Vier Fäuste für eine tolle Fortsetzung

Fans der Originale haben 26 Jahre auf diese Fortsetzung gewartet. Am 30. April ist, unter Federführung des französischen Entwicklerstudios DotEmu, Streets of Rage 4 erschienen. Der neueste Serienableger spielt 10 Jahre nach der endgültigen Niederlage von Mr. X, der mit seinem Kartell die Stadt Wood Oak City und die Polizei unter seine Kontrolle gebracht hatte. Die beiden Kinder von Mr. X, die Y-Geschwister, stellen diesmal die Gegenspieler unserer Heldengruppe, die aus insgesamt fünf Charakteren besteht, dar. Von diesen sind vier von Anfang an spielbar. Den fünften Kämpfer schaltet ihr im Verlauf der Handlung frei. Dazu zählen sowohl Charaktere aus der originalen Trilogie wie Axel Stone und Blaze Fielding als auch die zwei neuen Kämpfer Cherry Hunter, die Tochter des Fans ebenfalls bekannten Adam Hunter, und Floyd Iraia, der durch eine kybernetische Veränderung im wahrsten Sinne des Wortes Muskeln aus Stahl hat.


Die Geschichte um den Kampf gegen die Y-Geschwister ist vorhersehbar, aber charmant inszeniert. © SEGA / DotEmu

Sehr viel mehr gibt es zu den Protagonisten und der Geschichte auch nicht zu sagen. Streets of Rage 4 bemüht sich nicht, das Rad neu zu erfinden. Die Charaktere, ihre Motivation und die behandelten Themen sind allesamt auf den ersten Blick ersichtlich und weisen keine weltbewegenden Wendungen auf. Axel Stone gibt beispielsweise den abgekämpften Ex-Polizisten, der aus dem frühzeitigen Ruhestand zurückkehrt, um die Straßen vom Verbrecherkartell der Y-Geschwister zu befreien. Was dem Titel als Schwäche ausgelegt werden könnte, wirkt beim Spielen selbst aber als eine charmante Hommage an die Pop-Kultur der 90er Jahre. Dazu tragen auch die detailreich gestalteten Level bei. Im Story-Modus kämpft ihr euch durch insgesamt 12 abwechslungsreiche Abschnitte, die von einem heruntergekommenen Viertel über ein Polizeirevier bis zu einer Kunstgalerie reichen.


Das Herzstück des Spiels ist zweifellos die Kampfmechanik, die einfach zu erlernen und schwer zu meistern ist. Im Wesentlichen ist die Steuerung für alle Charaktere gleich: mit dem Joy-Stick oder wahlweise dem Steuerkreuz steuert ihr eure Spielfigur durch die einzelnen Levels. Für den Angriff stehen euch zwei Optionen zur Verfügung. Auf der Y-Taste liegt vorkonfiguriert der Standardangriff, mit dem ihr schlagen oder treten könnt. Die X-Taste setzt einen Spezialangriff frei, der auf die einzelnen Charaktere zugeschnitten ist. Bei Axel werden die Schläge beispielsweise zu Feuerschlägen, die zwar deutlich mehr Schaden verursachen, aber – und darin liegt eine wichtige Einschränkung – eurem eigenen Charakter Lebenspunkte abziehen. Diese könnt ihr zwar regenerieren, indem ihr innerhalb eines Zeitfensters danach Gegner besiegt, trotzdem gilt es, beim Spielen Standard- und Spezialangriffe sinnvoll zu kombinieren, um gleichzeitig effektiv zu kämpfen und den eigenen Charakter am Leben zu halten.


