Die Sehnsucht nach anderen Welten

Viele Indie-Projekte schöpfen ihre Inspirationen aus vergangenen Klassikern und locken dadurch mit einem entstehenden Nebeneffekt: Nostalgie. Es ist nicht zu widerlegen, dass neue Spiele, die gleichermaßen rosige Erinnerungen an sorglose Tage mit sich tragen, oftmals sympathischer erscheinen, während offensichtliche Schwächen gewollt oder unbewusst ignoriert werden. Oberflächlich gesagt ist 198X ein nostalgischer Trip in die Arcade-Ära gepaart mit einer atmosphärischen Pixel-Optik. Doch wirft man einen genaueren Blick auf das Debüt der schwedischen Entwickler, zeigt sich eine dichte Stimmung, die womöglich gänzlich andere Gefühle aufleben lässt.


Visuell kann sich das Spiel definitiv sehen lassen. © 8-4

198X erzählt die Geschichte eines namenlosen Jugendlichen, der in Arcade-Spielen seine Zuflucht in interessantere Welten sieht. Das Spiel besteht aus mehreren Minispielen, zwischen denen ihr immer wieder in die Gedankenwelt des jungen Erwachsenen taucht und ein wenig über seine Persönlichkeit erfahrt. Extrem detailreiche Pixelkunstwerke stellen hierbei die Szenenabschnitte dar, die dank ihres auffälligen 80er-Stils so stark überzeugen können, sodass Genrekollegen künftig ihren Qualitätsstandard werden anheben müssen. Obwohl die Geschichte an sich für meinen Geschmack etwas zu dick aufgetragen ist und manchmal versucht tiefgründiger zu sein als sie ist, ist es immer die Optik gewesen, welche die langen Ausschweifungen wenigstens sehenswert gestaltet haben. Zudem kann die Grafik auch während der Minispielen überzeugen. Nicht jedes kleine Eigenerlebnis ist gleichermaßen hübsch anzusehen, allerdings wurden die Arcade-Spiele selbstverständlich an heutige Maßstäbe angepasst und besitzen das richtige Quäntchen Ästhetik, um nicht wie ein veraltetes Fossil zu wirken.


So ändern sich in „The Racing Game“ die Höhenebenen der Strecke immer wieder, Gebäude sind bereits von Weiten zu sehen oder wenige Lichtschimmer lassen das Ende eines Tunnels erahnen. All diese Mechaniken wären mit früheren Arcade-Automaten so niemals möglich gewesen und beweisen letztendlich, dass es nie die Absicht der Entwickler war, mit reiner, müheloser Nostalgie zu trumpfen. Jedes Minispiel weist sein eigenes Gameplay auf – um genauer zu sein, ein eigenständiges Genre. „The Shoot ‘em up“ ist ein klassischer Shooter aus der Seitenperspektive, der euch zahlreiche Gegner auf den Hals hetzt. Im Auto-Runner „The Ninja Game“ schlagt ihr euch als pfeilschneller Ninja durch automatisch ablaufende Level und reagiert auf plötzlich auftauchende Feinde oder Hindernisse.


Jedes Minispiel ist eigenständig und unterscheidet sich von den anderen. © 8-4

Was all diese Minispiele gemeinsam haben, ist ihre simple Natur. Meistens dauert es keine zehn Sekunden, bis die selbsterklärende Steuerung verinnerlicht wurde und umgesetzt werden kann. Dafür beginnt jedes Spiel immer mit einer kurzen Eröffnung, wo weder Gegner noch sonstige Hürden bewältigt werden müssen. Trotzdem lassen sich sämtliche Aktionskommandos jederzeit im Menü nachschlagen. Es kann unheimlich frustrierend sein, wenn Minispiele, die allein durch ihren Namen suggerieren, dass die Spieldauer nicht lange ausfallen wird, durch Tutorials erklärt werden und diese fast schon einen Großteil der eigentlichen Spielzeit ausmachen. 198X verzichtet erfreulicherweise auf diese Art von Gamedesign und bietet einen ununterbrochenen Spielfluss, ohne dass jemals ein Menü eingeblendet werden muss. Der Soundtrack wurde ebenso kompetent umgesetzt. Es werden euch zwar keine Ohrwürmer lange im Gedächtnis bleiben, dennoch weiß die Musik stets, wie man jedem Minispiel den richtigen Ton verpasst.


Ein Fettnäpfchen, das mit einer Ansammlung unähnlicher Gameplay-Szenarien oftmals einhergeht, ist die oberflächliche Umsetzung. Auch wenn es auf dem Papier nach Abwechslung klingt, besitzt kein Arcade-Erlebnis die Tiefe, die für eine zufriedenstellenden Erfahrung sorgt. Durch die extrem kurze Gesamtspielzeit von ungefähr 90 Minuten, lässt es sich einfach ausrechnen, wie lange man mit einem von fünf Spielen verbringt und wieso deswegen kein komplexes Gameplay erwartet werden sollte. Hier hätte es sich angeboten, weitere Level nach dem Abschließen des Abenteuers anzubieten, da die einzelnen Minispiele an sich eigentlich interessante Ansätze zeigen. „The RPG“ setzt euch beispielsweise in ein virtuelles Labyrinth und möchte, dass eine bestimmte Anzahl von Drachen erlegt werden. Auf einer kleinen Karte werden Gegner mit roten Punkten markiert, jedoch lässt sich niemals genau sagen, um was für einen Feind es sich handelt. Es wäre nicht schwer gewesen, den Irrgarten mit neuen Zielvoraussetzungen und leicht veränderten Gängen mehr Würze zu verpassen, um somit die Langzeitmotivation etwas zu steigern.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Kevin Becker

