Tierische Gerichtssaal-Action

Aviary Attorney ist das erste Spiel des kleinen britischen Indie-Studios Sketchy Logic und ein stark von Ace Attorney inspiriertes Story-Adventure, bei dem ihr als Falke JayJay Falcon Klienten vor Gericht freisprechen müsst. Das Besondere an Aviary Attorney: Alle Charaktere im Spiel sind Tiere – die meisten davon Vögel. Unterstützt wird Anwalt Falcon von einem humorvollen, jungen Assistent namens Sparrowson, der zur Amselfamilie gehört. Das damals noch nicht ganz vollständige Kickstarter-Spiel war bereits Ende 2015 für Steam erschienen und hat nun 2020 als Definitive Edition auch den Sprung auf die Nintendo Switch geschafft.


Anwalt JayJay Falcon und sein Assistent Sparrowson. © Vertical Reach


Aviary Attorney spielt in der realen Welt, im Paris des 19. Jahrhundert: Ihr werdet zahlreiche bekannte Orte wie die Seine, die Halbinsel Île de la Cité, die Notre-Dame oder den Louvre besuchen können, um mit Zeugen zu sprechen oder Hinweise zu sammeln, die ihr anschließend während der Gerichtsphase vor dem Richter nutzen könnt. Das Spiel beginnt mit einer Zwischensequenz, die den toten Frosch Monsieur Grenwee zeigt, der, auf einer Treppe liegend, brutal am Bauch aufgeschlitzt wurde. Die Hauptverdächtige ist die zierliche Katze Mademoiselle Caterline Demaiou, die mit blutverschmierten Pfoten in der Nähe des Tatorts entdeckt wurde. Ihr dürftet bereits jetzt einige Parallelen zur Ace Attorney-Reihe erkannt haben: Die Ähnlichkeiten beginnen beim ähnlich klingenden Titel des Spiels und ziehen sich wie ein Faden durch das gesamte Abenteuer – seien es die Investigations-Phasen, die Gerichtsphasen mit den Kreuzverhören, die extra komischen Namen der Charaktere oder die zahlreichen Wortspiele – Ace Attorney-Fans werden sich sofort heimisch fühlen. Aviary Attorney macht überhaupt keinen Hehl aus der Inspirationsquelle, die für den Titel herhalten durfte: Selbst der aus der Ace Attorney bekannte Leiter/Trittleiter-Running Gag ist im Spiel zu finden. Zudem sind die große Parallelen zwischen dem Ace Attorney-Staatsanwalt Miles Edgeworth und dem Aviary Attorney-Staatsanwalt und Gockelhahn Severin Cocorico kaum zu übersehen. Wer jedoch dachte, dass Aviary Attorney eine simple Kopie ist, der täuscht sich, denn das tierische Anwaltsabenteuer bietet durchaus einige Alleinstellungsmerkmale, die das Spiel zu weit mehr als nur einer reinen Ace Attorney-Hommage machen.


Eure Entscheidungen beeinflussen die weitere Geschichte


In der tierischen Welt von Aviary Attorney solltet ihr euch keine Fehler erlauben: Kommt ihr beispielsweise unvorbereitet in die Gerichtsphase, so werdet ihr es um einiges schwieriger haben, eure Argumente gut vorzubringen. Die Schilderungen der Zeugen müsst ihr im Kreuzverhör genau unter die Lupe nehmen und relevante Aussagen genauestens hinterfragen, um der Wahrheit näherzukommen.


Beim Kreuzverhör müsst ihr die richtigen Aussagen genau unter die Lupe nehmen und mit den richtigen Beweisen kontern. © Vertical Reach

Das Zeigen von falschen Beweisen oder das Nachhaken bei irrelevanten Aussagen kann dazu führen, dass ihr die Gunst der Jury oder des Richters verliert – im schlimmsten Fall kann dies zu einem Schuldspruch eures Klienten führen. Ihr werdet im Spiel stellenweise Beweise finden, die für die Gerichtsphase völlig irrelevant sind und zum Teil nur erweiterte Hintergrundinformationen darstellen. Ein Game Over könnt ihr in diesem Spiel nicht bekommen, habt ihr versagt, so geht das Spiel weiter und Charaktere erinnern sich beispielsweise auch im darauffolgenden Fall an euer Versagen. Auch gibt es keinerlei Lebensanzeige und keine speziellen Hilfsmittel, die euch darauf hinweisen, ob ihr in der Investigationsphase richtig vorgegangen seid. Eure Entscheidungen beeinflussen die Geschichte und während der ersten beiden Fällen liegt es rein an euch, ob ihr den jeweiligen Fall auflösen könnt oder bezüglich des Tathergangs im Dunklen tappt. Dies mag zwar für manche abschreckend wirken, doch dieses Spielprinzip erzeugt ein einzigartiges Spielgefühl, das es so nicht in vielen anderen Videospielen gibt: Entscheidungen haben (nicht immer, aber manchmal) Konsequenzen und diese werdet ihr auch zu spüren bekommen. Alles fühlt sich realistisch und unvorhersehbar an, sodass die Spannung stets aufrechtgehalten wird und ihr euch stets Gedanken über eure Vorgehensweise machen werdet. Dass ihr einerseits das Gefühl von Entscheidungsfreiheit habt und andererseits trotzdem die Geschichte bei jeder Entscheidung logisch fortgeführt wird, macht Aviary Attorney zu einem ganz besonderen Erlebnis.


