Über Stock und Stein

Rallye-Spiele sind derzeit noch rares Gut für die Nintendo Switch. Da kommt es mehr als nur gelegen, dass wir nun mit WRC 8 den offiziellen Ableger der FIA Rallye-Weltmeisterschaft erhalten. Nachdem die vorigen WRC-Titel einen etwas holprigen Start hatten, hoffen wir natürlich mit dem neuesten Teil der Reihe auf ein gutes Rallye-Game. Messen muss es sich hierbei mit dem großen Konkurrenten DiRT, wobei diese Reihe bislang noch nie auf einer Nintendo Konsole erschienen ist.


Jetzt wird es brenzlig, nicht den Abhang herabzustürzen. © Bigben Interactive

In Rallys geht es schon dreckig zur Sache: Durch Schotter, Matsch, Schnee und Regen heizen die Fahrer hochkonzentriert durch Wälder, Gebirgspfade und sonstiges nervenauftreibendes Terrain. Ohne ihre Co-Piloten, die zuverlässig Angaben zu den bevorstehenden Kurven machen, wie die Länge oder Winkel, würden die Fahrer schneller von der Piste segeln, als ihnen lieb ist. Hierbei stehen keine Kopf-an-Kopf Rennen an wie in anderen Rennsportarten, in denen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig starten. Viel eher gilt es, einzeln die bestmögliche Zeit durch die jeweiligen Wertungsprüfungen (Etappen) zu erzielen und in der Gesamtzeit die Konkurrenten hinter sich zu lassen. Bevor wir uns aber selbst den Helm aufsetzen und hinters Steuer klemmen, um im Karriere-Modus an die Weltspitze zu gelangen, dürfen wir zuerst noch ein paar Einstellungen machen. Unter anderem wählt ihr eure bevorzugte Schwierigkeit aus, was sich in den Fahrzeiten der Konkurrenten widerspiegelt. Außerdem stellt ihr noch die Schadenseffekte ein, die entweder niedrig, mittel, hoch oder realistisch sein können. Der Schaden wird allerdings nicht optisch dargestellt, sondern macht sich beim Fahrverhalten bemerkbar. ABS und weitere Fahrhilfen können ebenfalls individuell eingestellt werden. Vor allem Rallye-Neulinge können sich dadurch langsam herantasten und werden nicht sofort von der Härte der Etappen überrumpelt, wobei die Strecken dennoch Eingewöhnung benötigen. Sobald alles nach Wunsch eingestellt ist, können wir den Karriere-Modus starten.


Mit dem Besten Team an den Rally-Olymp


Der Karriere-Modus erinnert etwas an die F1-Spiele: Wir wählen anfangs ein Team und suchen uns ein schickes Auto aus. Durch die offizielle Lizenz dürfen wir uns hierbei an 52 Rallye-Teams der FIA erfreuen. Direkt in die WRC-Klasse könnt ihr jedoch nicht einsteigen, sondern müsst euch erst mit guten Ergebnissen in der Junior WRC oder WRC 2 qualifizieren. Im Teammanagement gilt es, euren Kalender zu koordinieren und diesen mit Events zu füllen. Hierbei stehen euch gleich mehrere zur Auswahl: Training, Extrembedingungen, Hersteller Challenges und Testläufe, Historische Rennen oder Erholungszeiten. Im Training gilt es Medaillen zu erreichen, indem gewisse Zeiten unterschritten werden. Bei den Extrembedingungen muss ein bereits beschädigtes Fahrzeug ans Ziel befördert oder unter extremen Wetterbedingungen ein kühler Kopf bewahrt werden. Die Challenges sowie Testläufe steigern die Reputation des Teams, damit nach Saisonende attraktive Verträge von namhaften Herstellern ins Büro flattern. Bei den historischen Rennen klemmt ihr euch hinter ein legendäres Auto und brettert über die Pisten, leider gibt es hiervon aber nur vier Fahrzeuge. All die Events zehren an den Kräften eurer Crew, weswegen ihr auch ab und zu Erholungszeiten ansetzen solltet.


