Jeder Tod ein neuer Versuch

Obwohl ernst zu nehmende VR-Spiele noch in den Kinderschuhen stecken und ihren Weg in die Massentauglichkeit suchen, wirken spezielle Genres wie geschaffen dafür, auf eine hautnahe Erfahrung aus der eigenen Perspektive zu setzen. Horror-Spiele eignen sich hierfür hervorragend und funktionieren immer am besten, wenn man möglichst immersiv ins Erlebnis eingebunden wird. Obwohl The Persistence ursprünglich auf die virtuelle Realität ausgelegt war, müssen wir nun zwar auf diesen Aspekt verzichten, erleben jedoch eine andere Idee, die im Genre durchaus als einzigartig verstanden werden kann. Inwiefern das Gameplay noch immer auf seinen eigenen Beinen steht und ob das Fehlen des eigentlichen Alleinstellungsmerkmals der Erfahrung schadet, ergründen wir in den folgenden Zeilen.


Das schwarze Loch hat die gesamte Besatzung in blutrünstige Monster verwandelt. © Firesprite

Ihr schlüpft in die Rolle der Astronautin Zimri Eder, die mit Entsetzen feststellen musste, dass nicht nur ihre Kollegen, sondern auch sie selbst Opfer eines schwarzen Lochs wurden und sich durch die Strahlung in blutrünstige Monster verwandelten. Mithilfe einer künstlichen Intelligenz konnte das Bewusstsein Eders in einen Klon transferiert werden, wodurch die junge Frau nach jedem Tod stets die Chance hat, neues Leben zu erlangen. Trotz des mittlerweile halbzerstörten Raumschiffs, sucht die Astronautin zwischen tödlichen Bestien und gefährlichen Fallen einen Weg, dem Albtraum zu entkommen. The Persistence erzählt eine zweckdienliche Handlung, die keine großen Geheimnisse parat hält oder Charaktere stark ausbaut. Im Austausch dafür fungiert die Prämisse als Grundriss, um dem Gameplayszenario eine glaubhafte Struktur zu verleihen und nicht allzu willkürlich zu wirken.


Fallt ihr nämlich einem Gegner zum Opfer, so ändert sich das komplette Leveldesign der Raumschiffetagen sowie die Platzierung der Gegner und Items. Zum einen fördert dies die Abwechslung und den Wiederspielwert, der zu erneuten Durchläufen einlädt und das Erlebnis zu einem Dauerbrenner machen kann. Zum anderen entgeht dem Entwickler dadurch jedoch die Chance, gewisse Horror-Elemente gezielt aufzusetzen. Anstelle von clever inszenierten Momenten, die bestimmte, unangenehme Gefühle beim Spieler auslösen sollen, ist jede Situation zufallsgeneriert und verliert somit eine gewisse Glaubwürdigkeit und nach wenigen Durchläufen auch den nötigen Grusel-Effekt. Natürlich kommt es zu einer Handvoll speziellen Situationen, die den Blutdruck durchaus erhöhen können – spätestens nach dem dritten Mal verlieren diese aber durch den immer gleichen Ablauf ihre Wirksamkeit und stehen im direkten Kontrast zum eigentlichen Sinn des Rouge-like-Gameplays: die Abwechslung in einem prinzipiell monotonen Spielprinzip.


Die direkte Konfrontation ist niemals eine empfehlenswerte Strategie. © Firesprite

