Paper Mario im neuen Gewand

Paper Mario: Die Legende vom Äonentor zählt zu einem meiner liebsten Titel. Dementsprechend neugierig war ich, als Anfang 2018 auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo Bug Fables: The Everlasting Sapling aufgetaucht ist. Das Spiel, das sehr starke Ähnlichkeiten zu den ersten beiden Paper Mario-Teilen aufweist, wurde dort erfolgreich finanziert und erschien bereits Ende letzten Jahres für den PC. Jetzt endlich kommen auch Konsolenspieler in den Genuss, diesen Titel spielen zu dürfen.


Vi's Traum ist es, eine Abenteuerin zu werden und den Bienenstock so schnell wie möglich zu verlassen. © Dangen Entertainment

Die Geschichte spielt in Bugaria, ein Insektenland, das in vier Königreiche aufgeteilt ist. In diesem Land besagt eine Legende, das irgendwo ein unvergänglicher Setzling versteckt ist. Wird ein Blatt des Setzlings gegessen, gewährt dieser einem die Unsterblichkeit. Kein Wunder also, dass viele Abenteurer durch das Land ziehen, um den legendären Pflänzling zu finden. Aus diesem Grund wurde von der Ameisenkönigin ein Abenteurer-Verband gegründet, der im Namen der Königin danach suchen soll, wobei jedes Expeditionsteam aus zwei Mitgliedern bestehen muss. Vi – eine Biene - möchte unbedingt eine Erkunderin werden, benötigt aber einen Partner für dieses Unterfangen. Kabbu – ein Käfer (genauer gesagt ein Regenbogen-Skarabäus) - erklärt sich bereit, zusammen mit Vi ein Team zu bilden, wobei sie auf ihrer ersten Mission eine gefangene Motte, Leif, entdecken. Nach deren Befreiung stellen die beiden Erkunder fest, dass Leif keine Erinnerungen mehr hat und aus der Vergangenheit zu stammen scheint. Nach erfolgreicher Rückkehr und erlangen eines Artefaktes, mit dessen Hilfe der sagenumwobene Setzling gefunden werden kann, schließt sich Leif dem Expeditionsteam an und erstmalig werden sogar drei Mitglieder für ein Team zugelassen: Die Geburtsstunde des Teams „Snakemouth“. Das Trio harmoniert perfekt miteinander und alle drei sind wahre Sympathie-Bolzen - allen voran die freche und unbekümmerte Biene Vi , die ich dank ihrer Art, stets unverblümt nach Belohnungen zu fragen, sehr schnell ins Herz geschlossen habe. Zusammen mit Kabbu und seiner sehr ruhigen und kavaliersmäßigen Art und Leif mit seinem teils sarkastischen und mysteriösen Charakter, bilden die drei ein fantastisches Trio, mit denen das Reisen durch Bugaria ungemein Spaß macht. Die Handlung ist gut erzählt, bietet viel Witz, tolle Charaktere und wird zu keinem Punkt langweilig. Schade ist allerdings, dass Bug Fables keine deutsche Sprachausgabe beinhaltet.


Team Snakemouth, ein hauchdickes Insektentrio


Alle drei Hauptcharaktere besitzen besondere Fähigkeiten, mit deren Hilfe die Welt erkundet werden kann. Vi nennt einen Bumerang (den Beemerang) ihr Eigen, der dazu verwendet werden kann, entfernte Schalter zu betätigen. Kabbu kann mit seinem Horn Gräser und Büsche schneiden sowie Gesteinstrümmer aus dem Weg räumen. Leif besitzt magische Eisfähigkeiten, mit denen er Gegner oder Wassertropfen einfrieren kann, um Treppen zu bilden. Im Verlauf des Spiels werden weitere Fähigkeiten freigeschaltet, wodurch auch in alten Gebieten stets neue Geheimnisse und Areale entdeckt werden können. Das motiviert dazu, bereits absolvierte Bereiche erneut zu erkunden. Die Spielwelt weist mehrere kleine Rätsel auf, die hauptsächlich durch die Fähigkeiten der Truppe gelöst werden und sich meistens als Schalterrätsel entpuppen. Daneben gibt es mehrere Hüpfpassagen, die genaue Sprünge erfordern, wobei diese durch die flache Papieroptik aber manchmal etwas schwer einzuschätzen sind. Auch das präzise Werfen des Beemerangs ist stellenweise etwas schwierig, weswegen das Ziel das ein oder andere Mal verfehlt werden könnte.


