Mit Karacho den Berg hinab

Die kühle Bergluft weht mir mit aller Kraft entgegen, während ich meinen Körper zur Seite neige und meine Hände die Bremsen meines Bikes durchdrücken. Meine zwei Reifen scheinen für einen Moment beinahe zu blockieren, da ziehe ich mein Fahrrad wuchtig um die Kurve und kaum stabilisiert sich meine Lage, trete ich mit aller Kraft in die Pedale. Ich nehme immer mehr an Geschwindigkeit auf, der Fahrtwind peitscht mir entgegen und für den Moment genieße ich dieses Gefühl der absoluten Freiheit und Geschwindigkeit … ehe ich mit meinem Vorderrad an einem Stein hängen bleibe und Kopf voran vom Fahrrad falle. Mein Körper schlägt auf, verdreht sich böse und das letzte, was ich mitbekomme, ist, wie ein kleiner Felsbrocken auf mich zurast. Es knackt, Blut spritzt und ich … seufze und wage einfach einen neuen Versuch, als ich wieder völlig unversehrt am letzten Checkpoint aufploppe. Diesmal werde ich es schaffen, ganz bestimmt!


So oder so ähnlich muss sich mein virtuelles Ich in Lonely Mountains: Downhill gefühlt haben, nachdem es mal wieder einen Unfall gebaut hat. Davor habe ich etliche Male die Kurve oder eine Absprungmöglichkeit falsch eingeschätzt, bin zu schnell einen Abstieg hinabgerast oder habe mir diverse Knochen bei einem der vielen Stürze gebrochen, weil die Strecke eine unerwartete Wendung genommen hat.


In einer harmonischen Umgebung rasen wir teils mit Affentempo unserem Ziel entgegen. © Thunderful

Anhand der bisherigen Beschreibungen könnt ihr bestimmt schon erahnen, was das grundlegende Spielprinzip von Lonely Mountains ist: Ihr verkörpert einen namenlosen Mountainbiker, dessen Ziel es ist, eine rasante Abfahrt von einem Berg aus zu überstehen, und damit das Ganze nicht zu einer gemütlichen Sonntags-Radtour verkommt, am besten auch möglichst schnell und ohne allzu häufig einen Unfall zu bauen. Dabei erwarten euch vier Berge, vom idyllischen Alpengebirge bis hin zu einem Gebirge, das auch an die Rocky-Mountains angelehnt sein könnte, die wiederum jeweils mehrere Strecken für euch bereithalten. Zu Beginn habt ihr stets das gleiche Ziel: Im Entdeckermodus sollt ihr die Strecke nämlich einmal von Anfang bis Ende abfahren, gänzlich ohne Zeit- oder Sturzlimit im Nacken. Erst danach könnt ihr Stück für Stück die weiteren Herausforderungsmodi freispielen, nach deren erfolgreichem Absolvieren letztendlich neue Strecken, Berge oder Fahrzeugteile winken. Letztere können dabei ab einer bestimmten Menge gegen neue Fahrräder eingetauscht werden, die sich auch spürbar voneinander unterscheiden, sei es nun in Sachen Geschwindigkeit oder auch dem Grip. Um jedoch im Spielverlauf weiter vorwärts zu kommen, müsst ihr zumindest die Beginner-Herausforderungen meistern. Diese funktionieren grundsätzlich immer nach dem gleichen Prinzip; ihr müsst entweder die Strecke innerhalb eines gewissen Zeitlimits meistern oder ihr dürft nicht häufiger als x-Mal stürzen. Während die Beginner-Herausforderungen bereits recht knackig ausfallen können, verlangt euch der Rest das letzte bisschen eures fahrerischen Könnens ab. Spätestens jetzt werdet ihr auch nicht darum herumkommen, mit den verschiedenen Bike-Typen zu experimentieren und auch deutlich häufiger fernab der eigentlichen Wege zu fahren, denn je nach Rad können sich euch so neue Wege und Abkürzungen offenbaren. Da ist es umso erfreulicher, dass ihr alle Berge und Strecken zumindest vergleichsweise einfach freischalten könnt. Davon ab gibt sich Lonely Mountains aber minimalistisch und bietet euch keine weiteren Spielmodi oder gar einen Multiplayer-Modus. Das muss es aber auch nicht, denn der Titel macht in seiner Kompaktheit enormen Spaß, vorausgesetzt natürlich, dass euch das Freischalten neuer Strecken und Fahrräder sowie die Jagd nach der Bestzeit motivieren kann. Dass das Spiel euch für einige Zeit an die Nintendo Switch fesseln dürfte, liegt nicht zuletzt am Handling eures Bikes.


