Ein Planet wie kein anderer

Der Titel eines Spiels gibt in den meisten Fällen Auskunft darüber, auf welches Erlebnis man sich einlässt. Humoristische Headlines deuten leichtherzige, lockere Inhalte an, während gewisse Begrifflichkeiten, die mit dem Tod in Verbindung gebracht werden, ernste Thematiken durchblicken lassen können. In welche Richtung der Name auch immer gehen mag, löst er eine gewisse Erwartungshaltung aus, die hungrig auf mehr machen soll. Der Titel „Journey to the Savage Planet“ lässt Spielraum für viele Interpretationen und kann vielleicht nicht vom bloßen Klang in eine Richtung gezogen werden. Warum die Überschrift aber das Wesen des Spiels so ausgezeichnet einfängt und weshalb die Tonalität sowie die Spielwelt dabei so essenziell sind, zeigt sich in den folgenden Zeilen.


In eurer Raumstation könnt ihr euch auf Expeditionen vorbereiten.

© 505 Games

Bevor die Reise ins Ungewisse richtig startet, erwacht ihr erschöpft in einem Raumschiff und macht euch erst einmal mit dem Stand der Dinge vertraut. Als namenloser Astronaut wird euch die Aufgabe auferlegt, einen fremden Planeten nach seiner Eignung für die Bevölkerung der Menschheit zu erkunden. Mit der Hilfe eines vorlauten Computers sammelt ihr Ressourcen, kämpft gegen gefährliche einheimische Kreaturen und erforscht unterschiedliche Facetten des unbekannten Himmelskörpers aus der Ego-Perspektive. Obwohl der Protagonist dabei stumm bleibt und keine inneren Monologe führt, zeigt er durch simple Charakterzüge und Gestiken dennoch eine gewisse Persönlichkeit, die ihn sympathisch erscheinen lässt. So schlägt der Astronaut ungeduldig auf Schalter, sollten sie keine Funktion auslösen oder verteilt schnelle, überspitzt dargestellte Ohrfeigen, anstatt reguläre Hiebe auszuteilen. Besonders gelungen ist ein kleiner Persönlichkeitstest zu Beginn des Spiels, wo ihr zwischen einer überschaubaren Auswahl von unterschiedlichen Menschen (und einem Hund) auswählen müsst, welches Aussehen eurem ähnelt. Was anfangs aufgrund der fotorealistischen Bilder wie ein plumper Witz wirkt, hat Auswirkungen auf die Stimmlage eures Charakters, wenn er beispielsweise erschöpft keucht oder Kampfschreie brüllt. Fiel die Wahl also auf den Hund, ist das Ergebnis mehr als amüsant und komisch anzuhören.


Selbst der kecke Computer ist sich für keinen Scherz zu schade und nutzt jede Situation, um einen lustigen Spruch zu drücken. Obwohl ich ursprünglich befürchtete, dass die sarkastische Art auf Dauer anstrengend werden würde und die künstliche Intelligenz mehr nervig als hilfreich wird, war ich umso positiver überrascht, dass mich diese Figur niemals wirklich störte – ganz im Gegenteil. Situationsabhängige Kommentare werden oftmals mit einer passenden Pointe unterstützt und die überzeugende Synchronisation trifft die Art des Computers ausgezeichnet. Da Humor jedoch ausgesprochen geschmacksabhängig sein kann, haben die Entwickler einen Schritt weiter gedacht, um möglichst jeden Spieler zufriedenzustellen. Mithilfe einer Scan-Funktion lässt sich die örtliche Flora und Fauna nach interessanten Informationen ablesen, die wichtig für das Gameplay und den Aufbau der Welt sind. Würde der Computer jeden Eintrag mit mal mehr, mal weniger lustigen Sprüchen vermerken, würde dies Spieler möglicherweise irgendwann abschrecken, die Umgebung einzuscannen. Stattdessen verbleibt der Bericht, der sich jederzeit nachlesen lässt, neutral und informativ, während sich euer Begleiter nebenbei einen einmaligen Scherz erlaubt, der getrost ignoriert werden kann.


Die im Fokus stehende Spielwelt setzt mit ihrer sorglosen Atmosphäre den Charakter des Spiels!