Erhaltene Fähigkeitspunkte könnt ihr im Talentbaum verteilen. © Bigben Interactive

Die Königsdisziplin stellt natürlich die Rallye dar, die sich über mehrere Tage streckt und all euer Können abverlangt. Dabei können einige Etappen bis zu mehreren Minuten dauern. Die Zeiten werden über alle Etappen addiert und schlussendlich der Sieger gekürt. Die Belohnung spült nicht nur Geld in die Kassen, sondern bringt auch Erfahrungspunkte sowie Reputationspunkte des Herstellers ein. Nach jedem erfolgreichen Levelaufstieg können Punkte in die F+E-Abteilung (Forschung und Entwicklung) investiert werden. Zur Auswahl stehen die vier Bereiche Zuverlässigkeit, Leistung, Teamreputation und Crew-Management, die jeweils in einzelne Fertigkeiten aufgegliedert werden. Somit könnt ihr unter anderem Reparaturkosten dauerhaft senken oder neue Berufe in der Crew aufnehmen. Insgesamt sechs Berufe gilt es zu besetzen, darunter fällt der Meteorologe, der möglichst genaue Angaben über das Wetter vorhersagen soll, damit je nach Wetterbedingungen die Reifen angepasst werden können. Hierbei gilt aber auch zu beachten, dass sich alle Crewmitglieder auch ausruhen müssen und entsprechend ausgetauscht werden. Zu guter Letzt könnt ihr noch Statistiken bewundern, eure Mails durchforsten oder Ziele ansehen, um bei Einhaltung (z.B. keine Strafminuten in der nächsten Rallye) zusätzliches Geld zu verdienen. Das Crew-Management hört sich anfangs überladen an, ist aber bei weitem nicht so intensiv wie es sich anhört. Es macht zwar Spaß, sich die Events einzuteilen und eure Crew zu verwalten, aber eigentlich möchte man natürlich immer so schnell wie möglich wieder auf die Piste. Falls Ihr auf das Verwalten übrigens gar keine Lust habt, gibt es zusätzlich auch einen Saison-Modus, der sich komplett auf die Rallyes beschränkt.


In 14 Ländern durch Wind und Wetter


Und hier kommen wir zu der größten Stärke von WRC 8. Das Fahren eures Boliden über die verschiedenen Etappen in insgesamt 14 Ländern machte mir außerordentlichen Spaß. Die Fahrzeuge steuern sich wunderbar und das Streckendesign ist sehr abwechslungsreich. Die Sounds der Autos klingen wuchtig und vermitteln gut das Gefühl, tatsächlich mittendrin zu sein. Hohe Konzentration wird jedoch benötigt, bei den kurvenlastigen Routen nicht über den Weg hinauszuschießen. Hierbei sollte stets auf den Co-Piloten gehört werden, der den Streckenverlauf voraussagt, ob eine Bodenwelle kommt, eine scharfe Rechts-, Links-, oder Haarnadelkurve bevorsteht. Dieser machte einen sehr ordentlichen Eindruck, die meiste Zeit wurde der Verlauf rechtzeitig angekündigt. Nur selten kommt es vor, dass er sich mal etwas zu knapp meldete. Zu erwähnen ist, dass der Co-Pilot seine Aussagen auf Deutsch wiedergibt und der Sprecher einen sehr guten Job macht. Das Spiel ist auch komplett ins Deutsche übersetzt worden.


Die Schneelandschaft von Monte Carlo zählt zu meinen Highlights. © Bigben Interactive

