Ein Genremix mit Höhen und Tiefen

In der Geschichte der Videospiele gab es schon so die eine oder andere Vermählung zweier Genres, die augenscheinlich nicht so ganz zusammenpassen wollen. Man denke dabei zum Beispiel an Titel wie SteamWorld Quest oder Slay the Spire, die rundenbasierte Kämpfe mit einer Sammelkartenmechanik verbinden oder auch Valkyria Chronicles, dass Rundenstrategie mit der Möglichkeit verbindet, Figuren direkt aus der Third-Person-Perspektive zu steuern. Und so würde man sicher auch nicht einen Platformer mit einem RPG-Kampfsystem in Verbindung bringen, oder? Genau diese Mischung erwartet euch jedoch in Indivisible. Ob diese wilde Ehe spielerisch aufgehen kann, soll euch im Folgenden näher erläutert werden.


Die Dialoge variieren von wirklich gut gelungen bis hin zu peinlichem Slapstick. © 505 Games

Indivisible beginnt gleich mit einem Paukenschlag. Nach einem gut inszenierten Intro im Anime-Stil werdet ihr sofort mitten ins Geschehen geworfen. Ihr steuert einen vierköpfigen Trupp unbekannter Helden, die einer riesigen Bestie gegenüberstehen und einen schier aussichtslosen Kampf ausfechten. Dies dient gleichzeitig als eine erste Einführung in das Gameplay, woraufhin jedoch ein Zeitsprung geschieht und ihr mit der eigentlichen Protagonistin Ajna bekannt gemacht werdet. Diese lebt in einem kleinen idyllischen Dorf zusammen mit ihrem Vater, der sie im Kampf ausbildet. Natürlich wird der Frieden gestört, eine unbekannte Streitmacht greift die Heimat der Heldin an und setzt alles in Flammen. Euer Vater verliert bei der Verteidigung des Dorfes sein Leben. Bis hierhin wurde sich perfekt am Lexikon der generischen Storyeinstiege orientiert, doch zum Glück gelingt dem Spiel dann doch noch ein kleiner Twist. Gerade als sich Ajna mit dem Mörder ihres Vaters duelliert und dabei ist, ihn zu bezwingen, verschwindet dieser und taucht plötzlich als Stimme in ihrem Kopf auf. Wie es scheint, hat das junge Mädchen die Gabe, Menschen in ihre Gedanken aufzunehmen, wo sie in einer Art inneren Welt existieren und jederzeit zu ihrer Unterstützung herbeigerufen werden können. Von hier an wird die Handlung leider wieder recht generisch: Ajna schwört Rache für den Tod ihres Vaters und zieht hinaus, um sich dem bösen Anführer zu stellen. Dass dabei letztendlich alles etwas anders kommt, liegt natürlich auch auf der Hand.


Ihr seht schon, Indivisible glänzt nicht mit einer sonderlich tief greifenden Story und auch wenn die Handlung im Laufe des Spiels letztendlich doch etwas an Tiefe gewinnt, bleibt vieles vorhersehbar und erreicht niemals erzählerische Höhepunkte. Selbiges gilt zum Glück nur teilweise für Ajnas Begleiter, die sich ihr mit der Zeit anschließen. Vom besagten Mörder ihres Vaters, über eine etwas suizidal gefährdete Schamanin, die mit ihrem toten Tiger spricht, bis hin zu einem Geschwisterpaar, dass sich der Verteidigung eines heiligen Landes verschrieben hat. So kommen einige skurrile und schräge Charaktere zutage, die sich mal mehr, mal weniger von den üblichen Stereotypen abheben. Das zeigt sich noch am ehesten in den unterschiedlichen Dialogen, wenn sich eure Verbündeten aus Ajnas Kopf melden, um mit ihr zu kommunizieren – in den besten Momenten entstehen dadurch tatsächlich recht interessante Dialoge, in den schlechtesten artet das Ganze in fast schon unerträglichen Slapstick aus.