Steuerungstechnisch stehen euch klassische Manöver wie das Ducken, Schießen, Springen oder Sprinten zur Verfügung. Obwohl der Erkundungsaspekt meistens im Vordergrund steht, tauchen hin und wieder kleinere Mini- und vollwertige Bosskämpfe auf. Das Spiel ist nicht wirklich auf ausgeklügelte Gefechte zugeschnitten, weswegen diese teilweise gezwungen wirken können – der größte Makel ist aber das Fehlen einer vernünftigen Gyro-Steuerung. Präzises Zielen wird dadurch vereinzelt zur Qual und unterstreicht umso mehr, weshalb inszenierte Auseinandersetzungen nicht besonders vorteilhaft funktionieren. Dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Scan-Funktion auch hier ihre Stärken zeigt. Wem es zu hektisch ist, im Kampf den Gegner zu analysieren, kann völlig stressfrei den Kadaver am Ende erforschen, was übrigens auch für schwache Kreaturen in der Spielwelt gilt. Alternativ erlaubt ein Koop-Modus das gemeinsame Erforschen online – eine lokale Auswahlmöglichkeit wird leider nicht geboten. Dabei sollte betont werden, dass der Gast-Spieler keinen Fortschritt für seinen Spielstand übernimmt und ausschließlich seinen Beistand leistet.


Die Spielwelt strotzt vor sehenswerten Orten.

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Die Spielwelt selbst ist der vermutlich beeindruckendste Gesichtspunkt von Journey to the Savage Planet. In einer Art Semi-Open-World kundschaftet ihr den fremden Lebensbereich fast uneingeschränkt im eigenen Tempo aus und werdet nur von Hindernissen aufgehalten, die an gewisse Fähigkeiten geknüpft sind. Der Vorteil daran ist, dass ihr niemals wirklich an die Hand genommen werdet und gleichzeitig keiner zu aufgeblähten Welt ausgesetzt seid. Oftmals besitzen die Gebiete genau die richtige Größe, um sich nicht verloren zu fühlen. Abkürzungen in Form von Teleportern umgehen lange Laufwege und werden passend und ausgeglichen verteilt. Möchtet ihr gerade eine bestimmte Aufgabe erfüllen, markiert ein Icon nicht nur den ungefähren Zielort eurer Mission, selbst der empfohlene Teleporter wird immer erkenntlich angegeben. Besonders positiv blieben mir jedoch Passagen in Erinnerung, an denen es notwendig war, mit dem Umfeld zu interagieren. Die Navigation in dunklen Höhlen kann sich ohne ordentliche Lichtquelle als problematisch herausstellen, weswegen spezielle Pflanzen mit leuchtenden Chemikalien gepflückt werden müssen. Natürlich hätte auch eine einfache Taschenlampe dieses Hindernis gelöst, allerdings würde die Spielwelt dadurch in einen passiven Zustand verfallen, der nicht zum Setting der Erfahrung passt. Die Frage, die sich die Entwickler somit dauerhaft stellten, war: Wie unterscheidet sich dieser Planet von der Erde und wodurch können wir diesen Aspekt möglichst glaubhaft rüberbringen?


Zum Teil wird diese Aufgabe bewältigt, indem man fast ausschließlich auf Zwischensequenzen verzichtet. Kein Bossgegner oder Gebiet wird mit einer Kamerafahrt näher beleuchtet – stattdessen liegt es komplett an euch, auffällige Elemente ausfindig zu machen. Erneut erlangt die Scan-Funktion dadurch mehr Bedeutung und fungiert als primäres Übersetzungssmittel für den Protagonist und sein Umfeld. Insbesondere gefährliche Pflanzen bewahren durch ihre stationären Positionen und dem Fehlen einer Sequenz ihre unerwartete Natur und müssen vorsichtig begutachtet werden. Im Verlauf des Spiels lässt zwar das Zusammenspiel zwischen dem Astronauten und der Umwelt nach und bleibt leider oberflächlich, dennoch sind es die kurzen symbiotischen Momente, die in Erinnerung bleiben.


