Wie verändert uns der Krieg?

Krieg ist ein Extremereignis. Wie sich Krieg auf die Schicksale von Einzelpersonen und Gruppen auswirkt, ist immer wieder Gegenstand der kulturellen Auseinandersetzung. Auch in Videospielen wird dieser Frage verstärkt nachgegangen. Titel wie This War of Mine oder Valiant Hearts: The Great War haben bereits gezeigt, wie man sich der Thematik mittels des Mediums Videospiel nähern kann. Einen etwas anderen Ansatz hat das dänische Entwicklerstudio PortaPlay gewählt, das in diesem Jahr mit Broken Lines ein Taktik-Rollenspiel für PC, PlayStation 4, Xbox One und die Nintendo Switch veröffentlicht. Das zehnköpfige Team von PortaPlay erzählt darin die Geschichte eines Trupps britischer Soldaten, der in einer alternativer Version des Zweiten Weltkriegs mit dem Flugzeug über Osteuropa abstürzt. Nach dem Absturz liegt es an euch dafür Sorge zu tragen, dass die Gruppe den Weg aus dem feindlichem Territorium findet. Da der Kontakt zum Hauptquartier ausgefallen ist, sind die Soldaten auf sich allein gestellt. Die Prämisse des Spiels und der Anspruch, die Facetten des Krieges realitätsnah darstellen zu wollen, haben dazu beigetragen, dass die Entwicklung von Broken Lines von der Europäischen Union mit 115.000 Euro gefördert wurde. In diesem Test wollen wir euch die Nintendo Switch-Fassung des Spiels vorstellen.


In den Pausen gebt ihr euren Einheiten Befehle. Die grünen und roten Prozentangaben zeigen die Wahrscheinlichkeit, mit der eure Einheiten in der Runde treffen. © Super.com

Doch eins nach dem anderen: Bevor wir weiter auf die Handlung von Broken Lines eingehen, sollte zunächst geklärt werden, was in dem Spiel eigentlich getan wird. Im Mittelpunkt des Titels stehen die in Missionen gegliederten Gefechte, in denen ihr mit bis zu fünf Mitgliedern eures Trupps in den Kampf zieht. Diese laufen in Echtzeit ab, sind aber in jeweils achtsekündige Intervalle unterteilt, in denen die Befehle ausgeführt werden, die ihr den einzelnen Mitgliedern vorher gegeben habt. Das könnte zum Beispiel das Vorrücken zu einem bestimmten Punkt oder die Nutzung von Verbandszeug , um einen Kameraden zu heilen, darstellen. Durch die Kombination aus Echtzeitgefechten mit wenigen Einheiten und rundenbasierten Befehlen wirkt Broken Lines wie ein Mix aus den Spielen der XCOM-Reihe und den Company of Heroes-Titeln. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit gehen die Gefechte gut von der Hand. Wichtig ist dabei, die Bewaffnung und Fähigkeiten eurer Truppe genretypisch sinnvoll einzusetzen. Rekrut Wood ist von Beginn des Spiels an beispielsweise mit einer Schrotflinte bewaffnet und eignet sich dadurch als Speerspitze beim Vorrücken, die Veteranin Hailey hingegen ist ausgebildete Krankenschwester und kann verletzte Verbündete schnell und effektiv heilen. Auf taktischer Ebene bietet Broken Lines dadurch relative Standardkost, die durchaus unterhalten kann, aber keine Originalitätspreise gewinnen dürfte. Getrübt wird der insgesamt gute Eindruck leider von einer Gegner-KI, die man bestenfalls als zweckmäßig bezeichnen kann. Feindliche Einheiten stürmen oft ungelenk auf den eigenen Trupp zu. Wirklich anspruchsvoll werden die Kämpfe eigentlich nur dadurch, dass man als Spieler in extremer Unterzahl antreten oder eine Verteidigungsposition überwinden muss, die dem Gegner einen Vorteil verschafft. Wenn es dazu kommt, muss man allerdings tatsächlich gut überlegen, wie man seinen Trupp positioniert und welche Spezialfähigkeiten hilfreich sein können.