Hand aufs Herz: Ich bin in meinem Leben noch kein Mountainbike gefahren und ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, wenn man mit Volltempo Offroad einen Berg hinunterbrettert aber Downhill gibt mir zumindest das Gefühl, dass es sich genau so anfühlen könnte. Euer Bike reagiert ziemlich direkt auf die jeweiligen Eingaben und verhält sich auch die meiste Zeit nachvollziehbar. Ich hatte zwar den einen oder anderen Moment, als ich buchstäblich aus dem Stand heraus gegen einen Stein gerollt und dann gestürzt bin, doch war das deutlich die Ausnahme als die Regel. Und wenn man sich erst einmal mit der anfangs ungewohnten Steuerung und der Iso-Perspektive vertraut gemacht hat, ist es umso befriedigender, wenn man just aus einer Kurve heraus eine Gerade hinunterschießt und knapp verhindert, dass einem das Rad unter dem Hintern wegrutscht. Die realistische Physik tut dabei ihr Übriges, um die Abfahrt für euch möglichst motivierend zu gestalten. Und selbst wenn ihr euch einmal verschätzt haben solltet, zu schnell wart oder einfach nur einen Moment der absoluten Unachtsamkeit erlebt, dann ist das noch lange kein Weltuntergang: Einen Knopfdruck später startet ihr nämlich an einem der vielen Checkpoints, die, mit einem Abstand von etwa 10 bis 20 Sekunden, alle insgesamt fair verteilt sind und nur auf den späteren und deutlich herausfordernden Strecken etwas rar gesät sein können. Dazu kommt noch der etwas morbide Zusatzfaktor, dass eure Stürze durch die simple Grafik zwar erstaunlich realistisch dargestellt werden, Verrenkungen und Blut inklusive, jedoch niemals wirklich brutal erscheinen. Und es ist auch recht interessant, auf welch vielfache Weise der virtuelle Biker so alles umkommen kann. Sei es, dass man nach einem Sprung zu hart aufkommt, von einer Klippe stürzt, gegen einen Baum rast oder an einem Stein hängen bleibt und mehrere Meter eine Felswand runterrutscht – euer Ableben wird euch auf eine recht nüchterne Art präsentiert. Mir persönlich kam der Vergleich mit den Crashtest-Dummy, die bei Auto-Tests verwendet werden, in den Sinn.


Jetzt bloß nicht den Lenker verreißen. © Thunderful

Ein weiterer Faktor, der ebenfalls viel dazu beiträgt, dass das Gesamtbild des Titels in sich stimmig erscheint, ist der bereits erwähnte schlichte und klobige Grafikstil. Durch seine Simplizität entstehen teils wunderschön anmutende Umgebungen, die in Bewegung noch einmal viel intensiver wirken und schöner aussehen als auf den Screenshots. Das sorgte vor allem bei den Erkundungstouren der einzelnen Strecken dafür, dass ich meine Fahrt mitunter bewusst entschleunigte, nur um die Umgebung auf mich wirken zu lassen. So gehört Lonely Mountains: Downhill tatsächlich zu einem Spiel, auf das das Motto „Weniger ist mehr“ deutlich zutrifft. Und ironischerweise trägt auch die vollständige Abstinenz jeglicher Musik viel zur tollen Atmosphäre bei, denn die Umgebungsgeräusche und die Laute eures Bikes hinterlassen so einen viel besseren Eindruck als es jeder Musiktrack hätte tun können.


