Ein Waisenjunge auf der verzweifelten Suche nach seiner Freundin

Rund drei Jahre nach seinem aufwühlenden Puzzle-Platformer Pinstripe melden sich Thomas Brush und sein Studio Atmos Games mit einem neuen Titel für die Nintendo Switch zurück. Neversong – ursprünglich bekannt als Once upon a Coma – fügt sich perfekt in die Reihe der emotionalen Abenteuer ein und konfrontiert den Spieler mit unliebsamen Themen wie Verlust, Trauer und der verzweifelten Suche nach der guten alten Zeit.


Peet begibt sich auf die lange Suche nach seiner Freundin Wren.

© Serenity Forge

In Neversong erwartet euch die Geschichte von dem Waisenjungen Peet. Während eines Besuches in der örtlichen Nervenheilanstalt muss er mit ansehen, wie der grausame Dr. Smile seine Freundin Wren entführt. Starr vor Angst und Schreck fällt er in ein tiefes Koma. Die Handlung des Titels setzt mit dem Zeitpunkt seines Erwachens ein. Verwirrt und ohne jegliche Erinnerungen merkt er, dass nach wie vor jede Spur von Wren fehlt. Während er im Koma lag, fingen die Erwachsenen des Ortes an, Nachforschungen zu dem Verbleib seiner Freundin zu betreiben – und verschwanden spurlos. Mit seinem treuen Begleiter, einen leicht sarkastischen Vogel, begibt er sich auf die Suche und durchquert in einer melancholisch angehauchten Welt viele Orte, die ihn an sie erinnern. Langsam kommt sein Gedächtnis zurück und er findet heraus, was mit den Erwachsenen geschehen ist; sie haben sich in gewalttätige Zombies verwandelt.


Im Spiel trefft ihr auf alte Kameraden, die regelmäßig Informationen über Wren und ihr Verschwinden preisgeben. Während ihr euch auf den Weg zurück in das Asylum macht, stellt der jüngste Puzzle-Platformer von Thomas Brush immer wieder eure Geschicklichkeit auf die Probe. Zunächst sind die Rätsel noch recht einfach und verleiten euch folglich dazu, die umliegenden Gebäude oder Landschaften näher zu begutachten und dadurch neue Details über die Story oder die alten Kameraden zu erfahren. Mit der Zeit werden die Aufgaben echt knackig und sind in ihrem Lösungsweg relativ lang, so wird teilweise auch die Umgebung miteinbezogen. Meistens sind es nämlich die kleinen Nebenbemerkungen, welche die entscheidenden Hinweise liefern. In diesem Zusammenhang sind die gefühlt ziemlich langen Ladezeiten leider ein wenig störend, wenn man mehrmals zwischen Bereichen wechselt und sich das Ganze dann ein wenig zieht, weil diese nochmals laden müssen.


Der Boss-Kampf fordert euer Geschick heraus.

© Serenity Forge

Eure Suche wird zusätzlich durch mehrere Gegner erschwert. Zunächst sind es noch niedliche Spinnengetiere, nach und nach kommen dann allerdings Kreaturen hinzu, die beispielsweise fliegen oder euch anschießen und mehr Treffer einstecken können. Auch die mutierten Menschen, die nun als Untote mit Messern auf euch zugehen, wollen euch attackieren. Dabei solltet ihr euch insbesondere vor Letztgenannten in Acht nehmen, denn eure Reichweite mit dem Baseballschläger ist wesentlich geringer als ihre mit dem Messer. Daher solltet ihr gerade im Kampf gegen jene den ein oder anderen Treffer einplanen. Grundsätzlich werdet ihr allerdings mehr Geheimnisse lösen, als ihr gegen Feinde kämpft. Manchmal respawnen Besagte allerdings wieder und ihr müsst euch ein weiteres Mal gegen jene beweisen. Schafft ihr ein Rätsel nicht in dem ersten Versuchen, kann es daher gelegentlich ein wenig frustrierend werden, zuerst erneut gegen die Krabbeltiere zu kämpfen, um dann der eigentlichen Aufgabe abermals nachgehen zu können.


Die Boss-Kämpfe gestalten sich vom Aufbau gleich, sind in ihrer Art und Weise trotzdem vielfältig. Grundsätzlich gilt es, fünf Runden zu überstehen. Fügt ihr diesem dann genügend Schaden zu, geht es in die nächste Runde und das Erscheinungsbild, Angriffsmuster sowie der Schwierigkeitsgrad verändern sich. Die Kämpfe der insgesamt vier Bosse sind zumeist darauf ausgelegt, eure gerade neu erlernte Fähigkeit nun direkt zu erproben. Denn wenn ihr einen erledigt, erhaltet ihr eine unbekannte Melodie für euer Piano, das nach Bespielen eine zusätzliche Fähigkeit freischaltet. So verprügelt ihr den ersten Boss noch mit eurem Baseballschläger, müsst im weiteren Verlauf allerdings beispielsweise das Gleiten mit einem Regenschirm erlernen oder eure Geschicklichkeit beim Schwingen auf Bomben beweisen. Ironischerweise fand ich den Schwierigkeitsgrad des letzten Bosses recht gering, während mich Granny in ihrem Vogel-Gewand und ihren Scharen an Getieren ganz schön herausgefordert hat.