Das Abenteuer beginnt am 1. Januar 1848 und ihr werdet jeden einzelnen Tag bis spät in den Februar miterleben: Das Besuchen von geschichtsrelevanten Orten kostet euch jeweils einen Tag und ihr könnt eure nächsten Ziele auf einer übersichtlichen und originalgetreuen alten Stadtkarte von Paris auswählen. Im Laufe des Spiels werdet ihr teilweise vor die schwere Entscheidung gestellt, welche Orte ihr besuchen wollt und als wichtig empfindet, denn ihr habt nicht unbegrenzt viele Tage für eure Ermittlungsarbeit Zeit. Dass die Tage beim Besuchen eines Ortes selten über fünf Minuten lang dauern, teilweise euch gar nur eine Minute beschäftigen, ist etwas schade. An den relevanten Orten im Spiel werdet ihr meist auf einen oder zwei Charaktere treffen, denen ihr neue Informationen entlocken könnt oder ihr habt die Möglichkeit, die Umgebung auf versteckte Beweise abzusuchen.


Auf der historischen Stadtkarte von Paris könnt ihr euch stets aussuchen, welchen Ort ihr als Nächstes besuchen wollt. © Vertical Reach

Ihr solltet übrigens auch stets ein Auge auf euer Budget werfen: Für erfolgreiche Aufträge könnt ihr Geld verdienen, das nützlich ist, um euch Dinge zu kaufen oder Charakteren Geld zu geben, die eine Kompensation für diskrete Informationen verlangen. Ihr könnt sogar beim Kartenspielen euer Geld verzocken oder, mit etwas Glück, reich werden. Doch keine Sorge – selbst wenn ihr all euer Geld verzockt habt, werdet ihr immer irgendeinen Weg finden, euch durch das Leben zu schlagen.


Insgesamt besteht Aviary Attorney nur aus drei Fällen, jedoch gibt es im letzten Fall drei große Wegstränge, in welche die Geschichte verlaufen kann. Es ist sehr empfehlenswert, nach eurem ersten Ending auch die anderen beiden Geschichtsstränge zu spielen – ihr könnt jederzeit zu einem früheren Zeitpunkt in der Geschichte zurückkehren und Dinge anders angehen, sodass sich letztendlich auch die Geschichte verändert. Auch eine Skip-Funktion ist verfügbar, um bereits gelesene Texte schneller vorspulen zu können. Verglichen mit Ace Attorney fallen sowohl die Investigationsphasen als auch die Gerichtsphasen viel simpler und viel kürzer aus, sodass ihr das Spiel innerhalb weniger Stunden komplett durchspielen könnt – Ace Attorney-Spiele bieten in der Hinsicht ungefähr vier Mal so viel Umfang und Spielzeit. Gespeichert wird nach jedem Tag automatisch und theoretisch könnt ihr auch manuell speichern, jedoch geht dies leider nicht während eines Tages und ist somit nicht notwendig. Beendet ihr das Spiel inmitten eines Tagesablaufs, so werdet ihr beim Fortsetzen des Spiels wieder an den Start des jeweiligen Tages zurückgesetzt und müsst die gesamte Passage nochmals angehen – dies kann insbesondere während der Gerichtsphasen etwas nervig werden, da eine Gerichtsphase mehr Zeit in Anspruch nimmt und meist innerhalb eines Tages stattfindet. Ein Bug, der dazu führte, dass ich bei einer Investigationsphase nichts anklicken konnte, wurde mittlerweile durch ein Update am 19.02.2020 von den Entwicklern behoben.


Über ein Dutzend berühmte Komponisten des 19. Jahrhunderts


Das Spiel ist in vielerlei Hinsicht gänzlich im Stile des 19. Jahrhunderts gehalten: Die Julirevolution 1830 wird genauso im Spiel thematisiert wie die zahlreichen Attentatsversuche auf den französischen König Louis-Philippe I., der im Spiel in Form eines Pinguins einen bedeutenden Auftritt hat. Für die Charaktere wurden echte Lithographien des französischen Künstlers J. J. Grandville zum Leben erweckt, der im 19. Jahrhundert zahlreiche Tierbilder angefertigt hatte. Die Grafik ist komplett in einem schwarz-weiß/gelblichen Ton gehalten und dürfte somit zwar nicht jedem gefallen, wurde jedoch in meinen Augen sehr passend gewählt. Auch bei der Musik haben die Entwickler nahezu gänzlich auf Altbekanntes zurückgegriffen und eine schöne Auswahl an Stücken aus der Romantik-Ära ausgewählt.