Nein, wir hängen hier nicht einfach nur ein bisschen rum, sondern katapultieren uns gleich in die Höhe. © 505 Games

Wie eingangs bereits erwähnt, wagt der Entwickler Lab Zero Games mit diesem Titel einen Genremix, der nicht ganz üblich ist. Denn wenn ihr nicht gerade am Kämpfen seid, steuert ihr Ajna in ganz typischer Platformer-Manier. Ihr bewegt sie in einer 2D-Landschaft umher, überwindet diverse Hindernisse, klettert Wände hinauf und versucht euch an kniffligen Sprungeinlagen. Dabei erlernt ihr im Laufe der Handlung stets neue Techniken, die Ajnas Repertoire an Bewegungsmöglichkeiten erweitern und euch damit gleichzeitig vor neue Herausforderungen stellen. So erhält das vorlaute Mädchen irgendwann eine Axt, mit der sie sich an Wänden festhalten kann, um sich so etwas weiter nach oben zu hieven und anschließend einen weiteren Wandsprung auszuführen. Habt ihr einmal den Bogen heraus, könnt ihr weit entfernte Schalter betätigen und so weiter. Die Schwierigkeitskurve steigt hierbei angenehm an und ihr werdet Schritt für Schritt an die neuen Fertigkeiten herangeführt. Leider fühlen sich die einzelnen Level mitunter etwas gestreckt an, so kommt es vor, dass man immer wieder durch längere, sich wiederholende Korridore oder Areale rennt, ohne dass etwas passiert. Zum Glück ist das jedoch nicht allzu häufig der Fall, ein waches Auge lohnt sich trotzdem. Denn es gilt auch verschiedene, in der Spielwelt verteilte, Edelsteine zu finden, mit deren Hilfe ihr entweder die maximale Anzahl an Angriffen oder die Verteidigung eurer Charaktere erhöhen könnt.


All das ändert sich in dem Moment, an dem ihr einen der vielen Gegner, die in der Welt herumlaufen, berührt oder aktiv angreift. Dann schwenkt das Spiel in eine Kampf-Perspektive um, wie man sie aus gängigen RPGs kennt und eure gesamte Gruppe (ihr könnt neben Ajna zusätzlich drei Verbündete ins Feld führen) wird herbei beschworen. Statt einem Platformer kämpft ihr jetzt in einer Art Semi-Rundenkampf gegen eure Kontrahenten. Semi deswegen, weil eure Charaktere ihre Aktionen nicht strikt nacheinander abhandeln, sondern immer dann, wenn sich eine ihrer Attacken aufgefüllt hat. Das kann dann schon einmal dazu führen, dass zwei eurer Helden gleichzeitig zuschlagen dürfen, was im Übrigen auch für eure Gegner gilt. Jeder Charakter verfügt dabei über individuelle Fertigkeiten und Angriffsarten. So kann Ajna zum Beispiel mit ihrer Axt schweren Schaden zufügen oder mit dem Bogen auch fliegende Ungetüme angreifen. Dhar hingegen ist der typische Nahkämpfer, der seine Angriffe aufladen und dann mit enormer Stärke zuschlagen kann, während Kushi zwischen zwei Angriffmodi hin- und herschalten kann, bei denen sie entweder aus der Luft oder vom Boden aus angreifen kann.


Im dynamischen Kampf können auch mehrere Charaktere gleichzeitig angreifen. © 505 Games

Mit über zwanzig freischaltbaren Charakteren, von denen ihr manche automatisch im Laufe der Geschichte trefft und andere wiederum erst finden müsst, bietet sich euch eine ziemlich breit aufgestellte, taktische Vielfalt, aus der ihr euren eigenen Spielstil zusammenstellen könnt. Ihr wollt eher auf Nummer sicher gehen und mehr Untertsützer und Heiler mit in die Schlacht führen? kein Problem? Ihr wollt die Statuswerte eurer Gegner möglichst niedrig halten, damit eure Nahkämpfer deutlich mehr Schaden austeilen und kaum Treffer einstecken? Auch das ist möglich. Was jedoch für eure Gruppe gilt, trifft natürlich auch für eure Gegner zu und so kann es auch passieren, dass mehrere Feinde gleichzeitig angreifen. In solchen Fällen heißt es, schnell zu reagieren, denn jeder Charakter kann aktiv blocken und so den eingehenden Schaden reduzieren – gelingt es euch, kurz vor dem eigentlichen Treffer die Block-Taste zu drücken, werden euch sogar noch weniger Trefferpunkte abgezogen. Alternativ könnt ihr auch für die gesamte Gruppe blocken, was dann jedoch dazu führt, dass eure Angriffe sich währenddessen nicht aufladen. Jedes Mal, wenn ihr Schaden austeilt, lädt sich zudem eine Leiste am oberen Bildschirmrand auf – ist diese gefüllt, könnt ihr mächtige Fertigkeiten auslösen. So kann Ajna zum Beispiel ihre gefallenen Mitstreiter wieder zum Leben erwecken oder ihr könnt mehrere Angriffe gleichzeitig ausführen.


