Künstlerin, Biologin oder doch lieber Rambo? Die "Do it yourself-Tochter"

Wenn man den englischen Begriff „Daughter-Raising-Simulation“ das erste Mal hört, ploppen wahrscheinlich unterschiedliche Bilder im Kopf auf. Spielt man nun eine Mutter und muss ein Baby großziehen? Geht es darum, dass man für die eigene Tochter die möglichst besten Klamotten zum Anziehen aussucht? Wobei … das wäre ja eher ein Dressing-Simulator, oder? Letztendlich könnte auch die Assoziation aufkommen, dass man sich als Elternteil um das Heranwachsen des eigenen Schösslings kümmern und ihren Lebensweg mitgestalten muss. Und genau darum handelt es sich bei dieser Art von Spielen, von denen es bereits einige auf dem Videospielemarkt gibt. Ob wir uns nun um den königlichen Nachwuchs kümmern, wie in den Princess Maker-Spielen oder in Long Live the Queen, oder als ganz gemeiner Bürger mit der Erziehung auseinandersetzen müssen, das Spielprinzip dieser Art von Spielen ist immer relativ ähnlich. In diese Reihe an Spielen tritt nun auch Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator und versucht, um eure Gunst zu buhlen. Ob der Titel einige Besonderheiten abseits der Standardkost bietet oder wir unsere Tochter bereits nach kurzer Zeit wieder vor die Türe setzen wollen, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.


Ihr begleitet eure Adoptivtochter Ciel durch diverse Stationen ihres Lebens, bis sie endlich erwachsen ist. © PQube

Das Spielprinzip von Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator ist im Kern das gleiche wie bei den meisten Titeln des Genres. Euch wird die Verantwortung über ein Kind gegeben und ihr müsst fortan dafür sorgen, dass eure Tochter ein gutes Leben hat und genügend auf ihre Zukunft vorbereitet wird. So weit, so gut, doch Ciel Fledge weicht in einigen Punkten von dem Schema F ab. Das beginnt schon damit, dass die Handlung des Spiels in der fernen Zukunft des Jahres 2300 angesiedelt ist. Die Menschheit hat die Erdoberfläche nach Katastrophen und schädlichen Umwelteinflüssen hinter sich gelassen und lebt nun auf mehreren fliegenden Städten, den sogenannten Arks. Hinab trauen sich nur noch die wirklich Mutigen und Erkunder, die mehr über die alte Welt erfahren wollen. Auf eben jener Oberfläche stößt ein Spähtrupp auf ein Kind, welches ohne Bewusstsein aufgefunden und in eine der Arks evakuiert wird. Natürlich kommt alles so, wie es kommen muss, und die Administration der fliegenden Stadt, in der ihr als Spieler lebt, beauftragt euch damit, dass ihr euch dem Mädchen annimmt.


Von nun an fungiert ihr als Ziehvater oder Ziehmutter für eure Adoptivtochter, die den titelgebenden Namen Ciel trägt. Eure Aufgabe wird euch auch direkt klar gemacht: Ihr sollt der Heranwachsenden als gutes Beispiel dienen und sie dabei unterstützen, dass sie beim Erreichen des Erwachsenenalters ihr eigenes Dasein fristen kann. Und ganz nebenbei gilt es natürlich auch herauszufinden, was es mit Ciels Vergangenheit auf sich hat, woher das Mädchen kommt und wieso sie ganz alleine auf der Erdoberfläche war. War ich anfangs noch darauf eingestellt, dass diese Anfangsprämisse bereits alles an interessanter Handlung war, wurde ich deren weiteren Verlauf angenehm überrascht. Denn anders als in vielen Spielen des Genres entspinnt sich im Laufe des Spiels eine Geschichte, die mit einigen Wendungen aufwartet und mitunter auch einen ziemlich düsteren und erwachsenen Ton annimmt. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Es gab mitunter Situationen, in denen Ciel plötzlich zu Tode verängstigt war, weil sie in einen Schutzbunker fliehen musste – Thematiken, die man in einem solchen Spiel erst einmal nicht erwarten würde. Das wiederum sorgte letztendlich aber dafür, dass ich auch immer motivierter war, mit der Geschichte fortzufahren und am Ball zu bleiben, was mitunter nicht immer so einfach war.