Für den maximalen Schaden ist hier das richtige Timing gefragt. © Dangen Entertainment

Im Kampf finden die verschiedenen Fähigkeiten des Trios ebenfalls Verwendung. Diese Scharmützel laufen rundenbasiert ab, bei jedem Angriff gibt es eine Art Geschicklichkeitstest, bei dessem Erfolg mehr Schaden verursacht wird. Bei Kabbus‘ Hornangriff muss der Stick beispielsweise für eine gewisse Zeit nach unten gedrückt werden und sobald die „Ampel“ den letzten Punkt erreicht, wird der Stick losgelassen. Bei Vi’s Beemerang muss an der richtigen Stelle eines Balkens der A-Knopf gedrückt werden, um so maximalen Schaden zu verursachen. Die Standardattacken gehen einem sehr schnell ins Blut über und sollten daher kein Problem für euch darstellen. Bei den besonderen und stärkeren Spezialattacken, welche Teampunkte (TP) verbrauchen, werden die Geschicklichkeitstests teils etwas schwieriger. Durch häufiges Nutzen werden aber auch diese Angriffe irgendwann gut gemeistert. Die Kämpfe werden stets zu dritt bestritten, im geistigen Vorgänger Paper Mario waren die Kämpfe auf zwei Partner beschränkt. Während des Kampfes könnt ihr eure Formation bzw. Angriffsreihenfolge schnell ändern, der Charakter, der das Trio an der Front anführt, wird allerdings die meisten Angriffe der Feinde einstecken müssen. Vi’s Beemerang holt fliegende Gegner vom Himmel, damit diese auf den Boden fallen und in den Angriffsbereich der Mitstreiter gelangen. Feinde, die sich im Boden verbuddeln, lassen sich wiederum nur von Leif zurück an die Oberfläche katapultieren. Gepanzerte Unholde mit hohen Verteidigungswerten werden von Kabbu umgeworfen, was deren Verteidigung schwinden lässt. Somit hat jeder Charakter sein spezielles „Einsatzgebiet“ und je nach Gegnertypen werden andere Taktiken vonnöten.


Nach jedem Kampf erhaltet ihr Erfahrungspunkte. Bei einem Levelaufstieg dürft ihr euch für drei Werte entscheiden, die erhöht werden. Zur Auswahl steht die maximale Lebensenergie, Teampunkte für stärkere Angriffe oder Medaillenpunkte, wodurch die Kapazität an ausrüstbaren Medaillen ansteigt. Nach jedem Aufstieg hinterlassen die Feinde allerdings weniger Erfahrungspunkte, dadurch wird zu starkes Grinden verhindert und das Vorankommen in weitere Gebiete mit stärkeren Feinden gefördert. Bossgegner, die einiges an Schaden und Attacken schlucken und euer Trio mit starken Attacken einknicken lassen, sind ebenfalls zahlreich vorhanden. Relativ früh zu Beginn des Spiels schaltet ihr den Hard Mode frei, den ihr jederzeit aktivieren könnt. Dadurch erhaltet ihr zwar mehr Erfahrungspunkte, die Feinde werden aber auch deutlich stärker, allen voran Bosse werden richtig knackig.


Das große Krabbeln


Freunde von Nebenquests und sammelbaren Gegenständen werden mit Bug Fables viel Freude haben. Mehr als 30 Nebenaufgaben warten darauf, von euch gelöst zu werden. Oftmals steht die Rettung von Personen oder das Auffinden von besonderen Gegenständen auf dem Plan. Auch kreativere Missionen wie das Mitspielen in einem Theaterstück sind geboten. Um eine Quest zu beginnen, muss der Auftraggeber angesprochen werden. In den meisten Fällen wird der Aufenthaltsort des Questgebers in der Missionsübersicht beschrieben, in seltenen Fällen allerdings nicht. Wenn ihr deshalb spontan nicht mehr wisst, wo ihr eine Person bereits einmal angetroffen hattet, bleibt nur das mühselige Suchen übrig. Auf der Karte gibt es leider keine Funktionen, Orte für Nebenaufgaben anzeigen zu lassen. Das Absolvieren von Nebenquests lohnt sich aber allemal, denn als Belohnungen winken diverse Sammelgegenstände, wie Chrystal Berries, Geschichtsbücher, Geld oder Medaillen. Letztere bieten besondere Funktionen, wie eine höhere Resistenz gegen Gift, eine stärkere Verteidigung oder einen Gesundheitsboost. Chrystal Berries wiederum dienen als Währung, womit besonders nützliche Medaillen gekauft werden, die die Kämpfe deutlich vereinfachen. Alle sammelbaren Gegenstände können auch in der Welt entdeckt werden, meistens sind diese an kniffligen Passagen als Belohnung oder hinter Objekten platziert - das Erkunden der sehr schön gestalteten Welt ist deshalb immer ratsam. Darüber hinaus gibt es eine riesige Rezeptliste, die durch das Kochen bei bestimmten NPC’s komplettiert wird und besondere Effekte und Heilung für die Kämpfe bieten. Insgesamt 70 Rezepte hat Bug Fables zu bieten.