Im Lager finden Gespräche zwischen den einzelnen Charakteren statt. Außerdem könnt ihr hier die Ausrüstung verwalten und euer weiteres Vorgehen planen. © Super.com

Nach jedem Gefecht bekommt ihr eine Punktzahl, die sich danach richtet, wie schnell ihr die Mission absolviert, wie viele Gegner ihr besiegt habt und wie viele eurer Soldaten zu Boden gegangen sind. Daraus ergibt sich ein Modifikator, der mitbestimmt, wie viel Beute ihr aus jeder Begegnung mitnehmen könnt. Die Beute könnt ihr nutzen, um euch beim freundlichen Einheimischen Izkhor, der sich der Gruppe relativ früh im Spiel als reisender Händler anschließt, mit neuen Waffen und Verpflegung auszurüsten. Das komplette Ressourcen-Management erfolgt im Lager der Gruppe. Hier könnt ihr euren Trupp ausrüsten, Gespräche zwischen den einzelnen Mitgliedern anstoßen und den weiteren Verlauf eurer Kampagne planen. In den verschiedenen Ausrüstungs- und Entscheidungsoptionen zeigt sich am ehesten der Rollenspielcharakter von Broken Lines. Waffen können individuell verglichen und je nach Stärken einem Charakter zugewiesen werden. Die Kombination aus dem Bonus „Adlerauge“, der die Sichtweise erhöht, und einem Scharfschützengewehr mit großer Reichweite bietet sich beispielsweise besonders an.


Die Entwicklung von Charaktereigenschaften erfolgt dabei auf zweifache Weise: Ihr könnt euch im Verlauf der Kampagne Boni verdienen, die ihr frei verteilen könnt. Alternativ dazu gibt es aber auch feste Charaktereigenschaften, die sich aus den Handlungen und Einstellungen der Protagonisten ergeben. Die exzentrische Veteranin Conner kann beispielsweise mit Gesellschaft nichts anfangen und bekommt daher einen Bonus auf ihre Trefferchance, wenn um sie herum keine Verbündeten positioniert sind. Solche Details tragen zweifelsohne zur Charakterzeichnung bei. Das ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass diese trotzdem relativ oberflächlich bleibt. Die acht Soldaten des Trupps bedienen im Wesentlichen Stereotype, die sich in Militärszenarien immer wieder finden lassen. Der unverbrauchte Rekrut Wood ist beispielsweise ein Idealist, der Zivilisten immer helfen möchte. Veteran King, der einer Militärfamilie entstammt, ist hingegen ein unterkühlter Pragmatiker, der vor zivilen Opfern nicht zurückschreckt. Hier hat PortaPlay die Chance verpasst, stärker mit moralischen Grautönen zu arbeiten und dadurch glaubwürdigere Charaktere hervorzubringen. Zur Charakterentwicklung hätte mit Sicherheit auch beigetragen, die Anzahl der Charaktere zu reduzieren und dafür jedem einzelnen Protagonisten mehr Zeit einzuräumen. So bleiben in der knapp fünfstündigen Kampagne nur eine Handvoll von Momenten, um die Entwicklung der einzelnen Figuren zu skizzieren. Zusätzliche Spielmodi gibt es, mit Ausnahme von ein paar Tutorial-Missionen, keine.


Die Mitglieder des Trupps streiten sich oft über das richtige Vorgehen. Hier müsst ihr euch entscheiden, ob ihr Woods oder Kings Plan umsetzen wollt. © Super.com