Während der von euch geplanten Woche besucht eure Ziehtochter diverse Unterrichtsfächer oder nimmt an Aktivitäten teil. © PQube

Fernab der gut inszenierten Handlung gibt sich Ciel Fledge recht klassisch. Die Hauptaufgabe eures Spielalltags besteht darin, dass ihr die gesamte Woche eurer Tochter sorgfältig durchplant und so dafür sorgt, dass sie sich in verschiedenen Gebieten verbessert, Geld verdient oder auch mit ihren Freunden soziale Kontakte knüpft. Denn das Leben auf der Ark unterscheidet sich selbst im Jahre 2300 nicht allzu sehr von unserem Alltag und das bedeutet, dass Ciel auch die Schule besuchen muss. Hier habt ihr die Möglichkeit, ihren Fokus auf unterschiedliche Fächer zu legen und so bestimmte Attribute zu steigern. So erhöht zum Beispiel Algebra ihr logisches Verständnis, während der Kunstunterricht die kreative Ader eurer Tochter anzapft, oder ihr schickt sie primär in den Sportunterricht, wodurch sie stärker und athletischer wird. Wer sich gar nicht entscheiden kann, kann Ciel auch in den allgemeinen Unterricht stecken und sich so in allen Gebieten gleichzeitig fortbilden, was aber deutlich langsamer vonstattengeht. Auf lange Sicht werdet ihr so auch keine großen Erfolge für eure Tochter verbuchen können, denn mit dem Fortschreiten des Spielverlaufs eröffnen sich immer neue Aktivitäten und Möglichkeiten, die das junge Mädchen wahrnehmen kann und euch früher oder später dazu zwingen, Ciel in eine gewisse Richtung zu spezialisieren. Soll sie vielleicht eine Tänzerin oder Schreiberin werden, oder wird sie am Ende gar Teil der Spähtruppe, die die Oberfläche regelmäßig erkundet? All diese Entscheidungen wirken sich auf die eine oder andere Art und Weise auf die Handlung sowie auf eines der vielen Enden aus, die ihr erreichen könnt. Natürlich sind euch dabei auch Grenzen gesetzt. Übertreibt ihr es mit den täglichen Aktivitäten, sinkt die Ausdauer eurer Tochter auf null und sie kollabiert, was nicht nur zur Folge hat, dass sie krank wird, sondern auch, dass letztendlich ein Vertreter der Regierung vor der Tür steht und euch damit droht, euch Ciel wegzunehmen. Es gilt also stets, auf das Wohlbefinden des Kindes zu achten, sonst droht der Game-over-Schirm.


Neben der Tatsache, dass sich eure Adoptivtochter stetig weiterbilden muss, gilt es natürlich auch noch, ihre sozialen Kontakte nicht zu vernachlässigen. Denn schon von Tag eins an trifft Ciel auf die verschiedensten Charaktere, mit denen sie sich anfreundet und die um ihre Zuneigung buhlen. Die unterschiedlichen Gesellen zeigen sich dabei mal mehr, mal weniger stereotypisch: Während Marco, der junge Athlet, der den antiken Sport „Fußball“ so faszinierend findet, noch eher dem typischen Klischee des dynamischen Hitzkopfes entspricht, ist die forsche Becky mit ihrem Faible fürs Militär und Schusswaffen schon deutlich origineller. Jeder der verschiedenen Charaktere hat dabei seine eigenen Ziele und Sorgen, die mit der Zeit thematisiert werden, je nachdem, wie viel Zeit ihr ihnen widmet. Dadurch ergeben sich im Laufe der Handlung diverse Nebenzweige, auf die ihr letztendlich aber keinerlei Einfluss habt, denn die Geschichte eurer Freunde ist fest in Stein gemeißelt. Es gibt im Spiel zwar die eine oder andere Entscheidung, die sich darauf auswirkt, ob ihr mit manchen Charakteren weiterhin interagieren könnt, aber das war es dann auch.