Über Asphalt, Schotter und Matsch fahrt ihr durch Wälder, Pfützen, Gebirgspfade, Abhänge etc. mit teils hohen Geschwindigkeiten. Ein kleiner Fehler kann euch bereits meterweit von der Strecke pfeffern und euer Auto beschädigen oder Strafsekunden einbringen. Bei den Strafen für das Abkommen von der Strecke konnte ich allerdings keine wirkliche Struktur erkennen. Manchmal werden diese verteilt, manchmal aber nicht. Über eine Anzeige habt ihr stets den Fahrzeugstatus im Überblick. Jedes Teil kann hierbei verschleißen bzw. Schaden nehmen, betroffen sind unter anderem der Turbo, die Bremsen oder auch die einzelnen Reifen. Die Beschädigungen spürt ihr sofort am Fahrverhalten eures 2-Achsers, was wiederum eure Bestzeiten merklich drücken wird. Wie bereits erwähnt, können aber die Abwrackmeister unter euch die Schäden reduzieren bzw. abstellen. Manche Crashs sind allerdings nicht wirklich realistisch dargestellt und auch bei leichten Bodenwellen fängt das Auto bereits manchmal an zu fliegen. Von der Fahrphysik kommt es leider nicht an seinen Konkurrenten DiRT heran, wohingegen bei der Abwechslung sowie beim Streckendesign beide ebenbürtig sind, wenn nicht sogar WRC 8 leicht die Nase vorne hat. Mit 100 Wertungsprüfungen und dynamischem Wettersystem wird einiges geboten. Während am Start noch Sonnenschein herrscht, kann es bis zur Mitte oder Ende in Starkregen enden. Das Wetter und die Tageszeit könnt ihr im Schnellen Spiel individuell anpassen, jedoch ist zu beachten, dass die Schneefunktion bei Strecken, in denen normalerweise nie Schnee fällt, nicht auswählbar ist.


Abseits des Karrieremodus und der Rallye wartet ein größeres und offenes Trainingsgelände auf euch. Hier könnt ihr in verschiedenen Terrains, einschließlich eines Industriegebiets, eure Fahrerskills verfeinern, um zum allerbesten zu werden. Die erworbenen Talente könnt ihr im Anschluss in den wöchentlichen Herausforderungen zur Schau stellen. Hierbei wird weltweit um den ersten Platz der Bestenliste gekämpft, wobei jeder dieselben Voraussetzungen (Wertungsprüfung und Auto) hat. Grafisch hinterlässt WRC einen eher positiven Eindruck. Bäume oder Büsche ploppen aber oft plötzlich auf und das Spiel läuft sowohl auf dem Fernseher als auch im Handheld-Modus leider nur mit 30 Bildern pro Sekunde, was sich an manchen Stellen bemerkbar macht. Allgemein wird die Grafik natürlich etwas heruntergeschraubt, wenn nicht am Fernseher gezockt wird. Beim genaueren Hinsehen werden auch einige matschige Konturen sichtbar. Im Großen und Ganzen ist die Grafik aber für Nintendo Switch Verhältnisse absolut in Ordnung. Vor allem die Schneelandschaften von Monte Carlo sehen schön aus, wenn ihr mit hoher Geschwindigkeit den Berg entweder hoch- oder runterpoltert. Manchmal laggt der Crew-Management-Modus, wenn ihr nach einem Rennen wieder zurück in die Verwaltung gelangt. Außerdem kämpft das Spiel mit relativ langen Ladezeiten. Leider vermisse ich einen 2-Spieler-, sowie Online-Modus. In den wöchentlichen Herausforderungen können zwar die Zeiten online verglichen werden, allerdings ist es nicht möglich, sich direkt mit ein paar Spielern zusammen in einer Lobby zu messen.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Johannes Bausch

Na also, geht doch WRC! Nach den Vorgängern, die noch mit den ein oder anderen Problemen zu kämpfen hatten, macht WRC 8 einen gewaltigen Sprung, sich zu den großen Rallye-Marken zu etablieren. Zwar gibt es noch die ein oder andere Sache, die die DiRT-Reihe besser macht, wie die Steuerung oder Fahrphysik, allerdings braucht sich WRC in Sachen Leveldesign und Abwechslung absolut nicht hinter dem Konkurrenten zu verstecken. Dank der offiziellen Lizenz dürft ihr mit den Teams der FIA an die Spitze fahren. Die Rallye-Fahrten machen unglaublich viel Spaß und erfordern einiges an Konzentration, schon der kleinste Fehler kann die Bestplatzierung kosten. Es macht einfach Laune, mit hohen Geschwindigkeiten durch Wälder und Gebirgspfade zu rasen und mit waghalsigen Manövern durch die Kurven zu driften. Der Karrieremodus ist eine nette Dreingabe und wird Personen ansprechen, die sich gerne auch abseits der Rennen um die Verwaltung der Crew kümmern möchten. Rallye-Fans kommen mit diesem Spiel voll auf ihre Kosten und auch Interessierte sollten einen Blick darauf werfen. Derzeit gibt es kein besseres Rallye-Spiel auf der Nintendo Switch.
Mein persönliches Highlight: Die Winterwunderberglandschaft von Monte Carlo