Die verschiedenen Gegnertypen bieten euch eigene Herausforderungen. Bei diesen Polizisten müsst ihr beispielsweise erst den Schild zerschlagen, bevor ihr ihnen Schaden zufügen könnt. © SEGA / DotEmu

"Am Leben zu halten" ist dabei das richtige Sprichwort, denn Streets of Rage 4 ist ein anspruchsvolles Spiel. Schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad, der nur der zweithöchste von insgesamt fünf möglichen ist, könnt ihr schnell scheitern, wenn ihr Gegnern nicht ausweicht oder versucht, Gruppen durch gezielten Einsatz eurer Fähigkeiten auszuschalten, bevor sie euch umzingeln können. Eure Gegner selbst haben euch gegenüber nämlich einige Vorteile. Zum einen sind sie oft bewaffnet, und wird man von einem bewaffneten Gegner getroffen, fällt man zu Boden und muss sich danach erst wieder freikämpfen. Darüber hinaus können einige eurer Gegner Angriffe abwehren, was euch in dieser Form nicht möglich ist. Lediglich durch eine Bewegung in die Tiefe könnt ihr gegnerische Angriffe umgehen. Streets of Rage 4 bleibt hier der klassischen Vorlage treu: Man kann nur zuschlagen und getroffen werden, wenn man sich auf der gleichen Höhe wie der Gegner befindet.


Gerade bei der Wahl der Strategie für die Kämpfe bieten euch die verfügbaren Charaktere viel Abwechslung. Axel ist dabei noch am ehesten als Standardcharakter anzusehen, der eine vergleichsweise ausgewogene Kombination aus Geschwindigkeit und Stärke bietet. Blaze ist schneller als Axel, hält dafür aber weniger aus und ihre Angriffe sind etwas schwächer. Cherry und Floyd decken in gewisser Hinsicht die Extreme der möglichen Optionen ab. Cherry ist sehr schnell und kann als einziger Charakter über längere Stecken rennen, während Floyd langsam, aber sehr stark ist. Darüber hinaus kann er mit seinen Roboterarmen Gegner an sich heranziehen, was es ihm erlaubt, weit entfernte Gegner zu attackieren. Die verschiedenen Figuren und ihre Kampfstile kennenzulernen und zu meistern, ist ein wesentlicher Motivationsfaktor von Streets of Rage 4.


Abseits der Kämpfe bieten sich euch auch Möglichkeiten, kleinere Geheimnisse zu entdecken und neue Modelle für eure Charaktere freizuschalten. Dafür müsst ihr im Verlauf des Spiels eine gewisse Punktzahl erreichen. Besagte Punkte richten sich nach dem Schwierigkeitsgrad, der Anzahl von verbrauchten Leben und danach, wie lange am Stück ihr Gegner treffen könnt, ohne selbst getroffen und damit in eurer Parade unterbrochen zu werden. Dadurch könnt ihr beispielsweise das 8-Bit-Modell von Axel Stone freischalten, das nicht nur anders aussieht als die moderne Variante, sondern auch eigene Zusatzfähigkeiten aus den älteren Titeln mitbringt.


Zu zweit prügelt es sich gleich viel besser. © SEGA / DotEmu

Neben der Kampagne, in der ihr die Y-Geschwister jagt, stehen euch noch mehrere andere Spielmodi zur Verfügung. So könnt ihr beispielsweise nach dem erstmaligen Freischalten auch einzelne Stages auswählen oder euer Können im Arcade-Modus beweisen, in dem euer Fortschritt in der Kampagne zwischen den einzelnen Missionen nicht gespeichert wird. Darüber hinaus gibt es noch den Modus „Boss-Ansturm“, in dem ihr euch den einzelnen Bossen aus dem Verlauf der Geschichte hintereinander stellen müsst. Im Modus „Kampf“ könnt ihr gegen die anderen Spielcharaktere antreten, was Titeln im Stil der Street Fighter-Reihe ähnelt. Alle diese unterschiedlichen Modi könnt ihr – lokal oder online – mit einem Mitspieler bestreiten, was euch an dieser Stelle auch sehr ans Herz gelegt sei. Wie schon die originale Trilogie, profitiert Streets of Rage 4 ungemein von seinem Mehrspieler-Aspekt. Sich mit einem Freund durch die unterschiedlichen Level zu prügeln macht sehr viel Spaß und sorgt für andauernde Motivation in den kniffligeren Passagen.


