Mein eigenes Eisenbahnimperium

Nordamerika, Mitte des 19. Jahrhunderts: Mehrere Unternehmer haben die Eisenbahn für sich entdeckt und wetteifern in dem noch größtenteils unerschlossenen Nordamerika um das weitreichendste Liniennetz, die meisten Züge, die besten Lokomotiven und das größte Transportvolumen. Dies ist in etwa die Kurzbeschreibung vom Spiel Railway Empire, welches am 19. Juni 2020 für die Nintendo Switch erschienen ist.


Beim Bau des Streckennetzes funken Konkurrenten dazwischen. Doch auch die Landschaft samt Steigungen muss beachtet werden, da die Steigung Züge verlangsamt. © Kalypso Media

In der Wirtschaftssimulation gilt es, sein eigenes Eisenbahnnetz auf verschiedensten Karten zu erbauen. Während ihr in der Kampagne Schritt für Schritt die Grundlagen des Spiels erlernt, könnt ihr diese in den Szenarien oder im Freien Spiel vollständig anwenden. Das Grundprinzip ist schnell erklärt: Bahnhöfe müssen erbaut und diese mit Schienen verbunden werden. Danach werden Zuglinien erstellt, die zwischen den Bahnhöfen verkehren. Damit es zu keiner Kollision der Züge kommt, müssen einspurige Ausweichgleise mit richtungsweisenden Stoppsignalen gebaut werden. An einer Linie müssen auch Versorgungstürme erbaut werden, denn die Lokomotiven brauchen Wasser und Kohle, um Fahren zu können. Doch auch Wartungsstationen müssen an den Bahnhöfen oder einzeln gebaut werden, um die Gefahr von Pannen zu verhindern, damit der Zugverkehr reibungslos verläuft. Denn eine Panne kann die gesamte Strecke lahmlegen. Sollte ein Bahnhof mit einem einfachen Gleis nicht ausreichen, muss dieser erweitert werden: Natürlich können auch Weichen gebaut werden beziehungsweise Bahnhöfe mit Stellwerken, die allerdings dann mehr kosten.


Vor einer Weiche sollte ein Stoppsignal gebaut werden, damit zwei Züge nicht gegenseitig auf sich warten und das Gleis blockieren. Hier muss entweder ein Zug gelöscht werden oder versucht werden, ein Ausweichgleis zu bauen, damit der Zug weiterfahren kann. Leider ist meist das Erstere der Fall. Die Streckennetze können auch direkt zweispurig gebaut werden und vor den Bahnhöfen jeweils Kreuzungsweichen erstellt werden. Allerdings ist es hier wichtig, dass ausreichend Stoppsignale platziert werden, nicht nur vor den Weichen, sondern auch auf der Strecke selbst, damit Züge nicht stundenlang warten, bis die Strecke zum nächsten Signal wieder frei ist.


Für die Erstellung von Linien muss eine Lok ausgewählt werden, die entweder vom Typ Express, Gemischt oder Fracht ist. Frachtlokomotiven sind für den Personenverkehr eher ungeeignet, weswegen für lange Strecken zwischen zwei Städten, auf denen hauptsächlich Personen oder Post transportiert werden soll, eher auf Express gesetzt werden sollte. Gemischtzüge transportieren sowohl Fracht als auch Personen und sind vor allem für Verbindungen zwischen zwei Städten in eher kurzer Distanz mit gegenseitig abhängiger Industrie geeignet. Doch die Loks haben auch verschiedene Geschwindigkeiten und andere Werte, die zu beachten sind. Denn eine falsche Lok kann unter Umständen nicht die Waren vom Startbahnhof transportieren, wodurch die Strecke dann nicht gewinnbringend ist. Doch nicht nur Städte gilt es mit den Eisenbahnen zu verbinden, auch ländliche Unternehmen wie Kohlebergwerke, Farmen und Viehzucht müssen mit Landbahnhöfen versehen werden. An diesen werden allerdings nur Güter aufgeladen, die dann in der nächsten Stadt oder am nächsten Warendepot entladen werden. Während Bahnhöfe in Städten direkt mittig platziert werden müssen, kann ein Landbahnhof Waren von mehreren Farmen aufnehmen, wenn beide im Radius des Bahnhofes liegen. Somit werden einige Gleise gespart, allerdings sollte die Anzahl der Zugverbindungen dann vielleicht erhöht werden, um nicht nur größtenteils nur eine der beiden Güter zu transportieren. Die Planung von Zugstrecken sowie der Bau von Gleisen und Bahnhöfen ist zu Beginn recht einfach, wird aber umso schwieriger, je mehr ihr euer Netz verzweigt.