Eine toll gestaltete Welt wartet darauf, erkundet zu werden. © Dangen Entertainment

Allgemein ist die Welt durch die Papieroptik wunderschön designed, bunte und knallige Farben bieten in einigen Arealen einen farbenprächtigen Anblick fürs Auge. Bugaria ist in mehrere Gebiete aufgeteilt, von einem schönen Herbstsetting, zu einer Wüste (die sich als Sandkasten herausstellt) über ein düsteres Sumpfgebiet bis hin zu einem Bienenstock werden euch abwechslungsreiche Bereiche geboten. Darüber hinaus machen die liebevoll gestalteten Insektenbewohner mit ihrer Vielfalt Bug Fables zu einer wundervollen Reise. Der Soundtrack passt sich ebenfalls perfekt an die Welt der Insekten an, viele fröhliche, aber auch teils dramatischere Lieder warten darauf, angehört zu werden. Bug Fables lief bei mir bis auf eine Ausnahme komplett flüssig - im letzten Gebiet ist das Spiel allerdings ab und zu für ein paar Sekunden eingefroren. Glücklicherweise ging es danach gleich weiter und ich musste nicht neustarten. Dieser Bug trat auch nur in diesem einen Areal auf, ansonsten kein weiteres Mal. Für die Story allein werden ca. 35 Stunden benötigt, sollten alle Nebenaufgaben und die unglaubliche Fülle an Sammelgegenstände vervollständigt werden, können ca. 45 – 50 Stunden ins (Insekten)Land streichen. Die Parallelen zu den ersten beiden Paper Mario-Titeln sind definitiv nicht von der Hand zu weisen. Die beginnen natürlich zuallererst mit dem Papierlook, doch auch das Kampfsystem wurde beinahe identisch übernommen. Daneben folgen die ähnlichen Fähigkeiten der einzelnen Figuren sowie das Medaillensystem. Fans des geistigen Vorbild werden viele Gemeinsamkeiten entdecken und sich sofort heimisch fühlen und fast sogar denken, dass Mario plötzlich von Bowser in einen Käfer verwandelt und in eine Welt voller Insekten verfrachtet wurde. Bug Fables ist aber kein dreister Klon, sondern versprüht mit seinen eigenen Charakteren, der Spielwelt sowie der Handlung seinen eigenen, liebevollen Charme. An die Paper Mario-Teile kommt Bug Fables zwar nicht heran, braucht sich aber definitiv nicht zu verstecken und bietet sich damit als grandioser Zwischentitel an, das Fans von Rollenspielen definitiv näher ansehen können. Die gesamte Papieroptik hätte aber wie beim großen Vorbild etwas mehr ins Rampenlicht gerückt werden können. Bei Paper Mario fühlt es sich wirklich so an, als ob die gesamte Spielwelt aus Papier gemacht wäre und auch den Figuren bewusst ist, dass sie aus jenem Material bestehen. In Bug Fables hingegen dient der Papierlook hauptsächlich dem Grafikstil an sich, ohne dass dieses Stilelement großartig in den Vordergrund gerückt und eingebunden wird.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Johannes Bausch