Bosskämpfe tauchen nur selten auf und verlangen gewisse Strategien.

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So glaubhaft die Spielwelt auch umgesetzt wird, vermitteln die Technik und ihre grafische Darstellung sowie die Performance nicht das gleich Bild. Texturen laden verspätet nach (selbst im Hauptbildschirm), Lebewesen können nur schwierig aus der Ferne dargestellt werden und die Bildrate ist weit davon entfernt, stabil zu sein. Besonders auffallend ist die schwankende Framerate bei simplem Umschauen, was so absolut nicht sein darf. Auch wenn mit der Nintendo Switch-Version Abstriche notwendig waren, wäre eine gleichbleibende Bildrate und einigermaßen klare Texturen wenigstens im Docked-Modus sicherlich im Bereich des Möglichen gewesen. Des Weiteren fällt die Soundkulisse überraschend ruhig und unglaubwürdig aus. Dass die Musik etwas in den Hintergrund rückt, um die unterschiedlichen Biotope in den Fokus zu setzen, ist mehr als verständlich und ein kluger Schritt – allerdings hätte hier das Sounddesign etwas mehr Power vertragen können. Die meiste Zeit ist es viel zu ruhig, selbst in der Nähe von Wasserfällen oder aggressiven Monstern kommt keine Stimmung in Form von überzeugenden Klängen auf. Nichtsdestotrotz zeigen sich auch Momente, die sich durchaus sehen lassen können. Verlässt man dunkle Höhlen, so müssen sich die Augen der Spielfigur erst einmal an das grelle Licht gewöhnen und sind für einen kurzen Moment geblendet – die Teleportation zum Raumschiff oder zwischen Teilgebieten verläuft nahtlos, kommt also ohne Ladezeiten aus. Sollte ihr sterben, verliert ihr zwar sämtliche Ressourcen und müsst diese am Ort eures Abgangs wiederfinden, jedoch ist das Spiel stets clever genug, die Items an einer leicht zugänglichen Stelle auffindbar zu machen. All diese Standpunkte beweisen, dass der Port mehr hätte sein können, als er leider schlussendlich wurde.


Etwas, was vielleicht schon etwas durchsickern konnte, aber nicht unerwähnt bleiben sollte, ist der allgemeine Humor des Spiels. Nicht nur der Protagonist und sein begleitender Computer sorgen für eine leichtherzig lustige Stimmung, der ganze Planet scheint sich mit seinen amüsanten Kreaturen selbst ein wenig auf den Arm zu nehmen, womit wir schlussendlich wieder beim Thema „Titel“ ankommen. „Savage Planet“ ist ein durch und durch angemessener Name, um den ganzen Himmelskörper mit nur wenigen Worten zu beschreiben. So stoßen manche Pflanzen ein gewisses Gas aus, dass nach natürlichen Instinkten lieber umgangen werden sollte und im Notfall giftig ist, hier aber lediglich für Betrunkenheit und leichte Halluzinationen sorgt. Ebenso merkwürdig ist das teilweise überspitzte Monsterdesign, das größtenteils mit lächerlichen Ideen und Schwachstellen daherkommt, im Zusammenhang und der Logik des Spiels aber auf keinen Fall implausibel erscheint. Sogar die eigene Raumstation wartet mit peinlichen Werbevideos auf, die schwachsinnige Weltraumprodukte bewerben und dem Spieler auf eine unterhaltsame Art erzählen, für welche tölpelhafte Organisation der Astronaut überhaupt arbeitet.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Kevin Becker

