Wenn gute Ideen allein auch nichts bringen.

Als ich den Eintrag zu Seek Hearts im Nintendo eShop gesehen habe, kam in mir das wohlig-alte Gefühl vergangener Tage auf, als man noch vor dem Super Nintendo gesessen und Rollenspiele wie Terranigma, Illusion of Times, Secret of Mana oder Zelda gespielt hat. Entsprechend war ich gespannt, ob der Titel nicht nur nostalgische Gefühle wecken, sondern auch überzeugen kann.


Die einzelnen Charaktere fallen leider allesamt recht stereotypisch aus. © KEMCO

Die Prämisse von Seek Hearts, das in einem mittelalterlichen Fantasy-Steampunk-Szenario angesiedelt ist, ist schnell erklärt. Ihr verkörpert Izen, der in einem kleinen Dorf lebt und dessen Beschützer ist. Das Besondere an ihm ist, dass er ein Mechanoid ist, ein künstlich erschaffener Android. Diese ähneln den Menschen zwar, unterscheiden sich jedoch in den meisten Fällen in ihrer Sprache und ihrem Verhalten von ihren menschlichen Mitbewohnern. Izen allerdings benimmt sich völlig wie ein Mensch und beherrscht auch deren Sprache ohne Probleme, sodass man ihn glatt für einen von ihnen halten könnte, wären da nicht seine mechanischen Arme. Getrieben von der Frage, was ihn so besonders macht, zieht er zusammen mit seiner besten Freundin Clara hinaus in die Welt, um eben diesem Mysterium nachzukommen. Natürlich mündet die Suche nach Antworten wieder in einem viel größeren Plot, der sich mit der Zeit offenbart.


Im Laufe seiner Reise trifft Izen auf diverse Weggefährten, die sich ihm erstaunlich schnell anschließen. Da wäre zum Beispiel Lucca, eine Forscherin, welche die Form eines Monsters angenommen hat, um eben diese zu erforschen, oder Gantz, ein raubeiniger Söldner. Und hier kommt bereits der erste Punkt, der mich an Seek Hearts gestört hat: die Charaktere. Sowohl Izen als auch seine Gefährten kommen allesamt sehr flach und stereotypisch rüber. Izen ist der Mechanoid, der nicht in der Lage ist, Gefühle zu entwickeln, und wirkt daher kalt. Clara ist aus bestimmten Gründen unglaublich stark, will das aber nicht wahrhaben und benimmt sich wie ein kleines, schwaches Mädchen. Lucca ist geldgierig und weiß als Forscherin immer alles besser und Gantz ist der erfahrene Söldner, der in jeder Situation etwas zu sagen hat, gleichzeitig aber kratzbürstig daherkommt. Die Stereotypen an sich würden mich gar nicht so sehr stören, doch Seek Hearts drückt euch diese Macken mit aller Gewalt ins Gesicht und versucht immer wieder, lustige Situationen übers Knie zu brechen – was so gut wie niemals funktioniert. Davon abgesehen gibt es wenig zu den übrigen Bewohnern der Spielewelt zu sagen, denn diese sind so charakterlos und langweilig, sodass sie euch letztendlich nur als Stichwortgeber dienen oder Zwischensequenzen starten.


Das Kampfsystem bleibt eher klassisch, bis auf die Lootboxen, gegen die ihr kämpfen könnt. Ja, richtig gehört – Lootboxen. © KEMCO

Kann Seek Hearts denn wenigstens mit seinen Spielmechaniken überzeugen? Ja und nein, denn der Titel hat einige sehr interessante Ideen in petto, die jedoch nicht so stark zum Tragen kommen, wie sie sollten (worauf ich allerdings erst später eingehen möchte). Einen Hauptteil des Spiels machen die klassischen rundenbasierten Kämpfe gegen diverse Monster oder humanoide Gegner aus. Dabei könnt ihr, ganz wie man es aus Spielen wie Final Fantasy und Co. kennt, aus diversen Optionen wählen, wie z. B. einem normalen Angriff, der Nutzung von Magie oder bestimmter Fähigkeiten, mit denen ihr euren Widersachern zusetzt. Ihr erhaltet zusätzlich die Möglichkeit, eure Kampfwerte für eine bestimmte Dauer zu erhöhen und einige stärkere Varianten eurer Fertigkeiten auszuführen. Ansonsten orientiert sich das Kampfsystem an allen klassischen Elementen, die man in einem JRPG erwartet. Der Schwierigkeitsgrad der meisten Kämpfe fällt relativ gering aus; es dürfte euch eigentlich keine Probleme bereiten, siegreich aus den vielen Begegnungen hervorzugehen. Wem das Gekämpfe ganz zu dröge ist, kann sogar eine Auto-Kampf-Funktion aktivieren, die euch, je nach eurem Level und eurer Ausrüstung, ohne weitere Schwierigkeiten durch die meisten Kämpfe bringt.


Eine starke Ausnahme bilden die Bosskämpfe, die euch Widersacher entgegenschleudern, die deutlich mehr Treffer einstecken können und gleichzeitig ziemlich viel Schaden austeilen. Das führte in meinem Fall dazu, dass ich mich bis zum ersten Endboss problemlos durch Gegnerhorden geschnetzelt habe, nur um dann mit wehenden Fahnen unterzugehen. Dachte ich mir anfangs noch „Puh, da musst du nun wohl oder übel noch etwas trainieren“, stutzte ich dann, als ich eine kleine Option im Game Over-Schirm aufblinken sah: „Belebe deine gesamte Party für 120 Quarze wieder“ – und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.


