Überlebe das Grillhühnchen!

Munchkin: Quacked Quest ist der erste digitale Ableger des bekannten Kartenspiels. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen Titel wie etwa Hearthstone oder The Lord of the Rings: Adventure Card Game, das kürzlich für die Nintendo Switch erschienen ist, sondern um einen actiongeladenen Dungeon-Crawler für bis zu vier Spieler. Ob diese Entscheidung des Entwicklers Asmodee Digital die richtige war?


Die Story von Munchkin: Quacked Quest ist: Es gibt keine. Wie beim Kartenspiel kann man sofort ohne großes Aufhebens loslegen. Zur Einführung gibt es ein Tutorial, das das Spielprinzip und die Steuerung erklärt, aber abgesehen davon heißt es: Learning by doing. Was in diesem Fall bedeutet: Schnappt euch ein Fleischerbeil, ein Hühnchen und auf geht’s zum Plutoniumdrachen! Was soll schon passieren?


Die Dungeons werden anhand zufällig gezogener Karten generiert. © Asmodee Digital

Ihr startet immer von einem kleinen Raum aus, in dem ihr ein paar Einstellungen vornehmen könnt, bevor es losgeht. Dazu gehört zum Beispiel eure Rasse. Vier stehen zur Auswahl: Mensch, Ork, Elf und Zwerg. Ihre Unterschiede betreffen eure Gesundheit und die Laufgeschwindigkeit. So hat ein Elf im Vergleich zum Menschen etwa 50 % Gesundheit und 125 % Laufgeschwindigkeit, während der Zwerg mit 200 % Gesundheit, dafür aber nur 75 % Laufgeschwindigkeit ausgestattet ist. Weiterhin könnt ihr im Startraum eine von drei Kopfbedeckungen auswählen, die allerdings keine Auswirkungen auf euren Charakter hat und in den Dungeons ohnehin ziemlich schnell ersetzt wird (Kartenveteranen werden sich dennoch sicher über das Huhn auf dem Kopf freuen). Abschließend könnt ihr die Spielzeit auf einen zufälligen Wert zwischen fünf Minuten und einer Stunde setzen, bis zu drei Bots aktivieren, falls ihr allein spielt, und euch alle verfügbaren Karten angucken. Letztere bestimmen per Zufallsprinzip, wie der Dungeon, in den ihr euch stürzt, gestaltet sein wird und welchen Bossgegner ihr vermöbeln müsst. So gibt es unter den Modifikatoren etwa die Karte „Bling-Bling“, die dafür sorgt, dass ihr mehr Gold erhalten könnt. Zieht ihr für die Layout-Optionen die „Elementar“-Karte, werden euch die Dungeonräume ordentlich einheizen und mit Eisflächen das Leben schwer machen. Wird in der Boss-Kategorie die Karte „Verstümmele die Zimmerpflanze“ gezogen, wisst ihr, was ihr im letzten Raum zu tun habt. Die Auswahl der Karten und damit die Möglichkeiten der Dungeongestaltung erhöhen sich im Spielverlauf, da ihr nach jeder abgeschlossenen Runde eine neue dazubekommt, bis alle freigespielt wurden.


Enten gehen immer vor. Immer!


Das oberste Ziel einer Spielrunde ist es, am Ende die höchste Stufe zu haben. Das schafft ihr, indem ihr möglichst gut bei den Aufgaben der einzelnen Dungeonräume abschneidet und viel Gold einsammelt. Raum und Aufgabe sind dabei jedes Mal zufällig. Um euch der Gegner und Mitspieler zu erwehren, habt ihr einen normalen Angriff, eine Spezialattacke, die erst aufgeladen werden muss, und die Möglichkeit, andere durch die Gegend, idealerweise in Abgründe, zu schubsen.


In den Dungeons warten jede Menge Truhen auf die Abenteurer – leider vergeblich. © Asmodee Digital