Journey to the Savage Planet lebt von seinem sorglosen Ton, der für einige komische Momente sorgt, ohne jemals peinlich oder unglaubwürdig zu wirken. Dabei ist sich das Spiel dessen bewusst, dass Humor unterschiedlich aufgenommen werden kann und schraubt die Ausgelassenheit an Stellen – wo diese als anstrengend aufgenommen werden könnten, wie zum Beispiel bei Informationsberichten – angemessen zurück. Das Gameplay bietet Standardkost aus der Ego-Perspektive und konzentriert sich hauptsächlich auf die Erforschung des Planeten. Obwohl sich Gefechte mit Gegnern, allen voran in Bosskämpfen, etwas krakelig und aufgrund der fehlenden Gyro-Steuerung unpräzise anfühlen, brilliert das Spiel im Zusammenwirken zwischen der Natur und dem Protagonisten, was in der zweiten Hälfte allerdings etwas zu kurz kommt. Des Weiteren ist der Port mit schwammigen Texturen und einer uneinheitlichen Bildrate schwach umgesetzt und hätte etwas mehr von dem Fleiß vertragen können, welcher eigentlich in bestimmten Momenten durchaus zur Geltung kommt. Wer sich an diesen Aspekten nicht allzu sehr stört und über weitere kleine Mängel hinwegsehen kann, bekommt eine muntere Parodie der klassischen Planetenerkundung geboten.
Mein persönliches Highlight: Der leichtherzige Tonus des gesamten Spiels.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 6

  • Zach

    Turmritter

    Ich hatte mit dem Titel ne Menge Spaß und kann ihn Metrovania Fans wärmstens empfehlen, gerade auch weil Metroid Prime 4 noch lange auf sich warten lässt.

    Es ist halt "nur" ein kleiner Indietitel, dafür kostet das Spiel auch nur schmale (und faire) 30 Euro.

  • Hoschi83

    Turmknappe

    Find's jammerschade, dass man, auf Teufel komm raus, so einen Port abliefern muss !

    Ich kenn das Spiel nicht, hätte aber interesse daran und hab mir diese Woche sogar überlegt, es über Steam zu erwerben.

    Dachte dann aber: "Hey, das wäre doch ein optimaler Titel für die Couch oder Sonntag morgens im Bett."

    Ich bin wirklich kein Grafikfetischist, allen voran auf der Switch nicht, aber das sieht, sowohl im Mobil als auch im Docked Betrieb mehr als bescheiden aus.

    Ich persönlich hab auch XC2 abgebrochen, da das im Mobil Modus kaum zu ertragen war.

    Dynamische Auflösung und die Verringerung der Sichtweite ist ein so dermaßen hoher Stimmungskiller.

  • Eisblauer Wolf

    Wölfin des Nordens

    Ich hatte es schon länger auf dem Schirm. Das mit den Abstrichen finde ich nicht schlimm, mir gefällt der Teil der Erkundung und der Humor. Irgendwann, vielleicht auch im Sale :)

  • Holzkerbe

    sammelt <3 in moon

    Mit dem Titel hatte ich auch schon das Vergnügen, konnte das Spiel aber leider nicht durchzocken, da mir die zugehörige Plattform nicht (mehr) gehört. Dennoch: Was ich in den rund 10 Stunden gezockt habe, hat mich sehr gut unterhalten. Der Humor ist herrlich abstrus und abgedreht, genau mein Ding. Das Metroidvania-Gameplay wurde ebenfalls sehr gut umgesetzt und motiviert durchgängig. Werde es mir im Angebot für die Switch sicher mal gönnen.

  • Blackadder

    Turmheld

    Habe das Spiel rund 4 Stunden angezockt. Die Optik ist sicher nicht perfekt, aber ok. Leider bricht die Framerate öfter merklich ein (nicht unspielbar, aber doch deutlich) und nachladende Texturen sind ein Thema. Ansonsten ist die Atmosphäre aber top, der Humor passt und das Gameplay abwechslungsreich. Bis Metroid 4 erscheint, bzw. die Prime Trilogie portiert wird, gibt es kein besseres 3D Metroidvania Game und das zum fairen Preis. Würde als Fan des Genres durchaus 7 Punkte vergeben.

  • David Kuhlgert

    Redakteur

    Ich hatte mit dem Spiel auf dem PC bereits sehr viel Spaß und hab den Humor und die Spielwelt sehr gefeiert. ^^

    Es war lang genug, ohne dabei Längen zu haben und bis auf das Gegner-Recycling auch recht abwechslungsreich.

    Schade das die, bereits verspätete, Nintendo Switch-Version mehr schlecht als recht umgesetzt worden ist, was die technische Seite angeht.

    Wenn man sich die niedrigen PC-Voraussetzungen anschaut dann wäre da bestimmt mehr drin gewesen.