Der kalte Tod im Nacken

Wenn es eine Levelthematik gibt, die man entweder verachtet oder genießt, dann sind es höchstwahrscheinlich Unterwasserkurse. Die oftmals atmosphärisch schönen Welten stehen im direkten Kontrast zu einem langsamen Gameplay und schaffen es deswegen häufig nicht, einen gesunden Mittelweg zu finden, um wirklich die ganze Spielerschaft zufriedenzustellen. Umso interessanter ist die Entscheidung, ein ganzes Spiel unter dem Meeresspiegel stattfinden zu lassen, dass sich stark an Metroid anlehnt und durch das unorthodoxe Setting besondere Mechaniken bereithält. Vertrieben von Capcom, begibt sich das Indie-Spiel Shinsekai: Into the Depths in unbekannte Tiefen und sorgt für eine Spielerfahrung, die – unabhängig von seiner Qualität – eine ganz Besondere ist.


Eine neue Eiszeit und die Zuflucht im Meer


Die meisten verbinden Unterwasserlevel sicherlich mit Platformern, doch sollte hier nicht vergessen werden, dass Shinsekai auf einen gewissen Realismus setzt. Nachdem die Menschheit aufgrund einer neuen Eiszeit ins Meer flüchten musste und der kalte Tod sich selbst ins Wasser hineinfrisst, navigiert ihr einen identitätslosen Taucher durch die Meereswelt, der versucht, dem Eis zu entkommen. Dabei steuert sich euer Charakter ganz wie man es erwartet: Er kommt zu Fuß nur langsam voran, muss stets auf seinen Sauerstoffverbrauch achten und vermeidet bestmöglich Aufeinandertreffen mit heimischen Kreaturen. Was sich jetzt vorerst mühselig und frustrierend anhört, ist bewusst so gestaltet, um das Szenario glaubhaft darzustellen. Menschen sind nicht dafür geschaffen, Unterwasser zu leben und genau dieses Gefühl wird euch mehr als einmal deutlich vermittelt. Selbstverständlich helfen euch eine Handvoll Werkzeuge und Ausrüstungen dabei, nicht ganz so wehrlos zu sein.


Die Steuerung wirkt im schwerelosen Umfeld authentisch. © Capcom

Mithilfe einer kleinen Spitzhacke lassen sich Tiere töten und Wände hochklettern – der Allzweckgegenstand für das gesamte Spiel. Ein Düsenantrieb sorgt für den nötigen Schwung und kann gewissermaßen als Jetpack verstanden werden, mit dem ihr euch dynamisch durch das Wasser treiben lassen könnt. Ganz so einfach ist die Fortbewegung dann allerdings doch nicht. Der Antrieb verbraucht wertvolle Sauerstoffvorräte, die als Lebensenergie fungieren und an bestimmten Stellen erneut aufgeladen werden können. Simple Bewegungen verschwenden keine Luft und kleine Sauerstoffflaschen lassen sich nahezu überall auf der Welt finden – wenn ihr allerdings Schaden erleidet, zerbrechen sie und lassen euch deutlich verwundbarer zurück. Um dem entgegenzuwirken, sammelt ihr Rohstoffe, mit denen ihr entweder eure Ausrüstung verbessern könnt, Munition für Waffen herstellt oder die physischen Attribute des Tauchers erhöht.


Auch wenn die Anpassungen größtenteils optional sind, ist es für das Vorankommen unerlässlich, die Druckbeständigkeit eures Taucheranzugs zu verbessern. Ähnlich wie in Metroid: Samus Returns, geht es in einer freien, verbundenen Spielwelt immer weiter in die Tiefe – nur der Unterwasserdruck versperrt euch vorerst den weiteren Fortschritt. Zum einen wirft euch das Spiel mit diesem Vorgehen nicht ins kalte Wasser und erlaubt eigenständiges Erkunden in vorgegeben, relativ offenen Arealen. Zum anderen bleibt es für euch dabei stets übersichtlich, welche Bereiche gerade neu entdeckt wurden und wo euer Ziel zu finden ist. Leider bläst euch Shinsekai hier etwas zu sehr die Schwimmflügel auf, wenn ein Marker die nächste Endstation auf der Karte unterstreicht und Überraschungen somit zu Erwartungen verkommen lässt. Die Eingrenzung der Gebiete reicht vollkommen, um Spielern zu signalisieren, welche Wege erkundet werden müssen – vorgegebene Kennzeichnungen rauben der Erfahrung den mysteriösen Faktor und passen nicht zum selbstbestimmten Genre.