Quarze, das war eine Währung, die meine Charaktere im Laufe des Spiels während der Kämpfe oder für das Absolvieren diverser, meist wirklich einfallsloser Quests sammeln konnte. Der Sinn und Zweck wollte sich mir erst nicht erschließen, doch dann war plötzlich alles klar, und spätestens hier kann Seek Hearts auch nicht mehr seine Wurzeln verstecken, denn das Spiel wurde ursprünglich für Smartphones konzipiert. Denn die Quarze sind die Premiumwährung des Spiels, für die ihr in der Nintendo Switch-Version keinerlei Geld oder dergleichen ausgeben müsst – und ironischerweise ist dies das größte Problem des Spiels. Denn durch diesen Umstand werdet ihr im Laufe der Handlung förmlich mit Quarzen überschüttet und könnt diese nicht nur dafür verwenden, jeden verlorenen Kampf sofort und voll geheilt wieder aufzunehmen. Nein, das Spiel gibt euch an mehreren Stellen auch die Möglichkeit, für 100 Stück der Edelkristalle gegen widerstandslose Container zu kämpfen, die mächtige Gegenstände fallen lassen und euch einen ordentlichen Erfahrungspunkteschub geben. Um es kurz zu machen: Ihr kämpft wortwörtlich gegen Lootboxen, die euch in Nullkommanichts um mehrere Stufen aufleveln können.


Grafische Details wie dieser Baumstumpf zählen noch zu den gestalterischen Highlights des Welten-Designs. © KEMCO

Dieser Umstand führt die gesamten restlichen Spielmechaniken, die eigentlich viel Potenzial innehaben, ad absurdum. Denn ihr könntet eigentlich Izens Attribute individuell aufwerten, indem ihr alte Waffen recycelt, und euch so in euren Wunschattributen spezialisieren. Doch wozu das Ganze, wenn ihr euch durch den Währungsüberfluss auch problemlos so hochleveln könnt, dass euch eure Gegner quasi nichts mehr anhaben können? Zudem könnt ihr in einem Minispiel durch Süßigkeiten Feen anlocken und diese durch häufiges Kitzeln (okay, ja, klingt blöd) dazu bringen, euch teils nützliche Items zu schenken. Doch auch hier ergibt sich nicht die Notwendigkeit, denn die Lootboxen beinhalten deutlich mächtigere Items. Natürlich ist die Nutzung dieser Funktion rein optional, doch in Verbindung mit der eher mauen Story und dem drögen Kampfsystem habe ich mich nach einer Weile dabei ertappt, wie ich meine Helden wenigstens ein paar Stufen hochgelevelt habe, um ein bisschen schneller voranzukommen. Diese Überbleibsel aus der Android-Version machen meiner Meinung nach die komplette Spielbalance zunichte und hinterlassen zudem einen faden Beigeschmack.


Grafisch merkt man Seek Hearts ebenfalls an, dass es auch auf einem Smartphone zu laufen hat. Während die gezeichneten Charakterportraits noch ganz nett anzusehen sind, fällt die restliche Grafik zweckdienlich aus und wirkt eher wie aus einem Baukasten wie dem RPG-Maker. Dazu kommt die Tatsache, dass die gesamten Landschaften dermaßen lieblos gestaltet wurden, dass man nicht das Gefühl loswird, die einzelnen Dörfer, Häuser oder Verliese wären nur Mittel zum Zweck. Einzig die Kampfanimationen werden flüssig dargestellt und können dadurch ein bisschen überzeugen. Die musikalische Untermalung reiht sich komplett in die lieblose Gestaltung ein, denn mehr als ein seelenloses Gedudel kommt nicht dabei rum. Das haben schon die alten SNES-Klassiker früher deutlich besser gemacht. Zudem solltet ihr einigermaßen gute Englischkenntnisse mitbringen, denn eine Übersetzung ins Deutsche ist nicht vorhanden.

Unser Fazit

3

Eher nicht überzeugend

Meinung von Florian McHugh

Ich wollte Seek Hearts wirklich eine Chance geben. Denn auf den Screenshots im Nintendo eShop wirkte der Titel tatsächlich wie eine charmante Reise in die Vergangenheit, als SNES-Titel noch nicht per App gestartet wurden und man wie blöde den Staub aus dem Spiele-Slot des SNES gepustet hat. Doch leider entpuppte sich diese Hoffnung angesichts einer wenig ereignisreichen Handlung, dröger, stereotypischer Charaktere, einer lieblosen Gestaltung und einem Premium-System, das noch aus der Smartphone-Vorlage zu stammen scheint, als ein Trugschluss. Daran können auch das im Großen und Ganzen schön umgesetzte und klassische Kampfsystem und ein paar originelle Spielkonzepte nichts ändern. Wer also gerne mal wieder ein klassisches Rollenspiel aus alten Tagen spielen möchte, dem lege ich die Super Nintendo Entertainment System-App oder die Mana Collection ans Herz. Denn selbst als knallharter Rollenspielfan der alten Tage konnte ich Seek Hearts wenig abgewinnen – schade, denn das Potenzial war durchaus vorhanden.

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