Willkommen in der Welt der Dunkelheit

Was für eine Schicht. Den ganzen Tag im Großraumbüro sitzen, sich von diversen unzufriedenen Kunden anmeckern lassen und all das für ein mickriges Gehalt – ist das der große Sinn des Lebens? Nun ja, viel daran ändern kann ich nicht. Wenigstens bleiben mir noch das Nachtleben und der Trost, dass ich mich in einen der vielen Nachtclubs von meinen Alltagssorgen ablenken kann. Als ich des Nachts die Disco betrete, vibriert der Boden bereits vom kräftigen Bass, der Geruch von Schweiß und Alkohol hängt in der Luft und vermischt sich mit der unglaublichen Wärme der vielen Menschen zu einem Dunst, der mich schon fast hypnotisiert. Zwei Bier später bin ich dann auch gelockert genug und schwinge das Tanzbein zum schnellen Techno. Nach kurzer Zeit sind meine Klamotten bereits nassgeschwitzt und der stressige Arbeitstag ist vergessen. Und das Schicksal scheint mir hold zu sein, denn plötzlich werde ich von einer rothaarigen Schönheit angetanzt. Sie kommt immer näher, sucht den Kontakt mit mir, und als wir uns in die Augen sehen, ist es, als ob die Zeit stillstehen würde. In diesem Moment gibt es nur sie und jede Zelle meines Körpers möchte nur ihr gefallen. Umso ungläubiger werde ich, als sie sich vorbeugt und beginnt, mir den Hals zu küssen. Den stechenden Schmerz verspüre ich nur kurz, danach folgt das Gefühl von Ekstase und auch wenn ich mich immer schwächer auf den Beinen fühle – ich möchte nicht, dass dieser Moment je endet. Als ich später wieder zu mir komme, sitze ich in einer der Sitzecken. Wie ich dahin gekommen bin? Keine Ahnung. Ich fühle mich schwach, leer, aber doch innerlich befriedigt. Es war wohl auch besser, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass ich gerade von einem Vampir gebissen wurde und mir ein Großteil meines Blutes fehlt. Letzteres stelle ich erst fest, als ich einen Schwächeanfall bekomme und zusammenbreche.


Äußerlichkeiten können sich schnell als trügerisch herausstellen. © Draw Distance

Das obiges Beispiel könnte der Alltag eines armen Menschen aus der Welt der Dunkelheit widerspiegeln, einer alternativen Realität, die von übermenschlichen Wesen wie Feen, Werwölfen und Vampiren bevölkert wird, die mitten unter uns leben. In diesem Szenario spielt auch Vampire: The Masquerade – Coteries of New York, das auf der fünften Edition der Pen & Paper-Vorlage Vampire: Die Maskerade beruht. Darin wird unsere Gesellschaft von den Blutsaugern im Geheimen unterwandert und kontrolliert, doch gleichzeitig muss auch die namensgebende Maskerade gewahrt werden, denn das Letzte, was die Untoten wollen, ist, dass eine mit Atomwaffen bewaffnete Menschheit plötzlich gewahr wird, dass sie doch nicht die Krone der Schöpfung ist. Und so gibt es unzählige Regeln für jeden Vampir, die das Überleben der Kainiten, so nennen sich die Vampire, gewährt – eigentlich schon eine Herausforderung für sich, aber natürlich gibt es da noch die kleinen Streitereien untereinander …


Bei Vampire: The Masquerade – Coteries of New York handelt es sich im Großen und Ganzen um eine Visual Novel, deren spielerische Interaktion sich darauf beschränkt, dass ihr im Verlauf der Handlung immer wieder Entscheidungen trefft, welche den Verlauf der Geschichte mal mehr, mal weniger beeinflussen, doch dazu später mehr. Zu Beginn lässt euch das Spiel euren Protagonisten und gleichzeitig euren Clan auswählen. Bei den Clans handelt es sich grob gesagt um Fraktionen innerhalb der Vampirgesellschaft, von denen jeder seine eigenen Stärken, Schwächen und vor allem Fertigkeiten, auch Disziplinen genannt, hat. In der Pen & Paper-Vorlage gibt es zwölf Clans, in Coteries of New York könnt ihr zwischen drei von ihnen wählen. Da gibt es zum einen die Ventrue, die Politiker, Herrscher und Strippenzieher der Vampirgesellschaft, die Toreador, die mit ihrer künstlerischen und empathischen Ader den Menschen noch am nächsten sind, sowie die Brujah, die Rebellen, Punks und Radikalen unter den Untoten.