Besser gelöst sind hingegen die vielfältigen Entscheidungen, mit denen ihr im Verlauf der Kampagne konfrontiert seid. Diese sind nämlich nicht oberflächlich gestaltet, sondern wirken sich substantiell auf das Spielgeschehen aus. Dabei unterscheidet Broken Lines zwischen kleinen Zwischenereignissen und den wichtigeren Story-Entscheidungen. Ein Zwischenereignis, das relativ früh im Kampagnen-Verlauf auftaucht, bezieht sich beispielsweise auf einen Gefangenentransport, der am Trupp des Spielers vorbeizieht. Wood plädiert dafür, den Trupp anzugreifen, um die Gefangenen zu befreien. King schlägt hingegen vor, ohne Rücksicht auf Verluste eine Granate auf den Transporter zu werfen, um ohne Gefecht an die Vorräte zu gelangen, die die gegnerischen Einheiten vermutlich dabei haben. Je nachdem, für welchen Weg wir uns entscheiden, sinkt die Beherrschung des Gruppenmitglieds, gegen dessen Überzeugungen wir handeln. Verliert der betroffene Charakter die Beherrschung komplett, kann er desertieren und wird dauerhaft aus dem Spiel entfernt. Bei größeren Story-Entscheidungen müssen wir uns überlegen, wie wir im feindlichen Territorium vorgehen wollen. Beschaffen wir uns im feindlichen Lager Benzin, um damit ein Fluchtfahrzeug betanken zu können? Oder gehen wir den konfrontativen Weg und stehlen Sprengstoff, um eine feindliche Stellung in die Luft zu jagen? Konsequent: Je nachdem, welche Optionen wir wählen, sind wir für eine gewisse Zeit auf einen Pfad festgelegt. Wenn wir beispielsweise Benzin klauen, müssen wir danach auch ein Fahrzeug auftreiben, da uns ohne Sprengstoff die Stärke fehlt, die feindliche Stellung anzugreifen. In solchen Momenten ist Broken Lines am stärksten, da ihr wirklich das Gefühl bekommt, für das Schicksal der Truppe verantwortlich zu sein. Außerdem erhöht sich dadurch der Wiederspielwert enorm, was über die relativ kurze Spielzeit hinwegtröstet. Um Spoiler zu vermeiden, belassen wir es bei diesen vereinzelten Beispielen.


Technisch und audiovisuell hinterlässt Broken Lines auf der Nintendo Switch einen durchwachsenen Eindruck. Auf der einen Seite läuft das Spiel flüssig und ist frei von (größeren) Bugs, die das Spielgeschehen trüben. Dazu kommen die gelungenen Zeichnungen der Charakterbilder, die auch die emotionalen Veränderungen der Charaktere (teils zu stark) abbilden. Auf der anderen Seite mangelt es den 3D-Objekten an Details, bei höherer Zoom-Stufe wirkt das Bild schnell matschig. Auch die Physik-Effekte und hölzernen Animationen wirken altbacken. Hier merkt man deutlich, dass es dem kleinen Entwicklerteam offensichtlich an den notwendigen Ressourcen für eine aufwendigere Inszenierung mangelte. Ebenso schade ist, dass bei einem Spiel mit Story-Fokus weitgehend auf eine Vertonung der einzelnen Charaktere verzichtet wurde. Diese bringen in der Regel nur Laute der einzelne Wörter wie „Yes“ über die Lippen. Die technischen Abstriche sind kein Beinbruch, trüben das Gesamterlebnis aber doch etwas.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Adis Selimi

Broken Lines ist ein Spiel mit Licht und Schatten. Eine solide, aber nicht überragend gute Taktik-Komponente trifft auf ein Rollenspielsystem, das gute Ansätze aufweist, aber leider nicht wesentlich zur Charakterisierung der Protagonisten beiträgt. Dafür traut sich Broken Lines, den Spieler mit den Konsequenzen seiner Handlungen zu konfrontieren, was keine Selbstverständlichkeit ist. So hinterlässt der Titel des dänischen Entwicklerstudios PortaPlay, trotz einer durchwachsenen Technik, insgesamt einen überzeugenden Eindruck. Wer Taktik-Rollenspielen etwas abgewinnen kann, findet hier einen gelungenen Genre-Vertreter mit interessanten (wenn auch nicht immer komplett überzeugenden) Ideen.
Mein persönliches Highlight: Die Entscheidungen zwischen verschiedenen möglichen Kampagnen-Missionen.

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