Ein interaktiver Thriller

The Complex ist eine neues, interaktives Filmabenteuer, das seit 31.03.2020 ausschließlich für Spielekonsolen und den PC erhältlich ist. Auch wenn ihr mit "Neues Spiel" im Hauptmenü begrüßt werdet, will ich an dieser Stelle betonen, dass The Complex mit dem Medium Videospiel kaum etwas zu tun hat, sondern es sich hierbei um einen hochwertigen, etwa 80-minütigen Sci-Fi-Film handelt, der mit verschiedenen Endings und einem durch euch beeinflussbaren Beziehungsaufbau mit den Charakteren punkten kann.


Ihr beeinflusst die Geschichte und entscheidet über Leben und Tod!


Ähnlich wie in Black Mirror: Bandersnatch oder The Shapeshifting Detective habt ihr in The Complex die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, welche die Geschichte und den Ausgang des Films beeinflussen können. Ihr schlüpft in die Hauptrolle der weltberühmten Zellbiologin Dr. Amy Tennant (welche von der kanadischen Schauspielerin Michelle Mylett verkörpert wird) – alle paar Minuten steht Amy vor wichtigen Entscheidungen, welche ihr mithilfe eines Joy Con treffen könnt. Beispielsweise werdet ihr bereits innerhalb der ersten fünf Minuten vor die schwierige Wahl gestellt, aufgrund von Ressourcen-Knappheit einen von zwei Patienten in kritischem Zustand zu retten, während der zweite Patient sterben wird. Für wen werdet ihr euch entscheiden, den jungen Dalo, der von einer Fußballerkarriere träumt oder die hochschwangere Dima, die ihr Baby nicht verlieren will?


Innerhalb von wenigen Sekunden müsst ihr gravierende Entscheidungen treffen. © Wales Interactive Ltd.

Weitere Hauptcharaktere neben Amy, der Leiterin der Nanozelltechnologie-Abteilung in der Firma Kensington Corporation, sind ihr beruflicher Partner Rees Wakefield (verkörpert durch Al Weaver), die Firmenchefin Nathalie Kensington (gespielt von der aus Game of Thrones bekannten schottischen Schauspielerin Kate Dickie) sowie eine junge Asiatin namens Clare Lee (Kim Adis), welche aus dem totalitären Staat Kindar kommt und eine mysteriöse, neue Krankheit zu haben scheint.


Ursprünglich sollte die neue Nanozellentechnologie, an welcher Amy in London forscht, helfen, menschliches Gewebe zu regenerieren und schlussendlich auch bei einer Mission auf dem Mars eingesetzt werden. Doch schon bald geraten die Planungen in ordentliche Schieflage, denn Clare, die eine Verbindung zum Nanozellen-Labor zu haben scheint, wird dabei gefilmt, wie sie in der Londoner U-Bahn Blut spuckt und sie wird rasch als Terroristin verdächtigt. Und in welchem Zusammenhang steht Clares Geschichte mit den beiden kindarischen Landsleuten Dalo und Dima, die ihr am Anfang des Films behandeln musstet und die offenbar einem mysteriösen chemischen Angriff in ihrer Heimat Kindar ausgesetzt waren? In einem Biolabor finden sich nun Amy sowie Rees und die beiden versuchen gemeinsam dem dunklen Geheimnis auf den Grund zu gehen.


Zahlreiche freischaltbare Szenen & 9 Endings


Euch stehen im Laufe des Films jede Menge Entscheidungsmöglichkeiten zur Verfügung und ihr habt mit Amy beispielsweise die Wahl, zu manchen Charakteren nett, zu anderen wiederum weniger nett zu sein. Abhängig von eurem Verhalten gegenüber anderen Charakteren könnt ihr Beziehungen stärken oder schwächen, die wiederum spätere Szenen in der Geschichte beeinflussen können. Den aktuellen Beziehungsstatus (in Prozent) mit den anderen Charakteren könnt ihr jederzeit im Menü einsehen. Insgesamt sind 196 unterschiedliche Szenen freischaltbar und diese wurden durchaus gut und harmonisch integriert – ihr werdet glücklicherweise kaum Schnitte bemerken.


Am Ende des Films erfahrt ihr das erlangte Ending sowie euren Beziehungsstatus mit den Charakteren. © Wales Interactive Ltd.