Damit Züge nicht kollidieren, müssen Stoppsignale und Ausweichgleise gebaut werden. Screenshot aus dem Handheld-Modus. © Kalypso Media

Doch auch Bahnpersonal muss eingestellt werden. Nicht nur bedarf es Heizer, Lokomotivführer, Wachmänner und Kontrolleure, auch Buchhalter, Landvermesser und Stationsvorsteher gilt es einzustellen. Letztere gewähren einige Boni wie niedrigere Baukosten. Aber nicht jede Person kommt mit einer anderen zurecht und so muss das Zugpersonal beziehungsweise Führungspersonal gut aufeinander eingestimmt eingestellt werden, um Pannen beim Zugverkehr zu vermeiden. Sollte dann doch ein Problem im Zug aufgrund des Personals auftreten, werdet ihr benachrichtigt und könnt das Personal dann sofort austauschen. Der Zug bleibt allerdings eine kurze Zeit stehen.


Für nicht ganz so legale Wettbewerbsmethoden können auch Spione, Reporter oder Banditen angeheuert werden, um den Konkurrenten zu schaden. Wenn ihr einen Zug beispielsweise überfallen lasst und dieser kein Wachpersonal besitzt, so ist der Überfall erfolgreich. Spione können aber Forschungsergebnisse des Konkurrenten klauen. Und da wir bei Konkurrenten sind: Die konkurrierenden Unternehmen können auch durch den Kauf von Anteilen übernommen werden. Aber Vorsicht: Auch euer Unternehmen kann vom Konkurrenten übernommen werden. Der Kaufwert der Anteile richtet sich nach dem Unternehmenswert. Dieser steigt mit mehr Transportvolumen und mehr Anschlüssen. Jede transportierte Ware wirft auch einen entsprechenden Gewinn ab, denn der Bau von Bahnhöfen, Gleisen, Lokomotiven und so weiter kostet. Durch die Konkurrenz werdet ihr entsprechend auch gefördert, euer Bahnnetz schnell zu vergrößern, mehr Züge zu bauen und sie irgendwann zu übernehmen. Konkurrenten können nämlich auch so fies ihre Bahnhöfe platzieren, dass ihr den eigenen nicht mehr ausbauen könnt oder kompliziert die Gleise verlegen müsst. Wenn ihr einen Konkurrenten übernehmt, könnt ihr auch alle Gleise und Zugverbindungen übernehmen und euer Unternehmenswert schnellt in die Höhe.


Mehrere Bahnhöfe in einer Stadt sind möglich. © Kalypso Media

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Forschung. Durch diese können verschiedene Verbesserungen für Züge und sogar neue Lokomotiven freigeschaltet werden. Die Verbesserungen beschleunigen beispielsweise eure Züge oder die Stabilität dieser. Auch Sonderwagen wie Dienstwagen, die die Moral der Angestellten erhöht, oder Kühlwagen für den Transport von Obst können durch Forschung freigeschaltet werden. Dafür werden Forschungspunkte benötigt, die ihr während des Spielens erhaltet.


Bis auf den Modelleisenbahnmodus werden bei jeder Karte verschiedene Missionsziele vorgegeben. Diese gilt es bis zum genannten Datum zu erfüllen, ansonsten ist das Szenario gescheitert. So muss beispielsweise eine Stadt bis zu einem bestimmten Jahr mit eurem Netz verbunden werden oder eine bestimmte Menge an Waren transportiert worden sein. Während ihr in der Kampagne den Charakter „der Fabrikant“ spielt, sind in den Szenarien andere Herren oder Damen vorausgewählt, die gewisse Boni oder Negativeffekte auf Baukosten, Personal oder Forschung haben können. Im Freien Spiel kann der Charakter frei gewählt werden. Im Übrigen sind die Konkurrenten (maximal drei pro Karte) die anderen Charaktere, welche auch bei verschiedenen Ereignissen mit Kommentaren reagieren. Dies treibt das Wetteifern natürlich an. Auch Farmen und Fabriken können erworben und dadurch der Unternehmenswert erweitert werden. Tatsächlich bin ich nur selten ins Minus gekommen und kam auch schnell wieder aus diesem heraus. Ansonsten erhaltet ihr von jeder Verbindung ausreichend Geld, um nicht direkt sofort bankrott zu gehen. Allerdings kann das Warten auf eine gewisse Summe zum Bau einer Strecke schon etwas langatmig werden. Es motiviert aber ungemein, Strecken zu bauen, Zuglinien zu erstellen und vor den Mitbewerbern die Städte zu verbinden. Manchmal konnte ich die Konsole nicht weglegen oder das Spiel unterbrechen, weil ich unbedingt noch diesen einen Bahnhof oder diese eine Strecke bauen wollte. Und wenn ihr im hohen Norden baut, können Wettereffekte wie Schnee die Züge erheblich verlangsamen, weswegen hier Warendepots errichtet werden sollten, um für den Winter ausreichend Waren für die angrenzende Stadt zur Verfügung zu haben.