Unterschiedliche Waffen und Technologien erleichtern euch das Leben Unterwasser


In einem Ökosystem, in dem es möglich ist, sich völlig frei von der Schwerkraft zu bewegen, kann es kompliziert sein festzustellen, welche Oberflächen gefährlich sind und bei Kontakt Schaden auslösen. Dies ist bei eisigen Stellen der Fall, die bei kurzen Berührungen harmlos bleiben, mit der Zeit aber eure Sauerstoffflaschen beschädigen. Genauso kann es zu actiongeladenen Passagen kommen, in denen der Frost Bereiche zu verschlingen droht und ihr zügig flüchten müsst. Solche Momente bringen ohne künstliche Kampfsituationen Aufregung ins Gameplay und stellen euren Umgang mit gewissen Ausrüstungsgegenständen jedes Mal auf die Probe.


Rotes Wasser visualisiert unzugängliche Orte. © Capcom

Abkürzungen, in Form eines Teleporters beispielsweise, mögen zwar nicht vorkommen, allerdings findet das Spiel einen anderen Weg, euch spielerisch in alte Gebiete zurückkehren zu lassen. Neben einem kleinen unterstützenden Roboter, der Ressourcen aufsammelt und Geheimnisse aufdeckt, erlangt ihr zu einem festgelegten Zeitpunkt ein ganzes U-Boot, das fortan als kleines Zuhause verstanden werden kann. Nicht nur fällt die Fortbewegung im Wasser damit deutlich angenehmer aus, gleichermaßen eignet sich die Maschine wunderbar, um alte Orte mit optimierter Ausrüstung erneut zu besuchen. Steigt ihr aus dem Boot, bleibt die Spielfigur durch ein Seil an sein Gefährt gebunden, was die Mobilität etwas einschränkt, den Sauerstoffverbrauch jedoch merklich reduziert. Sollte es schlussendlich zu einer Auseinandersetzung mit feindlich gesinnten Meereskreaturen kommen, eignen sich unterschiedliche Waffen zur Selbstverteidigung. Ob eine Harpunenkanone, die einfache Spitzhacke oder ein Enterhaken – jeder Gegenstand fühlt sich unterschiedlich an und fokussiert sich auf verschiedene Spielstile. So mag der Enterhaken zwar keine besonders große Angriffskraft besitzen, jedoch ist es mit dessen Hilfe möglich, ein spezielles Gift in eure Opfer zu injizieren, das Fleischfresser anlockt, die die Beute augenblicklich angreifen. Ebenso zwiegespalten fällt die zugegeben starke Harpunenkanone aus, die allerdings an eine bestimmte Art von Munition gebunden ist und deswegen nur mit Bedacht eingesetzt werden sollte. Obwohl das generelle Gameplay nicht wirklich auf Kämpfe aufbaut und sich hier manchmal etwas hakelig anfühlt, begegnet ihr selbst einer kleinen Handvoll an Bossgegnern, die gerade aufgrund ihrer geringen Anzahl ihr Auftreten niemals überreizen und einen aufregenden Gegenpart zum sonst so ruhigen Gameplay bilden.


Kämpft ihr nämlich mal nicht gegen monströse Kreaturen, schafft es die akzeptable Grafik in Kombination mit dem atmosphärischen Soundtrack, ein bezauberndes Szenario aufzubauen, dass die andersartige Welt der Meere passend einfängt. Sogar im Spiel wird euch geraten, Kopfhörer aufzusetzen, um die volle Melodik der Musikstücke tatsächlich zu fühlen. Einen großen Teil zur Atmosphäre trägt die stille Erzählung der Handlung bei. Anstatt auf lang gezogene Expositionen und Monologe zu setzen, wird im gesamten Verlauf nicht ein Wort gesprochen – stattdessen offenbaren versteckte Artefakte und Illustrationen, wie es zur Eiszeit kam und woher die Unterwassertechnologien stammen. Als zusätzlicher Bonus fungieren Berichte zu seltenen Kreaturen, die zuerst gefunden und anschließend getötet werden müssen. Diese stellen letztendlich kein schwerwiegendes Spielelement dar, verlängern die überschaubare Spielzeit von etwas zehn Stunden aber ein wenig.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Kevin Becker