Die Notre-Dame in Flammen? Was die Entwickler von Aviary Attorney einst nur im Spiel geschehen ließen, wurde 2019 in der echten Welt bittere Realität. © Vertical Reach

Weit über 30 verschiedene, leicht animierten Charakteren könnt ihr in Aviary Attorney begegnen und auch wenn einige der Tiere wie das Stinktier Eric, der Elefant Lander oder der Esel Neighthan nur kleinere Nebenrollen spielen, haben die Entwickler einen guten Mix aus interessanten Persönlichkeiten erschaffen, die der Geschichte ihren eigenen Stempel aufdrücken, denn die Story des Spiels hat einen eigenen Charme und weiß durchaus zu fesseln. Sowohl zahlreiche humorvolle als auch ernste und sogar lebensbedrohliche Situationen werdet ihr im Laufe des Spiels erleben. Natürlich dürfen auch die ein oder anderen gelungenen Twists nicht fehlen – vielleicht sogar schon früher als ihr erwarten würdet. Ein bisschen ernüchternd ist lediglich die Tatsache, dass das Ende der Geschichte etwas zu kurz kommt und auch einige Vorfälle, die im Laufe des Spiels geschehen sind, später nicht mehr zufriedenstellend behandelt werden. Das Finale des Abenteuers hat mich weniger begeistern können als der Start der Geschichte, was doch etwas schade ist.


Die Musik in Aviary Attorney ist herausragend und ein Beweis dafür, dass für einen guten Indie-Entwickler nicht unbedingt aufwendige und kostspielige Neukreationen erforderlich sind, sondern alternativ auch auf hunderte Jahre alte Kompositionen zurückgegriffen werden kann: Fast alle Stücke aus dem Spiel wurden von zahlreichen Komponisten des 19. Jahrhunderts geschrieben, so sind beispielsweise Stücke von weltbekannten Namen wie Frédéric Chopin, Pyotr Ilyich Tchaikovsky, Claude Debussy, Hector Berlioz, Franz Liszt oder Georges Bizet im Spiel vertreten. Am meisten hat Camille Saint-Saëns, dessen 1886 komponierten Suite "Karneval der Tiere" natürlich perfekt zum Thema des Spiels passt, zum Soundtrack beigetragen. Das Highlight stellt für mich das Requiem von Gabriel Fauré dar, das in einem entscheidenden Moment der Geschichte ertönt und für Gänsehaut sorgt. Der einzige moderne Komponist des Spiels ist der 33-Jährige Lyndon Holland, der drei schöne Stücke sowie zwei kurze Jingles beigesteuert hat.


Anders als bei der originalen Steam-Version des Spiels könnt ihr in dieser Aviary Attorney: Definitive Edition den kompletten Soundtrack im Spiel über eine Juxebox anhören, direkt über das Menü eine Runde Blackjack bzw. "Jacques-Noir" spielen und euch eine Galerie mit zig Originalartworks von J. J. Grandville ansehen. Neu ist weiterhin eine optionale Textanzeige für Leute, die unter Dyslexie leiden, ein Achievement-System in Form von 15 Medaillen, die erworben werden können sowie ein hochpoliertes Charakterdesign. Etwas schade ist jedoch, dass es in der Definitive Edition weiterhin keinerlei Voice-Acting gibt, der Touchscreen der Nintendo Switch nicht genutzt werden kann, das Spiel ausschließlich in englischer Sprache spielbar ist und vorherige Texte nicht in einem Log nachgelesen werden können.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Felix Eder

Aviary Attorney hat mich größtenteils sehr positiv überraschen können: Das Spiel wirkt zwar zunächst wie eine tierische Ace Attorney-Parodie, kann jedoch mit jeder Menge frischer Ideen und Twists trumpfen: Das Gefühl, dass jede einzelne Entscheidung einen Einfluss auf die Geschichte haben kann und jeder Fehler Konsequenzen mit sich ziehen könnte, sorgt für ein einzigartiges Spielerlebnis mitsamt unterschiedlichen Spielverläufen. Die Musik bekannter Komponisten wie Camille Saint-Saëns, Georges Bizet oder Frédéric Chopin wird die Herzen von Klassik-Liebhabern höher schlagen lassen und auch die originalgetreu gehaltenen Charakter-Darstellungen von Künstler J. J. Grandville wurden perfekt in dieses Videospiel integriert. Leider sind die Gerichtsphasen bei Weitem nicht so komplex und herausfordernd wie bei Ace Attorney, zudem fallen die Investigationsphasen teilweise sehr kurz aus und das Ende der Geschichte ist nicht ganz zufriedenstellend. Nichtsdestotrotz hatte ich unheimlich viel Spaß mit Aviary Attorney und kann das Spiel vor allem Ace Attorney-Liebhabern sowie Genre-Fans und allen, die sich für französische Geschichte interessieren, sehr ans Herzen legen.
Mein persönliches Highlight: Das Gefühl, sich keine Fehler erlauben zu dürfen sowie der Nervenkitzel in dramatischen Situationen

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 0

  • Noch keine Kommentare verfasst :(