In den Truhen verstecken sich zahlreiche Item-, Klassen- und Rassen-Karten. Nehmt ihr diese auf, rüstet ihr den entsprechenden Gegenstand aus bzw. ändert die Klasse oder Rasse. Leider wird in den Dungeons bei den Items nicht angezeigt, ob und welche Auswirkungen sie haben und ob sie besser sind als die, die ihr anhabt. Der Wechsel in eine andere Klasse ändert eure Spezialattacke bzw. -fähigkeit, aber auch hier wird kein unterstützender Hinweis gegeben, wer genau welche Attacke hat, was für neue Mitspieler frustrierend sein kann. Aufgrund der vielen Items, verschiedener Rassen und Klassen könnte man dennoch denken, dass dadurch einiges an Spieltiefe und Abwechslung geboten wird. Aber (und das ist ein sehr großes Aber): All das ist im Prinzip irrelevant. Denn was passiert bei Aufgaben wie „Sammle möglichst viele Enten ein!“ oder „Schnapp dir die Ente zuerst!“? Genau, alle stürzen los und interessieren sich herzlich wenig für Truhen, Gold und Ausrüstung. Und das zu Recht, denn diese werden euch nicht helfen, mehr Enten einzusacken. Im Gegenteil, dadurch, dass man Truhen erst mit mehreren Schlägen zerstören und dann zum Ausrüsten der Items auch noch den A-Knopf länger gedrückt halten muss, halten sie eigentlich nur auf. Auch beim Übergang zum nächsten Raum gilt es, schnell zu sein, denn Spieler, die die Türen dorthin öffnen bzw. viel Schaden dazu beigetragen haben, werden bei der Endauswertung belohnt. Dadurch hat man auch vor der nächsten Aufgabe nicht die Muße, sich alle Ausrüstungsgegenstände anzusehen und sich bewusst für etwas zu entscheiden. Ebenfalls relativ irrelevant ist, ob ihr das Zeitliche segnet. Im Gegenteil, es ist sogar manchmal nötig, um als Geist in bestimmte Bereiche zu kommen, und Spieler, die oft gestorben sind, bekommen in der abschließenden Auswertung oft einen ordentlichen Boost, der sogar zum Sieg führen kann. Auch aus diesen Gründen interessiert es die Spieler herzlich wenig, ob und welche Rüstung sie tragen, was wirklich schade ist, da hier viel Potenzial vergeben wurde. Die Runden arten so unweigerlich jedes Mal in einem chaotischen Wettrennen um die Enten aus; Strategie und Taktik sind schlicht nicht nötig. Und wie sollte man diese auch entwickeln, wenn man nicht weiß, wie viel Schaden die Waffe überhaupt anrichtet, die man gerade trägt? Diese Enten-Wettrennen können zusammen mit Freunden natürlich trotzdem sehr viel Spaß machen und für lustige Spieleabende sorgen. Es kommt ganz darauf an, was man erwartet.


Der Plutoniumdrache ist für Fans des Kartenspiels ein alter Bekannter. © Asmodee Digital

Ebenfalls viel Potenzial wurde dadurch verschenkt, dass es keinen Online-Multiplayer gibt, etwas, das dieses Spiel in meinen Augen unbedingt gebraucht hätte. Man ist daher leider immer darauf angewiesen, Freunde zur Hand zu haben, die mehr oder weniger chaotisch durch die Dungeons wuseln, Enten einsammeln und Grillhähnchen verprügeln möchten. Hat man das Glück nicht, kann man zwar auch mit drei NPCs spielen, diese verhalten sich allerdings nicht immer logisch und stehen auch schon mal nur in der Gegend rum. Gegen diese zu gewinnen ist so leicht, dass der Spielspaß im Laufe der Runde gen null geht. Dieser profitiert im Übrigen auch nicht gerade durch die langen Ladezeiten. Die lustigen Sprüche in typischem Munchkin-Humor, die die Ladebildschirme zeigen, sind dabei nur ein kleiner Trost. Der schwarze Humor zieht sich generell sehr gut durchs ganze Spiel und ist neben der detailreichen Gestaltung das eigentliche Highlight. Beim Kartenspiel eine Ratte am Spieß als Waffe zu haben, ist cool, aber damit tatsächlich durch einen Dungeon zu rennen und auf Gegner und Mitspieler einzuprügeln, ist noch viel spaßiger. Auch die (leider nur in englischer Sprachausgabe vorhandenen) Sprüche des Kommentators sorgen für den ein oder anderen Lacher. Und so ist dieser Dungeon-Crawler eine zweischneidige Kettensäge der blutigen Zerstückelung (oder Pinzette des Grauens, wenn ihr ein Elf seid): Man kann viel Spaß damit haben, wenn man Sinn für Blödsinn hat, aber allzu viel erwarten darf man – leider – nicht.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Julia Kischkel-Fietz

Munchkin: Quacked Quest erinnert leider wenig an das Original. Die Idee, einen Dungeon-Crawler aus dem Kartenspiel zu machen, ist nicht verkehrt, die Umsetzung bleibt aber hinter den Erwartungen zurück, wenn man als Fan der Serie an die Sache herangeht. Wer einen actiongeladenen Couch-Co-op-Titel mit einfachem Einstieg und Gameplay sucht, könnte hier fündig werden. Wer das echte Munchkin-Feeling möchte, sollte lieber weiterhin analog spielen, denn die Entwickler haben sich mit Quacked Quest meiner Meinung nach zu weit von ihrem Erfolgsrezept entfernt. Ork, bleib bei deiner Schneckenschleuder.
Mein persönliches Highlight: Der typisch schwarze Humor des Munchkin-Originals.

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 1

  • AnimalM

    Turmbaron

    Erster Gedanke: "Ja geil, perfektes Geschenk für den Kumpel zu Weihnachten." Dann das ernüchternde Fazit, das den zweiten Gedanke bestätigt, ob sie denn an das Feeling des Kartenspiels rankommen. Offenbar nicht. Schade. ;(