Insgesamt gibt es neun verschiedene Endings, die ihr durch wiederholtes Anschauen des Films und durch veränderte Entscheidungen erlangen könnt. Leider sind die meisten Endings sehr ähnlich zueinander und allesamt recht abrupt, wodurch der zuvor an sich gelungene Film in keinem Ending wirklich auf zufriedenstellende Weise abgeschlossen wird. Die gute Nachricht: Gesehene Szenen könnt ihr jederzeit vorspulen und so dauert es nicht lange, bis ihr alle Endings selbst finden könnt. Am Ende bekommt ihr eine Abschluss-Karte zu sehen, auf der der jeweilige Endingname aufgelistet wird, die toten sowie überlebenden Charaktere angezeigt werden und ihr auch über den finalen Beziehungsstatus mit den Charakteren aufgeklärt werdet. Merkwürdigerweise könnt ihr die Abschluss-Karten von bereits erlangten Endings später nicht mehr einsehen und so empfehle ich sehr, euch Screenshots von euren Endings zu machen, um später einen Überblick zu haben, was euch noch fehlt. Generell wäre ein System praktisch gewesen, das euch Hinweise gibt, welche Antworten ihr schon getätigt, welche Endings ihr bereits geschafft habt und welche Entscheidungen noch unentdeckt sind. Leider wird euch in The Complex lediglich die Zahl der erlangten Szenen und Endings und die Zahl der noch freizuschaltenden Inhalte angezeigt.


Technisch kann The Complex durchaus als gelungen bezeichnet werden: Die Kameraführung ist überzeugend, die Soundeffekte wurden gut integriert und auch die Musikuntermalung macht einen runden Eindruck. Schauspielerisch wird euch zwar keine Meisterleistung geboten, doch besonders Michelle Mylett als Amy und Kim Adis als Clare konnten die Persönlichkeiten ihrer Charaktere im Film gut entfalten. Andere Charaktere fallen leider ein bisschen in den Hintergrund, so spielen beispielsweise die beiden kindarischen Patienten am Anfang des interaktiven Films (Dalo und Dima) im späteren Verlauf des Films kaum mehr eine Rolle, was sehr schade ist. Die Handlung in The Complex ist nett erzählt und kann mehr als nur einmal unterhalten, auch wenn die ganz großen Höhepunkte oder emotionalen Szenen ein wenig abgehen. Blut kommt zwar im Film oft vor und das Sterben von Menschen wird nicht nur angedeutet, sondern direkt gefilmt, dennoch hält sich die Brutalität verglichen mit anderen Filmen ab 18 Jahren in Grenzen. The Complex bietet deutsche Untertitel, doch diese sind leider in die Kategorie "peinlich" einzuordnen, ihr werdet kaum fehlerfrei ins Deutsche übersetzte Sätze aus dem Englischen finden. Seien es Buchstabendreher, Rechtschreibfehler, Grammatikfehler oder komplett falsche Bedeutungen – die Übersetzung ist leider eine einzige Katastrophe und es ist sehr schade, dass im ansonsten hochwertig anmutenden Film ausgerechnet bei den deutschen Untertiteln derart schlampig gearbeitet wurde.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Eder

The Complex ist ein überzeugender Sci-Fi-Thriller, der euch auf einzigartige Weise die Story beeinflussen lässt. Die Geschichten und Beziehungen zwischen den Hauptcharakteren Amy, Rees und Clare wurden schön erzählt, während die anderen Charaktere leider ein wenig zu sehr in den Hintergrund geraten sind – eine etwas längere Laufzeit hätte dem Film keineswegs geschadet. Die Gewissheit, dass jede Entscheidung große Konsequenzen mit sich führen könnte, erhöht auf erfolgreiche Weise den Nervenkitzel und die Brisanz. Die Aufsplittung in 9 Endings ist einerseits lobenswert, hat jedoch auch ihre Schattenseiten: Der Epilog ist nicht derart ausgereift wie in vergleichbaren Filmen und zudem sind die meisten Endings extrem ähnlich zueinander und unterscheiden sich zum Teil nur auf minimale Weise. Glücklicherweise gibt es eine Funktion zum Überspringen, welche es euch ermöglicht, recht rasch alle Endings freischalten zu können. The Complex präsentiert sich technisch gut, bietet die ein oder andere actiongeladene Szene, eine gute Prise Humor und eine gute Sound-Untermalung. Auch wenn The Complex im Großen und Ganzen als gelungenes, interaktives Experiment bezeichnet werden kann, so bleibt dennoch viel Luft nach oben und ich hoffe, dass der nächste interaktive Film von Wales Interactive Ltd. nochmals eine Schippe drauflegen kann.
Mein persönliches Highlight: Aus der Sicht der sympathischen Amy zahlreiche Entscheidungen treffen zu können

Meinung von Erik Radtke

The Complex ist eine Art Spiel, welches ich vorher nur durch die Netflix-Serie Black Mirror oder Minecraft: Story Mode kannte. Die Qualität der Filmaufnahmen sind wirklich gut und der Sound untermalt die Geschichte ebenfalls perfekt. Die verschiedenen Enden geben euch einen Grund, um nochmals durch die Story zu navigieren. Manche Enden der Geschichte sind wirklich gut umgesetzt und sehr spannend. Bei anderen wiederum fehlt leider genau diese Spannung und die Geschichte kommt dann zu keinem wirklichen Höhepunkt. Die deutsche Übersetzung ist an manchen Stellen echt schrecklich, was sich vor allem an den verfügbaren Entscheidungen bemerkbar macht, die teilweise keinen Sinn ergeben. Ich würde aber jedem, der etwas mit Sci-Fi-Thrillern anfangen kann empfehlen, The Complex anzuschauen. Hier bekommt man eine spannende Geschichte, welche durch die eigenen Entscheidungen so wirkt, als wäre man selbst ein Teil des Geschehens. Ich persönlich, hatte sehr viel Spaß hiermit.
Mein persönliches Highlight: Die verschiedenen Enden geben zusätzliches Hintergrundwissen über die gesamte Geschichte.