Bis hierhin mag der Genremix, den Indivisible anstrebt, ganz verheißungsvoll klingen, doch leider sieht die Realität nicht ganz so rosig aus. Das liegt daran, dass in beiden Genre-Bereichen einige Macken auftauchen, die den Spielspaß ungemein trüben. Fangen wir mit dem Platformer-Teil an: Das größte Problem des Titels ist hierbei größtenteils ein technisches. Denn ich hatte des Öfteren das Gefühl, dass Eingaben meinerseits mit einer gewissen Verzögerung daherkommen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bildrate immer wieder einzuknicken schien und das Spiel sich dadurch anfühlte, als würde es leicht „nachziehen“. Das ist gerade während der Passagen, in denen man ziemlich präzise springen und schnell sein muss (und von denen gibt es einige), mehr als ärgerlich und hat mir bereits den einen oder anderen Fluch von den Lippen gelöst. Die Tatsache, dass dann gerade Standard-Mechaniken wie der Wandsprung auch nicht immer perfekt reagieren, setzt dem Ganzen die Krone auf. Das ist insofern schade, weil die jeweiligen Platformer-Passagen tatsächlich recht anspruchsvoll werden und eine gute Herausforderung darstellen. Hier bleibt nur zu hoffen, dass der Entwickler mit einem Patch für eine bessere Leistung und Bildrate sorgt.


Die Platformer-Einlagen sind allesamt recht herausfordernd, kranken aber an einer unsauberen Performance. © 505 Games

Leider können auch die Kämpfe nicht durch die Bank weg überzeugen. Die Tatsache, dass hier auf ein strikt zugbasiertes Kampfsystem verzichtet wurde, schadet dem Spiel mehr, als dass es eine vermeintliche Dynamik mit einbringt. Denn gerade wenn mehrere Gegner gleichzeitig auf dem Schirm sind, arten die Kämpfe häufig in absolutes Chaos aus und eure Reflexe in Bezug auf das Blocken sind in diesem Moment gefragt. Das gipfelt letztendlich darin, dass ihr in der Hektik schnell abrufen müsst, welcher Charakter mit welchem Knopf blocken kann. Doch selbst wenn eure Verteidigung tadellos ist, kann es gut und gerne passieren, dass gerade eure eher schwachbrüstigen Charakte von zwei oder mehr Gegnern gleichzeitig aufs Korn genommen werden und dann unweigerlich ihr Leben lassen müssen. So kommt es auch zu der teils skurrilen Situation, dass manche Bossgegner um Welten einfacher zu bezwingen sind als einfache Standardgegner, die dann allerdings in Gruppen auftreten. Da hilft auch nicht die Tatsache, dass ihr das Kampfgeschehen per Knopfdruck verlangsamen könnt, denn dann vergeht teils zuviel Zeit, ehe etwas passiert. Schafft ihr es also nicht, den richtigen Moment abzupassen, ist auch diese Funktion nicht wirklich hilfreich.


Der Grafikstil von Indivisible weiß mit seinen 2D-Kulissen durchaus zu gefallen und auch wenn euch hier kein Grafikmonster erwartet, bestechen die Landschaften mit vielen kleinen Details, die dem Spiel Leben einhauchen. Die Charaktermodelle fallen vor allem während der Kämpfe recht liebevoll und detailliert auf und man merkt dem Spiel durchaus an, dass es von den Entwicklern von Skullgirls stammt, denn die Ähnlichkeiten in Sachen Grafikstil lassen sich nicht leugnen. Ajna wurde während der Dialoge vollkommen vertont und die Sprecherin macht einen mehr als guten Job. Man möchte ihr die rotzige Göre, die sie anfangs darstellt, sofort abkaufen. Die übrigen Synchronsprecher liefern ebenfalls eine solide Arbeit ab und die Dialoge profitieren auch von der gelungenen Synchronisierung. Für all diejenigen, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, wurden alle Texte ins Deutsche übersetzt.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Florian McHugh