Welchem Clan werdet ihr euch anschließen? © Draw Distance

Je nachdem, für welchen Clan ihr euch entscheidet, startet ihr das Spiel mit einem anderen Hintergrund. Was jedoch bei allen drei Protagonisten gleich ist, ist die Tatsache, dass euer Alltag alles andere als rosig und blumig aussieht. Die Welt der Dunkelheit ist bereits in der Pen & Paper-Variante ein düsterer Ort und Coteries of New York schafft es, dieses Setting perfekt einzufangen. Man merkt dem Spiel an, dass es sich hierbei nicht um eine lieblose Umsetzung der Vorlage handelt, sondern dass die Schreiber sich durchaus mit ihrem Quellmaterial beschäftigt haben. Kurz nach der Einführung eures Charakters geht es schon los und ihr werdet unfreiwillig von einem Vampir gebissen und leergetrunken, was in diesem Fall tödlich endet. Doch anstatt den Game Over-Schirm präsentiert zu bekommen, beginnt das Spiel nun erst richtig, und ihr erwacht als lebender Toter und werdet in die Gesellschaft der Kainiten eingeführt. Von nun an müsst ihr euren Platz in dieser Welt der Dunkelheit finden und das gestaltet sich alles andere als einfach. Im Laufe der Handlung bekommt ihr recht früh den Auftrag, eure eigene Coterie, eine Gruppe aus Vampiren, die sich aus gegenseitigem Nutzen zusammentut, zu bilden und dafür diverse Jungvampire aufzusuchen.


Von diesem Punkt an beginnt sich die recht strikte und lineare Handlung etwas aufzulockern und ihr müsst euch innerhalb eines gewissen Zeitlimits verschiedene Vampire aussuchen, die ihr für eure Sache rekrutieren sollt. Dabei trefft ihr auf Vertreter der unterschiedlichsten Clans, von den Blutmagiern, den Tremeren über die entstellten Nosferatu bis hin zu den wahnsinnigen Malkavianern. Das Spiel bietet euch hier eine bunte Mischung an Charakteren, die allesamt sehr gut geschrieben und ausgearbeitet wurden. Jeder der Vampire bringt seine eigene Nebenhandlung mit sich, die erfüllt werden möchte, ehe sie sich euch anschließen. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass euch auch andere Aufgaben gestellt werden, die es zu erledigen gilt, und dann wäre da natürlich noch der Durst nach Blut. Denn eines der wenigen spielerischen Elemente, auf die ihr ein Auge werfen müsst, ist euer Blutlevel.


Von hier aus organisiert ihr eure Nächte. © Draw Distance

Jede Nacht verliert ihr eine gewisse Menge an Blut, die davon abhängt, ob ihr eure Clan-Fähigkeiten einsetzt, verwundet werdet etc. Je weniger roten Lebenssaft ihr in euch habt, desto größer wird die Chance, dass das Tier in euch die Kontrolle übernimmt – und dieses innere Biest interessiert sich wenig für die Maskerade und tötet auch mal einen unschuldigen Passanten auf offener Straße. Passiert das ein Mal, bekommt ihr noch eine Verwarnung, beim zweiten Maskeradebruch kann es aber schon sein, dass man euch zum Schutz der Untotengesellschaft aus dem Verkehr zieht und das Spiel für euch vorbei ist. Doch allzu große Sorgen müsst ihr euch trotzdem nicht machen, denn die Maskerade gibt euch eine Menge Möglichkeiten, euren Blutvorrat aufzufüllen, sodass ihr schon sehr verschwenderisch mit eurem Blut umgehen müsst, damit das Tier übernimmt.


Ab einem gewissen Punkt erhaltet ihr dann keine Möglichkeit mehr, mit den anderen Untoten zu interagieren. Daher müsst ihr wohl oder übel selektiv vorgehen und euch überlegen, welchen der Blutsauger ihr für eure Gruppe rekrutieren wollt. Das soll den Wiederspielwert von Coteries of New York fördern und das Kalkül geht auch auf, denn die Nebenhandlungen rund um die Vampire sind allesamt gut ausgearbeitet und wecken die Neugier, sodass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Was den wiederholten Spieldurchgang jedoch sehr trübt und auch allgemein ärgerlich ist, ist die Tatsache, dass die Handlung des Spiels recht festgesetzt ist. Eure Entscheidungen, die ihr im Laufe der Geschichte trefft, wirken sich nur marginal auf den Fortlauf eben dieser aus. Das gilt auch für das Ende, das sich immer gleich abspielt, ganz gleich, mit welchem Clan ihr gespielt und welche Entscheidungen ihr getroffen habt. Das macht angesichts der Vorlage und der Tatsache, dass ihr nur ein recht unbedeutender, junger Vampir seid, zwar durchaus Sinn, das Spiel vermittelt einem jedoch häufiger das Gefühl, dass sich deutlich mehr verändern würde. So bleibt die Spielerfahrung recht starr und bei einem zweiten oder gar dritten Durchlauf werdet ihr über sehr viel Bekanntes stolpern. Hier verspielt Coteries of New York eine ganz große Chance, denn in Verbindung mit den toll geschriebenen Charakteren und ihren Dialogen hätte eine etwas breiter gefächerte Handlung sicher noch mehr geglänzt. Zudem wirkt das Ende des Spiels etwas abrupt und ohne zu viel spoilern zu wollen: Ich hatte das Gefühl, dass den Entwicklern letztendlich die Zeit im Nacken saß. Daher war der Abschluss der Geschichte etwas unbefriedigend. Trotz allem hat mich das Spiel genug motiviert, dass ich mit Freude zwei weitere Anläufe unternommen habe.