Auch mit den Zügen kann mitgefahren werden, allerdings sieht die Grafik dort nicht sehr berauschend aus. © Kalypso Media

Die technische Umsetzung der Wirtschaftssimulation ist solide, allerdings sollte euch bewusst sein, dass mit länger anhaltender Spieldauer und mit größeren Schienennetzen auch ab und zu ein paar Einbrüche der Bildrate beim Zoomen zu bemerken sind. Auch das initiale Laden einer großen Karte mit vielen Zügen kann dauern und die Bildrate in die Knie zwingen. Leider ist das Spiel auch einmal komplett abgestürzt (ohne Fehler), aber dank des automatischen beziehungsweise regelmäßigen Speicherns war nicht sehr viel Fortschritt verloren.


Grafisch ist das Spiel in Texturen und Effekten reduziert worden. So sind beispielsweise Gewitter nur durch helle Blitzeffekte bemerkbar. Solltet ihr dann einen Zug verfolgen und mit „Mitfahren“ sogar aus Sicht der Lokomotive die Strecke entlang fahren, fallen sehr niedrig aufgelöste Texturen und wenige Effekte auf. Aus der Vogelperspektive beim Bauen ist die niedrige Grafikqualität kaum bemerkbar, erst beim näheren Heranzoomen. Während die Auflösung im TV-Modus in Ordnung ist, wirkt das Bild im Handheld-Modus sehr unscharf. Zwar erkennt ihr das Wichtigste und nach einer Gewöhnungsphase an die Grafik fällt dies beim Spielen nicht sehr auf, aber die Performance nimmt merklich im Vergleich zum TV-Modus ab. Deswegen empfehle ich das Spielen hauptsächlich im TV-Modus zu spielen. Sound und Musik sind recht atmosphärisch zum US-Szenario gewählt und sorgen für eine schöne Stimmung. Gepaart mit der deutschen Vertonung ist die Soundkulisse durchaus gelungen. Die Nintendo Switch-Edition enthält einen Teil der bisher veröffentlichten Zusatzinhalte. Leider sind die Strecken für Europa nicht enthalten und müssen so im Nintendo eShop extra erworben werden.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Marco Kropp

Railway Empire macht auf der Nintendo Switch größtenteils eine gute Figur. Das Erstellen, Verwalten und Ausbauen von Zuglinien macht sehr viel Spaß und ich habe mich mehrmals erwischt, plötzlich sechs Stunden am Stück gespielt zu haben. Es ist unglaublich motivierend, Städte oder Farmen zu verbinden, neue Routen zu bauen und alte Verbindungen nochmal zu überarbeiten. Natürlich macht der Wettbewerb gegen die CPU-Gegner auch enormen Spaß und sorgt für Herausforderung. Es ist selten vorgekommen, dass ich bankrott ging. Auf der anderen Seite war es dann ein tolles Gefühl, Geld anzusparen und eine neue, lange Verbindung zu bauen. Allerdings kann die niedrige Grafikqualität nicht komplett ignoriert werden. Gerade im Handheld-Modus fallen diese sowie die niedrige Auflösung auf und verschlechtern dadurch das Spielerlebnis etwas. Wer sich an der Grafik jedoch nicht stört und Wirtschaftssimulationen sowie Züge mag, kann zugreifen. Für Grafik-Fanatiker wäre dann ein anderes System die richtige Wahl.
Mein persönliches Highlight: Als ich einen Konkurrenten samt seines Netzes und seiner Lokomotiven übernommen habe und mein Firmenwert um das Doppelte anstieg.

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