Was für ein wundervolles Timing. Nachdem vor Kurzem erst der neueste Teil der Paper Mario-Reihe, The Origami King, angekündigt wurde und bereits Mitte Juli erscheint, dürfen wir uns in der Zwischenzeit mit Bug Fables das Warten verkürzen. Bug Fables ähnelt in sehr vielen Bereichen den ersten beiden Paper Mario-Titel: Paper Mario, für Nintendo 64 und Paper Mario: Die Legende vom Äonentor, für Nintendo GameCube. So erinnert nicht nur die Grafik mit dem Papier-Look an diese Titel, sondern auch das rundenbasierte Kampfsystem. Bug Fables nimmt sich diese Titel als Vorbild und übernimmt die Stärken perfekt und erschafft ein eigenständiges, von Liebe im Detail strotzendes, Spiel. Die Hauptfiguren sind unglaublich sympathisch und auch die Spielwelt ist an allen Ecken und (Papier)Kanten wunderschön gestaltet. Darüber hinaus rundet die Fülle an optionalen Erledigungen wie Nebenquests oder das Sammeln von Gegenständen die tolle Geschichte ab. Da ich mir schon seit gefühlt einer Ewigkeit wieder ein Paper Mario gewünscht habe, das vom Gameplay auf den ersten beiden Titeln aufbaut, wurde mein Verlangen mit Bug Fables mehr als nur ein bisschen gestillt. Ich kann jedem Fan der Paper Mario Rollenspiele diesen Titel ans Herz legen, auch Neulinge dürfen sich diese Perle eines Spiels gerne näher ansehen. Die Reise in das Insektenland ist jede einzelne Minute wert.
Mein persönliches Highlight: Die Biene Vi, die ich mit ihrer Art direkt ins Herz geschlossen habe.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 12

  • Guybrush

    Mighty Pirate

    Klingt wirklich sehr gut! :thumbsup:


    Aber die Spielzeit ist für so einen Titel echt Mal eine Hausnummer. Heftig. =O

  • Artemis

    M-Power

    Wieder nur auf Englisch oder?


    Schaut eigentlich Recht gut aus.

  • KingDDD

    Turmbaron

    Schade dass eine (deutsche) Lokalisation fehlt :(

  • Irves | Julian

    Moderator

    @Artemis
    Leider fehlt eine deutsche Sprachausgabe.

  • Miriam-Nikita

    Bewohnerin

    Wird definitiv gekauft. Hab richtig Bock auf klassisches Paper Mario Gameplay.


    Einziges Problem: morgen kommt Xenoblade.


    Aber das Spiel wird dieses Jahr noch gekauft. Vielleicht wirds ja bis dahin auch reduziert.

  • David Kuhlgert

    Redakteur

    Hatte das Spiel gar nicht auf dem Schirm.
    Habe aber ein ähnliches "Problem" wie @Miriam-Nikita - Xenoblade Chronicles kommt morgen.
    Es kommt aber definitiv mal auf meine Wunschliste. :D Danke für den Test!

  • Nandalee

    Turmbaron

    Läuft. Wenn das neue Paper Mario nix ist kann ich mir dann ja Bug Fables an dessen Stelle holen. :D

  • kaputten10

    Turmbaron

    Klingt gut, aber werde erstmal warten obs Retail kommt, 30 € für ein Download Spiel schreckt mich ein bisschen ab.

  • Frog24

    YER DONE!

    Arlo hat dazu ebenfalls ein sehenswertes Review gemacht - das Spiel kommt auf meiner Wunschliste :awesome:



    Wenn Nintendo uns kein gutes Paper Mario geben will, dann müssen halb Indie-Entwickler es machen

  • Cado

    Turmknappe

    Eigentlich "schade", dass Morgen Xenoblade Chronicles: Definitive Edition erscheint, hätte dem Spiel hier gerne jetzt schon eine Chance gegeben. Sieht wirklich gut und vielversprechend aus.


    Somit kommt's auf die Wunschliste und ich warte auf einen Rabatt oder eine retail Version. :)

  • heart_of_chrome

    Turmritter

    Hab's mir gegönnt, werde es ab heute Abend zocken. Die 30 Euro liegen mir ein bisschen im Magen, auf Steam kostet es nur noch 17 Euro. Ich weiß natürlich, dass jetzt erst mal das Geld für die Portierung wieder reingeholt werden muss. Aber nachdem wirklich alle Reviews so positiv waren, die Spielzeit wirklich beachtlich ist (weniger als einen Euro pro Stunde) und ich ein riesiger Fan vom Äonentor war und bin, hab ich trotzdem auf der Switch zugeschlagen, und freu mich wirklich drauf.

  • Irves | Julian

    Moderator

    Ich habe Bug Fables gestern auch heruntergeladen sowie mehrere Stunden gespielt und kann jedem Paper Mario-Fan das Spiel nur weiterempfehlen. :)