Bei den vielen verschiedenen Modi kann man auch über die relativ kurze Spielzeit von knapp drei Stunden für die Kampagne hinwegsehen, auch wenn reine Einzelspieler sich wohl über eine längere Kampagne gefreut hätten. Neben der relativ kurzen Spielzeit ist in der Gestaltung des Spiels vor allem ärgerlich, dass sich die verschiedenen Gegnermodelle und Bosse vor allem im letzten Spieldrittel häufig wiederholen, was gerade angesichts der wenigen Level ärgerlich ist. Ansonsten leistest sich Streets of Rage 4 aber keine größeren spielerischen Schwächen.


Fans der Klassiker können mit 8- und 16-Bit-Modellen und den entsprechenden Filtern in Erinnerungen schwelgen. © SEGA / DotEmu

Technisch kann Streets of Rage 4 auf ganzer Linie überzeugen. Die handgezeichnete Grafik ist wunderschön gestaltet und als eine würdige Weiterentwicklung der klassischen Pixel-Optik zu sehen. Die Controller-Eingaben sind absolut präzise und der Rumble-Effekt wird stimmig genutzt, um den Schlägen ein Gefühl der Wucht zu verleihen. Für Fans der klassischen Trilogie gibt es einige Anpassungsmöglichkeiten wie RTC-Filter, um das alte Spielgefühl noch mehr aufleben zu lassen. Das ist vor allem beim fantastischen Soundtrack anzumerken. Ihr könnt zwischen dem Retro-Sound der SEGA Mega Drive-Teile und einer komplett neu zusammengestellten musikalischen Untermalung wählen, die sich zwar am Original aus den 90ern orientiert, aber auch eigene Akzente setzt. Persönlich hat mir der Retro-Soundtrack etwas besser gefallen, aber egal, für welchen der beiden Stile ihr euch entscheidet, die Begleitrhythmen runden das Spielerlebnis wunderbar ab und tragen ungemein zur Atmosphäre bei. Das Spiel läuft auf der Nintendo Switch absolut flüssig, Bugs oder andere Fehler sind mir nicht aufgefallen. Die Ladezeiten sind kurz und die Navigation durch die Menüs geht schnell von der Hand. Lediglich beim Online-Mehrspielertest sind einige Ruckler negativ aufgefallen, die den Spielspaß aber insgesamt nicht stark getrübt haben.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Adis Selimi

Streets of Rage 4 ist genau die Fortsetzung, die sich Fans der Serie gewünscht haben. Die bewährte Spielmechanik der Vorgänger wird in einem neuen technischen Gerüst präsentiert und kann heute immer noch voll überzeugen. Die Neuinterpretation des Grafikstils im Comik-Look ist gelungen und wird durch den fantastischen Soundtrack abgerundet. Vor allem im Mehrspieler-Modus macht der Titel ungemein Spaß. Für Nostalgiker gibt es zudem verschiedene Anpassungsmöglichkeiten, um das klassische Spielgefühl nachzustellen. Lediglich die relativ kurze Spielzeit und die Tatsache, dass sich im letzten Drittel der Kampagne einige Bosskämpfe in leicht modifizierter Form wiederholen, trüben den Eindruck etwas. Trotz dieser kleineren Einschränkungen ist Streets of Rage 4 ein fantastisches Spiel, das sowohl Kenner der Serie als auch Neulinge überzeugen wird. Man sollte nur nicht erwarten, dass das Rad hier neu erfunden wird. Der Titel ist – im besten Sinne des Wortes – klassisch gehalten.
Mein persönliches Highlight: Der fantastische Retro-Soundtrack.

Awards

Spiele-Hit Multiplayer-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

10 User haben bereits bewertet

Kommentare 17

  • Caramarc

    Turmbaron

    Das hätte so in die Hose gehen können, bin total glücklich, dass es den Sprung in die Neuzeit so gut geschafft hat. Ich überlege noch, ob ich auf eine Retailversion warten soll.