Indivisible kommt mit einem vielversprechenden Grundkonzept daher und verbindet das Platformer- mit dem Rollenspiel-Genre. Herausfordernde Sprungeinlagen und ein dynamisches Kampfsystem klingen im ersten Moment wie zwei Elemente, die sich perfekt verbinden lassen, doch leider krankt der Titel genau hier. Während der Platformer-Part mit einer unsauberen Performance und einer etwas hakeligen Steuerung zu kämpfen hat, kranken die Kämpfe an der aufkommenden Hektik, sobald sich mehr als zwei Gegner auf dem Bildschirm befinden. Macht Indivisible nun alles verkehrt? Mitnichten! Denn trotz allem offenbaren die Kämpfe immer noch eine ziemliche taktische Tiefe und viele Möglichkeiten, die Scharmützel ganz nach euren spielerischen Vorlieben zu gestalten. Und die Platformer-Einlagen sind, wie bereits erwähnt, herausfordernd und nicht nur frustrierend. Wer etwas Geduld und Frusttoleranz mitbringt, der wird trotz allem seinen Spaß haben und kann sich an den teils skurrilen und gut vertonten Charakteren erfreuen.
Mein persönliches Highlight: Ajna und ihre Entwicklung im Laufe des Spiels

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 9

  • Shulk meets 9S

    Meister des Turms

    Zum Glück den test abgewartet, sah damals bei der ersten Enthüllung viel besser aus als was dann kam.


    Rundenbasiert hätte mich auf Dauer bestimmt auch gestört

  • Tomaru

    M&M - Minish Mage

    Hmm... dann warte ich mal auf einen ordentlichen Sale :|

  • monkee

    Turmritter

    Danke für den Test! Ich war kurz davor es zukaufen, aber es sind doch ein paar Punkte dabei, die mich stören. Wie Hakurymon gesagt hat, warte ich auch auf einen ordentlichen Sale. ;)

  • TheSchlonz

    Turmheld

    Hatte das Game mal für ein paar Stunden via Gamepass auf dem PC gezockt und fand es bis dahin gar nicht so schlecht.

  • EdenGazier

    Prinzipal der Spiele

    Wenn ich die Heldin immer sehe muss ich immer Blue Water denken


    "Blue Water" heißt der Stein,
    viele woll'n ihn haben,
    doch sie sagt "Nein", immer wieder "Nein"


    "Blue Water" ist dabei,
    in einer Welt aus Zauberei,


    Oder sehe nur ich die Ähnlichkeit zu Nadja?


    übrigens Blue Water hat nen Auftritt in Super Robot Wars X ;)


    Das getestet Spiel hier ist schlechter als Super Neptunia. Das nach ein paar Patche nicht mehr ganz so laggy

  • Crimsmaster_3000

    Bastardo de Crimson

    Also ich habs im Gamepass durchgespielt, finde weder die Plattformer-Steuerung noch die Kämpfe iwie schlecht oder ungenau oder zu stressig... Muss man halt erst gewohnt werden aber dann is alles eigentlich ganz einfach... Und Story so wie Charaktere sind viel zu gut um das Spiel zu verpassen :awesome:


    Hätt es selbst mit einer 8-8.5 bewertet, also für alle die jetzt unentschlossen sind würd ich's entweder (bei Möglichkeit) im Gamepass testen oder noch ein paar Tests und Videos ansehen... und dann entscheiden


    Ich kann's nur empfehlen :mariov:

  • Florian McHugh

    Die Frühschicht

    @Crimsmaster_3000 Tatsächlich ist vor allem die Performance auf den anderen Plattformen deutlich besser, weswegen ich mir vorstellen kann, dass das Spiel da deutlich mehr Spaß macht.


    Ohne die Performance Probleme wäre es eine sichere 7.

  • Fabinho84

    Turmbaron

    Werde es auch im Gamepass spielen .Installiert ist es schon seit letzter Woche .Ist natürlich schade ,dass es auf der Switch Performance Probleme gibt.

  • Drizzt195

    Turmheld

    Habe es durch, und keine Probleme mit der Steuerung der Platform Passagen gehabt.

    Klar wenn man am Ende in jeder Richtung eine Aktion hat und je nach dem ob man a, b, x oder y drückt was anderes passiert muss man aufpassen was man drückt, aber nach jedem neuen Move 5min und dann hat man den auch verinnerlicht.


    Aber habe gelesen es soll ein neues Spiel +, und einen Coop Modus geben, wo sind die beiden Sachen???