Pssst! Beim Museumsbesuch dürfen keine Fertigkeiten verwendet werden, die Lärm verursachen. © PQube

Doch eure Bekanntschaften spielen nicht nur für die Handlung eine Rolle, sondern sind euch auch in anderen Bereichen hilfreich, die Ciel Fledge etwas von der Konkurrenz abheben. Denn je nachdem, welchen Aktivitäten eure Tochter gerade nachgeht, kann es passieren, dass ihr in einen Kampf, eine Unterrichtsabfrage oder andere Aktivitäten verwickelt werdet. In diesen Momenten verwandelt sich das Spiel in ein mal mehr, mal weniger simples Denkspiel. Ziel ist es, aus einer Reihe von bunten Feldern immer drei gleiche Farben herauszusuchen, wodurch ihr Punkte verdient. Je nach Aktivität kann die Komplexität jedoch steigen. Während es zu Beginn des Spiels vollkommen ausreicht, stumpf immer die richtigen drei Farben auszuwählen, müsst ihr später die Farben im Tanzunterricht zum Takt der Musik auswählen, dürft nur eine bestimmte Farbkombination verwenden oder euch sitzt die Zeit im Nacken. Und hier kommen nun eure Freunde ins Spiel: Denn ab und an unterstützen diese euch während dieser Aktivitäten und fungieren, ganz wie einem Rollenspiel, als Party-Mitglieder für euch. Je höher nun euer Freundschaftslevel mit den jeweiligen Charakteren ist, desto mehr spezielle Fertigkeiten können diese anwenden. So kann zum Beispiel Becky Lehrer oder Gegner für eine Weile ablenken bzw. betäuben, während die künstlerische Vivi euch vor allem bei sozialen und wissensbasierten Aufgaben hilfreich zur Hand geht.


Das Ganze kommt spätestens dann zu seinem Höhepunkt, sobald Ciel die Möglichkeit erhält, die Oberfläche zu erkunden. Das geschieht im Laufe der Handlung und wird gelegentlich auch obligatorisch für den Verlauf der Geschichte. Wer das junge Mädchen jedoch mehr zu einer taffen Kriegerin ausbildet, bekommt jederzeit die Möglichkeit, die feindselige Oberfläche zu erkunden, und in diesen Momenten mutiert Ciel Fledge tatsächlich zu einer Art JRPG. Denn bevor ihr euch auf eine Erkundungstour begebt, sucht ihr euch drei weitere Freunde aus, die euch nun als Gruppenmitglieder dienen und im Kampf verschiedene Rollen, vom Haudrauf bis zum Unterstützer, einnehmen. Zwar könnt ihr euren Begleitern nicht direkt Befehle geben, ihr habt jedoch die Möglichkeit, Spezialattacken oder Fertigkeiten zu initiieren, die entscheidend für den Kampfausgang sein können. Geht ihr siegreich aus eurer Reise hervor, winken euch immer wieder einige nützliche Items, die sich entweder zu Geld machen lassen, eurer Tochter Boni geben oder ihre Statuswerte temporär erhöhen. Doch auch hier gilt es, nicht übermütig zu werden, denn wenn Ciel zu Boden geht, ist die Chance zwar hoch, dass das Militär der Regierung sie rettet, es kann aber auch sein, dass ihr als Adoptiveltern plötzlich Besuch von einem Regierungsvertreter bekommt, der euch die traurige Nachricht überbringt, dass euer Schützling nicht mehr am Leben ist.


Wenn wir Ciel auf Erkundungsmissionen schicken, mutiert das Spiel zu einem JRPG-Light. © PQube

All diese Punkte hören sich nun recht abwechslungsreich und spaßig an und das ist Ciel Fledge auch immer wieder. Allerdings schleicht sich relativ schnell eine gewisse Routine in euren normalen Alltag, in dem ihr Ciels Woche plant und durchführt. Das führte zumindest bei mir dazu, dass ich das Spieltempo während der eigentlichen Woche auf die Maximalstufe gestellt und dabei zugesehen habe, wie die Werte meiner Ziehtochter gestiegen sind. Je weiter ich im Spiel vorangeschritten bin, desto häufiger habe ich auch all die kleinen Events, wie zum Beispiel die vorher erwähnten Quiz-Runden und Unterrichtsherausforderungen, übersprungen, weil mir die Boni die Mühe einfach nicht wert waren. Das führt zu dem etwas seltsamen Ergebnis, dass das Spiel in seiner eigentlichen Kernmechanik am schwächsten abschneidet und in den übrigen Bereichen zu ungewohnten Stärken aufsteigt. Denn sowohl die Geschichte, die in mehrere Kapitel unterteilt ist und die verschiedenen Lebensabschnitte der heranwachsenden Ciel thematisiert, die Interaktionen mit den wirklich gut geschriebenen Charakteren als auch die Erkundungstouren auf der Oberfläche machen wirklich Spaß. Nur das eigentliche Großziehen eurer Tochter nicht ganz so sehr.


