Test zu The Complex - Nintendo Switch
Ein interaktiver Thriller
-
1. April 2020 um 21:30 - Felix Eder
The Complex ist eine neues, interaktives Filmabenteuer, das seit 31.03.2020 ausschließlich für Spielekonsolen und den PC erhältlich ist. Auch wenn ihr mit "Neues Spiel" im Hauptmenü begrüßt werdet, will ich an dieser Stelle betonen, dass The Complex mit dem Medium Videospiel kaum etwas zu tun hat, sondern es sich hierbei um einen hochwertigen, etwa 80-minütigen Sci-Fi-Film handelt, der mit verschiedenen Endings und einem durch euch beeinflussbaren Beziehungsaufbau mit den Charakteren punkten kann.
Ähnlich wie in Black Mirror: Bandersnatch oder The Shapeshifting Detective habt ihr in The Complex die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, welche die Geschichte und den Ausgang des Films beeinflussen können. Ihr schlüpft in die Hauptrolle der weltberühmten Zellbiologin Dr. Amy Tennant (welche von der kanadischen Schauspielerin Michelle Mylett verkörpert wird) – alle paar Minuten steht Amy vor wichtigen Entscheidungen, welche ihr mithilfe eines Joy Con treffen könnt. Beispielsweise werdet ihr bereits innerhalb der ersten fünf Minuten vor die schwierige Wahl gestellt, aufgrund von Ressourcen-Knappheit einen von zwei Patienten in kritischem Zustand zu retten, während der zweite Patient sterben wird. Für wen werdet ihr euch entscheiden, den jungen Dalo, der von einer Fußballerkarriere träumt oder die hochschwangere Dima, die ihr Baby nicht verlieren will?
Innerhalb von wenigen Sekunden müsst ihr gravierende Entscheidungen treffen. © Wales Interactive Ltd.
Weitere Hauptcharaktere neben Amy, der Leiterin der Nanozelltechnologie-Abteilung in der Firma Kensington Corporation, sind ihr beruflicher Partner Rees Wakefield (verkörpert durch Al Weaver), die Firmenchefin Nathalie Kensington (gespielt von der aus Game of Thrones bekannten schottischen Schauspielerin Kate Dickie) sowie eine junge Asiatin namens Clare Lee (Kim Adis), welche aus dem totalitären Staat Kindar kommt und eine mysteriöse, neue Krankheit zu haben scheint.
Ursprünglich sollte die neue Nanozellentechnologie, an welcher Amy in London forscht, helfen, menschliches Gewebe zu regenerieren und schlussendlich auch bei einer Mission auf dem Mars eingesetzt werden. Doch schon bald geraten die Planungen in ordentliche Schieflage, denn Clare, die eine Verbindung zum Nanozellen-Labor zu haben scheint, wird dabei gefilmt, wie sie in der Londoner U-Bahn Blut spuckt und sie wird rasch als Terroristin verdächtigt. Und in welchem Zusammenhang steht Clares Geschichte mit den beiden kindarischen Landsleuten Dalo und Dima, die ihr am Anfang des Films behandeln musstet und die offenbar einem mysteriösen chemischen Angriff in ihrer Heimat Kindar ausgesetzt waren? In einem Biolabor finden sich nun Amy sowie Rees und die beiden versuchen gemeinsam dem dunklen Geheimnis auf den Grund zu gehen.
Euch stehen im Laufe des Films jede Menge Entscheidungsmöglichkeiten zur Verfügung und ihr habt mit Amy beispielsweise die Wahl, zu manchen Charakteren nett, zu anderen wiederum weniger nett zu sein. Abhängig von eurem Verhalten gegenüber anderen Charakteren könnt ihr Beziehungen stärken oder schwächen, die wiederum spätere Szenen in der Geschichte beeinflussen können. Den aktuellen Beziehungsstatus (in Prozent) mit den anderen Charakteren könnt ihr jederzeit im Menü einsehen. Insgesamt sind 196 unterschiedliche Szenen freischaltbar und diese wurden durchaus gut und harmonisch integriert – ihr werdet glücklicherweise kaum Schnitte bemerken.
Am Ende des Films erfahrt ihr das erlangte Ending sowie euren Beziehungsstatus mit den Charakteren. © Wales Interactive Ltd.
Insgesamt gibt es neun verschiedene Endings, die ihr durch wiederholtes Anschauen des Films und durch veränderte Entscheidungen erlangen könnt. Leider sind die meisten Endings sehr ähnlich zueinander und allesamt recht abrupt, wodurch der zuvor an sich gelungene Film in keinem Ending wirklich auf zufriedenstellende Weise abgeschlossen wird. Die gute Nachricht: Gesehene Szenen könnt ihr jederzeit vorspulen und so dauert es nicht lange, bis ihr alle Endings selbst finden könnt. Am Ende bekommt ihr eine Abschluss-Karte zu sehen, auf der der jeweilige Endingname aufgelistet wird, die toten sowie überlebenden Charaktere angezeigt werden und ihr auch über den finalen Beziehungsstatus mit den Charakteren aufgeklärt werdet. Merkwürdigerweise könnt ihr die Abschluss-Karten von bereits erlangten Endings später nicht mehr einsehen und so empfehle ich sehr, euch Screenshots von euren Endings zu machen, um später einen Überblick zu haben, was euch noch fehlt. Generell wäre ein System praktisch gewesen, das euch Hinweise gibt, welche Antworten ihr schon getätigt, welche Endings ihr bereits geschafft habt und welche Entscheidungen noch unentdeckt sind. Leider wird euch in The Complex lediglich die Zahl der erlangten Szenen und Endings und die Zahl der noch freizuschaltenden Inhalte angezeigt.
Technisch kann The Complex durchaus als gelungen bezeichnet werden: Die Kameraführung ist überzeugend, die Soundeffekte wurden gut integriert und auch die Musikuntermalung macht einen runden Eindruck. Schauspielerisch wird euch zwar keine Meisterleistung geboten, doch besonders Michelle Mylett als Amy und Kim Adis als Clare konnten die Persönlichkeiten ihrer Charaktere im Film gut entfalten. Andere Charaktere fallen leider ein bisschen in den Hintergrund, so spielen beispielsweise die beiden kindarischen Patienten am Anfang des interaktiven Films (Dalo und Dima) im späteren Verlauf des Films kaum mehr eine Rolle, was sehr schade ist. Die Handlung in The Complex ist nett erzählt und kann mehr als nur einmal unterhalten, auch wenn die ganz großen Höhepunkte oder emotionalen Szenen ein wenig abgehen. Blut kommt zwar im Film oft vor und das Sterben von Menschen wird nicht nur angedeutet, sondern direkt gefilmt, dennoch hält sich die Brutalität verglichen mit anderen Filmen ab 18 Jahren in Grenzen. The Complex bietet deutsche Untertitel, doch diese sind leider in die Kategorie "peinlich" einzuordnen, ihr werdet kaum fehlerfrei ins Deutsche übersetzte Sätze aus dem Englischen finden. Seien es Buchstabendreher, Rechtschreibfehler, Grammatikfehler oder komplett falsche Bedeutungen – die Übersetzung ist leider eine einzige Katastrophe und es ist sehr schade, dass im ansonsten hochwertig anmutenden Film ausgerechnet bei den deutschen Untertiteln derart schlampig gearbeitet wurde.
Unser Fazit
6
Überzeugend