Auf welcher Grundlage basiert jedoch dieses Problem? In seiner ursprünglichen Form setzt The Persistence fast ausschließlich auf eine immersive VR-Erfahrung, die hier selbstverständlicherweise komplett wegfällt. Ein weiterer Aspekt, der diesen Ausfall umso deutlicher betont, ist die Steuerung. Neben simplen, wohlbekannten Manövern aus der First-Person-Perspektive, fällt die Bewegungsfreiheit mager und fast schon eingeschränkt aus. Des Weiteren fehlt die Option, sich per Bewegungssteuerung umzuschauen, was die Zielgenauigkeit in Schussgefechten unheimlich einschränkt. Die Ausnahme bildet ein Raumsprung, der euch an einen vorher festgesetzten Punkt auf dem Boden teleportiert, solange ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen. Grundsätzlich ist dieser Move keine schlechte Idee und bringt euch sicherlich aus so manch brenzliger Situation, allerdings bleibt er durch die oftmals nur kleinen und engen Räume hinter seinem Potenzial und fungiert hauptsächlich als Zweckmittel, um Gegner hinterrücks zu eliminieren. Sowohl die unkomplizierte Steuerung als auch den Zeitsprung verbindet ein gemeinsamer Nenner: Die virtuelle Realität, auf der das Spiel aufbaut.


Was in der Nintendo Switch-Version ohne Kontext als plump erscheinen mag, erzielt einen völlig anderen Effekt als VR-Erlebnis, wo die schlichte Steuerung dazu beiträgt, im Spiel zu versinken, anstatt unnötig kompliziert zu sein. Genauso verhält es sich mit dem Raumsprung, der durch die VR-Perspektive jedes Mal eine gewisse Neuorientierung verlangt, die hier nur teilweise möglich wird. Selbst bestimmte Gegner setzen darauf, euch plötzlich zu erschrecken – ein Ergebnis, das vor dem Fernseher nur bedingt seine Wirkung erzielt.


Auch ohne VR ein Hingucker für Genre-Fans!


Trotz alledem punktet The Persistence in anderen Bereichen, die in keiner Verbindung zu VR stehen. In einer Art Talentbaum verbessert ihr Fähigkeiten, wie den Angriff oder die Ausdauerbeständigkeit, womit Niederlagen niemals wirklich frustrierend werden, da ihr nach jedem Versagen die Chance habt, eure Werte zu steigern. Die Förderungen dieser Talente sind permanent und können einen erkennbaren Einfluss auf den Erfolg eines Spieldurchlaufs haben. Weniger konsistent fällt die Waffensammlung aus, die euch nach jedem Tod abhandenkommt. Um sich passend auszurüsten, stehlt ihr entweder die Waffen von Gegnern oder kauft im Austausch für Ressourcen an festgesetzten Stationen auf der Karte Gewehre nach eurer Wahl. Dennoch ist selbst dann nicht eure eigene Sicherheit gewährleistet. Die Munition ist nur nach wenigen Schüssen verbraucht, lässt sich nur selten finden und sollte immer als Notmaßnahme in kniffligen Situationen eingesetzt werden. Ansonsten basiert die Selbstverteidigung auf schwachen Schlägen, die bei einzelnen Gegnern durchaus austeilen können, insgesamt aber niemals eine ernstzunehmende Strategie darstellen sollten.


Im Verlauf des Spiels trefft ihr auf immer mächtigere Gegner. © Firesprite

Der Schutzschild, der sich für einen kurzen Moment aktivieren lässt, ist hier eine sehr viel geeignetere Idee und bringt Monster kurzzeitig ins Schwanken, um anschließend flüchten zu können. Obwohl das ganze Kampfsystem passend die hilflose Natur des Settings unterstützt und man definitiv Respekt vor seinen Widersachern zeigen sollte, ist es zu leicht, die Mechaniken des Spiels auf eine unglaubwürdige Art und Weise auszunutzen. Ist euch nämlich erst einmal ein Gegner auf der Spur, mag er zwar nicht lockerlassen, verliert aber augenblicklich seine Konzentration, sobald ihr einen neuen Raum betretet und sich die Türen schließen. Dadurch wird es viel zu einfach, diesen Trick auszunutzen, da es bei jeder Gefahrensituation einfach die "beste" Lösung ist, kurz den Raum zu verlassen. Es wäre spannender gewesen, wenn Gegner einen Moment bräuchten, um Türen aufzubrechen, damit ihr die Gelegenheit bekommt, ein Versteck zu finden. Unterstützt wird diese Idee von engen Schächten, die sich wunderbar als Rückzugsort angeboten hätten, hier aber keine besondere Verwendung haben und hinter ihrem Potenzial bleiben. Der Permadeath-Modus sorgt für mehr Spannung und bestraft eine Niederlage hart, wodurch ihr ohne Fortschritt in Form des Talentbaums noch mal von vorne beginnen müsst.