Für viele Spieler wird 198X eine oberflächliche Minispielsammlung ohne tiefes Gameplay sein. Jeder Arcade-Klassiker erklärt sich von selbst, dauert keine 20 Minuten und dient lediglich als Brücke für die wunderschönen Sequenzen, die eine Geschichte über das Erwachsenwerden erzählen. Auf der anderen Seite haben wir junge Eltern, die womöglich selbst in den 80ern aufwuchsen und sich mit dem atmosphärischen Ton identifizieren können. Dass die Spieldauer dabei noch nicht einmal einen ganzen Nachmittag umfasst, macht es zu einer angenehmen Erfahrung für Menschen mit wenig Zeit. Ich selbst bin zu jung, als dass das Setting Nostalgie in mir weckt, allerdings schafft es das Spiel durchgehend, eine glaubhafte Immersion aufzubauen. Und wer möchte nicht noch einmal wenigstens ganz kurz in eine simplere Welt, ganz ohne großen Sorgen eintauchen.
Mein persönliches Highlight: Die Optik des Spiels

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 11

  • Taneriiim

    Assistent des Regionalmanagers

    Schade, der Trailer hatte mich sehr stark angesprochen. Aber nur 5 von 10. Irgendwann im Sale dann vielleicht mal gucken.

  • Phantomilars

    Weltraummönch

    Die 1980er waren vieles, aber ganz gewiss keine „simplere Welt, ganz ohne große Sorgen“.

  • arminius73

    Turmbaron

    Vielleicht solltet ihr die Leute testen lassen, die wirklich eine Affinität zu den Spielen haben. Man kann das Spiel objektiv kritisieren, keine Frage. Aber eine 5 im Vergleich zu euren sonstigen (Durchschnitts-)Noten ist schon geradezu vernichtend. Sorry, aber das hat das Spiel wohl nicht verdient.



    @Phantomilars RAF, Aufrüstung, kalter Krieg und Tschernobyl - was ist daran bitte nicht Sorgenfrei? :ugly: Die 90er waren da wohl eine deutlich lockere Dekade.

  • Taneriiim

    Assistent des Regionalmanagers

    @Phantomilars


    Die 80er haben aber etwas Gutes:


    Sie sind die Geburtsstunde von Videospielen ;)



  • Zarathustra

    Turmfürst

    @arminius73


    Ja,an die Panik meiner schwangeren Mutter im Zuge von Tschernobyl kann ich ich mich auch noch verdammt lebhaft erinnern,auch Probealarm für einen eventuellen Atomkrieg schießt mir schnell in den Kopf wenn ich an meine Kindheit denke.


    Ich schließe mich den Vorrednern an,ein bisschen affin sollte ein Tester für ein Spiel sein.

  • 5cool3me

    Untap, Upkeep, Draw.

    Ich glaube dem Tester ging es nicht um die simplen 80er sondern um die simple Zeit des Erwachsenwerdens mit fragen alla Liebt sie mich ? Oder wann wird endlich dope legalisiert ? und nicht mit den erwachsenen Fragen alla Wie bezahl ich mein Haus ab ? und wann wird endlich dope legalisiert ?


    Im sale werde ich mir das Spiel mal gönnen, sieht ganz gut aus.

  • Phantomilars

    Weltraummönch

    @5cool3me
    Das sind allerdings zeitlose Fragen der Adoleszenz, dafür brauche ich keine bestimmte Ära als Setting auszuwählen. Ich habe einen Großteil meiner Kindheit in den 80ern erlebt und bin mir sicher, eine gewisse „No Future“-Weltwahrnehmung quasi mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.

  • Zyraxx

    Turmbaron

    Das Spiel braucht 2 Wertungen. Die etwas Jüngeren geben 5, wenn nicht noch weniger. Die etwas Älteren 9, wenn nicht noch mehr.

  • Caramarc

    Turmbaron

    Ich glaube Kevin Becker hat das genau richtig erkannt - er ist zu jung und wahrscheinlich auch nicht die Zielgruppe für dieses Spiel. Ich schau mir den Trailer an und bin sofort wieder 13 Jahre alt (oder so) - werde ich mir ganz sicher bei Gelegenheit holen. Denke wer diese Zeit erlebt hat kann bestimmt 2 Punkte zur Wertung dazu addieren.

  • Rob64online

    Turmheld

    Der Trailer war der Hammer. Mit so einer vernichtenden Wertung habe ich nicht gerechnet. Ich bin verunsichert.

  • SvenIsHere

    Lord des Donners

    Also. Ich habe das Spiel jetzt selbst durch. Deshalb kann ich behaupten das die Wertung 5/10 zu schlecht bewertet ist. Die Grafik ist wunderschön, vor allem wenn man auf 16bit Retro Grafik steht. Die Musik ist grandios. Spielerisch bekommt man quasi fünf Retro Genres die in eine starke Story eingebunden sind. Es ist im Prinzip eine kleine Retrospiele Sammlung. Jedes einzelne ist wirklich gut gelungen und insgesamt ist es sehr abwechslungsreich. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden ob ihm das alles 10€ wert ist und natürlich ist es nicht für jemanden geeignet, der nicht auf den Charme der 16Bit Generation steht. Aber insgesamt und ohne bedacht nur 5/10 zu geben, also nicht objektiv zu bewerten sondern nach eigenen Geschmack, ist in meinen Augen nicht professionell für ein Online-Magazin, dass Tests schreiben lässt. Ich persönlich würde dem Spiel eine 8/10 geben. Allgemein aber 7/10.