Meinung von Niels Uphaus

Ich habe schon einige Full-Motion-Video-Titel (FMV) gespielt und The Complex gehört ohne Frage zu den besseren Ablegern des Genres. Die Charaktere, allen voran die Hauptprotagonistin Amy sind sympathisch und ihre Rollen in der Geschichte gut durchdacht. Es stört mich jedoch, dass fast das gesamte Spiel nur im Labor stattfindet. In den Trailern wurde das Ganze so inszeniert, als würde man auch diverse Gebiete außerhalb der vier Wände erkunden. Zudem bietet der Titel eigentlich nur zwei große Enden. Völlig in Ordnung, aber mit neun Enden zu werben, ist nicht unbedingt fair. Die Funktion, bereits gesehene Szenen vorzuspulen, ist hingegen sehr gut. Andere Spiele dieser Art von Wales Interactive bieten dieses Feature nicht, was das erneute Durchspielen, um alle Enden zu sehen, zu einem anstrengenden Unterfangen macht. Damit ist The Complex ein guter Einstieg für alle Spieler, die FMV-Titel selbst einmal ausprobieren wollen. Für 100 %-Jäger hingegen ist das Ganze ein Alptraum, da es kein Baumdiagramm gibt, welches anzeigt, welche der über 190 Videosequenzen ihr noch nicht gesehen habt. Nachdem ich alle Enden erlebt hatte, fehlten mir immer noch neun Szenen, die ich wohl nie sehen werde.
Mein persönliches Highlight: Die sympathische, kaltherzige, sarkastische, ängstliche und kluge Amy. Welche Persönlichkeit hat sie in eurem ersten Durchlauf der Geschichte?

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 5

  • dr.retro

    Retrogamer aus Leidenschaft

    Klingt doch spannend. Kommt auf die Liste.

  • Wunderheiler

    .

    Wie fandet ihr den im Vergleich zu Late Shift?


    *edit: Late Shift hatte eine 7, also wohl merklich schlechter.

  • Felix Eder

    #PhoenixWright4Smash

    @Wunderheiler
    Wir alle drei haben bei der Wertungsvergabe zu The Complex zwischen 6 und 7 geschwankt, also nicht unbedingt deutlich schlechter (das Late Shift Review war zudem von einem anderen Tester). Was ich (in Bezug auf deine Kommentare im Late Shift-Test) sagen kann ist, dass bei The Complex zwischendurch immer wieder mal automatisch gespeichert wird und man theoretisch nicht alles in einem Rutsch machen müsste (auch wenn ich dies empfehle) - und auch die Credits lassen sich bei den weiteren Durchläufen vorspulen. Spätestens nach drei Durchgängen kann man fast alle Szenen so schnell skippen, dass man leicht innerhalb weniger Minuten die anderen Endings bekommen kann und sich nicht alles wieder und wieder anschauen muss.

  • Niels Uphaus

    You shall be as gods...

    @Wunderheiler Ich habe beide Titel gespielt. Für mich persönlich sind beide Spiele ungefähr gleich von der Qualität. Der große Vorteil von The Complex ist die Option, gesehene Szenen zu überspringen. Das fehlt Late Shift. Aufgrund dessen kann ich nur bedingt einschätzen, wie die anderen Enden von dort sind. Das ist Fluch und Segen zugleich, da ich so zwar alle Schwächen von The Complex kenne, aber bei Late Shift nur vermuten kann, wie die anderen Enden sind. Außerdem ist es schon lange her, seit ich Late Shift gespielt habe, allerdings weiß ich, dass viele verschiedene Orte bereist wurden. Das macht das Ganze für mich schon interessanter.

  • Wricksen

    Turmknappe

    Leider etwas enttäuschend! Habe eben eine Storyline durchgespielt und irgendwie kein Bedürfnis, die anderen Enden zu sehen. Der Film an sich ist jetzt nicht soooooo schlecht, aber so wirklich Spannung kam irgendwie nicht auf. Für derzeit knapp 10 € kann man nicht viel falsch machen, aber mehr als ein kurzer Zeitvertreib ist nicht zu erwarten.


    ... und bei den Untertiteln wurde ich teilweise agro :P