Optisch kommt Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator zwar recht schlicht, aber hübsch daher. Unter der Woche wird Ciel mitsamt all ihrer Freunde in Chibi-Form, also in ganz simpler und niedlicher Erscheinung, dargestellt, wie sie über die Karte der Ark zu ihren verschiedenen Aktivitäten wandert und diese ausführt. Gleiches gilt auch für die vielen Aktivitäten und Erkundungstouren auf der Oberfläche. Das verpasst dem Spiel einen gewissen Niedlichkeitsfaktor, der jedoch nicht über die Stränge schlägt. Immer wenn Ciel mit anderen in Form eines Dialogs interagiert, werden die jeweiligen Charaktere als Standbilder über den Bildschirm bewegt, deren Posen und Gesichtsausdrücke sich nur minimal im Laufe des Gesprächs ändern. Die Zeichnungen fallen allesamt liebevoll aus und geben zusammen mit den schlichten Hintergründen ein stimmiges Gesamtbild ab. Es gibt zwar eine „Sprachausgabe“, diese beschränkt sich aber auf einzelne Worte bzw. Geräusche, die die einzelnen Charaktere während des Gesprächs machen und über ein „Hey“ oder „Bye“ nicht hinausgehen. Das letzte Wort verrät es zudem auch schon: Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator ist nur in englischer Sprache spielbar, eine deutsche Übersetzung gibt es nicht. Wer nicht über halbwegs gute Englischkenntnisse verfügt, wird angesichts der vielen Texte seine liebe Mühe mit dem Verständnis haben. Nun bleibt mir zuletzt nur noch, ein paar Worte über die Steuerung zu verlieren. Diese wird euch, wie alle anderen Gameplay-Elemente, im Laufe des Spiels problemlos in Form kleiner Tutorials näher gebracht und wurde auch gut portiert. Einzig während der Kämpfe und Events, in denen ich die einzelnen Farbfelder auswählen musste, kam es des Öfteren vor, dass der Analogstick nicht ganz so präzise reagiert hat, wie ich es mir manchmal gewünscht hätte. Hier empfehle ich, egal ob euch nun ein Zeitlimit im Nacken hängt oder nicht, ein etwas ruhigeres Vorgehen, da ihr euch ansonsten schnell eine Farbcombo-Kette ruinieren könnt.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Florian McHugh

Ich muss gestehen, dass ich mit ganz anderen Erwartungen an Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator herangegangen bin und dementsprechend positiv überrascht wurde. Die Handlung, die anfangs noch eher wie ein typisches Teenager-Drama anmutet, wartet im Laufe des Spiels mit einer durchaus erwachsenen und ernsten Handlung auf, die ich so nicht erwartet hätte. Dazu kommen einige sehr originell geschriebene Charaktere, von denen nur die wenigsten so wirken, als ob man tief in der Kiste für Stereotypen gewühlt hätte. Nimmt man dann noch die Erkundungsmissionen auf der Oberfläche hinzu, die das Spiel kurzerhand in ein abgespecktes JRPG verwandeln, kann das alles zusammen durchaus motivieren. Umso bedauerlicher ist es dann jedoch, dass das eigentliche Kernelement, nämlich das Großziehen eurer Adoptivtochter, recht eintönig ausfällt und irgendwann in einer stumpfen Routine ausartet. Nichtsdestotrotz kann ich Ciel Fledge: A Daughter Raising Simulator all denjenigen ans Herz legen, die schon immer einen Raising-Simulator spielen wollten, jedoch noch andere Schwerpunkte genießen möchten.
Mein persönliches Highlight: Die doch überraschend erwachsene und ernste Handlung mit ihren Verästelungen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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