Versucht man es auf den Punkt zu bringen, weshalb Shinsekai: Into the Depths im Gegensatz zu anderen Spielen mit seinem Setting so glaubhaft funktioniert, dann ist es die Tatsache, dass die komplette Erfahrung auf die Unterwasserthematik zugeschnitten ist. Jede Bewegung ist bis zu einem gewissen Grad realistisch schwerfällig, wodurch Ausrüstungen, wie die Düse beispielsweise, dauerhaft im Einsatz stehen und selbst simple Fortbewegungen Überlegung erfordern. Passend dazu spiegelt die Spielwelt mit ihrer Metroid-artigen Struktur, dem bezaubernden Soundtrack und der zweckdienlichen Grafik das plausible Bild einer gefährlichen Unterwasserwelt wieder und unterlässt unnötige Dialoge oder aufgeblähte Zwischensequenzen. Obwohl euer Fortschritt relativ offen ist, verzichtet das Spiel jedoch leider manchmal nicht darauf, in einem eigentlich selbstständigen Genre ein wenig zu viel vorzugeben, wenn Zielmarkierungen sich nicht abschalten lassen und Überraschungen vorwegnehmen. Trotz alledem bewahrt Shinsekai bis zum Ende seine größten Geheimnisse und macht es definitiv lohnenswert, in das Abenteuer einzutauchen.
Mein persönliches Highlight: Das realistische Movement Unterwasser.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

4 User haben bereits bewertet

Kommentare 14

  • HiGhOcTaNe

    Turmritter

    Habe es mir blind nach der Direct Mini gekauft und war eigentlich positiv überrascht. Sehr atmosphärisches Metroidvania der etwas anderen Art. Der Soundtrack wurde übrigens unter Wasser abgespielt und dort neu aufgenommen.


    Noch ein kleines Detail zum Test. Das Spiel wurde nicht nur von Capcom vertrieben sondern auch entwickelt. Ist also alles andere als ein Indie-Spiel.

  • Yuuen

    Turmheld

  • kbye

    Turmheld

    Ich finde das Spiel hat mehr Anerkennung verdient.

  • BinaerCode

    Turmbaron

    Klasse Spiel. Kann ich nur jedem empfehlen. Gerade erst am Wochenende beendet.

  • Dr.Stachelrochen420

    Indica < Sativa

    Hab das mal auf Apple Arcade angefangen aber dann schnell wieder aufgehört. Das Smartphone ist einfach keine Plattform für Videospiele. Evtl riskiere ich einen zweiten Blick auf der Switch. Danke für den Test.

  • Zarathustra

    Turmfürst

    Das Spiel hat mir auch sehr gefallen, vor allem audiovisuell war es wirklich etwas besodneres.


    Werde ich noch öfter durchspielen, würde ich auch als Retail-Fassung noch mal kaufen.

  • EdenGazier

    Prinzipal der Spiele

    @A.G.E.


    Apple Arcade kann man aber mit einen Controller (Pro/PS4/X1) gespielt werden.


    Das nur am Rande

  • Raffael

    SAP Guru

    Definitiv für die Wunschliste... zu einem geringeren Kaufpreis.

  • Darklink666

    Turmheld

    Sehr gut gelungenes Metroidvania mit fantastischer Atmosphäre. Ich hoffe, dass das noch retail erscheinen wird.

  • Ich-bin-dann-mal-weg

    Der Test klingt echt super. Damit landet das Spiel auf meiner Wunschliste :)


    Danke für den Test!

  • Ninjasexparty

    Turmbaron

    Ich warte auch erstmal ob es noch Retail erscheint, bevor ich es sonst wieder zweimal kaufe.
    Ansonsten in ein paar Monaten mal im Sale mitnehmen.

  • Dr.Stachelrochen420

    Indica < Sativa

    @EdenGazier danke für die Info. Habe das Abo aber schon wieder gekündigt bei AA. Interessiert mich dennoch trotzdem: kann man den Pro Controller einfach so ohne weiteres mit dem IPhone koppeln?

  • Raffael

    SAP Guru

    @Dr.Stachelrochen420 Nein, der Nintendo Pro Controller lässt sich nicht mit iOS Geräten koppeln, dagegen funktionieren die PS4 und XB1 Controller ausgezeichnet.

  • Dr.Stachelrochen420

    Indica < Sativa

    Ah ok, habe ich auch beides nicht. Danke für die Info