Im Vergleich zu den Versionen auf dem PC oder den anderen Konsolen, hat die Nintendo Switch-Version mit einer etwas abgespeckten Grafik zu kämpfen, gerade was die Weitsicht angeht. Das Terrain, das sich etwas entfernt von eurer Position befindet, wird verschwommen angezeigt, was ich anfangs jedoch für beabsichtigt hielt, denn es würde eigentlich zum Gesamtbild beitragen. Zudem kann es mitunter dazu kommen, dass die Performance an einigen Stellen leicht in die Knie geht und so die eine oder Angabe etwas verzögert ankommt. Das war während meines Testzeitraum allerdings eher die Seltenheit und dementsprechend kam es dahingehend kaum zu Beeinträchtigungen. Das Spiel wurde zudem komplett lokalisiert, alle Texte sind also in deutscher Sprache.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Florian McHugh

Bei Lonely Mountains: Downhill handelt es sich um ein eher kurzweiliges, aber ziemlich motivierendes Spiel. Dank einer realistischen Fahrphysik, einer simplen, aber in sich stimmigen Grafik und einem angenehmen Schwierigkeitsgrad, war ich stets motiviert, mein Ziel so schnell es geht zu erreichen. Die Möglichkeit, verschiedene Fahrräder freizuschalten, die sich allesamt auch spürbar unterschiedlich fahren, gibt einem auch genügend Gründe, die verschiedenen Herausforderungen im Spiel anzugehen. Grafisch muss die Nintendo Switch-Version ein paar Abstriche machen und auch die Leistung leidet unter dem ein oder anderen gelegentlichen Einbruch, jedoch hat das meinem Spielspaß keinen Abbruch getan. Wer nach einer kurzweiligen Unterhaltung in dem Genre sucht, der wird seine Freude mit Lonely Mountains haben.
Mein persönliches Highlight: Das gut nachvollziehbare Handling und die realistische Fahrphysik.

Meinung von Ilja Rodstein

Durch die steile Lernkurve, die bei jeder Strecke von Lonely Mountains: Downhill durchlaufen wird, ist das Fahren jedes Mal ein neues Erlebnis. Dafür sorgt allerdings auch die angenehme Umsetzung, denn das Spiel wirkt vom Menü, den atmosphärischen Naturgeräuschen, der angenehmen Physik bis zu den fantastisch designten Strecken, die sich auch wie aus einem Guss entwickelt ineinander überkreuzen. Das Berliner Indie-Studio Megagon Industries hat hier viel Zeit reingesteckt und es hat sich gelohnt. Falls ihr Fans von Trial & Error-Spielen mit einer steilen Lernkurve seid, dann führt für euch wohl kein Weg an diesem Spiel vorbei.
Mein persönliches Highlight: Dieser Moment, wenn ein Fehler zur Abkürzung wird.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

6 User haben bereits bewertet

Kommentare 15

  • Taneriiim

    Meister des Turms

    Schade, hätte erwartet, dass ein Indiespiel des Jahres gleichwertig auf DER Indieplattform überhaupt (nämlich der Switch) aussieht und läuft.

  • Muki

    Turmbaron

    @Taneriiim


    Lieblos portiert, da kenn ich noch andere titel. Bei der grafik noch abstriche zuhaben ist schon ne echte nummer.


    Manche Ports empfinde ich da schon echt wie ein Mittelfinger oder ins Gesicht spucken uns switchspielern gegenüber.

