekommen sind, sind alte PS3 und Vita Ports.


    Das Städte -Bauspiel Lelke & The Legendary Alchemists Ateliers of the New World, hat mit der Reihe nichts zu tun. Das Spiel kam nur raus, weil Atelier 20 Jahre alt wurde.



    Schöner test, aber ich bleibe lieber bei der PC Version, in 4K sieht das spiel wirklich großartig aus.
    Kein Flimmern, kein Aufploppen, keine matschigen Texturen, gutes AA.