Mit offenen Ohren durch die Welt

EQQO handelt von einem blinden Jungen, der sich in einer fremden Welt ohne Augenlicht zurechtfinden muss, um den Weg zu seiner Mutter zu entdecken. Damit ihr Sohn dabei nicht vom Pfad abkommt, leitet sie ihn in Form einer Erzählerin und gibt euch Tipps zum Spielgeschehen. Das Besondere hierbei ist, dass der Junge weder spricht, noch sonstige Geräusche von sich gibt und bis zum Ende des Spiels völlig stumm bleibt. Am überzeugendsten wirkt die Erzählerin, wenn die Mutter während einer objektiven Beschreibung über die Umstände des Geschehens plötzlich emotional wird und sich mehr um das Wohl ihres Kindes sorgt, als euch mit Informationen zu versorgen. Die unerwarteten Gefühlsausbrüche machen sie glaubhaft und erinnern den Spieler stets daran, welche Verbindung sie eigentlich zum Protagonisten pflegt.


Der Junge folgt stets euren Anweisungen. © Nakana.io

Von der Handlung sollte kein allzu tiefgründiges Konstrukt erwartet werden. Optionale Items und die Umgebung erzählen hauptsächlich die Hintergrundgeschichte des Spiels und versorgen euch mit Wissen, das zum allgemeinen Verständnis der Geschichte nicht unbedingt nötig ist, die Narrative aber sehr viel stimmiger macht. So zeigen Wandmalereien Aktionen, die weit in der Vergangenheit liegen und euch im Idealfall deuten lassen, was geschehen ist. Im Idealfall deswegen, weil es sich die Mutter leider manchmal nicht nehmen lässt, jedes sehenswerte Detail zu erklären, anstatt es für sich selbst sprechen zu lassen. Nicht nur würde man somit in den gleichen Schuhen des Jungen stecken, der die mysteriöse Umgebung auf sich wirken lassen muss, wodurch man besser mit ihm sympathisiert – die versteckten Geheimnisse hätten gleichermaßen einen viel stärken Effekt. Bilder sprechen oftmals mehr als Worte – genau dies beweisen die optionalen Bildrollen, die auf Texte verzichten und ausschließlich kleine Illustrationen zeigen.


Doch wie spielt sich das ungewöhnliche Gameplay? Auch wenn der Junge den Fokus des Abenteuers darstellt, übernimmt ihr stattdessen die Rolle der Mutter und überwacht infolgedessen das komplette Spielgeschehen wie eine Überwachungskamera. Aus unterschiedlichen Perspektiven, die sich jederzeit wechseln lassen, könnt ihr mit einer imaginären Hand oder per Touchscreen Einfluss auf Gegenstände nehmen, indem ihr beispielsweise Kisten verschiebt, an Hebeln zieht oder mit Gegenständen werft. Das Ziel ist es allerdings immer den Jungen an einen bestimmten Platz zu führen. Hierfür markiert ihr immer wieder eine Stelle auf dem Boden, der der Sohn augenblicklich und eigenständig folgt. Hindernisse umgeht er dabei automatisch und wählt stets den kürzesten Weg. Glücklicherweise funktioniert die KI des Kindes bis auf wenige, nicht wirklich nennenswerte Ausnahmen tadellos und wirkt niemals träge oder auslaugend.


Gerade das letzte Drittel des Spiels beeindruckt mit durchdachten Aufgabenstellungen.


Wer jetzt denkt, dass sich das Gameplay eventuell als VR-Erfahrung eignet, liegt nicht ganz falsch. Seinen Ursprung hat EQQO unter anderem in der Welt der Virtual Reality, was bei genauerer Beobachtung auffällt. Die Kameraführung und allgemeine Steuerung ist auf keinen Fall für einen herkömmlichen Controller konzipiert und mag zwar dennoch einfühlsam sein, kann allerdings hin und wieder gewöhnungsbedürftig werden. Gerade in Räumen mit mehreren Perspektiven und einigen Fallen zeigt sich schnell, dass die Lenkung der Kamera fast schon mühselig werden kann, wenn flotte Manöver und Befehle erforderlich werden. Ungeachtet dessen fällt das Spiel mit seiner Portierung trotzdem allgemein positiv auf, gerade weil so viele ähnliche Erfahrungen, die niemals für normale Spielekonsolen entwickelt wurden, auf charmelose Nintendo Switch-Umsetzungen ohne Fleiß setzen.