  • nintendopower

    Turmheld

    Das Spiel sieht für ein Switch Spiel top aus .
    Mund die Grafik ist echt super. Und extrem detailliert die Optik ist ja extra so gewählt und steckt voller Liebe zum Detail . Eines der hübscheren Switch Games

  • Darksamus666

    Wall-Jump-Akrobat

    Ich weiß nicht, was die Leute haben. Bei mir läufts flüssig und sieht gut aus.

  • AnimalM

    Turmbaron

    Kann es gar nicht erwarten, endlich die Switch zu haben und mir das Spiel draufzuziehen. Habe mir gerade einen längeren Artikel über das kleine Studio und die Entwicklung des Spiels durchgelesen. Habe da immer wieder Respekt, was so wenige Leute mit so wenigen Mitteln realisiert bekommen. Da nehm ich auch gerne eine etwas schwächere Grafik in Kauf. :thumbup:

  • Rainer Hohn

    Während andere Studios mal eben so Witcher 3 ganz gut auf der Switch zum laufen kriegen scheitert man hier technisch an einem paar MB großen Indie Spiel. Das Studio hat ganz klar seinen Beruf verfehlt. Sollen sich vergraben gehen. Oder Töpferkurse geben. Die Performance ist inakzeptabel.


    Lang auf einen Port gewartet. Berliner Studio, entspanntes Gameplay, keine Zuschauer, nur Natur, nur Gutes über die PC Fassung im Internet und Freunden gehört - und dann sowas. 20 Euro versenkt... Toll...

  • nintendopower

    Turmheld

    Was ist den daran technisch so mies ? Verstehe nicht was das Geheule soll, lässt sich prima spielen sieht sehr gut aus. Gestern such noch ein Update gekommen .

  • Rainer Hohn

    Mich stört keineswegs die geringere Auflösung, oder die niedrigere Weitsicht - kann ich alles verkrafen. (Obwohl bei so einem Titel das eigentlich nicht nötig sein sollte) aber dieses permanente Dauerruckeln ist unausstehlich.

  • GameKiller

    Game Killer

    Ich war etwas schneller als der Review hier, aber ja die Performance ist für so ein Spiel ein 5!


    https://www.ntower.de/communit…3A%2BDownhill#post1542180

  • Zarathustra

    Turmfürst

    Geht mir auch so,die Performance finde ich für einen Indie diese Art unterirdisch,ist für mich leider auch ein Fehlkauf. Auf ner "großen Plattform hab ich da aber bei weitem nicht so Bock drauf wie im Handheld Mode.

  • HerrSeven

    Turmknappe

    Ganz ehrlich, das Spiel läuft bei mir (normale Switch) gut. Alle paar Minuten kommt ein kleiner Frame Einbruch zustande, ist aber nicht wild.
    Bestes Spiel in dem Genre. Auch besser als Trials. Mehr Abwechslung. Es macht einfach Bock neue Routen zu finden und damit seine Bestzeit stetig zu verbessern. Perfektes Spiel für unterwegs.

  • AnimalM

    Turmbaron

    HerrSeven Kann das nur bestätigen. Habe mit der Performance keinerlei Probleme. Hin und wieder ein Mini-Ruckler, aber das war's auch schon. Liegt vielleicht auch am Patch. Ich finde das Spiel jedenfalls große Klasse 8)

  • GameKiller

    Game Killer

    HerrSeven Kann das nur bestätigen. Habe mit der Performance keinerlei Probleme. Hin und wieder ein Mini-Ruckler, aber das war's auch schon. Liegt vielleicht auch am Patch. Ich finde das Spiel jedenfalls große Klasse 8)

    Post doch deine Meinung zum Spiel im Lonely Mountains-Thread, so finden auch andere schnell eine Antwort.


    8o

  • AnimalM

    Turmbaron

    GameKiller Wieso soll ich denn eine Antwort woanders hinposten, als da, wo der Text steht, auf den ich mich beziehe? Macht doch wenig Sinn, oder?

  • GameKiller

    Game Killer

    Wieso? Das habe ich oben doch schon geschrieben. :D