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 12

  • Dennis Gröschke

    Rabbit Season

    was für eine geile Einführung in den Test! großartig

  • Johannes Bausch

    Redakteur

    @Dennis Gröschke Vielen Dank Dennis ^^:D

  • Ande

    Meister des Turms

    @Johannes Bausch
    Musste auch schmunzeln. Gut gemacht (auch der rest vom Test)! :ddd:

  • Wunderheiler

    .

    Nach dem Test interessieren mich noch 2 Punkte:


    Gibt eine Cockpit-Perspektive?
    Hat das Spiel eine Lenkradunterstützung?

  • BSnake

    Club Nintendo Mitglied

    Klingt ja erst mal gut - aber "Bäume oder Büsche ploppen aber oft plötzlich auf" - müsste man sich mal auf Videos anschauen. Gerade bei Rallyspielen - wo man voll konzentriert ist - irritiert mich sowas immer extrem.

  • Rixas

    Turmfürst

    Hat das Spiel eine Lenkradunterstützung?

    Also für eine Lenkrad Unterstützung müsste es doch überhaupt erst Lenkräder für die Switch geben.


    Cockpit-Ansicht gibt es, war zumindest kurz in dem Testvideo von SwitchUp zu sehen.

  • SvenIsHere

    Lord des Donners

    Endlich ein gutes Rally-Spiel für die Switch! Leider kein Dirt, aber solange es Spaß macht ist alles gut.

  • Rixas

    Turmfürst

    @Wunderheiler
    Okay war mir nicht bekannt und habe mir mal grad Gameplay Videos angesehen und das ist wirklich kein Lenkrad für Simulations Rennspiele.
    Einfach hier mal auf die massive Lenkverzögerung und fehlendes Force Feedback bei Grid achten.
    https://www.youtube.com/watch?v=ruNz18nC7EI
    Da kann man auch gleich mit diesen JoyCon Lenkrädern fahren.

  • Johannes Bausch

    Redakteur

    @Ande Danke dir, freut mich :)


    @Wunderheiler Cockpit Ansicht gibt es :) bezüglich deiner zweiten Frage, spontan wäre mir keine Lenkrad-Unterstützung für die Nintendo Switch bekannt. Auf den anderen System (PS4, Xbox One sowie PC) wird es aber unterstützt.
    Damit ich aber wirklich nichts falsches sage bezüglich der Nintendo Switch, habe ich sicherheitshalber den Support von WRC 8 angeschrieben. Sobald ich eine Antwort erhalte, melde ich mich nochmals ^^


    @BSnake Keine Sorge, die aufploppenden Gegenstände beziehen sich nur auf den Hintergrund. Auf der Strecke selbst ist mir nie plötzlich ein Hindernis aufgetaucht, das in einem Crash endete.

  • Fabinho84

    Turmbaron

    Scheint ein gutes Spiel zu sein aber laut Metacritic von verschiedenen Magazinen für die schlechte Switch Steuerung abgestraft worden zu sein und hat deswegen nur ein 62er Score.Wäre demnach eher für andere Systeme dann zu empfehlen .(ich bleibe bei Dirt)

  • Johannes Bausch

    Redakteur

    @Wunderheiler Also habe bislang leider noch keine Info erhalten bzgl. eines Lenkrads zum Anschließen :(
    Auf der offiziellen Technik-Supportseite sind in der Rubrik der anwendbaren Lenkräder auch nur die Systeme Xbox One, PS 4 sowie PC aufgelistet. Ich gehe deshalb davon aus, dass zumindest Stand jetzt, keine Lenkradunterstützung für die Nintendo Switch angeboten wird.