Willkommen in der Welt der Dunkelheit. © Draw Distance

Es dürfte niemanden überraschen, dass Vampire: The Masquerade – Coteries of New York auf der Switch ohne große Performance-Probleme läuft. Die schön düster illustrierten und teils animierten Hintergrundgrafiken werden problemlos dargestellt und es kommt auch bei der Texteinblendung zu keinerlei Verzögerungen oder Rucklern. Zudem könnt ihr die Schriftgröße der Dialoge einstellen, was gerade im Docked-Modus manchmal ganz hilfreich ist. Dazu kommt eine stimmige musikalische Untermalung, die mal mit ruhigen Klängen, dann wieder mit starken Techno-Beats sehr gut mit der düsteren Atmosphäre der Welt der Dunkelheit harmoniert.


Ganz ohne Bugs ist das Spiel leider nicht, denn so hatte ich einmal das Problem, dass eine Nebenhandlung nach einer Entscheidung meinerseits plötzlich beendet wurde, ohne mir jedoch mitzuteilen, was nun überhaupt passiert ist. Das war insofern ärgerlich, weil ich bis zum Finale nicht wusste, ob ich den Vampir nun rekrutieren konnte oder nicht. In meinem zweiten und dritten Durchlauf stieß ich jedoch auf keinerlei Bugs. Eine schlechte Nachricht gibt es hingegen für all diejenigen unter euch, deren Englisch nicht gut ist: Vampire: The Masquerade – Coteries of New York ist komplett auf Englisch, eine deutsche Übersetzung gibt es nicht.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Florian McHugh

Ich gestehe es hiermit: Ich mag keine Visual Novels. Mir ist das Spielprinzip oft zu starr und die wenigsten Handlungen konnten mich wirklich fesseln. Vampire: The Masquerade – Coteries of New York habe ich eine Chance gegeben, weil ich die Pen & Paper-Vorlage ziemlich gut kenne und dementsprechend sehen wollte, ob es sich hierbei um eine lieblose Lizenz-Verwursterei handelt. Und ich kann beruhigt sagen: mitnichten. Coteries of New York fängt die Stimmung und das Setting der Vorlage perfekt ein und überzeugt mit einer packenden und spannenden Handlung, die jedoch recht starr ist. Zwar müsst ihr immer wieder Entscheidungen treffen, doch diese wirken sich kaum auf die Geschichte aus. Erschwerend kommt hinzu, dass das Ende etwas abrupt und übers Knie gebrochen wirkt – hier wäre durchaus mehr drin gewesen. Trotz allem gelingt den Machern mit einem begrenzten Zeitraum, der euch zur Verfügung steht, das Kunststück, dass man trotz allem zu weiteren Durchläufen motiviert wird. Zusammen mit dem stimmigen Artdesign und Soundtrack bietet euch Vampire: The Masquerade – Coteries of New York eine düstere und motivierende Geschichte, die zumindest mich als Visual Novel-Muffel von Anfang bis Ende packen konnte.
Mein persönliches Highlight: Die stimmigen und vielfältigen Charaktere sowie die Nebenhandlungen

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 2

  • Darkseico

    Turmheld

    Hmm ich mag visual novels aber nur wenn sie auf deutsch sind.
    Da das Spiel einen Bug hat das nicht erlaubt eine Handlung abzuschließen und es zudem auf englisch ist, kann man es getrost liegen lassen.
    Trotzdem schöner Test. :)

  • Florian McHugh

    Die Frühschicht

    @Darkseico Erst einmal Danke für das Lob. Der Bug kam bei drei Spielabläufen zwar nur einmal vor, aber ja, wenn dann ist es richtig ärgerlich.