Im späteren Levelverlauf nimmt das Leveldesign an Komplexität zu. © Nakana.io

Atmosphärisch erinnert EQQO durch seine leblosen Landschaften und bedrückenden Hallen auffällig an The Last Guardian oder ICO. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man sich ein wenig an diesen Titeln orientiert hat und versuchte den ihren Geist einzufangen. Insgesamt muss jedoch unterschieden werden, wenn man etwas imitieren oder einfach daran erinnern möchte. Sowohl in The Last Guardian als auch ICO arbeitet ihr immer mit einem weiteren Charakter zusammen, um im Spiel voranzukommen, was nur bedingt auf EQQO zutrifft. Es ist vielmehr das allgemeine Artdesign und die Aufmachung, die die Seele der Vorbilder einfängt. Passend hierzu erklingt nur dann ein Soundtrack, wenn etwas Ereignisreiches bevorsteht oder ein Monster die Route blockiert. Ansonsten setzen die Entwickler ausnahmslos auf natürliche Töne und Klänge, die als Soundkulisse die Idee einer einsamen Reise einfangen.


Mit nur fünf Kapiteln und einer allgemeinen Spielzeit von etwa sechs Stunden fällt die Reise ins Ungewisse etwas kurz aus. Ich bin kein Mensch, der den Wert eines Spiels an seiner Länge misst, allerdings kann die kurze Dauer negativ auffallen, wenn das Tempo des Geschehens zu lange braucht, um zufriedenstellende Szenarien hervorzubringen. Während die zweite Hälfte von EQQO interessante Ideen vorstellt, gaht das Spiel zu Beginn davon aus, dass der Spieler zu blöd für komplexe Rätsel ist. Die ersten zwei Kapitel bestehen fast durchgängig aus simplen Räumen, die nur oberflächliche Herausforderungen bereithalten und keine komplizierten Zusammenstellungen von Gameplay-Elementen zeigen. Was für das erste Kapitel noch einigermaßen Sinn ergibt, hat mindestens ab dem zweiten keinen Grund mehr, so wenig von euch zu verlangen. Und für ein Spiel, das viel auf Deutungen und Geheimnissen setzt, wirkt es fast schon paradox, spielerisch teilweise so primitiv zu sein.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Kevin Becker

EQQO bietet als atmosphärische Reise ins Unbekannte genügend Aspekte, um für ein vorzeigbares, entspanntes Erlebnis zu sorgen. Die Grafik besticht durch ihre Einfachheit und bewusst ausdruckslosen Farben, die Steuerung ist außergewöhnlich und erlaubt clevere Rätsel und die allgemeine Stimmung erinnert an Spiele wie ICO oder The Last Guardian. Müsste ich aber das größte Problem auf den Punkt bringen, wäre es das Tempo des Spiels. Erst ab der zweiten Hälfte des sehr kurzen Abenteuers fangen die Aufgaben an relativ anspruchsvoll zu werden, was in Anbetracht der kurzen Spieldauer nicht genug ist, um das Gameplay wirklich überzeugend rüberzubringen. So verbringt ihr einen guten Teil von EQQO mit simplen Rätseln, die zwar von einer überzeugenden Mutter-Sohn-Beziehung unterstützt werden, das Potenzial der eigentlich kreativen Grundideen aber viel zu spät offenlegen. Wer daran jedoch nicht interessiert ist, kann sich auf ein gemütliches Erlebnis mit schönen Untertönen freuen.
Mein persönliches Highlight: Die emotionalen Ausbrüche der Mutter

Die durchschnittliche Leserwertung

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