  • TheLightningYu

    Grim Dawn'er

    Guter Test. Sehe ich genauso, war auch begeistert von als ich es am WE kurz über Gamepass getestet habe. Endlich mal wieder ein Spiel dieser Art das für mich mit Dragons Crown konkurriert. Gab auch noch andere lustige Spiele wie Bud Spencer, Castle Crasher oder Scott Pilgrimm, aber Streets of Rage geht immer =D

  • Kugelwilli

    Turmbaron

    @Caramarc
    Die Retailversion gibt es aktuell noch bei Limted Run Games zu kaufen. Allzu lange würde ich nicht mehr warten ;)

  • Kaiman

    Turmritter

    @Caramarc Eine Retail Version gibt es bei Limited Run Games.

  • Shoryuken

    Turmritter

    Schöner Test!


    Ich bin ebenfalls sehr begeistert von dem Spiel und dabei konnte ich es noch nicht im Multiplayer testen, wo ja bekanntermaßen das Herzstück liegt!


    Habe das Spiel jetzt mit zwei unterschiedlichen Charakteren durchgespielt (Axel & Adam) und dadurch, dass sich die Charaktere so unterschiedlich spielen war es beide Male ein neues Erlebnis.


    Wirklich ein mega-guter Titel - Fans des Genres müssen zugreifen! :thumbup:

  • Palatinum

    Turmknappe

    Es wird auch eine Retail von Merge Games geben! Also nicht voreilig bei LimitedRun bestellen:


    reddit-Beitrag

  • arminius73

    Turmbaron

    Danke für den Test. Das macht die Wartezeit auf die Retailversion von Limited Run allerdings auch nicht besser. :( Ich rechne nicht vor Juli/ August damit.

  • Shulk meets 9S

    Meister des Turms

    Nice, wenn schon multiplayer coop, dann sowas :thumbup:

  • Fabinho84

    Turmbaron

    Gerade eben im Gamepass im Multiplayer die Story durchgespielt .

  • Rikibu

    Turmheld

    Das Spiel ist eine Offenbarung... aber mobil auf Stecknadelköpfen der Joycons ists schon ne Tortur sondergleichen... spielt sich mit diesen Controllern einfach schlechter als es sein müsste...

  • megasega2

    Turmbaron

    Für mich bisher das GOTY. Und ja, noch vor Animal Crossing. Da ich erst vor einer Woche auch Shenmue 3 durchgespielt habe, wird das wohl ein Sega-lastiges Jahr, auch wenn Sega bei beiden Spielen eher nicht wirklich beteiligt war. SOR 4 ist für mich das Parade-Beispiel, wie man einen Klassiker in die Neuzeit holt. Ich hoffe, die dürfen jetzt auch Golden Axe, Shinobi und Soleil fortsetzen ;)

  • Shurican

    Turmheld

    Kann man das online im coop mit randoms spielen?

  • Shoryuken

    Turmritter

    @Shurican So weit ich weiß - Ja! Allerdings soll es da zu gelegentlichen Rucklern kommen ...

  • Darklink666

    Turmheld

    Ich hoffe ja, dass das Spiel auch in Europa veröffentlicht wird. Bei LR werd ich's mir nicht kaufen!

  • Mayhem89

    Turmritter

    @Palatinum


    Vielen dank für die Info nervt mich jedes mal wenn ich limited run und Konsorten lesen muss . Return of the ninja Warriors und jetzt Streets of rage 4. Hätte nie gedacht das in dem genre nochmal so geiles futter kommt nach den 90er ^^

  • Caramarc

    Turmbaron

    @Kugelwilli
    @Kaiman
    Danke für den Hinweis. Die Classic Edition ist ja mega (im doppelten Sinne). Müsste dann aber im anderen Regal stehen ;)

  • mr.raw

    Coffeebrewer

    Ich hatte ein paar mal feuchte Augen so viel Freude hatte ich beim spielen. Auch die versteckten Easter Eggs sind grandios. Verwendet mal den Teaser bei den BareKnuckle Automaten in den Levels ^^
    Perfekte Fortsetzung. So macht es richtig Spass!