Mit seinen Kommentaren gibt Dr. Smile sein Bestes zu seinem düsteren Auftritt.

© Serenity Forge


Die Geschichte von Neversong wird wie in einem Märchen wiedergegeben. In Zwischensequenzen schaltet sich ein Erzähler ein, der die Reime von verschiedenen Seiten eines Buches vorträgt. Auch Dr. Smile zeigt vereinzelt seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler und bringt mit seiner verzehrten Stimme und schaurigen Sätzen mehr Tiefe und Düsterkeit, aber auch einen anderen Blickwinkel in das Spiel. An dieser Stelle muss ich die englische Vertonung der unterschiedlichen Charaktere hervorheben. Jene ist unfassbar gut umgesetzt und passt bei den jeweiligen Figuren wie die Faust aufs Auge. So jagt es einem sofort einen Schauer über den Rücken, wenn man die triggernde Stimme von Dr. Smile hört. Auch die Kinder bekommen durch ihre herrlich naiven Synchronstimmen noch einmal mehr Charaktertiefe verliehen und Peets Vogel, der scheinbar keinen großen Hintergrund hat, wird durch seine humoristischen Kommentare, die er immer wieder authentisch zwischen den Szenen einbringt, unglaublich sympathisch. Eine deutsche Synchronisation enthält der Titel leider nicht, es werden jedoch deutsche Untertitel bereitgestellt.


Natürlich lebt das Puzzle-Abenteuer von seiner Geschichte. Jene steht klar im Vordergrund und ihr bekommt durch die zahlreichen Dialoge und Infoschnipsel immer mehr Hinweise darauf, was tatsächlich geschehen ist. Gelegentlich zeigt sich auf eurem Weg auch Dr. Smile, welcher euch Wren in einem Käfig gerne mal vor die Nase hält und, bevor ihr die Chance habt Peets Freundin zu befreien, im nächsten Moment wieder mit ihr verschwindet. Während die Auflösung im Mittelteil des rund fünfstündigen Abenteuers eher Schritt für Schritt vorangeht, werdet ihr insbesondere im letzten Abschnitt von Neversong mit neuen Erkenntnissen überhäuft und steht am Ende vor einer völlig unerwarteten Aufklärung, die in Retrospektive durch die zahlreichen kleinen Nebenbemerkungen jedoch Sinn ergibt. Die Handlung wird durch die Nebencharaktere unterstützt, die alle für sich ihre eigene Persönlichkeit haben. Manche sind eure Freunde, andere eher weniger gut auf euch zu sprechen. Doch auch hinter ihren meist gut gelaunten Fassaden stecken teilweise recht niedergeschlagene Vergangenheiten, die durch verschiedene Details innerhalb des Spiels aufgeklärt werden.


Untermalt wird der Titel von seiner herausragenden audiovisuellen Präsentation. Die Grafik ist nicht sonderlich aufwendig gestalten, verfügt jedoch über viele nette Kleinigkeiten, die subtil oder offenkundig dem Geschehen rund um Peet und Wren einen Mehrwert verleihen. Die unterschiedlichen Etappen, die ihr durchquert, unterstützen die Atmosphäre des Spiels konsequent. So erlebt ihr zu Anfang eine noch ziemlich befreite und helle Stadt, während der Friedhof und insbesondere die Nervenheilanstalt sehr finster und bedrückend aussehen. Auch das Sound-Design ist überaus gelungen. Die Soundtracks fügen sich gut in die jeweiligen Szenen ein und sind mal eher ruhig und fröhlich, mal haben sie einen enormen Anteil am herrschenden Stresslevel. Dies ist vor allem während der Boss-Kämpfe anzumerken – insbesondere bei dem letzten Boss könnt ihr euch auf einen epischen Soundtrack freuen. Die guten Synchronsprecher, die den Umfang der guten Akustik, über die Neversong verfügt, erweitern, hatte ich bereits angesprochen.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Maja Schenk

Neversong verfügt über eine gelungene Geschichte, die von der Grafik, dem Soundtrack und der märchenhaften Erzählweise wunderbar in Szene gesetzt wird. Während eurer Suche nach Wren müsst ihr mehrere Rätsel lösen, die in ihrem Schwierigkeitsgrad recht schnell sehr knackig werden und gerne auch mal die Umgebung mit einbinden. Die Bosse sind allesamt gelungen gestaltet und bieten trotz des gleichen Ablaufes viel Abwechselung. Einzig der Kampf gegen fliegendes oder krabbelndes Getier sowie Zombies kann unter Umständen ein wenig unliebsam werden, wenn man lieber Aufgaben löst, als in den Kampf zu ziehen. Grundsätzlich hätte die 3 bis 5 Stunden andauernde Reise gerne länger gehen können, allerdings ist dies bei guten Spielen ja immer so. Mit dem neuesten Abenteuer aus dem Hause Atmos Games erhaltet ihr einen Titel, bei dem eine tiefgründige Handlung und der Rätselspaß im Vordergrund stehen und den wir euch daher wärmstens empfehlen können.
Mein persönliches Highlight: Der Humor des Vogels sowie die musikalische Untermalung.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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