Sowohl grafisch als auch audiovisuell schafft es The Persistence, eine atmosphärische Stimmung aufzubauen, die sich gerade in dunklen, ruhigen Gängen hervorragend zeigt und keine bemerkbaren Ruckler aufweist. Ohne viel vorwegzunehmen, konnte insbesondere eine gewisse Passage im Spiel in dieser Hinsicht unheimlich brillieren, in der ein Setting aufgebaut wird, das stark auf Lichtquellen und unbehagliche Geräusche setzt. Genauso überzeugend ist die Interaktion zwischen der Protagonistin und der künstlichen Intelligenz, die immer hilfreiche Tipps bereitstellt. Fallt ihr einem bestimmten Gegnertypen zum Opfer, besprechen sich die Charaktere bezüglich dessen, damit ein solcher Fehler nicht noch einmal vorkommt. Dabei ist es die nachvollziehbare Erfahrung, die eine solche Niederlage so überzeugend macht. Neue Monsterarten sind unberechenbar und erledigen euch höchstwahrscheinlich bei der ersten Begegnung. Dieser überrumpelte, plötzliche Tod zeigt sich realistisch in Eders Stimme, die im Prinzip das ausspricht, was der Spieler nach diesem Moment denkt.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Kevin Becker

Wenn man nur einen kurzen Blick auf The Persistence und seine Mechaniken wirft, kann schnell der Gedanke aufkommen, das Spiel biete keinerlei nennenswerte Ideen. Das Weltraum-Setting ist schon längst nichts Besonderes mehr, die Steuerung und Movement-Optionen stellen sich als völlig gewöhnlich heraus und jeden Gegnertyp hat man so schon irgendwo anders gesehen. Einmalig wird das Erlebnis erst mit seinen zufallsgenerierten Leveln, die nach jedem Tod eine neue Struktur annehmen und Anpassungsfähigkeiten von euch verlangen. Gerade die Hilflosigkeit spiegelt sich aufgrund der begrenzten Selbstverteidigungsmöglichkeiten glaubhaft im Gameplay wieder und lässt jeden Gegner als respektablen Widersacher erscheinen. So aufregend das Prinzip in Kombination mit dem gruseligen Setting auch klingt, entgeht den Entwicklern dadurch die Chance, denkwürdige Momente zweckgerichtet aufzubauen, um bestimmte Emotionen beim Spieler zu erzielen. Stattdessen wirkt jeder Durchlauf aufgrund der einfachen Ästhetik der Räume gleichartig, inhaltlich ähnlich und einfach nur unterschiedlich lang. Was als ursprüngliches VR-Spiel durchaus funktioniert und sicherlich einen völlig anderen Effekt vermittelt, beweist in der Nintendo Switch-Version nur, dass The Persistence mit guten Gründen auf die hautnahe Erfahrung der virtuellen Realität aufbaut und man ein Spielprinzip nicht einfach von seinem eigentlichen Grundgedanken entreißen kann, ohne dass dabei etwas verloren geht.
Mein persönliches Highlight: Die Hilflosigkeit der Protagonistin

Die durchschnittliche Leserwertung

6 User haben bereits bewertet

Kommentare 1

  • AgentYork

    Turmheld

    Ich habe seit kurzem Playstation VR für meine PS4 - muss aber ehrlich sagen, dass ich so Grusel-Titel nicht spielen kann, da bekomm ich sowas von die Muffe :D